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Central-Verein-Zeitung · 1926-04-01 · 14 (1.4.1926) · p. Seite 195

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
14 (1.4.1926)
Date
1926-04-01
Page
Seite 195 (sequence 7)
Language
German
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195 N. fU Klausner, der Erkämpfe? des obligatorischen Religionsunterrichts. Ihre Bitte, Ihnen eine Skizze von dem Wirken meines Vaters zu schreiben, kann ich im gegebenen Nahmen nur so weit erfüllen, als rch mich auf das- Gebiet beschränke, das ihm vornehmste Aufgabe war: Erziehung zu bewußtem Judentum. Wenn ich früher Kindheitseindrücke gedenke, so ist vorherrschend die Vorstellung, daß unsere Wohnung gleichsam keine Türen hatte. Offen für alle, die ein Anliegen hatten, hatte jeder einfach dadurch, daß er Anlaß Zur Klage fand, Anspruch auf die Hilfe unseres Vaters, unstreitig aber auf feine Zeit. Die stetige Hilfsbereitschaft war die Grundlage seines Wesens. Keim Wohltunsfreude, kein Dankerntenwollen war die Wurzel dieser Hingabe, eine leidenschaftliche Gerechtigkeitsliebe, ein Verantwortungsgefühl für die Zeit, die einzurenken ihn nicht erschreckte. Er schuf sich, ohne durch ein Amt gebunden zu sein, als politischer Schriftsteller eine einzigartige Stellung zu den Behörden. Diese Stellung war unabhängig von den jeweiligen Machthabern, überdauerte sie und gab ihm jederzeit die Möglichkeit, zugunsten einer gerechten Sache Forderungen zu stellen, die eben, weil sie von ihm gestellt wurden, aufmerksamer Prüfung sicher waren. In den Ku l t u r k a m p f j a h r e n war seine innere Einstellung Ursache seines Eintretens für die Gleichberechtigung der Katholiken, Anlaß zu freundschaftlichen Beziehungen zu W i n d t h o r st. Als im Jahre 1880 lm Reichstag die Händelsche A n t i s e m i t e n i n t e r p e l l a t i o n besprochen werden sollte, war Windthorst von Berlin abwesend. Durch ein sehr energisches Schreiben erreichte mein Vater es, daß Windthorst zur Zeit Zurückkehrte und namens der Zentrumspartei gegen die antisemitische Bewegung sprach. Einmal danach gefragt, zu welcher Partei er gehöre, antwortete mein Vater: „I ch b i n I u d e." Hier fühlte er, war sein Gebiet, hier nahm er den Kampf ans gegen Ungerechtigkeit, Vorurteil ltnb bösen Willen. Bei den Ministern verlangte er, erwirkte er in der Mehrzahl der Fälle Rücknahme der Ausweisungsbefehle gegen „lästige Ausländer". Diese Ausländer waren Heimatvertriebene, denen durch Gesetzes- und Berwaltungsmaßnahmen Rückkehr in ihr Geburtsland versagt war. Waren sie lästig in dem Sinne, daß sie, weil sie für ihren Unterhalt nicht sorgen konnten, andern zur Last sielen, so verlangte er von begüterten Glaubensgenossen die Mittel, um sie erwerbsfähig zu machen. Bewußt bekämpfte er hierbei Neigungen zu einseitig intellektueller Ausbildung und suchte seine Schützlinge zu Handwerkern und Landwirten heranbilden zu lassen. Lag aber das „lästige" des Ausländers nur darin, daß er jüdischer Religion war, so durste die Regierung sicher sein, daß er die Ausweisungsbefehle, so ausdauernd sie auch angewendet wurden, durch unerschrockene Gegenvorstellungen, durch hartnäckige Beschwerden besiegte. Hatte er für seine Schützlinge die Zurücknahme der Ausweisung oder die Naturalisation erreicht, so zeugten sie vielfach ihre dankbare Anhänglichkeit darin, daß sie ihm eme Art Generalpatenschast an ihren zahlreichen Kindern übertrugen. Auch dieser Aufgabe entzog sich der Ueberlastete nicht. Seine Arbeitskraft war erstaunlich. Um das Los seiner russischen Glaubensgenossen zu erleichtern, war er oft in P e t e r s b u r g wo er von den Ministern ebenso bereitwillig empfangen wurde wie hier. Als er eines Morgens, direkt von Petersburg kommend, sich an den Schreibtisch gesetzt hatte