Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 14 (1.4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 193 (sequence 5)
- Language
- German
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193 rügt und mit Energie dafür sorgen, daß die Lehrerfrage auf den: Lande gelöst wird. Als Drittes milch iwtfere AufmerksamM auf die E u t w i.ck tu n g der Schulen gerichtet werden. Es sollte in Deutschland einige höhere Lehranstalten, die keine Bekenntnisschulen im juristischen Sinne zu sein brauchen, mit jüdischem Patronat geben, um das deutsche Kulturbewutztsein des Juden zu stärken. Wrr Kinder des deutschen Geistes müssen in dem Faustischen, dem Drang nach dem Absoluten, weiter arbeiten und weiter leben als deutsche Volt'sbürger jüdischen Glaubens." Sodann teilt Direktor Luöwig Holländer Berlin) zur Frage „Mrtsthaftsprobleme" mit, daß die Nachforschungen und Untersuchungen hierüber noch nicht so weit geklärt seien, daß sie ausführlich erörtert werden könnten: die Zurücksetzung der jüdischen Angestellten im Wirtschaftsleben müsse aber jetzt schon besprochen werden. Für einen jüdischen Mediziner, der sich in einem Spezialfach ausbilden will, ist es beinahe unmöglich, eine Anstellung als Assistent zu finden und wir gehen einem Zeitpllnkt entgegen. in den: es jüdische Spezialisten nicht mehr geben wird, weil die Ausbildungsmöglichkeiten fehlen. Der geheime Ansschlntz der Judeu greift immer mehr um sich, und der Kreis der Berufe, der einem jungen jüdischen Deutschen offen steht, schmilzt immer miehr zusammen. Dieser ernste Notstand erfordert eine gründliche Untersuchung, wie eine Lösung erfolgen könne. Die einzelnen Landesverbünde werden das tatsächliche Material nach Unterbringung von Assistenten, Ansbildungsmöglichkeiten und Anstellung von Juden beschaffe!: müssen, damit mau dann mit einer Gesamtnntersuchung über die bcirtfdjcn Verhältnisse an die Öffentlichkeit treten und nicht nur unsere G l a u b e n s g e n o s s e n auf die hier erwachsende Gefahr, sondern auch die Allgemeinheit aus die Schädigung für die Entwicklung u n - seres Volkslebens Hinweisen kann. Besonders bedauerlich und traurig ist es, luentt von I uden geleitete o d erbe e i n fl u ß t e große Unternehmungen grundsätzlich jüdische Angestellte ablehnen. Auf keinen Fall darf zu dem Problem weiter geschwiegen werden; denn es handelt sich nicht nur um eine Frage der sittlichen Berechtigung, sondern um die Zukunft der jüdischen Jugend. Geiger (Frankfurt a. M.) übernimmt die Leitung und gibt das Wort zum Thema: „Unsere Stellung zu öen vaterländischen verbänden" Iustizrat Gallinger (Nürnberg). „Es war ein Zeichen großer Organisationskunst, wie innit in den Jahren nach dem Krieg verstanden hat, neben den politischen Parteien eine Reihe großer gesinnungsverwandter Organisationen Zu schassen und die alten und neuen Vereinigungen dieser Art verbunden als „Vaterländische Verbände" in den Kampf zu stellen, wobei das Wort Vaterländisch besonders auf unpolitische Kreise wirken: mußte. Diese Vereinigten Varerländischen Verbände umfassen über 130 Einzelverbände, und wenn mau die außerhalb stehenden hinzuzählt, so ist die Zahl 200 nicht zu hoch gegriffen. Es gehören hierzu aus - gesprochen politische Verbände: Deutschvölkischer ^chutz- und Trntzbund, Alldeutscher Verbands berufliche und wirtschaftliche mit stark politischem Einschlag; Landbund, Deutschnationale Berufsverbände verschiedener Art, die großen Wehrverbünde, Stahlhelm und andere; Verbände mit kulturellem Arbeitsgebiet, wie der Jungdeutsche