Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 14 (1.4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 194 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Merjlüsfig erscheinen lassen könnte. Immer bleibt das große Ziel: Gemeinsame Arbeit an gemeinsamen staatlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Aufgaben." Rabbiner Dr. Gol-mann jLeipzig) führt zu dem Thema „fiufklärungsliteratur undie Notwendigkeit ihrer Verbreitung^ aus. „Wir brauchen Ausktnrnngslrt'era'tur, weäl es mit dem Augenblickserfolg eines Vortrags oder einer Versammlung nicht getan ist, sondern weil der Gegner nur dann geschlagen, d. h. bekehrt ist, wenn man ihn verfolgt. Eine solche Verfolgung durch Aufklärungsarbeit beansprucht Jahrzehnte, ebenso wie die Emanzipation nur das Ergebnis einer jahrzehntelangen Tätigkeit war. All unsere Arbeit im C. V. bleibt Stückwerk und ist vergeblich, wenn sie nicht eine gewisse Sicherung in etwas Dauerndem, Ewigem hat. Der Mangel an Systematik erschwert unsere Aufklärungsarbeit sehr. Es muß deshalb ein st ü n d i g e r dem Verein verantwortlicher Ausschuß gebildet werden, der nicht nur für die Verbreitung derjenigen Literatur sorgt, für die gerade Mitarbeiter sich finden, sondern der von sich aus zu ergründen versucht, auf welchen Gebieten Ausklürungsmöglichkeiten bestehen und Schriften verfaßt w e r d e n müssen. Manche Gebiete der einschlägigen Literatur sind, wie das Verzeichnis des Philo-Verlags erkennen läßt, überreichlich behandelt, während andere völlig außer acht gelassen sind. Drei Stufen sind vonnöten. Es müssen für alle Gebiete kurze, schlagwortartige Flugblätter geschaffen werden, die man in die Masse werfen kann. Der „M o r g e n" hat sich eine maßgebende Stellung in der deutschen Kulturwelt errungen und ist in erster Linie dazu bestimmt, unser Wesen zu schildern und unsere Ansprüche zu begründen. Der P h i l o - Ve r l a g, der unserem Verein angegliedert ist, muß nötigenfalls durch Zuschüsse ans unseren Mitteln unterstützt werden, weil kein Verlag sich selbst erhalten kann. Mit Rücksicht auf das Vorurteil, das die Welt nun einmal den bei uns verlegten Büchern entgegenbringt, sind wir daraus angewiesen, auch andere Verleger heranzuziehen. Die Aufklärungsarbeit selbst ist nicht nur unter N i ch t j u d e n , sondern in gleichem Maße unter unseren Glaubensgenossen zu leisten. Es ist eine traurige Tatsache, daß der Antisemit über alle einschlägigen Fragen und jüdischen Dinge, mag er sie deuten, wie er will, viel besser Bescheid weiß als unsere Mitglieder. Das Wort von der „inneren Mission" muß auch aus das jüdische Wissen und das jüdische B u ch angewandt werden. Unsere Ortsgruppen müssen unter den Mitgliedern viel eifriger Propaganda für unsere Literatur treiben. Die Möglichkeit der Verbreitung unseres Materials unter Nichtjuden ist mannigfaltig. Bibliotheken und Presse müssen herangezogen werden, akademische Kreise, die von unseren Gegnern mit Flugblättern und Broschüren überschüttet werden, sind zu versorgen. Zu diesem Zweck ist obligatorisch in den Etat jeder Ortsgruppe und jedes Landesverbandes ein bestimmter Betrag für A u f k l ä r u n g s l i t e r a t u r u n d deren Verbreitung ein zusetzen. An Stelle des Zufälligen muß auch hier die S h st e m a t i k treten. Dies gilt vor allem bei oer Frage, w a n n die Aufklärung zu erfolgen hat. Unsere Ortsgruppen und Freunde müssen sich daran gewöhnen, nicht nur Gelder zu sammeln, wenn irgendwo die Fensterscheiben eingeschlagen werden, und nicht nur Schriften zu verteilen, wenn die Gegner dies tun, sondern gerade jetzt in ruhigeren Zeiten an Hand von genau geführten Kartotheken nichtjüdischer Adressen den En tgiftungsprozeß durch sorgfältig ausgewählte Broschürenverteilung ein zu leite n. Der Opferwilligkeit und Arbeitsfreudigkeit unserer Anhänger bietet sich hier ein großes Feld. Die systematische Aufklärungsarbeit bedeutet die Sicherung der ganzen Arbeit des Centralvereins." Justizrat Sonnenfeld (Berlin) übernimmt die Leitung. Mgememe Aussprache. Die Redezeit wird auf fünf Minuten beschränkt. Geiger (Frankfurt a. M.) wendet sich gegen die Ausführungen Lewi n s, daß wir uns in unserer Einstellung zur praktischen Arbeit von den Gedanken Gabriel Rteßers entfernt hätten. Der jüdische Mensch möge ein anderer geworden sein, die Folgerungen, die man hieraus ziehe, gingen aber zu weit. Er unterstreicht die Ausführungen Weils bezüglich der engen Zusammenarbeit mit N r ch t j u d e n; bei der allzu großen Betonung der Eigenart des jüdischen Menschen müsse unser Verhältnis zur Umwelt leiden. Hinsichtlich der S i m u l t a n s ch u l e könne und dürfe eine Konzession nicht gemacht werden. Dr. med. Brodnitz (Berlin), dessen Worten sich Nothon (Hamburg) und Hirschberg (Breslau) anschließen, spricht sich für ein stärkeres Heranziehen der Jugend aus. Diese Arbeit könne nur von der Jugend für die Jugend geleistet werden. Eine Stärkung der Jugendbewegung dürfe aber nur insoweit erfolgen, als sie aus dem Boden der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung steht. Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) weist darauf hin, daß alle religiös interessierten Kreise ohne Unterschied der Richtung hinter dem C. B. stehen müssen. Herz-- feld (Essen) sieht aus der Ausstellung des Philo-Verl a g e s, daß wir aus d e m richtigen Wege v o m Wort z u r T a t s e i e n. Während Edinger (Frankfurt a. M.) sich grundsätzlich gegen die Zugehörigkeit von Juden in deutschnationalen und vaterländischen Verbänden ausspricht, warnen Löweristeur (Aachen), Marx (Karlsruhe) und Kotzenstein (Frankfurt a. M.), der insbesondere auch sich für Aufklärung in unseren eigeneil Reihen einseht, Levinger (München) vor einer grundsätzlichen Stellungnahme lind e m p f e h l e n mit dem Referenten Entscheidung v o n F a l l z u F a l l. Eingehender befaßt sich Direktor Dr. Holländer (Berlin) mit den Ausführungen des Referenten über die Stellung zu den vaterländischen Verbänden. Es sei wohl richtig, daß der Deutschnationale Handlungsgehilfen verband sehr viele Mitglieder besitze, die keineswegs antisemitisch seien. Die antisemitische Agitation des D. H. V. in seiner Gesamtheit habe aber in letzter Zeit geradezu groteske Formen angenommen. Sein Organ, die „Deutsche H a n d e l s w a ch t", habe kürzlich einen schand* barenBries eines Juden veröffentlicht, der in Wirklichkeit gar nicht existiert und dem man von vornherein die Fälschung ansehe. Die Gefahr liege darin, daß jeder von den 300 000 Mitgliedern des Verbandes durch das Lesen derartiger Hetzereien gegen die Juden eingenommen werde. Bei Neueinstellungen müßten unsere jüdischen Geschäftsleute die Frage stellen, ob der Bewerber dern D. H. V. angehöre, und im Falle der Bejahung die Anstellung ablehnen mit der Begündung, daß dies nicht wegen der politischen Einstellung des Verbandes, sondern wegen der u nglaublichen Juden* hetze geschehe. Frau Fried (Berlin) gibt ein Bild vm der Mitarbeit der Fragen im C. V. und bvtont dir Notwendigk-ckt der Betätigung der jüdischen Frauen in vaterländischen Frauenvereinen. Wie das Beispiel von Groß-Berlin zeige, könnten gerade die Frauen mit großem Erfolg aufklärend wirken, besonders in denjenigen Kreisen, denen die Erziehung unserer Jugend anvertraut sei. , Ein Antrag auf Schlntz der Debatte imrd angenommen. Justizrat Brodnitz übernimmt den Vorsitz und faßt die Ergebnisse der Beratungen nochmals zusammen. Er stellt fest, daß durch die Beschlüsse des ersten Versammlungstages Klarheit.sür die Politik des Vereins geschaffen worden sei. Herzliche Dankeswor'te widmet er allen Delegierten und Referenten. Nachdem Tarnotvskr (Breslau) namens der Versammlung dem Vorsitzenden und G e s a m t p r ä s i d i u m den Da n k für die unparteiische Leitung unter großem Beifall ausgesprochen hat, Wi-rd die Tagung um 624 Uhr abends geschIosse nv , Schwere Bestrafung -er Erfurter Zrieöhofssthän-er. 2 Jahre 6 Monate Gefängnis, S Jahre Ehrverlust. Dr ah t m e ld u n g unseres L. L. - S o n d e rb e r i ch t» erstatters. Erfurt, 30. März 1926. Unter ungeheurer Anteilnahme der Erfurter Bevölkerung fand heute vor dem hiesigen großen Schöffengericht die Verhandlung gegen die Friedhossschänder Walter L a u d i n, Robert B a r t h o l o m a e und Seiden st Ücker statt. Die Täter waren geständig. Der Oberstaatsanwalt Eitelding er, der die Untersuchung selbst geführt hatte, hatte die Höchststrafe von drei Jahren Gefängnis beantragt. Er führte in seiner Begründung aus, daß die Friedhofsschänder nicht nur das Ansehen Erfurts, sondern Deutschlands in der ganzen Welt geschädigt haben. Selbst eine ausländische Zeitung, die Genfer „Tribüne", berichtet über die Tat und „den Vandalismus der Deutschen". Es täte ihm leid, daß er in diesem Falle keine Prügelstrafe beantragen könne. Das Urteil des Gerichts wurde dann wie folgt verkündet: Die Angeklagten sind des Vergehens gegen § 304 in Tateinheit mit §168 des Strafgesetzbuches schuldig. Bartholomae und Laudin werden mit je zwei Jahren nnd sechs Monaten Gefängnis und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf drei Jahre, Seiveü? stücker zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Sämtliche Angeklagten werden zur Tra-> gnng der Kosten verurteilt. Vor dem Gerichtsgebäude warteten Hunderte von MensclM auf das Urteil. Die Polizei mußte für Ordnung sorgen.