Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 13 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- Seite 176 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ore Hauptversammlung -es Centralvereins am 2. und 8. Marz 1926« / Aus dem Protokoll. Zu Beginn der Tagung, die im Sitzungssaal des früheren Herrenhauses stattsand, begrüßt Justizrat Dr. Brodnitz die Erschienenen und ernennt zur Entlastung des Vorsitzenden Geheimen MedizinalraL Professor Dr. F a l k e u f) c t m (Königsberg), Justizrat Gallinger (Nürnberg) und Dr« Geiger (Frankfurt a. M.) zu Mitleitern der Sitzungen. Unter lebhaften Beifallskundgebungen wird dann die Absendung eines Gtückwunschtelegrannnes an den Dichter Dr. Jakob Löwenberg in Hamburg anläßlich seines 70. Geburtstages und eines Begrüßungstelegrauunes an Ernst Wallach und Professor Goldstein (Darmstadt) beschlossen. Der Vorsitzende heißt weiter die durch die Wahl der Laudesverbände neu in den Hauptvorstand eingetretencn Herren Rechtsanwolt Dr. F r e u d e n t h a l (Erfurt), Kommerzienrat H a m b u r g c r, Landgerichtsrat Dr. Stern und Dr. Glaserfeld (Berlin) willkommen. Warme Worte ruft er dem soeben^ verschiedenen Hanptvorstandsmitgliede, dem unermüdlichen Kämpfer für den deutschen Gedanken im Freistaat Danzig, Rabbiner Dr. K a e l t e r, nach, und die Versammlung erhebt sich ihm zu Ehren von den Sitzen. Nachdem der Vorsitzende daun noch der in den letzten zwei Jahren verstorbenen Hauptvorstandsmitglieder und sonstigen treuen Mitarbeiter ehrend gedacht hat, gibt er dem Direktor öes Eentralvereins, Dr. Lu-rvig Holländer, öas Wort zu Sem Geschäftsbericht über -re Arbeit öes G. v. Unter Bezugnahme auf den gedruckt vorliegenden, rrf alle Einzelheiten eingehenden Tätigkeitsbericht ftihrt Dr. Holländer aus: In der Arbeit des Eentralvereins darf nicht die sogenannte Feuerspritzentheorie maßgebend sein, die besagt, daß man'chur da einzugreifen brauche, wo es brennt. Unsere Aufgaben sind andere geworden, weil sich auch die Zeiten erheblich geändert haben. Früher galt es. für unsere Gleichberechtigung und Gleichachtung der Staatsverwaltung und den Behörden gegenüber zu kämpfen, also gegen Unrecht von oben. Unsere natürlichen Gegner waren Reaktion und Feudalität; aber diese Kreise widmeten der Bekämpfung der Juden keine entscheidende Kraft, weil sie ja die Herrschaft unangefochten in Händen hielten und auf die Voltsstimmung kaum Wert zu legen brauchten. Jetzt dagegen ist das Volk Träger der Staatsgewalt, und der V o l k s g e i st ist entscheiden d. Die heutigen reaktionären Kreise sind daher gezwungen, sich mit ihrer Agitation an die Massen zu wenden und ihre Position durch S t i m m ungs m a ch e in weitestem Umfange zu unterbauen. Diesem Wechsel in den Machtverhältnissen muß auch die Arbeit des Eentralvereins gerecht werden: es handelt sich um Aktivierung der Masse. Zwei Wege stehen uns dafür offen, die einander bedingen und voranssetzen: der Weg Wer die V o l k s st i m m u n q und der Weg über die Volksbildung. Die außerreligiöse Betrachtung des jüdischen Deutschen ist allmählich zu einer Wissenschaft geworden, um einer einfachen Debatte standzuhalten sind nicht nur religiöse, sondern anthropologische, biologische, soziologische, politische, statistische, ökonomische und philosophische Kenntnisse notwendig. Ter christliche junge Mensch wird durch den Schulunterricht, namentlich in den sogenannten Gesinnungssächern, die sich ja mehr oder weniger mit diesen