Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 15 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Die von der Geisteshaltung der einstigen Jugendbewegung ausgehenden Menschen der heutigen jungen Generation haben jetzt die Verpflichtung, nicht außerhalb der alten Welt, sondern in ihren Lebenskreisen, in der Familie, im Beruf und im öffentlichen Leben das vorz uleben u n d b u r chznsetzen, was immer so viel als der „neue Geist", der „Geist der Jugend" bezeichnet worden «ist. Mit der Verwirklichung eines durch die politischen Kämpfe der Gegenwart zur Phrase degradierten Ideals wie dem der „Volksgemeinschaft" hat es noch gute Wege. Wahrscheinlich wird diese Volksgemeinschaft nie Wirtlichkeit werden; denn immer wird ein Teil des Volkes und besonders seiner Jugend ganz instinktiv das beglückende Gefühl des trotz aller Gegensätze doch bestehenden Verbundenfeins mit allen anderen Gliedern des Volkes, anch denen der anderen Klasse, der anderen Partei, der anderen Konfessionen, haben. Und immer wird ein anderer Teil, und zwar der größere, sein Interesse, sein Machtstreben, seinen Gruppenegoismus tatsächlich über das Wohlergehen der Volksgesamtheit stellen. Die besondere Aufgabe der deutsch-jüdischen Jugendbewegung halte ich für sehr begreift und für verhältnismäßig unwesentlich. Ich halte in Gemeinsamkeit mit meinen Freunden in der jungdemokratischen Bewegung die irrsinnigen mib, gerade von christlichem Blickfeld her gesehen, einfach unwürdigen Kämpf-e der nationalistischer und völkischen Gruppen in unserem Volke gegen das Judentum für eine der hauptsächlichen Hem m u n g e n für die Verwirklichung des Ideals der „Volksgemeinschaft". Die Abwehrbewegnng sollte jedoch, grundsätzlich und taktisch betrachtet, »nicht so sehr von deutsch-jüdischen Kreisen getragen werden. Im neuen deutschen Staat eine Atmosphäre der unbedingten Hochachtung, der gegenseitigen Anerkennung als ebenbürtige Glieder ein und derselben Natiou^zu schaffen zwischen Arbeitern imb Bürgern, Christen •tmb Juden, Sozialisten und Deutschnationalen, Norddeutschen und Süddeutschen, — das alles ist nicht allein eine Frage der Politik, sondern vor allem eine Erziehungsaufgabe. Wird diese in den nächsten 30 Jahren gelöst, so werden wir dem Ziele der Volksgemeinschaft ein gewaltiges Stück näher gerückt sein. Werner Hufen (öerlin), Reichsjugendsekretär der Deutchen Vslkspavtei. Ihre Umfrage erlauben wir uns wie folgt zu beantworten: I. „Die Möglichkeiten sehe ich Am folgenden: a) Die Grundeinstellung unserer deutschen Jugendbewegung ist eine durchaus ideale; b) unsere deutsche Jugend ist im allgemeinen politischem Hetzet reiben abgeneigt, will eine möglichst unparteiische Haltung einnehmen und in ihrer Mehrheit, besonders in ihren besten Kräften, vor allem dem Deutschtum dienen; sie arbeitet mit Hingebung für den g r o ß d e u t s ch e n Gedanken; c) unsere Jugend ist weniger mit Vorurteilen belastet als die ältere Generat io ri; d) sie ist auch dazu übergegangen, sich mehr und mehr in staatsbürgerlichem Denken und allen Fragen des öffentlichen Lebens zu schulen, und so im Staat den Nahmen der Volksgemeinschaft anzuerkennen; e) die Zusammenarbeit zahlreicher deutscher Jugendbünde im Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände an den wichtigsten Jugendfragen, von denen ich hier nur die Freizeit der Jugend nenne, stellt sich als ein Jugendstaat dar, der in sich