Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 15 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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205 * 4 nmiliermnzergen gehören in erster Mnie in die Leitung" Für die nächste Ausgabe müssen wir bis zum Montag im Besitz Ihres Textes sein Kann es einen wundernehmen, wenn diese jetzt Erwachsenen, die in diesen Denkrichtnngm erzogen worden sind, die sahen, wie die Erwachsenen es ihnen vormachten, wie man Haß ausspritzie, jetzt keine Sitteugesetze mehr kennen? Kann man sich wundern. daß sie vor nichts mehr Scheu haben, nicht einmal mehr vor den Ruheplätzen der Toten? „Zum Ungeheuren hast bit mich gewöhnt", kann inan mit Toll denken, wenn man solche menschenunwürdigen Handlungen sieht, wie sie Erfurt und Löwenberg zum traurigen Ruhm gebracht haben. Ich bin ein abgesagter Gegner jeder Prügelstrafe, aber ich kann es nur bedauern, daß für diese Ausnahmefälle nicht die Prügel verabfolgt werden kann. Ich bin überzeugt, daß sie die Herrschaften von der Roheit ein für allemal abbringen würden. Das, was die Schule an den jungen Gemütern gesündigt hat, haben die Bünde fortgesetzt, die sich mit den wunderbaren altdeutschen Namen: Werwolf, Wicking usw., benennen. Es scheint, als hätten die Führer und Angehörigen dieser Bünde die Meinung, daß mit dem Alten auch Roheit verbunden gewesen sei, die sie nun nachahmen müßten. Sie mögen es sich gesagt sein lassen, daß kannibalische Roheit niemals im Wesen des deutschen Volkes gelegen war, sondern daß es ihnen — den Heutigen — Vorbehalten war, diesen Schandfleck aus den deutschen Namen zu legen. Und es ist das Bezeichnendste, daß die Schüler, die sich im meiften durch solche Roheiten auszeichnen, zu den minderwertigsten gehören. Ihnen fehlt ossenbar die sittliche Einsichtsfähigkeit. Die fähigeren und arbeitssameren haben nicht Zeit zu diesen schlimmen Betätigungen, sie haben auch zu sehr die sittliche Erkenntnis von der Verruchtheit solcher Taten. Unsere Zeit nennt sich die der Jugendpflege von Staats wegen. In der Tat eine erfolgreiche Jugendpflege, die solche Gewalttaten Jugendlicher, zustandekonnnen läßt. Hier hilft nur dauernde Energie und Ausschaltung aller Elemente aus der Erzieherschaft, die auch nur im geringsten sich diesen völkischen Tendenzen zuneigen. Nur Aufklärung kann uns Helsen. Von einem Freunde unserer Sache aus Süddeutschland wird uns geschrieben: „Ber dem Lesen der Nummer 13 Ihrer Zeitung vom 10. März d. I. muß es jedem guten deutschen Juden klar werden, daß wir noch im Anfang des Kampfes um unser gutes Recht stehen. Gott sei Dank, 'daß kein Haß .groß genug, keine Tat schändlich genug sein kann, uns die Liebe zu unserrn Vaterlande aus dem Herzen zu reißen. Aber daß es noch deutsche Juden gibt, die da glauben, der Kampf- und Abwehrorganisation entbehren zu können, ist das Beschämendste in solchen Augenblicken. Nichten wir unsere Augen auf Erfurt, wo bübischer Haß und völkische Rohheit es sich nicht persagen können, die geweihte Stätte des Todes zu schänden. Hier sehen wir, wohin die Verblendung führen kann. Mer das ist nichts gegen das, was in Leipzig .geschah. Hier hat uns ein Senat bescheinigt und dokumentiert den unheilvollen Einfluß der jüdischen Minderheit in Deutschland und die geheimnisvolle internationale Macht des Judentums. So sehr man sich in der Fasftmg bemüht, dem Urteil die Farbe zu nehmen-, ebensosehr hat man es verstanden, alles deutlich genug zu sagen, um nicht mißverstanden zu werden. Traurig ist e s , d a ß ein Senat des o b e r st e n Gerichtes eines Landes sich nicht b e w u ß t war, w i e er mit d i e s er U r te i l sb e g r ü n di.t n g Wasser auf d i e Äbühlen des Hasses und der Verfolgung lenkte. Schlimmeres konnte -ein Artur Dinter uns nicht tun. Sollte man glauben, daß es möglich sei in Deutschland, daß rmb-ewiesene politische Behauptungen, die verankert sind im Glaubenssatz des politischen Streites und in den Köpfen völkischer Heißsporne, m einem gerichtlichen llrteil Platz finden könnten. Vielleicht glauben nun doch die Lauen und Flauen wieder an die Notwendigkeit einer energischen Abwehr der gegnerischen Bestrebungen. Gibt es doch so diele, die da sagen, man hört und sieht ja gar nichts mehr von den Dingen. Die werden anderer Meinung werden müssen angesichts solcher Geschehnisse. S. St. K. Morgenland und Menölanö. Bücher von Georg Jaeob und Errno Kittmann. Wenn es richtig ist, daß diejenigen.Dinge am fragwürdigsten sind, über die in der wissenschaftlichen Oefsentlichkeit sowie in der Enge des Studierzimmers am meisten Meinung und Gegenmeinung getauscht wird, dann muß es wohl auch richtig sein, daß Mr mit unserer K u l t u r an einem bedeutsamen Wendepunkt stehen: denn noch nie ist über Wesen und Entwicklung dieses Begriffes häufiger und nachdrücklicher geschrieben und gesprochen worden, als in unserer Zeit. Die ungeheure Wirkung, die vor einigen Jahren das