Dingen befassen, in diese Fragen eingeführt: dein indischen jungen Menschen aber kann der überaus beschränkte Religionsunterricht allein diese Kenntnisse nicht vermitteln, zumal diese Fragen auch viel zu schwierig sind, um sie in biejcm Unterricht von zwei Stunden auch nur annähernd verstehen zu können. Unsere Sache muh es also sein, dafür zu s o r g e n, daß unsere Mitglieder wenigstens eine Ahnung von d e n Problemen, wenn auch nicht von den Einzelheiten b e k o m m e n. Darum müssen wir Wissen verbreitern Zunächst in unserem eigenen Kreis, und dann durch Mitteilung unserer Erkenntnisse an unsere andersgläubigen Mitbürger. Vorträge, Kurse, -Stellungnahme zu jedem aktuellen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Problem bieten uns die Mittel zur Verbreitung aufklürender Gedankengänge. Daran muß sich die Werbung für unsere Ideen anschließen. Wir besitzen gutes S ch r i s t e n m a t e r i a l in großem Umfange; aber zu seiner Nutzbarmachung bedarf es ständigen Ausbaues, und vor allen Dingen unermüdlicher Propaganda. Es muh dahin kommen, daß jede deutsche Familie etwas von jüdischem Sein und jüdischein Wesen, kurz, über die Einstellung ihrer jüdischen Mitbürger, erfährt. Es darf keine große Bibliothek, aber auch keine kleinere geben, in denen nicht wenigstens die elementaren Schriften über uns und unsere Umwelt vorhanden sind. Es darf keine wissenschaftliche Anstalt geben, die nicht ständig mit den wissenschaftlichen Neuerscheinungen, die unser religiöses, wirtschaftliches .und soziales Denken betreffen, beliefert werden. Von uns feindlicher Seite hört man oft die Behauptung, daß der jüdische Einfluß aus die Presse unverhältnismäßig groß sei. Das Gegenteil ist der Fall: unsere Arbeit auf dieftm Gebiet mutz viel intensiver werden, wenn wir der Forderung nach Wirkung in die Oeffentlichkeit auch in dieser Hinsicht gerecht werden wollen. Wir find heute mehr und mehr eine Zwangsgemeinschaft wider Willen im politischen Sinne geworden. Wollen wir diese unerwünschten Bande lösen, so können wir das nur durch Arbeit auf lange Sicht. Wenn wir von der Beeinflussung der Presse sprechen, so heißt das nicht etwa, für uns vorteilhafte, aber unrichtige Nachrichten lancieren, wie es unsere Gegner zu tun belieben, sondern dieWahrheitüber uns veröffentlichen, verhüten, daß V e r l e u m d u n g e n und falsche Nachrichten gebracht werden. Besonderes Augenmerk ist auf solche Artikel zu richten, die zwar nicht direkt gegen uns gerichtet sind, deren ganze Tendenz aber eine solche ist, daß sie mittelbar judengegnerisch wirken. Wer kann diese vielgestaltigen Ausgaben bewältigen? Die ehrenamtliche Arbeit wird allein dazu nicht ausreichen. Wir haben in den letzten Jahren ein bedauerliches Nachlassen der ehrenamtlichen Tätigkeit zu verzeichnen gehabt, das stellenweise geradezu verhängnisvoll in die Erscheinung trat. Es erklärt sich zu einem erheblichen Teil aus der beruflichen Ueberlastung jedes einzelnen unter dem schweren Druck der Nachkriegszeit; doch schuld daran ist außerdem eine unbestreitbare Lethargie, die sich immer in sogenannten ruhigen Zeiten breit macht und die nur dann zurücktritt, wenn Notstände vorhanden sind und in starken! Maße äußere Widerstände sich geltend machen. Gegen diese Lethargie heißt es cmzukämpsen. Es muß unter "allen Umstünden erreicht werden, daß neun Zehntel a l l e r E e n t r a l Vereins-Arbeit von e h r e n a m 11 i ch c n K rüsten geleistet wird; denn es ist nicht