Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 13 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- Seite 178 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Staatsrat a. D. Cohn (Dessau) führt aus, man versuche, ihn wegen seiner für den Keren Hajessod gegebenen Unterschrift gegen den Centralverein auszuspielen; an dieser Unterstellung sei kein wahres Wort. Hinter die Ideen, die Holländer vorgetragen habe, müßten sich alle stellen. Der große Zulauf ans den Reihen der deutschen Inden zürn Zionismus ergebe sich aus einem salschverstandenen Idealismus, gegen den wir unsere Arbeit zielbewußt führen müssen, ohne aber unseren Feinden das Schauspiel eines Brnderkampses zu bieten; der Gegensatz der Weltanschauung dürfe bei aller Vornehmheit des Kampfes nicht verwischt werden. Wenn man nicht mit Scheuklappen herumgehe, komm man nicht bestreiten, daß der Ausbau Palästinas, dein der Laren Hajessod diene, nach der Gestaltung der Dinge in jüdisch-nationalen Ideen wurzle. Man müsse aber aus Toleranz die Palästinaarbeit anerkennen, auch wenn die Führer Zionisten seien. Er trete für diese Arbeit nicht nur aus religiösen Gründen ein, die jenseits unserer Kritik stehen, sondern weil dort Glaubensgenossen mit Opsennut und Selbstverleugnung fanatisch kämpfen. Man solle es ihnen aus unserem Arbeitsgebiete nachmachen. An der jüdischen Kulturtat in Palästina könne man nicht Vorbeigehen. Alan müsse eben nicht die Interessen der Zionisten, sondern das Charitative der Bewegung in den Vordergrund stellen und könne trotzdem ein guter Deutscher sein. Wir sollten hinsichtlich der Vereinsarbeit nicht Splitterrichter spielen und rnüßtell dem Hauptvorstand die Freiheit der Betätigung überlassen. Dr. Norbert Einstein (Berlin): Ter manne Appell von Herrn Dr. Holländer, für Ausklärung zu sorgen, muß im ganzen Lande Widerhall finden. Es ist notwendig, noch viele antisemitische Schtagworte zu widerlegen. Beim Aufblühen des wirtschaftlichen Antisemitismus drängen, sich einem mancherlei Gedanken aus. Die Wirtschaftskrise tobt gerade aus Erwerbsgebieten, in denen die Juden, relativ stark vertreten sind. Sie werden auf dem Lande durch die Genossenschaften, die in starkem Aufschwung begriffen sind, mächtig bedrängt. Die Konzentration wirtschaftlicher Kräfte schafft Gebiete (z. B. der Anilinkonzern und der im Entstehen begriffene Montantrnst), die ohne jüdischen Einfluß sind. A u ch der schwe r e V o x w u r f der Antise - miten, daß e s gerade die Juden sind, die zu internationalen Verpflichtungen aus Kosten der n a t i o - n a I e n Wirt s chaft neige n, \v i r d a n g e s i ch t s d e r i n -t e r - nationalen V e r t r u st u n g g e r a d e st v e n g u i ch t j ü d i s ch e r I n d u st r i e o r g a n i s at i o n e n w i d e r l e g t. Und daß wir in"der „Judenrepublik" leben, in der Jüdisches unterstützt wird, läßt sich bei den vielen Rettungsaktionen des Staates für nichtjüdische Jndustriegruppen (man denke nur an Oberschlesien und Mannesmann) nicht aufrechterhalten. Wir fürchten, daß Inflation und Deflation zu einer starken Kräfteverschiebung zuungunsten der Juden geführt haben. Wir müssen alles daransetzen, um alle diese schtagworte zu widerlegen. Der Vorsitzende gibt einen inzwischen einaelausen'Ln Antrag -es Landesverbandes Groß-Berlin 'bekannt:" ,,Tie Hauptversammlung billigt die ans Einigkeit der deutschen Juden im Kampf gegen ihre antisemitischen' Feinde gerichtete