Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 16 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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217 politische Gerichtsurteile. klagten und der Schwere der Beleidigung eine hohe Geldstrafe am Platze erschien, » „Ministermorö ist Notwehr." Die Hauptverhandlung gegen Dr. Heinrich Pudor, die jüngst, wie auch von uns gemeldet wurde, mit einer Verurteilungdes Angeklagten zu 100 Mark Geldstrafe und einem Jahr Gefängnis endete, bot in ihrem Verlaufe einige Szenen, die der Nachwelt als t u l t u r h i st o r i s ch e Dokumente überliefert werden mögen. F e st st e l l u n g d e r P e r s o n a l i e n : 60 Jahre, mehrfach vorbestraft. Die Strafen bewegen sich alle im Nahmen der Vergehen wegen Gotteslästerung und Aufreizung. Ein böser Fleck: 1923 Verurteilung wegen Betruges — Scheckschwindel. Vernehnmng zur Sache: Pudor hat den Reichspräsidenten Hindenburgbeleidigtund zurErmordungStresemanns a u f g e f o r d e r L. Pudor fährt los: „Meine Herren! Es schreit aus allen Pflastersteinen, alle Hunde bellen es auf der Straße: Schlagt die Jaden tal, schlagt sie mit Knüppeln tot. Nicht ich, sondern die Juden gehören für mich vor diese Schranken, das wäre gerecht. Jedes Kind weiß, jeder dumme Junge wird es Ihnen bestätigen, daß die Juden schuld sind an allem. Man mntz Pogrome herbeisnhren, wie früher in Rußland zur Zarenzeit, man muß die Juden totschlagen, mit Knüppeln totschlagen, man muß die Inden langsam zu Tode quälen. Denn der Jude unternimmt einen Pogrom gegen den Deutschen, gegen alle Völker mit dem Endziel „Weltherrschaft". Darum darf uns kein Mittel schlecht genug sein, um das Judentum auszurotten." Der Vorsitzende unterbricht: „Ich sehe keinen-Zusammenhang mit der Sache und muß daher bitten ..." Pudor: „Das ist Beschränkung der Verteidigung. Alles gehört zur Sache und ich muß eben beweisen, daß die Juden an allem schuld sind. Ich stehe zu meinen Ausführungen. S t r e s e m an n und H i n d e n b u r g s i n d v o n den Juden gekauft. Hindenburg hat den Juden Dr. Meißner in seine Dienste übernommen. S t r e s e m a n n hat eine getaufte Jüdin zur Frau. Ich kann mich nur wundern, daß das deutsche Volk Stresemann nicht heruntergerissen hat von seinem Ministersessel, mit Füßen an Rappen gebunden durchs Brandenburger Tor rund um Berlin geschleift. Daß ihn noch nicht das Schicksal Rathenaus erreicht hat, daß es ihn das deutsche Volk nicht ereilen ließ, schuld daran sind nur die Juden. Die Republik ist eine Judenrepublik, hergestellt auf den: Wege der Gewalt. Ein Jude P reuß m ach te die Versassung." Vorsitzender: „Nein, die N a t i o n a lv ersamm - l u n g." Pudor: „Aber Preuß lieferte den Entwurf. Aus P r e u ß aber ist der Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ja sehr stolz. Der Centralverein wird es ja auch sein, der hinter dieser Anklage st eh t" Der Angeklagte erklärt aus Befragen, ob ihm auch der M o r d an Iuden recht sei: „Ja, ich bin Anhänger einer j u d e n f r e i e n Monarchie." Reichsgerichts rat Linde maier: „Dann hätten Sie auch den Mord an Stresemann gebilligt und die Täter geachtet?" Angeklagter: „Darüber verweigere ich die Auskunft. Meines Erachtens nach wäre es mehr No t - wehr gewesen" . . * & Ein Spottgeöicht 400 Mark Gelöstrafe. Zugunsten des Baues eines Kriegerdenkmals fand in L i e b st a d t (OstPr.) ein Wohltätigkeitssest statt. An diesem Feste nahm auch der in L. wohnende jüdische Tierarzt Dr. Priebatsch, der selbst Mitglied des Ausschusses für den Bau des Denkmals war und auch dem Festkomitee angehörte, mit seiner Familie teil. Zur Belustigung des Publikums war in den Festräumen u. a. auch eine Saalpost eingerichtet. Durch diese bekam Dr. Priebatsch während des Festes folgendes „Telegramm": Wenn ich ein Jude war wie du, dann hörte ich nicht mchr dazu. O doch, o Graus, o Graus, Ging doch solch ein Judenlümmel bald nach Haus. Auf Wiedersehen, Jtzig. Ich hoffe, dich hier nicht wiederzusehen. Das Telegramm trug keine Unterschrift und war damit kennzeichnend für den „heldischen Geist" des Verfassers. Wie sich herausstellte, war der Inspektor Eduard Wette aus Carneyen, Kreis Mohrungen, dessen Vater erst kürzlich wegen einer antisemitischen Pöbelei vom Schöffengericht in Königsberg zu einer Geldstrafe von 250 Mark verurteilt worden war, der Verfasser dieses Panrphlets. Der Vertreter der Anklage, Staatsanwaltschastsrak Dr. S t e n i g, beantragte eine Geldstrafe von 800 Mark. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 400 Mark, an deren Stelle im Nichtzahlungsfalle für je 20 Mark ein Tag Gefängnis tritt. In der Urteilsbegründung brachte der Gerichtshof zum Ausdruck, daß nur mit Rücksicht auf die Jugend des Angeklagten von einer Gefängnisstrafe abgesehen wurde, und däß bei der großerr Unverschämtheitches Airge-- Aufreizung zum Rlastenhaß 1$0 Mark Gelöstrafe. Vor dem großen Schöffengericht zu Königsberg hatte sich der Holzhändler Erich Georg S t e t t i n s k i zu verantworten. Der Angeklagte hatte ein Flugblatt, betitelt „Locarno-Zauber", herausgegeben, das die Überschrift „Deutsche Arbeiterzeitung" trug und in der allerübelsten Weise gegen die Juden hetzte. Das Flugblatt enthielt u. a. die nachstehenden Sätze: „Die jüdischen Vampire und Schlachlifeldht)äneu wollen in Locarno eine Garantie für ihren Frieden haben, damit sie in aller Ruhe den von ihnen blutleer gemachten Völkern auch noch das Fleisch von den Knochen schälen können. Es gibt mir eine Antwort: Fort mit Versailles und Locarno! Rache den Juden und Judenknechten! Ihr seid frei, wenn ihr frei sein wollt! Tretet geschloffen ein in die Reihen der NallonailsoziaWischen deutschen Arbeiterpartei und ihrer Sturmabteilung. Besucht die Sprechabende. Die Zeit ist reis! Aus zur befreienden Tat!" Die Ortsgruppe Königsberg des C.V. hatte wegen dieses Flugblattes Strafantrag auf Grund des Paragraphen 130 StGB. (Aufreizung zum Klassenhaß) gestellt. Der Oberstaatsanwalt hatte zunächst eine Strafverfolgung abgelehnt, war dann aber auf eine Beschwerve der Ortsgruppe an den Generalstaatsanwalt hin eingeschritten. Der Angeklagte gab in der Hauptverhandlung zu, daß er durch dieses Flugblatt zu Gewalttätigkeiten auffordern wollte. Das Gericht verurteilte ihn gegen den Antrag des Staatsanwalts, der aus einen Monat Gefängnis lautete, zu der sehr niedrigen Strafe von 180 Mark Geldstrafe bzw. 12 Tagen Gefängnis und erkannte auf Einziehung der noch vorhandenen Flugblätter sowie der Platten und Formen. Völkische Selbstbekenntnisse. Der Kampf um den „Offenen Brief" Hitlers. Im „D e u t s ch e n T a g e b l a t t" vom 11. April beschäftigt sich Reinhold Mulle ausführlich mit einem „Offenen Brief" Hitlers an Herrn von G r a e f e, der so unfaßlich sei, daß man sachlich kaum daraus eingehen könne. Interessant sei ihm allerdings die Feststellung Hitlers, daß er stets Gegner der Vereinigung der beiden völkischen Gruppen gewesen sei. Daraus gehe hervor, daß- Hitler im Jahre 1924 planmäßig die von Ludendorsf und von Graese betriebene Vereinigung sabotiert habe. Dann läßt Mulle einen bisher überzeugten Hitler-Anhänger, Wolf Viktor von Ko erber, zu Wort kommen, der in der jungdeutschen Monatsschrift „Der Meiste r" sich wie folgt geäußert hat: „Ein weiteres Beispiel der geistigen Verwüstung hemmungslosen Fanatismus bietet zum aufrichtigen Schmerz, nicht zuletzt gerade des Schreibers dieser Zeilen, der „Offene Brief" Adolf Hitlers an den deutschvölkischen Führer von Graese. . . . Wo einmal Sachlichkeit in dem Schreiben Hitlers hervorleuchtet, da wird sie sogleich wieder erstickt von Worten und Gefühlen eines Parteisanatismus, der vor schärfster, gehässigster Kränkung des anderen nicht nur zurückschreckt, der sich darin vielmehr ohne Scheu und völlig ungeschminkt gefallt. . . . „Schwätzen Sie also nicht von Ihrer Soldatenehre, die niemand angegriffen hat, weil davon niemand etwas bekannt ist", ruft Hitler einem Manne zu, von dem er weiß, daß er als 46 jähriger Husarenrittmeister freiwillig in den ersten Kriegslagen in einer Leutnantsstellung als Zugführer gegen den Feind geritten ist . . . „Wir haben tm Jahre 1919, da Sie sich noch in Ihrem deutschnationalen Lager wohlfühlten" . . . „als Sie sich noch aus den weichen Polsterstühlen Ihrer Deutschnakionalen Partei wiegten . . . schreibt Hitler weiterhin an einen Mann, der unzählige Male in den Wahlkämpfen zur Nationalversammlung und späterhin zum Reichstag sein Leben einsetzte... Das Beispiel dieses Dokumentes zeigt in erschreckender Deutlichkeit den geistigen Niedergang einer Freiheitsbewegung, in der in früheren Jahren viele der besten Männer des deutschen Volkes standen... (Im Original nichts fett. Schriftl.) Besonders bezeichnend ist, wie Wulle Herrn Hitler zum Schluß abtut. Er zieht den niedlichen Vergleich vom „Unkraut", das ausgerissen werden muß, weil Deutschland eine völkische Ernte braucht. Wulle sieht, daß die völkischen Saaten grünen, obwohl Hitler — um einen Berliner Ausdruck zu brauchen — ihm und Herrn von Graese nicht mehr grün ist. Die unsere Ehre herabwürdigendr Art einer gewissen „Kabarettkunst" inGroß- Berlin wird immer unerträglicher. Daher rufen wir unsere Mitglieder und Freunde zu Achtung! Groß-Verliner! 2 großen L.V.-proiestkundgebnngen im Osten und Westen Groß-Äerlins am Donnerstag, den 22. d. Ms., auf. Alles Nähere wird durch Einladungen rechtzeitig bekanntgegeben.