Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 14 (1.4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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190 bespiegelung, lvenn wir annehuren, daß im jüdischen Daseinskreise auch heute noch die kindlich-zarte Sorge der Jungen gegenüber den Alten sich aus eine besondere Art bewährt. Die Nachwirkung des Ghettos allein, die Einsamkeit jüdischer Menschen inmitten einer kalten, mißtrauischen oder gar feindseligen Umwelt, haben gewiß ihren Anteil an der Erzeugung jener Pietätsgesinnung; aber sie verstärken nur eine geistige Haltung, deren Hauptquelle die wache Treue gegenüber dem in Glauben und Taterfüllung einigen Gefühl der lebendigen Gemeinde Israels war. Wir wiederholen in der Pessach-Hagadah den Satz der Thora: „Und dir sollst es künden deinen: Sohne." Man möchte jagen, daß in einem solchen Worte geradezu die pädagogische Grundeinstellung unserer Religiosität zum Ausdruck kommt. Die heilige Lehre zeigt nur daran ihre über die Zeit erhabene Wahrheit und echte Gültigkeit, daß sie in dem Menschen das Bedürfnis weckt, sie auch den Kornmenden einzuprägen. Das Lehren ist so sehr unnrittelbare Darstellung des eigenen innerlichen Lebens, wie es die Aneignung der Lehre, das Lernen, ist. Das allgemeine menschliche Gefühl, daß wir den Wert und die Erhabenheit von Ideen und Werken an ihrer Bedeutung für die Zukunft ermessen, daß die Tagesbedeutung Bedeutungslosigkeit ist, steigert sich für die jüdische Empfindung so stark, daß hier der Sinn gegenwärtigen Besitzes davon abhängig erscheint, ob er auch in Kommenden Herz und Gemüt erfüllen könne. Man möchte beinahe von einer Umkehrung des Pietätsgefühles sprechen, indem die Väter die Bestätigung für die Wahrheit und Göttlichkeit ihrer religiösen Ue'berzeugung, für den Ernst und das Recht ihres Lebenscharakters sich dadurch zu erwirken suchen, daß sie von Kindern und Kindesrindern ihr Sein und ihre Art, Gott und den Menschen zu dienen, empfangen und weitergetragen sehen. Ter Zusammenstoß zwischen alt und jung, zwischen denen, die sich gerade im Kernhaften ihres Wesens, in ihrer Frömmigkeit, fortgelebt fühlen, und denen, die nicht Nachkommen, sondern -selber Ahnen sein wollten, war und ist im Judentum heftiger, schmerzlicher unb schwerer heilbar als anderwärts. Auch hier ist nicht bloß das geschichtliche Schicksal schuld, das so viele Generationen die jüdischen Menschen in engumhegtem Lebenskreis umschlossen hielt und sie dann mit ungestümer Plötzlichkeit so ganz andersartigen Einflüssen preisgab, sondern viel stärker eine innere Tatsache des Charakters. Aller patriarchalischer Taseinsstil, alle gruppenhaste Gebundenheit hatten hier nie vermocht, die seelische Wachheit einzuschläfern, den Geist der einzelnen zu verdumpsen, zur bloßen Instinkt- Mäßigkeit der Nachahmung und Eingewöhnung herabdämmern zu lassen. Wohl ist in der Geschichte keine Mahnung treuer befolgt worden als die des Gesetzgebers, „darüber zu sinnen bei Tag und bei Nacht". Wurde so bei aller pietätvoller Einfügung in Brauch und Denken, die überliefert waren, der Sinn für persönliche Ueberzeugung geschärft, die Sehnsucht nach eigener Meinung geradezu herausgefordert, so konnte nicht fehlen, daß die im geheimen immer gerüstete Kritik hervorbrach, sobald die Schranke jener engen Daseinssphäre sich öffnete. Wir stehen hier vor einem jener großen Gegensätze, welche die Eigentümlichkeit jüdischen Wesens ausmachen:, "konservatives Festhalten und unbändiger Freiheitsdrang, pietätvolles Empfinden bis zur Sentimentalität und hemmungsloser Ueberschwang zu neuer Gestaltung; und beides oft verbunden in einer Seele. , Vielleicht birgt sich in solcher ursprünglichen Zwiespältigkeit die Brücke. Ist es die Regsamkeit persönlichen Lebens, die den jüdischen Menschen, tief eingebettet in der Atmosphäre traditioneller Gestimmtheit, davor bewahrt hat, Tier der Herde zu sein, so dürfen wir hoffen, daß die Ueberz e u g u n g s t r e u e, die, ein Erbgut unserer Art, den Kindern unserer Gemeinde überhaupt eigen ist, ihnen allen die Augen öffnet für das ewig Wertvolle, das der Gott der Väter uns geschenkt hat. Das Pessachfest ist das Fest der Befreiung, und die Art, wie es im Hause in der Familienfeier der Sederabende begangen wird, ein rechter Hinweis darauf, daß unsere Gemeinde immer die Eltern