Orden, die bekannten bayerischen Vaterländischen Verbände, Bayern und Reich usw.: und endlich, mehr an der Peripherie der Bewegung stehend, die auf außenpolitische Arbeit hinzielenden Organisationen wie Ostmarkenvereiu und Verein für das Deutschtum im Ausland. Es ist Sache der politischen Parteien und Faktoren, sich mit der politischen Seite der sogenannten vaterländischen Bewegung zu befassen. Für die Frage, wie wir als Juden und als jüdische O r g a n i s a t i o n zu diesen Verbänden uns stellen, ist vorweg maßgebend: wie sie sich zu u n § st ellen, und nicht zu letzt auch, wie w i r wünschen, daß sie sich zu uns stellen sollen. Dm Antisemitismus, une er uns nicht nur vom Schuh- und Trutzbund, sondern auch vom Landbund, dem Alldeutschen Verband und vielen anderen Verbänden entgegentrittz bekämpfen wir in aller Offenheit und mit aller Schärfe. Völlig verfehlt wäre es anderseits, die auf außenpolitische Arbeit eingestellten Organisationen, wie den Verein für das Deutschtum im Ausland, als unsere Gegner zu betrachten. Die' Losung kann nicht lauten: gegen den Verein, sondern vielmehr: hinein in den Verein zur ehrlichen Mitarbeit. Schwieriger gestaltet fick) das Problem bei manchen Vereinigungen, die zwar durch die Betonung ihres politischen oder christlichen Charakters oder durch ihre Zusammenarbeit mit gegnerischen Verbänden gegen uns eingestellt erscheine):, deren Stellung zur Juden frage jedoch noch schwankt. Der Stahlhelm, ein Froutkämpferbund, der die Erhaltung der deutschen Wehrkraft anstrebt., steht durch seine Ziele mit * unserer Arbeit nicht in Widerspruch;, er betont seinen überparteiischen Charakter; einzelne Ortsgruppen nehmen Juden als Mitglieder arrf, andere sind gegnerisch eingestellt. Der Jungdeutsche Orden, der die deutsche Volksgemeinschaft auf christlicher Grundlage, die sittliche Wiedergeburt des deutschen Volkes erstrebt, hat durch Erklärung seines Großmeisters abgelehnt, antisemitisch zu sein, wenn auch aus Rücksicht auf die Zeitstimmung die Ausnahme von Juden nicht möglich sei. Öffentliche Angriffe gegen Den C. V. zwangen uns schon zur scharfen Abwehr; judenseindlich arbeitet der Orden in Bayern unter dem Pfarrer I o h n s e n in K o b u r g; verständiger lautete letzthin eine öffentliche Erklärung des Ordenshochmeisters. Das Charakterbild des Ordens schwankt. Man glaubt manche Verbünde an einem Scheideweg zu sehen; der Weg zur Vernunft ist nicht ausgeschlossen. Viele Angehörige dieser Verbände sind von aufrichtiger idealer Ge-« sinnunq für das Vaterland erfüllt, auch da, wo wir ihren Wegen nicht folgen können. Anbiederung ist entschieden cbzulehnen; w i r können warten! Fest steht nufere Stellungnahme gegen die Bestrebungen des H ochs ch u l r i n g s deutscher Art, der das Rassenprinzip an den Hochschulen vertritt. Wir bekämpfen das judenfeindliche Verhalten des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-- Verbandes, ohne zu verkennen, daß den einzelnen oft nicht die Gemeinschaft der Gesinnung, sondern der Anteil an den Wohlfahrtseinrichtungen an den Verband fesselt, und daß persönliche Schärfe zur Nadi ka-lisi eru ng führt. Alles in allem gilt es abzuwägen und zu scheiden; wo unsere Grundsätze es fordern, fest aufzutreten und zu handeln; aber auch Brücken nicht zu vernichten, die in ruhigerer Zeit wieder-den Weg zur Volksgemeinschaft tragen können. Wir vertrauen, daß dann das Wort „Vaterländisch" wieder allgemein einen Klang erlangen werde, in den auch wir deutsche Juden freudig einstimmen können." Rechtsanwalt Dr. Druno