Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 15 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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204 gemeinschast bewußt sein und jeden Verstoß dagegen^ wie eine Beschmutzung seiner selbst empfinden. Nicht das ist das Höchste, daß der Staatsbürger unter einer Pflicht gegenüber seinem Volke seufzt, weil er nicht umhin kann, sie anzuerkennen, sondern darauf müssen wir hinaus, daß die Persönlichkeit des einzelnen deutschen Menschen die Einfügung in die Volksgemeinschaft und die Achtung ihrer Rechte als einen Programmpunkt des eigene n Lebens anerkennt, durch den dieses Leben über seine Zufälligkeit und seine Nichtigkeit emporgehoben Wird in eine dauerndere und höhere Geltung. George Goetz Berlin). Aus den vorstehenden Zuschriften spricht zu unserer Freude der Geist der Versöhnlichkeit und der ehrliche Wille zur Gemeinschaft, und Verständnis gegenüber dem deutsch-iüdischen Ingen drv ollen. Wenn me deutsche Ingen-d in ihrer Allgemeinheit darin ihren Führern na6)Lrferr, ohne daß damit gesagt sein soll, daß rvir für uns lese Schlußfolgerung dieser Darlegungen übernehmen oder für richtig halten, so ist Hoffnung, daß die Wünsche sich erfüllen, die in der nachfolgenden Darlegung ausgesprochen sind. Cs ist psychologisch begreiflich, daß diese, da von jüdischer Seite stammend, auf den Antisemitismus ausführlicher eingehl als die vorhergehenden. Die Schriftleitung. Die erste Frage ist gleichbedeutend mH der Frage nach den Z u k u n f t s a u s s ichte n u n se r e r Jugend und daulit also auch unseres Vaterlandes. Um die Gegenwart kann sich's bei dieser Frage nicht handeln, denn gegenwärtig, d. h. solange die Jugend Jugend ist, kann sie ja nicht Mitarbeiten am Volksganzen, sondern nur an den: Volksteil, der sie selber ist. lind an sich selber soll sie denn auch arbeiten. Jugendzeit ist Zeit der Vorbereitung. Erkennt die heutige Jugend dies und handelt sie danach, so liegen in der Tat alle Möglichkeiten in ihr, daß die heut Jungen später als reise Menschen die eine und w ahr e deutsche Volksgemeinschaft schaffen. Tie Grundbedingung dazu ist ihnen von Natur gegeben: Jugend ist von Natur ehrlich unb idealistisch, und sie soll danach trachten, sich ihren Idealismus durch das ganze Leben zu bewahren. Mit Schiller zu reden: „Sagen Sie ihm, daß er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird!" Der Inhalt dieser Träume, das Objekt dieses Idealismus? Damit beantworte ich eigentlich schon die dritte Frage, und ich will denn auch die zweite bis Zuletzt lassen. — Ten Idealismus bringt die Jugend schon mit in ihre Vorbereitung, aber das Ideal, dem mit diesem Idealismus sie nachstrebt — gibt sich das auch so von selber? Man könnte glauben, nein; denn von allen Seiten machen sich die Parteien (die Alten!) an die Jungen heran mit allen ihren verschiedenen „Idealen". Die Parteiprogramme sind ja in der Tat die Ideale der Alten, und es ist durchaus begreiflich und berechtigt, daß die Alten ihren jugendlichen Nachwuchs im Sinne dieser Ideale zu erziehen suchen. Aber ebenso begreiflich und berechtigt ist, daß die Jugend sich nicht mit Gewalt eine politische M e i» n u n g a l s I d e a l a u s d r ä n g e n l affe n w i l l. S i e w i l! selber prüfen und wählen, — auch auf die Gefahr, zu irren; denn: daß wir Menschen irren können, daß unser Leben kein Nechenexempel, sondern ein Wagnis, das ist unsere Ehre, und das allein macht unser Leben köstlich. Dennoch kann die Jugend der Alten nicht entraten; ich