schon eine Jugendvolksgemeinschaft enthält. Die jetzigen Träger dieser Jugendarbeit — und es sind schon Millionen — werden zu Trägern der großen deutschen Volksgemeinschaft heoanwachsen. Unsere derrtschv o lksparterlich e Jugend stellt hierbei neben Positive Arbeit für das Deutschtum, körperliche und sittliche Festigung. Als ihre besondere Ausgabe die staatsbürgerliche Ertüchtigung sowie das Streben nach Ausgleich der Gegensätze. II. Die deutsch-jüdische Jugendbewegung wird einerseits ihre Mitglieder in deutsches Wesen einführen und zu Staatsbürgern machen müssen. Sie wird anderseits mit Nachdruck in ihren Kreisen alle Zersetzenden Bestrebungen, besonders auf den Gebieten des Volkstums, des vaterländischen Empfindens, der Kunst und der Wissenschaft zu unterdrücken haben. III. Praktische Möglichkeiten hierzu liegen bei der augenblicklich noch immer gespannten Lage im Innern zunächst in ebenso strenger wie sachlicher Handhabung der öffentlichen Ordnung. Sie liegen ferner in der sehr notwendigen Heranbildung der weitesten Kreise gu sachlichem Urteilen und Handeln in den -Fragen der Politik und des öffentlichen Lebens. Die aufklärende Tätigkeit des E. V. wird dann auch mehr und mehr beachtet werden. Einem gehässigen Antisemitismus wird am besteu dadurch der Boden entzogen, daß das Judentum, wie vorher gesagt, die richtige Einstellung zu deutschem Volkstum und zum Staatsbürgertum einnimmt. Hierzu gehört auch, daß das Judentum im deutschen Volke keinen Einfluß ausübt oder erstrebt, der in starkem Mißverhältnis zu der Zahl jüdischer Staatsbürger innerhalb Deutschlands steht," Zrieörich Mewes löeriin), Jugettdbrmd im Gewevkschaftsbrmd dev Arrgestettterr. Der Stolz der Jugendbewegung war ursprünglich, daß sie alle Parteivoreingenommenheit ablehnte und dem jungen Menschen alle Fragen des Lebens wieder zur persönlichen Beantwortung in die Hand legte. Ich halte das auch heute noch für das richtige und für das wesentliche, um aus dem Zerrbild einer Volksgemeinschaft, lvie wir es jetzt haben, herauszukommen. Ein gegenseitiges Verstehen der Vvlkskreise ist unmöglich, wenn schon von der Kindheit an die Erziehung lmd Belehrung rein parteimäßig betrieben wird, denn eine parteiliche Belehrung läuft bei uns letzten Endes immer darauf hinaus, den anderen mindestens für unbelehrbar anznsehen, meistens aber für einen Menschen bösen Wittens. Diese Kluft kann nur überwunden werden, wenn die angehenden Staatsbürger gewöhnt werden, anch die Meilumgen der anderen 31t durchdenken und sv wenigstens einen Begriff davon 31t bekommen, daß verschiedene Menschen ehrlichster Gesinnung zu den verschiedensten Ansichten kommen können. Heute sind wir von solchen Grundsätzen weiter entfernt als je. Die Parteien sondern ihre Angehörigen möglichst schon im Kindesalter ab, sie suchen eine Art kulturellen Separatismus zu züchten, sie verehren jede für sich eine besondere Fahne, sie singen ihre besonderen Lieder und teilen anch die Dichter und Denkerwelt nach Parteien ein. Man kann heute in Deutschland kaum noch Kegel schieben oder Skat ohne damit gleichzeitig ein politisches Prinzip zu reiten. Mit vollem Recht hat deshalb Professor Hellpach, der frühere badische Ministerpräsident, erklärt, daß die größte Gefahr in unserem Volke der weltanschauliche Separatismus lväre. Uns scheint es deshalb i m Gegensatz zu der augenblicklich herrschenden Tendenz n 0 tw e nd ig zu sein, daß