Meil (6eclin) sührt über „völkischer und jüöijcher öopkott" aus: „Die moderne Boykottbewegung macht nicht bei wirtschaftlichen Fragen halt, wie in der Vorkriegszeit, sondern sucht aus politischen Motiven die wirtschaftliche Schädigung unbequemer Berufs- oder Volkskr-eise herbeizuführen. Dabei ist deutlich zwischen Osfensivboykott und den Maßnahmen zu unterscheiden, die sich nur als Verteidigungshandlungen (Leseusivboykott) darstellen. Der politische, gegen Inden, gerichtete Boykott hat seinen Höhepunkt am Ende der Inflation?- und zu Beginn der Stabilisierungsperiode gehabt. Seine Formen waren verschieden; öffentliche Verrufserklärungen, die von einigen völkischen und deutschnationalen Ortsgruppen erlassen wurden, gab es verhältnismäßig selten; dagegen konnten häufig g e h e i m e Z u s a m m e u s ch l ü s s e sestgestellt werden, wobei auch die ehrenwörtliche Erklärung, jede geschäftliche Berührung mit Juden zu meiden, eine Nolle "spielte; z. B. beim pommerschen Landbund, Kreisgruppe Rummelsburg. Besonders bemerkbar machte sich der Boykott in Pommern und Ostpreußen, überhaupt aus dem flachen Lande und in den kleinen Städten, auch im Vogtland besonders stark. Die Bewegung ist jedoch mit der allgemein einsetzenden Kreditnot und der Umgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse erheblich zurückgegangen, aus Pommern wird sogar ein fast völliges Erlöschen gemeldet. Für die Gegenbewegnug ist daran festzuhalten, daß nur in unbedingt beweisbaren Füllen vorgegangen werden darf. Boykott braucht nicht immer mit Boykott beantwortet zu werden. Gerichtsverfahren dürfen nur in tatsächlich und rechtlich völlig sicheren Fällen anhängig gemacht werden. Tie in letzter Zeit ansgetauchten Listen jüdischer Aerzte, jüdischer Rechtsanwälte, jüdischer Handwerker usw., die den ausgesprochenen Zweck haben, nur sich wirtschaftlich gegenseitig zu fördern, sind zu mißbilligen. Wo die Möglichkeit einer anderen Einwirkung an Stelle des Boykotts gegeben ist, muß davon Gebrauch gemacht werden. Mitteilungen über Bäder, Hotels oder Firmen, die, wie Borkum oder der „Kölner Hof" in Frankfurt a. M„ s e f b ft Wert darauf lege n, als j u d e n r e i n zu gelten, sind natürlich unb-edenklich. Auch dort, wo jüdische Gäste als u n c r w ü n j ch t angesehen werden oder irgendwelche Zurücksetzungen erfahren, ist es das Recht der jüdischen Organisationen, hiervon ihren Mitgliedern Kenntnis zu geben.' Bei einzelnen Vorgängen muß die Bedeutung des Vorfalls seine Veröffentlichung rechtfertigen. Eine allgemeine antisemitische Betätigung tann aber niemals a ls ge nüg e n de Grundlage zu einer Verrufserkläru n g a n g e s e h c n w erbe n. Tie Erfahrung hat gezeigt, daß Zureden und Ueberzeugen mitunter 3u größerem Erfolg führt als ein Gegenboykott. Die Haltung B a y ° reut h s, das sich nach den bekannten Erklärungen Siegfried Wagners konsequent in unpolitischer Betätigung bewegt, ist ein ausgezeichnetes Beispiel hierfür. Die Erfahrung hat gezeigt, daß auch mit reiner Defensive sich in der Boykottbewegung gute Erfolg erzielen lassen. Aber auch der defensive Boykott ist nur als ultima ratio zulässig. Allen gesellschaftlichen Bestrebungen zum Abschluß der deutschen Juden muß entschieden entgegengetreten werden; aber auch wir selbst dürfen uns, verbittert von gesellschaftlichem Antisemitismus, nicht von dem Verkehr und den: Zusammenleben mit der christlichen Umwelt abschließen, auch da mcht, wo eme genügend große Zahl von Inden den Anschluß und die gemeinsame Arbeit mit christlichen Kreisen