Politik des Hauptvorstandes. Die Hauptversammlung sieht hinter dem Beschluß des Hanptvorstandes" vom 10. April 1921." Justizrat Wolfs (Breslau) bittet, eine Debatte und Abstimmung über den zweiten Teil des Antrages nicht vorzu nehmen, um nicht unsere Mitglieder vor die Wahl zwischen C. V. und Zionismus zu stellen. Denn außer den sogenannten führenden. Persönlichkeiten sympathisieren noch sehn viele andere Mitglieder des C. V. mit dem Keren Hajessod. Demgegenüber betont Dr. Glaserfcld (Berlin) zur Begründung des eingebrachten Antrages, daß i n B erli n die ü berwiegend e Mehrheit der C. V. - M i t g l i e d e r nichts vom Keren Hajessod w isse n wolle. Ter C. V. verschiebe seinen Hauptzweck, die Bekämpfung des Antisemitismus, rvenn er mit dem zionistisch eingestellten Keren Hajessod paktiere. Jedes Mitglied des C. V., das für den Keren Hajessod einträte, sei in gleicher Weise zu verurteilen. Der C. V. sei stark genug, gegnerische Strömungen in seinen Reihen von rechts oder' links zu ertragen. Der Vorsitzende gibt darauf einen von Nathan, Sonnenfeld, Weil, Wertheim (Berlin) und Fleischer (Schneidemühl) eingelausenen Abänderungsantrag zu dem Antrag Groß-Berlin bekannt: „Die Hauptversammlung billigt die Politik des Hauptvorstandes. Sie steht hinter dem Beschluß des Hauplvorstandes vom 10. April 1921." Sußmann (Chemnitz) ist der Auffassung, daß die eingebrachle Resolution noch schärfer gefaßt werden müsse, um die ständigen Meinungsverschiedenheiten innerhalb des C. V. über den Keren Hajessod für immer zu verbannen, und um den Nichtjuden vor Augen zu führen, daß wir mit zionistischer Propaganda nichts gemein hätten. Die Hauptversammlung müsse durch einen Beschluß die Mitglieder des C. V. direkt warnen, den Keren Hajessod zu unterstützen, weil er nicht philanthropischneutral e n, sondern politisch - internationalen Zwecken büre, deren Endziel die E n t s r e m d u n g. fei. Ein Antrag auf Vertagung der Debatte wird abgelehnt, die Redezeit antragsgemäß aus 5 Minuten beschränkt. R.-A. Foerder (Breslau) führt aus: Der Koren Hajessod ist eme Frage des religiösen Gefühls, und genau so wenig, wie man einem unserer Mitglieder über die Beachtung der jüdischen- Spe-isegesetze Vorschriften macht, darf man ihm in der Kerev-Hajessod-Angelegenheit Steine in den Weg legen. Wenn der C. V. diesen Grundsatz verläßt, setzt er sich in Widerspruch mit den Ideen von Eugen FuchS. Redner verliest eine Stelle ans den: Buche von Fuchs und mahnt, daß uns sein Geist nicht verlasse. Dr. Franz Fuchs wendet sich hieraus als Sohn und Helfer von Eugen Fuchs in dessen letzten Lebenswahren gegen die Versuche, einen Gegensatz zwischen den Intentionen seines Vaters und der Politik des Centralvereins in innerjüdischen Fragen zu konstruieren. Er weist bnrauf hin, daß die Resolution von 1913 durch seinen Vater veranlaßt sei, und daß der Kamps gegen das Nationahudentum in den Jahren unmittelbar nach der Revolution unter Führung und stärkster Einsetzung seines Vaters ausgetragen wurde. Der Resolution vorl 1021 zur Keren-IIajessod-Frage habe er allerdings nicht zngestimmt, weil er damals nicht der Meinung gewesen sei, daß der Keren Hajessod im wesentlichen nationaljüdischen Interessen diene. Die Abweichung seiner Anschauung habe somit nicht auf einem Gegensatz über die Ziele der Politik, sondern nur über die Beurteilung der seinerzeit vorhandenen Lage beruht. Er habe sich auch der einmal vom Vorstand