Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 16 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277622-2277638--02863-2283316- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
216 Das zioniftisthe tzanöbuch über öen Keren Hajessod. Die Erörterungen im Preise unserer Mitglieder Wer den Keren Hajessod nötigen uns, die folgenden Abschnitte aus dem zionisti« schen Handbuch (herausgegeben von Gerhard Holdheim, 1923, Ber» liner Bureau der Zionistischen Organisation) abzudrucken, damit einmal Klarheit über das Wesen des Leien Hajessod geschafft wird. Die Schriftleitung. Die Zionistische Organisation stellt das werdende, das in der Bildung begriffene jüdische Volk dar. Ein Volk verwaltet man nicht mit Vereinsbeitragen; kein Apparat der Welt würde dafür ansreichen, er würde sich in jedem Falle durch seine Kosten selber anszehren. Ein Volt erledigt seine finanziellen Verpflichtungen aus dem Wege der Steuer oder der Anleihe. Diese beiden Wege waren es, vor die auch die zionistische Organisation sich gestellt sah. Es braucht hier nicht erörtert zu werden, aus welchen Gründen der Weg der Anleihe vorläufig nicht gegangen wurde, es genügt, daraus hinzuweisen, daß die erste Grundlage der Anleihe, die Sicherheit der Unterlage, nicht vorhanden schien. So blieb nur der zweite Weg: die Steuer. Die zionistische Organisation hat zunächst ihren Mitgliedern und in weiterem Allsgreifen dem ganzen jüdischen Volke eine Steuer auserlegt, den Loren Hajessod. Der Durchführung dieser Steuer muß heute in erster Linie die Propagandatätigkeit der Zionistischen Organisation dienen. Der Keren Hajessod ist die Basis alter zionistischen Finanzierung. Seine Ausbringung, seine Propaganda muß daher in einem Aussatz über zionistische Fiuanzpropaganda zunächst behandelt werden. Danach kommen die bereits von früher her bekannten zionistischen Finanzaktionen: Keren Kajemeth, Schekel usw. Sie sind neben dem Keren Hajessod in Kraft geblieben und stehen mit ihren Anforderungen an den einzelnen Zionisten nicht hinter früher zurück (Seite 117). Nicht freiwillige Spende, sondern Pslichtabgabe ist die Grundlage, ans der sich die Aktion für den Keren Hajessod aufbnut. Daraus ergibt sich zweierlei. Erstens: jeder Allgehörige des jüdischen Volkes ist der potentielle Steuerträger des Keren Hajessod; zweitens: der Keren Hajessod wird verlangt, nicht erbeten llnd mlltz gegeben werden nicht liach dem Belieben, dem guten oder schlechten Willen, der Laune des einzelnen, sondern nach einem bestimmten Stellersatz (Seite 119). Hatte man sich bis dahin in der Propaganda in erster Linie an die Jugend gewandt und sie für die zionistische Idee dadurch zu gewinnen versucht, daß mau durch die möglichst radikale Herausarbeikung ihrer Prinzipien das entscheidend Neue, das vollkommen andere der Zionistischen Anschailung gegenüber dem Ueberkommenen zu unterstreichen versuchte, so war man, indem man sich jetzt aus die Gelderlangung warf, selbstverständlich gezwungen, an andere Kreise sich zu wenden, nicht an die, die man nach ihrer Gesinnung, sondern die man nach ihrem Besitz aussuchte. Und indem mau den Erfolg der Propaganda von der Höhe der Summe abhängig machen milßte, die man erlangte, bestand die große Gefahr, daß man die reine Idee verfälschte, um dem anderen das Geben leicht zu machen. Der, dessen Anschauung gestern noch aufs heftigste von uns bekämpft wurde, der war