Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 16 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- Seite 213 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277622-2277638--02860-2283313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mum ßcclin, 1ö. ^Ipcil I-2S V. ^ahrganz ❖ Nr. 1$ Einzelnummer 10 Gsl-pfennig Kälter fürörrüsclidANM «rrvluoenlum ' loryan des tdntMVerems Seutsrlrer StaatsbürtzerWKiMen vlmlvens L« _ —iwmim hup > i > i imjwma^imis^wmmamamammw IM iirriMHiriti^^ Äll^emein© Zeitung des Judentums Lerlag u. SchrifLleitung: Berlin 8W 68, Lindenstr. 13. . . Fernsprecher: Amt Dönhoff 8594,8595. Postscheckkonto: Berlin 80472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« stube V, Berlin 8W 68, LlNdenstr. 7, unv von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JIM für die 7gefpaltene Zeile nach RndolfMoste» Normclzeilenmester Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Eenrraivereins 0,45 JIM, die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 JUL An einen königlichen Kammerherrn! Mn offener Brief von Pastor lic. IM. Moering. Bresla ii, Karfreitag 1926. Sehr geehrter Herr von X.l Heute haben wir ein junges jüdisches Mädchen zu Grabe geleitet, daszu Beginn des Krieges sich bei der Pflege deutscher Soldaten eine schwere Sepsis zugezogen hatte, und welches nach zehnjährigem, heroischem Kampfe unter fürchterlichen Leiden seine Augen geschlossen hat. An diesem Tage fühle ich den Drang, Ihr Schreiben, das ich schon beiseite gelegt hatte, zu beantworten. Sie gestatten, daß ich den Weg des „offenen" Briefes für meine Antwort wähle, weil ich glaube, daß Ihre Ausführungen wegen ihres typischen Charakters allgemeines Interesse haben. Von den gewöhnlichen Zuschriften von Antisemiten, die ich in reichem Maße erhalte, unterscheidet sich Ihre Zuschrift sehr vorteilhaft dadurch, daß Sie mit Ihrem Namen unterzeichnen und in der Form das Maß höflicher Umgangsart bewahren, das man auch dem Gegner zubrlligt. Die meisten antisemitischen Zuschriften, die ich erhalte, sind anonym, und fast alle sind auch in einem flegelhaften Ton gehalten, der der Sache des Antisemitismus, wenn sie eine ernsthafte Angelegenheit sein soll, nicht gerade zum Vorteil gereicht, da Beschimpfen und Unflätigkeit immer ein Zeichen geistiger Schwäche sind und die Unfähigkeit zur sachlichen Begründung des eigenen Standpunktes ausweisen. W e n n t r o tz d i e s e m vorteilhaften Unterschiede von jenen Schreiben Ihre Ausführungen von allgemeinem Interesse sind, so ist es deswegen, weil Ihre Zuschrift genau elf Zeilen umfaßt und weil Sie meinen, nrit diesen elf Zeilen meine U eb erz eu g u n g erschüttern zu können. Glauben Sie wirklich, sehr geehrter Herr von X., daß man sich für eine Sache, die so undankbar ist wie nur möglich, nämlich die Bekämpfung des Antisemitismus, durch die man sich jedes äußere Fortkommen verbaut und durch die man nicht unbeachtliche Verdienstmöglichkeiten sich verscherzt, indem man von keiner Stadt zu einem Vortrage aufgefordert wird, in der man gegen den Antisemitismus gesprochen hat, meinen Sie wirklich, daß man sich für eine solche Sache so leichtfertig ein setzt, daß elf Zeilen die eigene Ueberzeugung erschüttern können? Daß Antisemiten aber meinen, mit ein paar hingeworsenen Brocken eine Ansicht bekämpfen zu können, zeigt, daß ihre eigene Ueberzeugung nur sehr schwach fundiert ist. Wie wenig Anlaß ich habe, meine Ueberzeugung -nach Ihren Ausführungen zu revidieren, zeigt die Zerlegung der einzelnen Sätze. 1. Sie können nicht umhin, „es auf das tiefste zu bedauern, daß ein evangelischer Geistlicher einen derartigen philosemitischen Standpunkt einnimmt. In der katholischen Kirche würde es kaum geduldet werden, wenn ein Priester öffentlich in dieser Weise für die Juden eintrüte". Sollte tatsächlich die katholische Kirche ihren- Führern eine philosemitische Stellungnahme verbieten,-so wäre solches Verfahren für die evangelische Kirche bedeutungslos. Evangelische Christen sollten nicht ängstlich auf Rom blicken, sondern das tun, was dem Protestantismus gemäß ist: Protestantisch aber ist die Beachtung -deS sich der Verantwortung vor Gott bewußten Gewissens, und mit -gutem Grund kennt die evangelische Kirche nicht -die Gängelung der Pastoren -durch eine kirchliche Autorität. Wo anders verfahrenwird, hat Luther umsonst auf dem Reichstag zu Worms seine lieber» Zeugung behauptet. Im vorliegenden Falle aber ist es nun so, daß die katholische Kirche ihren Dienern die Bekämpfung deS Antisemitismus nicht verbietet. In diesem Blatte habe ich schon mehrfach die Ausführung katholischer Geistlicher gelesen, im Kampf gegen den Antisemitismus auch selbst die llnterstützung von Katholiken dankbar empfunden. Aber, wie ge» fagt, selbst wenn es anders wäre, würde ich mich nicht in meiner Stellungnahme behindern lassen. Ich empfange -das Gesetz meines Handelns nicht vom Papst, sondern von Christus — bei ihm finde ich weder eine antisemitische noch überhaupt eine völkische Einstellung. 2. Natürlich kommen Sie mit dem Hinweis aus die Beteiligung der Juden am Bolschewismus und an der Kommunistischen Partei. Sie fragen-, ob die Juden, die in der Kommunistischen Partei rätig sind, auch meine Freunde wären. Darauf ist zu sagen: Soviel ich sehe, ist unter den Juden, mit denen ich verkehre, -krsvemAnvatt Ein offener Brief von Pastor Lic. iheol. Moering (Breslau). Wünsche an jüdische Man. Von Lydia Stöcker. Seite 214. Das zionistische Handbuch über den Keren