wir w e l t a n s ch a u l i ch und politisch neutrale Gemeinschaften im Volke schaffen. Deshalb betonen wir auch von unserem Bunde ans, daß wir die Zersplitterung der Angestellten nach verschiedenen Richtungen für falsch und verderblich ansehen. Gerade im Berufsstand und in seiner Organisation wäre die Möglichkeit einer Verständigung zwischen den Menschen verschiedener weltanschaulicher imb politischer Ansichten gegeben, denn sie stehen sich schicksalsmäßig nahe und sprechen deshalb in Worten und Begriffen, die in ihren Kreisen eindeutiger sind, als wenn sie zwischen verschiedenen Berufs- und Vildungsklassen gebraucht werden. Um es kurz zu sagen: Wir sehen ein Uebermaß von politischem Eifer und politischer Wi cht i gtu er ei in unserem öffentlichen Leben, und es scheint uns als erste Voraussetzung für die A n d a h n u n g eines besseren Zusammengehörigkeitsgefühles, diesen U e b e r e i f e r und diese U e b e r s ch ä tz n n g politischer Parteibestreb u n g e n a b z n b a u e n. Die Jugendbewegung hätte die Aufgabe, damit anzufangen und sich wieder vor allen Dingen darauf zu besinnen, daß sie ursprünglich eine „Los-von-der-Partei"-Bewegnug gewesen ist und wieder sein sollte. Für uns sind das nicht etiva neue Schlüsse, die nur aus den Irrungen der Jugendbewegung ziehen, sondern diese Stellung haben wir in unserem Bunde in all den Jahren unabänderlich bewahrt. Die Jugend ist die Zeit der politischen Reifung und nicht der politischen Bildung, und die Jngendbewegung hat -die Aufgabe, diese politische Reifung zu ermöglichen und zu fördern. Sie hat aber nicht die Aufgabe, einen politischen Willen parteiniüßig festzuhalten, sonst wird sie wie von selbst zu einer Bewegung der Alten, und sie ist dann vielleicht eine „Generationenbewegung", die mit einer Generation steht und endet, aber keine Jugendbewegung, die innerhalb der laufenden Generation immer auf die Wahrung des wirklich Jugendlichen bedacht ist. Eine „Generationenpolitik" würde uns aber als falsch erscheinen, weil die Generationen nicht in abgehackter Form sich in der Geschichte eines Volkes ablösen, sondern weil sie ineinander übergehen, miteinander verzahnt und voneinander bedingt sind. Wer also sich in der Zeit seiner Reifung bis zu einer politischen Meinung durchgerungen hat, der soll in die Reihen der gereiften Männer und Frauen übertreten und in deren Organisationen seinen Standpunkt verfechten, nicht aber versuchen, die Jngendbewegung selbst da hinein- Zuziehen. Der deutsch-jüdischen Jugendbewegung vermag ich im Rahmen der geschilderten Bewegung keinen anderen Platz zuzuweisen als irgendeinem anderen Jugendbnnd. Sie hat meiner Ansicht nach in ihrem Angehörigenkreise dieselben Aufgaben zu erfüllen wie die übrigen Jugendbünde. Zu diesen Aufgaben rechne ich nicht nur eine Einführung in die deutsche Geschichte und in das deutsche Geistesleben — von unparteiischer Warte aus gesehen oder wenigstens ohne Ausschluß bestimmter Meinungen — sondern auch die Heranbildung des jungen Menschen zu sozialem Verantwortungsgefühl, wozu gerade das Leben der Jugendbünde sehr viele Möglichkeiten gibt. Schließlich handelt es sich bei der ganzen Fragestellung, auch um eine Bildungsfrage im höchsten Sinne. Der Mensch, der all sein Wissen und seine Lebenserfahrungen einer daraus gebildeten höheren Lebensanschauung eingeordnet hat, der wird sich auch seiner Pflichten gegenüber der Volks-