denke an ein treffliches Wort von Constantin Brunner: „Die Jugend kann sich ihr Ideal nicht selber, geben, sie wird hingeführt dazu; aber von den: ihr gegebenen Ideal, wenn es wirklich ihr Ideal werden soll, muh sie doch empfinden: das ist aus mir! und muß sich ihre Führer und Lehrer ansehen." Das ist ein Wort, das wollen wir sesthalten! Die Führer und Lehrer ansehen — woraus hin? — Das primitivste Gesetz für das äußerliche Zusammenleben der Menschen lautet: Respekt vor dem Eigentum des andern! So muß also das primitivste Gesetz für innerliches Gemeinschaftsleben Lauten: Respekt vor der Persönlichkeit des andern mit all seinen Meinungen und Neigungen! Ein Lehrer, der anders lehrt, kann und darf nicht Lehrer der Jugend sein, und ein Ideal, das zu Respektlosigkeit oder gar zu Hochmut und Bosheit führt, ist ein falsches Ideal. Es gehört zum Wesen des echten Idealisten, daß er Respekt habe und Verantwortungsgefühl. Liebe, umfassende Liebe, die niemals und gegen niemand Haß aufkommen läßt, bleibt noch immer die höchste Tugend; sie ist das Ideal, das allen andern Idealen! Anstoß und Richtung geben muß; sie beseitigt alle Verwirrung und S t ö r u n g. Wenn die deutsche Jugend in ihrer Allgemeinheit das beherzigt, so wird die d e u t s ch - j ü d i s che Jugend zu ihren: Teil ebenfalls besser in der Lage sein, ihren Platz auszufüllen. Die Stellung der deutsch-jüdischen Jugend in der allgemeinen deutschen Jugendbewegung kann keine andere sein als die der deutschen Juden im deutschen Volke. Sofern die Juden in geringerem Maße unter Hochmut und Bosheit der „Antisemiten" zu leiden haben werden, so werden im gleichen Maße bei ihnen Energiemengen frei, die sonst auf Abwehr verwendet werden. Die deutschen Juden (und also auch die deutsch-jüdische Jugend) werden: berechtigtermaßen immer ihr Judentum pflegen, aber bei eingeschränktem Judenhaß werden sie mit weniger Krampfhaftigkeit an sich selbst und uüt herzlicherer Freudigkeit an die Allgemeinheit denken. Diesen freieren, glückhafteren Zustand herbeizusührcn, liegt im Interesse aller Deutschen, der jüdischen Und der nichtjüdischen. Darum sollen die nichtjüdischen Deutschen vom Judenhaß Massen, irn Interesse Deutschlands sollen sie das, und die jüdischen Deutschen sollen der Lehre Benedikt Spinozas eingedenk bleiben, in der bewiesen ist, daß Liebe stärker als Haß; sie sollen dem Judenhaß der Deutschen die Deutschlandliede der Juden entgegensetzen! Sie sollen nicht warten, bis die anderen mit ihren: Judenhaß ein Ende machen, sondern sie sollen mit ihrer Deutschlandliede den Anfang machen! Und nicht fragen, was danach kommt! — Das ist schwer, gewiß; aber es ist möglich, und es ist nötig. Und so habe denn nicht ich, sondern die Geschichte hat der deutsch-jüdischen Jugend die schwierigste Stellung innerhalb der deutschen V o l k s g e m e i n s ch a f t a n g e w i e s e n; die schwierigste und also die ehrenvollste, sofern die deutsch-jüdische Jugend diese Stellung auszusülleu den Willen und die Kraft findet! Erfahrungen eines Lehrers. Zrr den völkischen Greueltaten in Erfürt nnd Löwerrberg. Von Dr. K. Müller (Potsdam). Die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man jetzt sehen muß, wie sogar die völkische Jugend sich Bahnen sucht, die Aeltere ihrer Zunftgenossen bereits in den Fememorden gewandelt sind: Eine deutsche Kulturschande vor dem ganzen In- und Auslande, wie sie bisher kaum noch vorgekommen ist. Aber für den Kenner der deutschen Verhältnisse und den von den Völkischen abseits stehenden Beobachter war es seit Langem klar und zu berechnen, daß diese Ausschweifungen sich einstellen müßten. Der Haß wurde in den Jungen planmäßig großgezogen. Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen, und wenn sie auch bereits die Zwanzig überschritten haben. Nur einige Beispiele aus deutschen, genauer preußischen Schulen mögen zeigen, wie die Jugend geradezu in diese verhetzende Richtung hineingedrängt wurde, um den Haß gegen das Judentum zu züchten. Ich versage es mir, den Ort zu nennen, an dem sich diese Vorkommnisse abgespielt haben; der Name steht aber jederzeit zur Verfügung. Da werden den jüdischen Mitschülerinnen — es sind von rund 600 Kindern nur etwa 10 bis 12 vorhanden — Hakenkreuze auf die Mäntel gemalt; auf den Schultischplatten stehen sie trotz fortgesetzten Abwischens immer wieder. Der natürlich durchaus judengegnerische Studienrat hält eine linde Mahnung an die Sünder für ausreichend; der Direktor schreitet gegen diese Kinder energisch ein. Folge: Beschwerde beim Minister Bülitz. Weitere Folge: der vom Direktor angeordnete schriftliche Tadel wird gestrichen und bei andern gemildert. Die gesamte antisemitische Elternschaft hetzt nun gegen den Direktor, die Beschwerden regnen nur so, und man versucht ihn der besonderen Judenfreundlichkeit zu bezichtigen, obgleich er nur streng objektiv sich der jüdischen, ihm anvertrauten Kinder annimmt. Weiter: Eines der jüdischen Mädchen kornmt, wie immer, über den Schulhof aus der Schule. Da steht ein Oberstleutnant a. D., um seine eigene Tochter abzuholen. Als er das jüdische Kind sieht, ruft er ihm zu: „Mach dich fort, du Judenpack!" Und das wiederholt er mehrere Tage, immer in Gegenwart der vielen Hunderte von Kindern. Der Direktor, der davon erfährt, schreibt ihm, er halte es nicht für möglich, daß ein Mann von der Stellung des Oberstleutnants und seiner Bildung sich solcher niedrigen Angriffe aus unmündige Kinder schuldig gemacht haben könnte. Sollte er aber versuchen, das noch einmal zu wiederholen, so würde er vom Schulgrundstück gewiesen werden. Die Antwort des tapferen Frontsoldaten war Schweigen und NichLwiederkomnren. Dem Direktor aber malte man Hakenkreuze an die Tür seines Amtszimmers, klebte sie ihm mit beschimpfenden Schildern auch au sein Haus, schickte ihm unflätige Karten ms Haus, schrieb ihm „Judenfrennd" an die Fenster und dergleichen. Und die Schulaufsichtsbehörde . . . schwieg, bis sie den Mann abbaute. Weiter: Immer in demselben Orte. Ein Studienrat, der wegen seiner antisemitischen Gesinnung bekannt und als schlimmer Hetzer verschrien war, suchte sich unter den Primanern die aus, welche seinem Einfluß zugänglich waren. Die bildeten seine Leibgarde, die dann, mit Stöcken bewaffnet, in die gegnerischen Versammlungen ging. Hier wurde dann der erforderliche Rummel verübt. Und dann kam das Schlimmste: Diese jungen Herrschaften waren außerordentlich rege an allen Schiebungen beteiligt, die sich in der Inflationszeit breitmachten. Da waren Briefmarkenbörsen in der Hinterstube einer Kneipe. Da waren sie alle zu Hause. Und dann, nach ein paar Jahren, als die Bengel über Zwanzig geworden waren, da verübten zwei einen Raübüberfall, bei den: sie die Besitzerin einer wertvollen Sammlung ermordeten. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, diese Herren Völkischen. Der Direktor einer anderen Anstalt aber, den man auf das Treiben seiner Pflegebefohlenen hinwies, erklärte, daß die bunte Mütze oie Gewähr dafür gäbe, daß die Jungen nichts Schlechtes trieben,