möglich, so viel Beamte 3 u b 1 ■ n11 b c n , um d i e Arbeit d u r ch w e g von diesen au fahren zu lassen. Die Hebung der e h t e n a m t l i ch e n Arbeit i st Lebensfrage des Eentralvereins. Niemals darf in unseren Ortsgruppen gesagt lverden, es geht nicht. Es geht alles. Es muß nur Psychologisch korrekt und mit klarer Blickrichtung auf die durch Veränderung des Weltgesichtes grundlegend - gewandelte Lage unserer Bewegung gearbeitet werden. Unser Arbeitsgebiet besitzt eine ungeheure Ausdehnung. Die Entwicklung auf Wirt s ch a s t l r ch c m Gebiete, ganz abgesehen von der Boykottsrage, die nur eine Erscheinungsform des wirtschaftlichen A n t i s e m i t i s m u s darstellt, ist stellenweise als geradezu bedrohlich anzusehen. Tie Bureaukratisierung und Mechanisierung der Betriebe schließt eine säst automatische Ausschaltung des Judentums in einem teilweise sehr bedenklichen Sinne in sich. Wir wissen ferner ganz genau, daß die Bild u n g der Konzerne 5 u m gr 0 ß e n Teil A u s s ch a l - t u n g aller jüdischen A n g e st e l l t e n bedeutet. Hier hilft nur energische und zielbewußte Arbeit gegen die Hemmungen, die der wirtschaftlichen Gleichstellung entgegenwirken. Nicht minder wichtig ist die Beobachtung des politischen Gebietes. Wir müssen unterrichtet sein über das, was vorgeht, was vor allen Dingen auf dem flachen Lande vorgeht, wo die irregulären Organisationen das Land verseuchen. Nicht viel ersprießlicher liegt für uns das Gebiet der Judicatnr, der Beamtenbesetzung, der Hochschul- und der Kommunalpolitik. Hier bleibt uns fast noch alles zu tun übrig, um die dringende Forderung zu erfüllen, daß die verbriefte Gleichberechtigung unserer Heranwachsenden Jugend endlich auch zur Wirklichkeit werde. Was nun die innerjüdischen Probleme angeht, so hat der Centralverein bei der Erörterung dieser Fragen stets den Standpunkt eingenommen, daß unter allen Umständen Vornehmheit der Gesinnung und Anerkennung der berechtigten Eigentümlichkeiten auch der gegnerisch gesinnten Parteien das Ziel seines Handelns sein muß. Trotzdem hat der Centralverein es nicht verhindern können, daß z. B. aus Anlaß der Behandlung des Steiger- Prozesses Herr Ministerialrat Badt im „Tagebuch" folgendes schreibt: „Würde man es für möglich halten, daß das wöchentlich einmal erscheinende Organ der der Zahl nach größten Vereinigung „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", daß eine führende „jüdischliberale Zeitung" in Berlin bei ihren Lesern keinerlei Interesse für diese Dinge voraussetzt, oder jedenfalls glaubte, keinerlei Interesse Zeigen zu dürfen, um nicht, Gott behüte, in den Verdacht des mangelnden deutschen Patriotismus zu geraten?" Der Bearbeiter der Steiger-Angelegenheit im Centralverein, Herr Dr. Nathan, hat in der „C. B.-Zeitung" die Begründung der Politik des Eentralvereins mitgeteilt und auch dem „Tagebuch" sowie Herrn Ministerialrat Badt die Stellungnahme des Vereins klargelegt. Eine Berichtigung ist leider nicht erschienen. Mit besonderem Bedauern mutzten wir ferner feststellen, daß ein Herr Wald mann, Redakteur der „Jüdischen Rundschau", in Versammlungen, die er für den Keren Hajessod abhielt, den Centralverein auf das schärfste angriff und ihm ohne jede Beweise Liebedienerei und Anschmeichelei vorwarf. Die bekannte Stellungnahme zum Loren Hazessnä hat dazu geführt, daß vom Centralverein hochgeschätzte und verehrte Mitarbeiter, wie Rabbiner Dr. Baeck, Staatsrat Dr. Lohn und Rechtsanwalt