Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 16 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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214 augenblicklich kein Kommunist. Wäre das aber der Fall, so würde ich mich an der kommunistischen Ueberzeugnng nicht stoßen, sofern sie ehrlich und durchdacht wäre. Ich halte es für sehr falsch, die Kommunisten von heute so zu behandeln wie die Sozialdemokraten in der Zeit des Sozialistengesetzes oder noch bis l914. Dadurch drängt man die Kommunisten nur in eine fruchtlose Opposition, in die Inszenierung roher, blutiger Putsche und in eine seelische Verbitterung, die gerade für unsere Arbeitcrmasse besonders verhängnisvoll ist. ,.-an wird siÄ selbstverständlich gegen eine neue Erschütierung unseres staatlichen und damit auch des wirtschaftlichen und geistigen Lebens durch eine kommunistische Revolution wehren. Darüber hinaus aber ist eine ablehnende Haltung höchst unfruchtbar. Vor allen Dingen halte ich es aber für übel, politische Gegensätze aus das persönliche Gebiet zu übertragen. So wie ich augenblicklich durchaus mit deutschnationalen Parteimitgliedern verkehre, würde ich auch mit Kommunisten verkehren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Hefter den Anteil der Juden an der russischen Revolution habe ich mich in meiner Broschüre „Gegen völkischen Wahn" geäußert. Wer die Lage des russischen Judentums kennt, namentlich an die Einrichtung des Pogroms zur Ableitung politischer Erregung gegen das zaristische Regime sich erinnert, wird die Beteiligung des Judentums an der bolschewistischen Revolution (nicht billigen, aber) verstehen. Zn glauben, daß die Mehrzahl unserer deutscheu Juden ein Interesse an der A e n d e r u n g der privatkapitalistischen W i r t s ch a s t s o r d n u n g hätte, ist geradezu absurd. Ich für meinen Teil bin sicherlich sin Fragen der Sozialgesetzgebung, der Erbschaftssteuer, der Staffelung der Einkommensteuer, der Vergesellschaftung gewisser Unternehmungen viel radikaler als die Juden vom Kurfürstendanim. Die Juden Deutschlands unterscheiden sich von denen Rußlands ebenso wie der Bauer Niedersachsens von dem Kolonisten an der Wolga, der (charakterlich großartig) wirtschaftlich vollkommen zurückgeblieben ist, oder wie die Bewirtschaftung Ihres Gutes von einem ehemaligen baltischen Latifundium. Solche Gemeinplätze sagen zu müssen, zwingt mich leider Ihre Frage, und solche Gemeinplätze sind leider typisch für den Kamps in der Judenfrage. 3. Ganz besonders typisch ist Ihr Satz: „Sie scheinen nicht zu wissen, daß die heutige Volksvergist u n g von dem I u d e n g e s ch m e i ß (Marx usw.) h e r - rührt." Typisch ist dieser Satz wegen seiner allgemeinen Fassung, die jedes Zugrcisen unmöglich macht, und wegen der Verallgemeinerung des Urteils, das zur absoluten Ungerechtigkeit führt. Welche Art von Volksvergistung meinen Sie? Da Sie Marx nennen, anscheinen die politische. Aber wie steht es nun mit dem Marxismus? Doch so, daß man gewisse Bestandteile der Marxistischen Theorie, nämlich die Bedeutung der wirtschaftlichen Grundlagen für die Struktur eines Volkes, keineswegs mehr bezweifelt, sondern als einen beachtenswerten Faktor in seine Betrachtungen einstellt. Worin soll aber die Volksvergistung liegen? Im Sozialismus? Ebenfalls kann kein Mensch heute bezweifeln, daß die sozialdemokratische Bewegung keine irgendwie künstlich hervorgerufene Bewegung darstellt, sondern aus der Notlage des handarbeitenden Proletariats entstand. Und selbst ein Mann wie Bodelschwingh, der ganz gewiß jeder revolutionären Bewegung fernstand und der in den soziologischen Gegebenheiten seiner Zeit fest wurzelte, anerkaunte doch, daß die Sozialdemokraten ein notwendiges Gegengewicht darstellen gegen das unsoziale Verhalten mancher Großgrundbesitzer und Industrieller. Was also soll ich mit einem Satz anfangen wie dem Ihrigen? Ich bedaure, es sagen zu müssen, weil ich weiß, daß Sie bedeutend älter sind als ich. und weil ich Respekt vor Ihrer Stellung habe und Ihrer Lebensleistung: SolcherSatzist eines M a n n e 8, der B e a ch t u n g verlangt, nicht würdig. Er paßt in eine Volksversammlung, aber auch dort würde ihn jeder verschinähen, dem nicht am Beifall der Masse, sondern an der Gewinnung von Erkenntnissen liegt. Die heutige Zersetzung unseres Volkslebens setzt sich aus sehr vielen Komponenten zusammen, die außerdem verschiedene Wurzeln haben und deren Fundamente zwei gewaltige und bedeutende Erscheinungen bilden: Renaissance und Aufklärung. Aber gerade an diesen grandiosen Erscheinungen sind die Juden in keiner Weise beteiligt. Aus beiden haben zwar einige sehr wirkungskräftige Juden ihre Anschauungen gewonnen, aber die Judenschaft als solche hat an beiden Bewegungen keinen Teil, und sie für die Erschütternngen unserer politischen Verhältnisse verantwortlich zu machen, hieße dem Judentum eine Rolle zuweifen, die es nicht gespielt hat. Sie werden sich mit Recht dagegen wenden, wollte man eine Korruptionserscheinung des Adels auf den Adel in feiner Gesamtheit anwenden, oder etwa die Bedeutung des Hohenzollerngeschlechts nach den Taten Wilhelm II. beurteilen. Ich weiß, daß es heute üblich ist, allgemeine Anschuldigungen gegen die Juden hinauszuschleudern und sie für die Schuldigen an allem und jedem Schlechten zu erklären. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich eines Tages lese, daß die Wetterberichte unserer meteorologischen Aust alten, die ja dem gegenwärtigen Stande der Meteorologie entsprechend vielfach falsche Betrachtungen und unzutreffende Voraussagen in die Welt hinaussenden, von den Juden gemacht seien zur Ruinierung der deutschen Wirtschaft. Aber unter ernsthaften Menschen sollte solche Kampsesmethode nicht üblich sein. Ich bedaure daher, aus Ihren Brief nicht anders antworten zu können als mit den vorhergehenden Worten. Es ist durchaus möglich, zum Judentum eine verschiedene Stellung einzunehmen, aber es ist unmöglich, eine ernsthafte Frage so schlagwortartig zu behandeln, wie Sie es belieben, und dabei so üble Ausdrücke zu gebrauchen wie „Jubengeschmeiß", die nichts von adliger Gesinnung verraten. Und ein Mann, der sich die Bekämpfung des Antisemitismus zum Ziele gemacht hat, weil er sieht,">vie durch den Antisemitismus unser Volk verroht wird und in Pharisäische Ueberhebnng gelangt, kann beanspruchen, daß inan nicht verflicht, das, was er sagt, mit einem kleinen Blättchen von einigen Zeilen zu „widerlegen". Eben deswegen antworte ich Ihnen auch nicht direkt, so leid es mir tnt, mit Ihnen nicht int offenen Kampfe die Klinge kreuzen zu können. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Pastor Lic. theol. M oering. Schulanfang. / Von Lydia Stöcker. Wünsche an jüdische Wem! Heute, wo meiner Beobachtung nach und der mancher andern, die Wogen des Antisemitismus, wenigstens in der Schule, schon etwas niedriger gehen, darf man wohl auch einmal fragen: gibt es spezifisch jüdische Erziehungsfehler, und wie weit erschweren sie dem Lehrer, gerade dem, der v e r m itteln möcht e, sehr oft seine Arbeit? Wenn der christliche Lehrer, etwa im Religionsunterricht, einmal auf konfessionell Fragen zu sprechen kommt, so wird eines auch von dem wütendsten Antisemiten zugestanden: die Kraft jüdischen Familienlebens, der innige Zusammenhalt der Familie, auch über die Grenze hinaus, die der Christ zu ziehen pflegt; das ganz starke Interesse jüdischer Eltern für das Fortkommen ihrer Kinder. Aber auch Tugenden haben ihre Fehler; solch hestiges Interesse schlägt nur zu oft um in jene Ueberzeugtheit von der Tugend uud fabelhaften Begabtheit (besonders das letztere) des eigenen Kindes, der der Lehrer, der immerhin mit 30 bis 40 andern vergleichen kann, einfach wehrlos gegenübersteht. Handelt es sich um größere Kinder', so wird die Klasse meist aus gesundem Instinkt heraus die nötige Gegenwirkung ausüben und mit herzlichem Lachen die verkannte Größe korrigieren. Aber nicht allzuselten geschieht es -auch, daß bei solchen, die sich nicht genügend anerkannt fühlen, . .. der Antisemitismus des Lehrers schuld sein soll. Ich könnte von mehr als einer Erfahrung erzählen, wo mir solche Klagen kamen, gänzlich unberechtigt, und wo ich — mit und ohne Erfolg — habe versuchen müssen, zum besten zu reden. Oder aber der elterliche Ehrgeiz schlägt ins Gegenteil um. Die Beurteilung der Schulleistung erfolgt mit einer Strenge, ja Härte, die das Kind nicht so sehr vor der Schule, als vor dem Vorzeigen der Hefte, dem Nachhausetragen der Zeugnisse erzittern läßt. Lewer ist hier gutes Zureden den Eltern gegenüber selten von Erfolg. Dieses starke Interesse für die Kinder, dieses reichliche Sich-mitihnen-Beschaftigen hat aber auch eine andere Konsequenz, die für die S ch u l e r z i e h u n g schwierigste: das jüdische Kind ist in der Regel früher entwickelt als seine christlichen Schulkameraden. (Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, aber es sind eben Ausnahmen.) Es läßt sich schwer entscheiden, ob hier ein Naturgesetz vorwaltet, oder ob die häusliche Erziehung häufig zuviel des Guten ist. würde nach meinen Beobachtungen auch ein Unterschied des Entwicklungsrhythmus Zwischen Protestanten und Katholiken zu bemerken sein: Katholiken entwickeln sich am langsamsten.) Es geschieht sicherlich ohne jede böse Absicht, wenn das „wissende" jüdische Kind nun seine naiveren Kameraden „aufzuklären" sucht; wie verhängnisvoll es wirken kann, mag sich jeder selbst sagen; auch das, daß man solch Verhalten dem Juden zur Last legt. Aber meine immerhin 20jährige Erfahrung hat mich doch gelehrt, daß auch ein Teil Schuld die jüdischen Eltern trifft, die ihre Kinder, mindestens die Töchter, nicht früh genug erwachsen sehen können. Das gilt vor allem in bezug aus Theaterbesuch und Lektüre. Es ist gerade in diesen Blättern über manche Erscheinungen .„jüdischen" Theaters sehr kritisch gesprochen worden; und es mag sehrwertvolle Dichtungen geben, die darum noch lange nicht für 15- bis 17jährige geeignet sind. Oder was soll inan dazu sagen, wenn _-....----—— --j