und arbeitete^ baten wir ihn, sich doch etwas auszuruhen, er wäre vierundzwanzig 'stunden gefahren. „Ja, aber die Lokomotive hat den Zug gezogen, nicht ich, ich bin nicht müde." Nie hörte er auf zu arbeiten, ehe das Vorgenommene erledigt war. Da Iein kräftiger Körper ihm kein Mahner war, hatte seine Familie ost die lnbequemlichkeit dieser Ausdauer zu spüren. „Wir essen pünktlich zwischen 2 und 10 Uhr Mittag", war ein Ausspruch meiner Mutter. Selbst aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie stammend, waren meinem Vater Mitglieder des Judentums unsympathisch, die vom Judentum nichts wußten und dieses Nichtwissen nicht als einen Mangel empfanden. Daß jüdische Eltern ihre Kinder ohne Religionsunterricht aus wachsen ließen, hielt er für eine Kulturlo si gkei t. Seinen unablässigen Bemühungen ist es dann gelungen, die preußische Negierung zur Einführung 'des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts zu veranlassen. Vor mir liegt ein Brief des Kultusministers Dr. Bosse, er schreibt an meinen Vater: „Der Gedanke an die Einführung des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts für die jüdischen Schüler der Volksschule hat in früher Zeit der Regierung ganz fern gelegen. Staatsseilig bekümmerte man sich um den jüdischen Religionsunterricht überhaupt nicht, überließ ihn vielmehr gemäß § 62 des Gesetzes vom 23. Juli 1817 aus- . schließlich den Synagogengemeinden. Ich selbst habe angenommen, daß die jüdischen Eltern an der ihrem Glauben entsprechenden religiösen Unterweisung ihrer Kinder in höchstem Maße interessiert seien und habe es für kaum glaublich gehalten, daß es jüdische Kinder gebe, die keinen Religionsunterricht empfangen. Die erste Kenntnis davon, daß diese Verhältnisse, namentlich hier in der Millionenstadt Berlin, anders liegen, habe ich als Kultusminister durch Sie erhalten. Sie sind auch der Erste und meines Erinnerns einzige gewesen, der unter wiederholter Darlegung prinzipieller Gründe bei dem Ministerium immer und immer wieder dafür cingetreten ist, daß kein volksschulpstichtiges Kind ohne Religionsunterricht, folglich auch kein jüdisches Kind ohne jüdischen Religionsunterricht bleiben dürfe, und daß die Ausdehnung des NnterrichtsZwanges auf den jüdischen Religionsunterricht notwendig sei, um die aus Unkenntnis erwachsende religiöse Indifferenz Zu bekämpfen. Ihrer nachhaltigen und erfolgreichen Vertretung dieser Angelegenheit ist es Zuzuschreiben, daß man auch amtlich damit„ sich Zu beschäftigen nicht umhin konnte." Bitte, p r ä g e n S r e sich ein: Familienanzeigen gehören in erster Linie in die „C.V.-ZeitungZ Tie aus Unkenntnis erwachsene religiöse Indifferenz ist durch die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts erfolgreich bekämpft worden, wie der Centralverein am besten beobachten konnte. Bei seinem Verkehr mit den höchsten staatlichen Machthabern hat mein Vater nie eine gekünstelte Bescheidenheit zur Schau getragen. Er ließ sich nicht von kleinen Anszeichnungen blenden und beglücken. Eines Tages sagte ihm der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, daß in Italien ein hochbegabter Jude Minister geworden sei; gefragt, ob er sich nicht dieses Zeichens der Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen freue, erwiderte er, „daß man einen hervorragend begabten Inden auszeichne, sei kein Beweis für die Gleichberechtigung; der wäre erst erbracht, wenn der erste jüdische Flachkopf Minister geworden sei". Müßiggang war ihm wesensfremd, Erholungsreisen im eigentlichen Sinne kannte er nicht. Wo er auch war, arbeitete er, und wie es nur Vielbeschäftigten gegeben ist, fand er immer noch Zeit, sich weiterzubilden. Seine große Bibliothek war ihm innerer Besitz. Die liebsten Erholungsstunden waren die, die er der U e b e r s e