heute der Mann, dem wir klarzumachen versuchten, daß er lms seinen Beitrag anvertrauen dürfe, daß seine Gegnerschaft gegen den Zionismus ihn nicht abzuhalten brauche, Geld für den Ausbau Palästinas zu geben. Eine solche Konsequenz wurde von vielen Seiten sehr bitter empfunden und hat die Begeisterung für die Keren- Hajessod-Arbeit gerade in jenen Kreisen zum Abflauen gebracht, die mix gewohnt waren, in der zionistischen Arbeit auf den exponiertesten Plätzen zu sehen. Und doch beruht diese Befürchtung nur auf deinselben Mißverständnis der Keren-Hajessod-Aktion, das manchen auch dazu geführt hat, aus Erwägungen einer falsch verstandenen Oekonomik hm Keren Hajessod seines Charakters als Pflichtgabe, als Steuer Zll entkleiden. Es ist klar, daß da von keinem Kompromiß, von keiner Jdeenverflachung die Rede sein kann, wo der Maasser verlangt wird, wo lvir den Keren Hajessod. namens des Volkes als pflichtmäßige Abgabe für das Volk verlangen. Indem wir die Volkssteuer verlangen, verlangen wir nicht nur implizite die Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft als eines Volkes, sondern auch die Anerkennung der Tatsache, daß dieses Volk berechtigt ist, von seinen Angehörigen Steuern für die Wiederaufrichtung seiner alten Heimat zu verlangen (Seite 125/26). So rundet sich uns das Bild des Keren Hajessod zu einem nationalen Erziehungsmittel von höchster Bedeutung, bestimmt, dadurch, daß er das Volk aufbaut, die Grundlage für den Aufbau der jüdischen Volksheimat in Palästina zu schassen (Seite 126). f Für Zlvecke der finanziellen Werbung für den Keren Hajessod wird eine Propagcmdäbroschüre dieser Organisation: „Aufbau Palästinas und des deutschen Judentums" verteilt. In dieser Propagandaschrift wird ein Brief von Geh. Rat Eugen Fuchs veröffentlicht. Der Zusammenhang, in welchem dieser Brief veröffentlicht wird, legt die Vermutung nahe, daß sein Abdruck nur zu dem Zwecke erfolgt ist, um den Eindruck zu erwecken, Eugen Fuchs sei für den Koren Hajessod gewesen. Wir sehen uns deshalb genötigt, daraus hinzuweisen, daß diese Art der Darstellung eine Irreführung der jüdischen Oeffentlichkeit bedeutet. Zur Zeit der Absendung dieses Brieses gab es noch keinen Keren Hajessod. Im übrigen können wir auf das verweise^ was Eugen Fuchs' Sohn und Mitarbeiter über die Stellung seines Vaters zum Keren Hajessod in der Hauptversammlung bekundet hat (vgl. „C. V.-Zeitung" Nr. 13 vom 26. März 1926). Die S ch r i f t l e i t u n g. „Der Mwehrksmxf Sache öes ganzen Seutschen Volkes." Von der Kölner Tagung des Vereins zur Abwehr des A n t i s e m i t i s m u s. Der diesjährigen Hauptversammlung des Vereins gur Abwehr des Antisemitismus in Köln ging ein stark besuchter Vortragsabend voraus, bei dem der Vorsitzende, Neichsminister a. D. Dr.-Jng. e. h. Georg Gothein, Universttütsp rofesso r Geh. Konststorialrad D. Otto Baumgarten (Kiel), Kaplan Joses T h o m 6 vom Münster zu Bonn und Rabbiner Dr. Kober (Köln) sprachen. Dr. Gothein führte, wie wir den „Abwehrblättern" vom 18. März entnehmen, etwa ans: „Deutsch ist kein Massen-, sondern ein Sprachenbegriff. „Soweit die deutsche Zunge klingt", sind die Grenzen des deutschen Volkes. Wenn schon die „arische Rasse" ein überaus unklarer, wissenschaftlich' bestrittener Begriff ist, so hat es eine semitische Rasse niemals gegeben, sondern nur semitische Sprachen. Die Inden sind von jeher, wie alle anderen