mit den Kindern bedeutet. Man möchte es für ein Symbol der Einigung, der Versöhnung tiefsten Gegensatzes halten, an dem 'wir leiden. Aus gemeinsamer Gesinnung ging stets gemeinsame Tat hervor.' Auch das Umgekehrte dünkt uns nicht unmöglich und hat ja gerade in unserem Kreise genug Vorbilder, daß das Bedürfnis nach gemeinsamer Tat der Erhaltung -und Rettung die Treue für die jüdische Idee weckt und wach erhält bei Alten wie bei Jungen. flbtl ptttuu Dev Maler der Bibel tw# Des Orients. Im Berliner Kunstsalon von Schulte hat gegenwärtig der Maler A bei Paun aus Jerusalem, der sich als Schrlderer jüdischer Themata seit Jahren schon großen Ruf erworben, auch weitab von seinem palästinischen Wohnsitz, namentlich in Paris und in Amerika., Aufmerksamkeit erregt und bedeutende Anerkennung gefunden, seine erste deutsche Ausstellung veranstaltet. Wieder ein Talent, das sich aus der Enge der Bedrückung der jüdischen Bevölkerung im einstigen Zarenrußland den Weg ins Licht bahnte. Ans einem verlorenen litauischen Nest, Papile geheißen, kämkste Pann sich als Achtzehnjährrger nach Paris durch und erlebte den ungeheuren Wechsel vom Ghetto in die freie Kunstlust des französischen Malerzentrums. Gereift, mit den Waffen einer gründlichen Schulung ausgerüstet, zog er dann ins Gelobte Land, um die Erscheinungswelt des Judentums an der Quelle zu studieren und sich für die Vorstellungen der Bildkompositionen, die in ihm zur Gestaltung drängten, aus unmittelbarer Anschauung ein Fundament der Wahrheit zu bauen. Pann hat eine lange Reihe von Bildern gemalt, in denen sich die volksmäßige Anschauung der russischen Kunst und die technische Erfahrung, die er bei französischen Lehrern ausgenommen, mit der Stoffwett auseinandersetzen, die ihm von Jugend an zu brennender Anteilnahme beschäftigte. Das Wesen seiner Begabung jedoch ist das Illustrative. Mit dem Schwarz-Weiß der Zeichnung, mit . bunten Stiften, in graphischen Techniken aller Art zu erzählen, ist seine Lust und seine Stärke. Ihre schönste Frucht hat diese Neigung in der ergreifenden Folge „Der T r ä n e n k r u g" gezeitigt. Es ist ein Zyklus von Darstellungen des Leidens und der Verfolgung unter der Knutengrausamt'eit russischer Pogrome, die niemand ohne tiefste Bewegung und Ergriffenheit betrachten wird. Diese Zeichnungen, die dann in Lichtdruck vervielfältigt und in einer Mappe vereinigt wurden, berichten von unsäglichem Erleben der Schinerzen und des Unheils. Sie stellen ein bleibendes Denkmal jüdischer Qual und Gehetztheit, menschlicher Abscheulichkeit und Niedertracht auf der anderen Seite dar. Was ihnen aber erst ihren eigentlichen Wert gibt, ist die außerordentliche Kunst, mit der die furchtbaren Eindrücke, die aus Panns Seele lasteten. Form annahmen. Weit über das Gegenständliche hinaus erreichen die Blätter der Serie ihre Wirkung durch die Sprache ihrer Linien, die, indem sie Gestalten, Szenen, landschaftliche Umrahmungen mit packendem Realismus sesthält, die Stimmung des Schreckens und der Verzweiflung wunderbar auffängt und auf den Beschauer überträgt. In Palästina entstand dann der Riesenplan, in einem gewaltigen Korpus farbiger Darstellungen, in Pastell, den ganzen Umkreis des biblischen Epos nachzuzeichnen. Sie sind in der Hauptsache von vornherein für den späteren Druck berechnet, und das Streben Zur farbigen Bildmüßigkeit tritt darum zurück gegen die Anordnung der Farbflüchen in Rücksicht ans die Reproduktion. Auch sie wollen erzählen. Wollen aus der ungeheuren Fülle orientalischer Ausschnitte und jüdischer Typen, die dem Künstler im Orient zuflossen, die Mitte! gewinnen, um die Ereignisse der biblischen Legende ganz aus der Sphäre ihrer Heimat aussteigen zu lassen. Ihr Reiz ruht vor allem im Figürlichen, in der Art, wie die Wahrnehmungen der Wirklichkeit ringsum sich in die phantastische Beschwörung einer heroischen, mit unvergleichlichem Dichtersiun erfundenen Märchenwelt umsetzten. Propheten und Helden, ehrwürdige Patriarchen und ausblühende jugendliche Gestalten, charakteristische Männerköpse und seltsam geschmückte Frauengesichter Lauchen vor 'unseren Augen empor, aus dem Boden des "Morgenlandes gewachsen, und zugleich umwittert von den mit leidenschaftlicher Einbildungskraft erschauten Geheimmssen einer heiligen Vorzeit. M<rx Osborn. Die Flucht. „Der Tränenkrug“. Von Abel Pann•