tz u n g der Bibel widmen konnte, lim sicher zu sein., dem ihm seit seiner Kinderzeit geläufigen Urtext voll gerecht zu werden, nahm der Fünfzigjährige noch einmal hebräischen Unterricht. Wenn auch der Erfolg der Gedichte der Bibel ihm eine große Freude war, seinen besten Dank hatte er doch schon in jenen Stunden genossen, in denen er seiner Lebensgefährtin das in deutsche Form Gegossene vorlas, seiner Frau, deren tapfere, wenig gesehene Mitarbeit an jeder ergriffenen Aufgabe ihm ein so reiches Wirken ermöglichte. Edith Klausner. Ein werk über Isiöor Kaufmann. In vornehm ausgestatteter Mappe faßt der Manz-Verlag sechzehn Bilder des Malers Isidor Kaufmann zusammen, die in schönen, farbigen Lichtdrucken und zwei Kupfertiefdrücken wiedergegeben und mit einigen einleitenden Worten des Kunstschriststellers Hermann Menkes geschmackvoll verbunden sind. Die Blätter enthalten männliche und weibliche Porträts von Ostjuden, Genreszenen aus dem ostjüdischen religiösen Leben, eine Tempelanflcht und ein Straßenbild. Schon anläßlich einer Würdigung Max Liebermanns habe ich an dieser Stelle betont, daß das Gemeinsame der von Juden geübten Malerei vorerst mehr gefühlsmäßig empfunden, als auf feste Formeln gebracht werden kann. Jedenfalls macht die Umwelt ihre Einflüsse deutlich geltend, selbst dort, wo — wie bei Isidor Kaufmann — eine stets erneute Wahl jüdischer Themen ganz besonders geeignet wäre, die künstlerische Handschrift der Juden klarer hervor» treten zu lassen. Nach den biographischen Angaben des Mukeschen Textes ist der Künstler 1854 in Arad in> einem frommen Elternhause geboren. Erst'mit 26 Jahren wird er sich durch die Kopie eines Moseskopfes, der Beachtung fand, seines Künstlertums bewußt. An der Budapester und Wiener Akademie findet er als Schüler von Thann-, Aigner und Trenkwald feine Ausbildung. Ter Zeitrichtung folgend, beginnt er mit Historienbildern und Anekdotenmalerei in dunkler Farben-- grla. Doch führt ihn seine Entwicklung zur Einfachheit und onumentalität der Darstellung ^n vielfach zarter, atmosphärischer Sellmalerei. Sein eigentliches Stoffgebiet wird das ostjüdische hetto. In einer Petersburger Ausstellung erringt er seine ersten Erfolge; Wiener und Budapester Museen erwarben feine Bilder, und als er starb, hinterließ er einen Künstlernamen von internationalem Rufe. Was nun die Kunst der vorliegenden Mappe betrifft, so stammt sie aus seiner fortgeschritteneren, reiferen Zeit. Man spürt Einflüsse von Holbein, Menzel, Israels, aber nur insofern wir es mit eineur gebildeten, kultivierten Maler zu tun haben, der genau um künstlerische Dinge Bescheid weiß, bewußt auswühlt und schafft. Er ist kein ganz Großer — man denke nur an Rembvandtsche Judenbilder, die aus einer ganz anderen Tiefe stammen, und deren Gesichts- und Gebärdensprache in einzigartiger Weise die dunkle Schickfalssprache der biblichen Gestalten und Worte erreichen, — aber ein ernster, würdiger, geschmackvoller Künstler mit feinstem Farbensinn und gutem Können. Ihn reizt mehr das Augenfällige des Ghettos, seine malerischen Gestalten, seine seltsamen Trachten, seine Gotteshäuser und heiligen Versammlungen. Wie eindrucksvoll er diese Erscheinungen zu gestalten weiß, mag eine Abbildung aus Seite 191 andeuten. Dieses weibliche Bildnis in strenger, fast hieratischer Haltung, ganz bewegungslos und symmetrisch vor feierlichem Hintergründe aufgebaut, zeigt bei aller Prachtentfaltung der Gewandung einen müden, um Trauer wissenden Ausdruck des Gesichts und der Hände, der erschütternd wirkt. Dies ist wohl sein bestes und tiefstes Blatt. Für alle, die an jüdischen Gestalten und Dingen Interesse habem wird die schöne Mappe ein wünschenswerter und bleibendem Besitz sein. Franz Landsberger.

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