lebenden Kulturvölker, ein Mischvolk gewesen, und sie sind ausgegangen in den Völkern, unter denen sie leben; sie sprechen die Sprachen dieser Völker als ihre Muttersprache und arbeiten mit an der Kultur dieser Völker. Ich könnte tausend Namen von deutschen Inden nennen, die mitgeschaffen haben am Ruhme der deutschen Wissenschaft, am Ansehen des deutschen Volkes in der Welt. — Der Redner gedachte all der für das deutsche Vaterland gefallenen jüdischen Mitbürger und wandte sich empört gegen die Gefühlsroheit, die dazu gehört, Angehörige dieser Mitkämpfer und diese selbst so mit Schmutz zu bewerfen, wie es der Antisemitismus und seine Anhänger' tun. Aist dem Boden solchen Mangels an Gerechtigkeit und Sittlichkeit mußten Verbrechen schlimmster Art erwachsen. Gerade Deutschland müßte aber danach trachten, jetzt moralische Eroberungen in der Welt zu machen. Das kann es aber nicht, bevor es nicht die unsittliche Bewegung des A n t i s e m i t i s m n s überwindet. Die Juden sollen sich wehren, indem sie unter sich die Sittlichkeit auss höchste steigern, aber der A b w e h r k a m P f ist Sache des ganzen d e n 1f ch e n Volkes, denn der Antisemitismus ist ein Angriss auf seine Ehr e." Geh. Kons.-Rat D. Otto Baumgarten (Kiel) betrachtete „Die völkische Bewegung, geschichtlich und grundsätzlich". Es könne, so meinte er, einen Kenner der Menschenseele nicht wundern, wenn große Kinder (nämlich die Offiziere und Studenten, die den Haupt-. bostandteil der völkischen Bewegung bilden), nachdem ihnen ihr Spielzeug weggenommen worden ist,, sich jemand aussuchen, den sie für ihr Unglück verantwortlich machen und aus den sie ihren ganzen Groll abladen milchten. Die völkische Bewegung ist zum größten Teil das Produkt des Deutschenhasses, Poincarismus, des Versailler Vertrages, der Ruhrbesetzung usw., „es ist Vaterlandsliebe, hinabgewürdigt auf das Niveau der Selbstüberhebung, es ist krankhafter Stolz". Die größte Schwäche der Deutschen ist ihr Mangel an Wirklichkeitssinn. Der Redner vergleicht Ludendorsf mit Poicare darin, daß beide von ihrem unterdrückten Schuldgefühl dazu getrieben werden, die eigene Schuld auf andere zu schieben, und bezeichnet unter Hinweis auf die Schrift von Wilhelm Michel, „Verrat am Deutschtum", „die völkische Bewegung in ihren Auswüchsen als den Verrat am Deutschtum, eine Entkräftung, eine Entchristiichung, einen Verrat am deutschen Herzen wie am deutschen Verstände". - Sodann sprach Kaplan Joses Thome (Bonn) über das Thema „Christentum und Antisemitismus". An Zahlreichen Schriftstellen zeigte er, daß der Unterschied zwischen Judentum und Christentum ein ganz formaler sei und daß hochstehende jüdische Geister durch die Art ihrer persönlichen Religiosität ebensosehr Anhänger einer Erlösungsreligion seien wie unedelere Christen manchmal in der Erfüllung der Vorschriften und Gesetze die Hauptsache des Christentums erblickten. Mit der einfachen Formel „Hie Gesetzesreligion — hie Erlöfungsrelegion" sei das Problem nicht erschöpft; es gäbe Edle und Unedle, Religiöse und Unreligiöse auf beiden Seiten. Einen Antisemitismus aus christlich-religiöser Grundlage dürfe es darum u n t e r keinen Umständen g e b e n. Antisemitismus sei seinem Wes-en nach unchr istlich. Kaplan Thome schloß mit den Worten: „N u r i n s o m eit einer v o n der H ö h e d e s Christseins abfällt, kann er Haffen und verneinen, kann er % nt isemit fein!"