Schlagwort von: „U n t e r g a n g des Abendlande s" hervorrief. beleuchtete recht deutlich die Allgemeinheit der bestehenden Problematik und den dadurch hervorgerufenen Spannungszustand, der mit Wucht ans eine Lösung zustrebte. Mitten in diese Diskussion hinein gehören auch die Schriften zweier namhafter ch r i st l i ch e r Gelehrter, Georg JacobJ und Enno Litt m a n nr), die sich damit beschäftigen, den Einfluß des Morgenlandes auf das Abendland zu untersuchen. Während Littmann sich fast ausschließlich auf den philologischen Nachweis beschränkt, daß ein beträchtlicher Teil nuferes S p r a ch g u t s orientalischen Ursprungs ist, behandelt Jaeob das Gesamtgebiet der abendländischen Kult n r und weist für eine große Anzahl von Einzelgebieten den starken Einfluß des Orients nach. Die Reichhaltigkeit des beigebrachten Materials macht es uns unmöglich, in diesem Nahmen mich nur eine Art Uebersicht darüber zu vermitteln. Wir müssen uns hier an wenigen Beispielen genügen lassen, dürfen aber in unseren Betrachtungen mit Dankbarkeit aus der gauzen Fülle weiterbauen, die uns die beiden Forscher geliefert haben. Daß die Tatsache eingebürgerter Fremd- und Lehnworte weit über die eigentliche Sprachbefruchtung hinaus ein Beweis ist für den kulturellen Einfluß eines Sprachvolkes auf ein anderes, ist weit genug bekannt. Dieser Rückschluß ist dort nicht schwierig, wo es sich um biblische Ausdrücke handelt wie Amen, Halleluja, Eden und zahllose andere. Hieraus ergibt sich für uns nur ein Zusammenhang, der uns auch ohne die sprachlichen Denkmäler bewußt sein sollte; und wenn wir nicht auch dieser Anzeichen bedürften, um uns die weitgehende Abhängigkeit der abendländischen Entwicklung von den: orientalischen Geistesprodukt der Bibel stets aufs neue zu verdeutlichen, so dürfte über Entlehnungen dieser Art hinweggegangen werden. Worte wie Ziffer, was ursprünglich Null bedeutete, Algebra, Zenit, die sämtlich aus dem Arabischen übernommen sind, weisen uns den richtigen Weg zürn Nachweis einer intensiven Befruchtung der mathematischen Wissenschaft durch den Orient. Die Uebernahme des ursprünglich arabischen Wortstammes von „Kaffee", der durch Vermittlung der Türken zu uns kaur, lehrt uns den Ursprung dieses wichtigen Genußmittels. Instrumente wie Laute unb Gitarre sind vorn Orient auf uns überkommen — und so ließe sich die Aufzählung und die daraus abzuleitenden Rückschlüsse fortführen über Tulpe, Rose, Jasmin, Scheck, Basar und Magazin zu den zahlreichen deutschen Eigennamen wie Johanna, Elisabeth, Susanne, Marie, Matthias, Joses und Michel. Wir sähen, die Fülle ist unermeßlich, und es bleibt uns nur übrig, diejenigen Knlturzusanunenhnnge nachzuweisen, zu denen uns die vielen' Wegweiser führen. Jacob leistet diese Arbeit in seinem genannten Büchlein -in umfassender Weise. Er weist die wichtigsten Grundlagen unserer Bildung, Buchstaben- und Ais Fernschrift als Gaben des Ostens nach und führt Erfindungen wie den Kompaß, das Schießpulver, den Druck usw. auf orientalische Vorbilder zurück. So verlockend es auch ist, dem Verfasser aus seinen Godankengängen in die Gebiete der Kunst und des Kunstg e uo e r b e § , der -älter S a g c u ft o ff e und der dichterischen Gestaltung zu folgen, wir müssen uns mit der bloßen Erwähnung bescheiden: überall gelingt es, oft durch wahrhaft erstaunliche, immer aber überzeugende Fölgernngsketten, einen engen Zusamnreu-hanig zwischen Osten und Westen zuerlveisen und' den Boden unter den Füßen der abendländischen Kuck tu r als farbenfreudige Mosaik, gefügt aus Bestandteilen verschiedenster Kulturkreise, darzu stellen. Uns deutschen Juden gilt es bei all dein mehr als trockene Wissenschaft. Wir sind hindurchgegangen durch alle die Beschimpfungen, die uns für krankheitserregende Fremdkörper, für destruktive Schmarotzer erklärten. Darum sind wir freudig bewegt durch jede lvissenschaftliche Tat, die von außen her die kulturelle Fruchtbarkeit derjenigen Geisteswelt bestätigt, aus der auch unser Judentum erwachsen ist. Wir sehen in der Tatsache des kulturellen Einflusses des Orients auf den Okzident eilte Gewähr für die Möglichkeit deutsch-jüdischer Verbundenheit und eine Rechtfertigung unseres Kampfes. Denn in den Zeiten, in denen die oben erwähnten Errutngenschaften des Ostens vorn Westen ausgenommen und weiter -entwickelt tvurden, war eine solche Befruchtung in noch weit höherem Maße bedeutsam als etwa in der Gegenwart. In der heutigen Zeit, in der die Wirtschaft das Uebergewicht über Wissenschaft und Kunst errungen hat und die Technik als ihr williger Diener Neuheit auf Neuheit über die Welt verbreitet, ist es nichts Außerordentliches mehr, daß fortschrittliche Errungenschaften mit der tntrdj das Maß ihrer Zweckmäßigkeit bestimmten 1) „Der Einfluß des Morgenlandes auf das Abendland vornehmlich rvährend des Mittelalters." Hannover 1924. 2) „Morgenländische Wörter im Deutschen", 2. Ausl. Tübingen 1924.