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Central-Verein-Zeitung · 1926-04-16 · 16 (16.4.1926) · p. Seite 215

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
16 (16.4.1926)
Date
1926-04-16
Page
Seite 215 (sequence 3)
Language
German
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215 15jährige (mir sind gleich mehrere Fälle bekannt, und Zwar nur von jüdischen Schülerinnen) Stephan Zweigs „Amok" gelesen hatten; eine andere, die über Freud Fragen stellt und offenbar sachverständig unterrichtet ist. Was mich bei diesen Erfahrungen 6m meisten bekümmert, ist die Tatsache, daß die Eltern zwar, wenn gesprächsweise oder in Vorträgen solche Fragen berührt werden, begeistert zustimmen, aber die Praxis nicht anders wird. Zum Schluß noch eine Erfahrung, die des Humors nicht entbehrt. Wir haben ja jetzt an unfern Schulen hin und wieder jüdische Lehrer und Lehrerinnen. Daß sie es nicht gerade leicht haben, liegt aus der Hand; und ich habe ganz besonderen Respekt von jenen tapfern jungen Menschen, die sich trotz aller heimlichen „Sabotage" auf Grund ihres innern Wertes, ihrer stillen, starken Arbeit durchsetzen. Es wäre kein Fehlew wenn sich auch hier einmal das „jüdische Zusammenhalten" im Betragen der jüdischen Schülerinnen solchen Lehrern oder Lehrerinnen gegenüber Zeigte. Leider macht inan zuweilen die Beobachtung, daß die geschlossene Phalanx aller gegen den Lehrer (bzw. die Lehrerin) steht. Ohne Unterschied der Konfession: Christen und Juden fröhlich geeint gegen den unbeliebten Schulmeister. Nun weiß ich nicht: spricht das gegen die jüdischen Schüler, gegen den jüdischen Lehrer oder spricht es nur gegen den Lehrer, wenn auch gewiß nicht für die Schüler? — Die Nationalsozialisten in -er Pfalz. verlemriörrrigen über öie Pfälzer Juden — „2$ Ortsgruppen" — „ver Eisenhammer". Das hat uns in der Pfalz noch gefehlt! Sehr schwere Zeiten liegen hinter uns. Die Besatzung, der passive Widerstand, die separatistische Bewegung — eine übergroße Last seelischer und wirtschaftlicher Bedrängnis. Noch jetzt leidet die Pfalz unter besonders schwerer wirtschaftlicher Not. Gerade in den letzten Tagen haben die pfälzischen Abgeordneten aller Parteien im Reichstag ein erschreckliches Bild von der Wirtschaftslage der Pfalz gezeichnet. In allem kam zum Ausdruck, wie dieganzeBevölkerungderPfalz, wie Landwirtschaft, Industrie, Handel und Gewerbe, unter dein Drucke der wirtschaftlichen Verhältnisse leiden. Der Minister für die besetzten Gebiete, Justizminister Dr. M a r x , hat mit Recht von der S ch i ck s a l s g e m e i n - s ch a f t d er G e s a m t b e v ö l k er u n g d e s b es e tz t e n Ge b i e t s gesprochen, und Reichspräsident v. H i n d e n b u r g, den Kölns Oberbürgermeister als den „Herold und Förderer wahrer Vaterlandsliebe, wahrer V o l ks g em ein sch a s t" begrüßte, hat bei der Befrei ungsseier in Köln erneut und immer wieder auf die Notwendigkeit der Einheit und E i n i g k e i t g e r -a d e a m Rhein h i n g e w i e s e n Die schwere Not scheint der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei als besonders geeignet, nun auch die Pfalz mit ihren genugsam bekannten Methoden zu bearbeiten nnd der Pfalz und den Pfälzern die Rettung zu bringen. Nunmehr kommen sie aus ihren jenseitigen Lagern zu uns, die wir in den vergangenen Jahren t a n s e n d - fach unser D e u t s ch t u m praktisch gelebt habe n, um uns wahrhaft „nationale" Gesinnung beizubringen. Schon seit Jahren schüren einige uns bekannte Hintermänner in verschiedenen Teilen der Pfalz, insbesondere in Pirmasens und Zw erdrücken, das Feuer; aber erst seit einigen Monaten arbeitet man offener und mit mehr Hochdruck. Auch der Pfalz sollen die Segnungen Hitlers nicht erspart bleiben. Die Belebung der Agitation und Organisation fällt Zeitlich mit der Reise des bayerischen Landtags in die Pfalz zusammen. Jur Oktober 1925 kamen die Abgeordneten in die Pfalz, um aus eigener Wahrnehmung die Lage des Pfälzer Volkes kennenzulernen und seine Nöte und Wünsche an Ort und Stelle zu sehen und zu hören. Diese Gelegenheit haben völkische Abgeordnete zur Anknüpfung und Ausgestaltung von Beziehungen zrr hiesigen Gesinnungsfreunden, zu Sprechabenden und Zusammenkünften benutzt. Das war ihr gutes Recht; sie hätten aber bei dieser Gelegenheit sich auch davon überzeugen dürfen, wie die Pfälzer Juden in diesem Lande ihre Pflicht erfüllt haben. Sie haben davon nichts wissen wollen. Als der Vorsitzende des Verbandes der israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz, unser Vorstandsmitglied Kommerzienrat Joseph (Landau), zu dem bayerischen Landtage über unsere besonderen Sorgen sprach, haben sie den Saal verlassen. Aber