beschlossenen Politik gefügt und trotze der vom Vorstand dem einzelnen gewährten Betätigungssreiheit ein öffentliches Eintreten für den Keren Hajessod abgelehnt. Justizrat Brodnitz (Berlin) wendet sich unter großem Beifall der Versammlung gegen die Worte Foerders, der mit dem Namen von Eugen F u ch s Mißbrauch treibe. Eine Auslassung von H o m b it r g e x (Karlsruhe): „D e r Keren Hajessod muß ganz notwendig n ationnljü disch sein", treffe allein das Richtige; es sei»-eme Utopie, anznnehmen, daß jemand zu irgendeiner Zeit einen völlig neutralen Keren Hajessod schaffen könne. Der Vorsitzende gibt hierauf einen inzwischen cingegangenen Antrag Frank (Köln) bekannt: Die Hauptversammlung möge anerkennen, daß das Eintreten führender Persönlichkeiten aus den Reihen des Ceutralvereins für den Keren Hajessod bei den Mitgliedern des Centralvereins Berwirrung anzurichten imstande sei." Geheimer Medizinalrat Prof. Tr. Fätkenheim (Königsberg) tritt mit kurzen Worten für den Antrag Groß-Berlin ein. Schluß der Vormittagssitzung 2 Uhr. * Nachmittagssitzung. Leitung: Nattenheim (Königsberg). Beginn 3 Uhr 30 Minuten. Fortsetzung der allgemeinen Anssprache. Während Ellguther (Glatz) und Krombach (Essen) dafür eintreten, in der Frage des Keren Hajessod jedem Mitglied feine persönliche Freiheit zu belassen, unterstreichen Jacob (Dortmund) und Weil (Berlin) die Ausführungen derjenigen Redner nochmals, die einer unverfälschten Äusrechterhaltuug der Tend e n z des V e r e i n s d u r ch A b l e h n u u q einer BeLeilig u n g am Keren Hajessod als eine r j Li di sch - nationalen Angelegenheit zugesti ne m t h a b e n. Ein Antrag aus Schluß der Aussprache über den Keren Hajessod wird angenommen. Ter Antrag Nathan-Weil-Soune ufeld und Genossen mx.$> zur Abstinnnttng gebracht. Es erfolgt Zunächst Abstimmung über Satz 2: „Die Hauptversammlung steht hinter dem Beschlntz des Hauptvorstandes vom 10. April 1921." Der Beschluß lautet: „Wäre die Besiedlung von Palästina nichts weiter als ein großes soziales Hilfswerk, so wäre vom Standpunkt des CenLralvereLus gegen die Förderung dieses Wertes nichts zu sagen. Die Besiedlung von Palästina ist aber in erster Linie das Ziel nationaljüdischer Politik. Ihre Förderung und Unterstützung ist daher abznlrhnen. Solange die sozialen und geistigen Einrichtungen des deutschen Volkes und die religiösen und kulturellen Bedürfnisse des deutschen Judentums bitterste Not leiden, und solange zahlreiche heimatlose Inden unserer angenblieklichen und dringenden Hilfe bedürfen, hat jüdischer Gemeinschaftsgeist und Wohltätigkeitssinn überreichltche Gelegenheit und Pflicht zu fruchtbarer Arbeit innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft." Der Antrag wird m i t 4 (l e ts gegen 18 Stim - men angenommen. (Beifall und Händeklatschen.) Der Antrag F r a n k wird zurückgezogen. Die allgenieine Aussprache geht weiter. Caro (Berlin) lenkt die Diskussion aus die Kampfesweise Naumanns und seines Blattes. Hierzu erklärt Justizrat Brodnitz unter großem Beifall der Versammlung, daß es unter der Würde der im Centralverein vereinigte;: Männer und Frauen von alter deutsch-jüdischer Vergangenheit sei, auf Angriffe von solcher Form und solchem Inhalt einzugehen. Es folgt Abstimmung über Satz 1 des Antrages Nathan und Genossen: „Die Hauptversammlung billigt die Politik des Hanptvorstandes", btt mit allen gegen drei Stimmen unter stürmischem Beifall angenommen wird.