als sie in das jenseitige Bayern zurückkamen, hat der sattsam bekannte Herr Streicher (Nürnberg) bei einer Versammlung in Würzburg am 11. Oktober 1925 auszuführen sich erdreistet: „Das Judentum versteht es aber auch in der Pfalz, die Konjunktur auszunutzen". Und der Beweis für diese Verleumdung? „Der ehemals in der Separatistenbewegung tätige Jude Lewi hält heute vor den Landtagsmitgliedern große Reden, in denen er seine treudeutsche Gesinnung beteuert." Mehr hat Herr Streicher über die politische Unzuverlässigkeit der Pfälzischen Juden offenbar nicht erfahren können. Aber auch dies ist nachweisbar unwahr. Der Hier verleumdete Kaufmann Sally Lewi in Waldmohr hatte mit der separatistischen Bewegung n i ch t d a s g e r i n g st e zu tun. In derselben Eigenschaft, in der er auf Wunsch des Bezirksamtmannes vor dem Landtage sprach, nämlich als Vorsitzender des Handels gremiums seines Bezirks, hat er sich in seiner Mhe an der Saargrenze liegenden Gemeinde in schweren Tagen hervorragend bewährt. Seine treudeutsche Gesinnung ist kein Schlag tu o r t, s o n b c r n i ft e x P x o b t. Seit jenen Tagen sehen wir immer Uneber, wie mit Lügen, abgegriffener! . Schlagworten und den übrigen beliebten Methoden die Pfalz „erneuert" werden soll. 28 Ortsgruppen der rmtionalsoziaListisch-deuLschen „Arbeitergarde" sind inzwischen gegründet. Viele Sprechabende, viele Versammlungen, hauptsächlich auf dem Lande, sind abgehalten worden. Im allgemeinen ohne besonderen Erfolg! Die überwiegende Mehrheit des pfälzischen Bottes hat diese Hetzapostel abgelehnt. In R o ck e n h a u s e n haben sich die Vertreter aller Bekenntnisse nnd andere Organisati o n e u an die Bezirksverwaltungsbehörde gewandt, um flammenden Protest gegen die Verhetzung des Volkes einzulegen. Aber es wird rüstig weitergearbeitet. Erst vor einigen Wochen hat der völkische Abgeordnete des bayerischen Landtags, Bütt mann, ein geborener Pfälzer, in .Kaiserslautern Generalappell äbgehaltcn. Die neueste Auswirkung aber ist eine in Pirmasens erscheinende Wochenschrift „Der E i s e n h a nr m c r". Anscheinend in Nürnberg gedruckt und dem „Stürmer" nicht sehr fernstehend, verspritzt dieses geistlose Blatt wöchentlich Gift und Verleumdung. Die ganze Aufmachung: ausfallender Druck, Spottbilder, Karikaturen, Nennung von Namen jüdischer Bürger, läßt die Absicht klar erkennen: Sensation s rn a ch e r e i, Reklame schlimmster Sorte! Die ältesten antisemitischen Ladenhüter werden dick und fett abgedruckt, jüdische Mitbürger verleumdet, wahre Sachverhalte grob entstellt und für den Zweck hergerichtet usw. Wenn wirklich einmal ein Mißstand zu rügen Untre, so ist durch maßlose Uebertreibung und Verdrehung der Tatsachen die Wahrheit zur Lüge gemacht. Sollen wir mit diesen Leuten vor Gericht gehen? In einem Artikel, der von einem Reitklub in Landau handelt und in dem verblümt aber sehr deutlich von D r ückebergerer im Kriege die Rede ist, erscheint fett gedruckt der Namen eines unserer Landauer Freunde, der im «Kriege sein e beiden Söhne verloren hat. Sollen wir mit solchen Herren Prozeße aufangen? Wir glaubeli, daß die pfälzische Bevölkerung von uns jüdischen Mitbürgern dies rächt erwartet und nicht verlangt. Hier kennt man die Retter a 3a Hitler. Gerade in diesen Tagen hat der pfälzische Landtagsabgeordnete Gollwitzer (Deutsche Volkspartei) im Hauschal- Lungsausschuß im bayerischen Landtage erklärt: „Die Nationalsozialisten haben ausdrücklich gegen die Verzinsung des sogenannten Psalzhilfsfonds gestimmt, der doch nur dazu dient, das deutsche Kulturgut in der Pfalz zu erhalten. Für mich ist H i t l er n ux ei n e B o h eme - Erscheiu u n g, wie sie nach dem Kriege zu Dutzenden aufgetaucht sind." Wir können und wollen auf den geschichtlich bekannten geraden und gesunden Sinn des pfälzischen Nolles und auf seine politische Ur Lei lskr af t ve r t r aue u. Wir wollen durch restlose und rastlose Aufklärungsarbeit unseren gerechten Kampf führen. Wir wollen den Lügen und Verleumdungen die Wahrheit und die Klarheit unseres Rechts gcgenüberstellen. Wir können und müssen die Entscheidung ruhig denjenigen überlassen, die die Wahrheit sehen und hören wollen. Mit der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei und ihrem Führer müssen wir uns abfinden mit den Gedanken, die der bayerische Innenminister Stützet am 16. März 1926 im bayerischen Landtag über diese Bewegung ausgesprochen hat: „Es ist bedauerlich, daß ein Teil der Jugend Hitler nachlä uft; es ist dies kein besonderes Zeichen von politischer Urteilsfähigkeit," und weiter: „Drohungen fürchte ich nicht und Sch m ä h n n g e n verachte i ch." K.

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