Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 13 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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175 Neue Schandtaten in Erfurt. FriedhossschänDung auch in Löwenberg. Die grauenvolle Nachricht von der Friedhofsschändung in E r f tt r t ist noch nicht völlig verklungen und schon kommt aus diesem Mittelpunkt wüstester völkischer Agitation eine neue empörende Kunde: In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gegen Uhr nachts sind vier Fenster der Erfurter Synagoge von Bubenhand zertrümmert worden. Die Polizei hat in diesem Fall die Täter leider noch nicht ergreifen können. Es ist nur zu hoffen, daß Ermittlungen nach dieser Richtung zu Ergebnissen führen und daß die gerichtliche Ahndung auch dieser Schandtat die jungen Burschen dieser Art nicht nur in Erfurt belehrt, daß derartige Bubenstücke in einem geordneten Staatswesen und unter zivilisierten Menschen nicht vollführt werden dürfen. Wie nur hören, betreibt die Erfurter Justizbehörde die Verfolgung der Friedhofsschänder mit größter Energie. Bereits am 30. d. M. findet die Hauptverhandlung gegen die drei Täter statt. Der Ober st a a t s a n w a L t wird persönlich die Anklage vertreten. Auch die städtischen Behörden haben ihre Entrüstung über die den Namen Erfurts beschmutzende Schandtat Zum Ausdruck gebracht. Vor Beginn der Stadtverordnetensitzung am 19. März drückte der Stadtverordnetenvorsteher im Na m e n der Stadt« verordnten sein Bedauern über die letzten Erlebnisse aus. Erst jetzt wird bekannt, daß ungefähr gleichzeitig mit bcm Verbrechen in Erfurt der jüdische Friedhof in Köwenberg in Schlesien von rohen Händen verwüstet wurde. Dort haben die Täter als „Visitenkarte" Hakenkreuze aus die Grabsteintriimmc r gernalt. Die Täter, anscheinend Gymnasiasten, sind leider noch nicht ermittelt. Klarer als die tiefgründigste Abhandlung über die völkische Bewegung Zeigen diese Vorkommnisse, in welch erschreckendem Umfange Moral und Sittlichkeit in den jungen, irregeleiteten v ö l k i s ch e n P a r t e i j ü n g e r n e r s ch ii 11 c x t Word e n sind. „Im bewußten Gegensatz zum Deutschtum"... Die TLatuterr Des Deutschnationaren Krankenversicherrnrgsvereins. Vor nicht langer Zeit ist vom Deutschnationalen Handlnngstzehilsenverband der Dentschnationale Krankenversicherungsverein a. G. (Hamburg 36, Holstenwall 35) ins Leben gerufen worden. Dieser Kraukenversicherungsverein verschickt ein Werbeschreiben, in dem sich folgender Satz befindet: „Juden und Angehörige von Nationen, die in bewußtem Gegensatz zum Deutschtum stehen, können die Mitgliedfchast nicht erwerben." Durch diese Form der Propaganda einer angeblichen Mittelst a n d s v e r s i ch e r n n g müssen sich die deutschen Juden schwer verletzt fühlen. Die Gegenüberstellung von Deutschen und Juden und ihre Zusammenstellung mit „Angehörigen von Nationen, die in bewußtein Gegensatz zum Deutschtum stehen", stellt eine unerhörte Beleidigung dar. Auf eine Beschwerde bei dem R e rch s a u f s i ch t s a m t für Prrvatversich er ungen wurde der Bescheid erteilt, daß dieser verletze n de Satz allerdings bereits in dem Entwurf der Satzungen gestanden habe, die dem R e r ch s a u s s i ch t s a m t zur Genehmigung v o r g e l e g t w u k b c u , d a ß das 91 e i ch s a m t d e n Passus aber als „nicht ge u eh mi gu ng s fäh i g" bezeichnet habe. Aus eine Eingabe des Deutschnationalen Krankenversicherungsvereins hin habe das Neichsaussichtsamt verlangt, daß Prospekte und andere Werbeschriften nicht die beanstandeten Worte enthalten dürfen. Daraufhin habe der Vorstand des Deutschnationalen Krankenverstcherungsoereius erklärt, daß die beanstandete Werbeschrift bereits Vox der endgültigen Genehmigung der Satzungen in Druck gegeben war, um sofort nach Eingang der Genehmigung versandt zu werden, daß aber die nach der Genehmigung der Statuten herausgegobenen Druckschriften die beanstandete Stelle nicht mehr enthalten werden. Sie werde auch in Zukunft nicht mehr in die Drucksachen des Vereins ausgenommen werden. Das Reichs au stichisamt hat dem Deutschnationalm Krankenversicherungsverein dann aufgegeben. die beanstandete Werbeschrift nicht weiter zu verwenden. Es ist nun streng darauf zu achten, ob der Dentschnationale Krankenversicherungsverein dieser Weisung des Neichsaufsichtsamtes auch wirklich nachkommt. Mus dem Zraukenlanöe. Völkische Wühlarbeit auf dem Lande. Zwischen Donau und Aknin liegt ein Stück Bayernland, das mit Ausnahme Nürnbergs wenig bekannt ist, das p r o t e st a n t t f uj e Fra n f c n. Diese Landschaft nimmt sich aus wie aus einem Bilderbuch herausgeschnitten, Aoto' und Wiesen, ein bißchen Wald und ein bißchen Berge, Dörfer mit Fachwerkbauten, kleine Städte mit Ununauerung, Türmen und gotischen Kirchen. Sie macht einen sehr gemütlichen und friedlichen Eindruck, und doch ist dieses Land heute der Herd der vötkischen Bewegung. Der Fremde, der in die kleinen Städte und Dörfer kommt, wird jede Woche große rote Plakate mit Hakenkreuzen finden, mit dem bekannten Zusatz: „Juden haben keinen Zutritt". Hier reisen die völkischen Neichstagsabgeordneten Dietrich und S t r a s s e r und die 9t ü r nberge r Stad t r ä t-e H o l z und S t r e i ch e r von Ort zu Ort und versuchen, den Kleinbürgern unb Bauern weiszumachen, daß die Juden an aw ihrem Elend schuld seien. Sie bestreiten ihre Vorträge mit dem „jüdischen Dawes-Plan", der auf völkisch „Davidsplan" heißt, behaupten, daß die Juden an den hohen Steuern schuld feien und daran, daß der Bauer heute seine Produkte so schlecht absetzen kann. Sie erzählen Schauermärchen von den Juden, und vor allem Streicher kann sich nicht genug daran tun, die schlechten Instinkte seiner Hörer ans sexuellem Gebiete anszupeitschen. Sie werden unterstützt von dem Schmutzblatt Streichers, dem „Stürmer", und erfinden immer neue Gloriolen für ihre eigenen Häupter. So bezeichnet sich Streicher jetzt als „Frankenführer", ein Wort, das für den Kenner der Verhältnisse nicht unbedenklich ist; denn es gibt nicht nur einen bayerischen Partikularismus, es gibt auch einen fränkischen. Die Zeiten sind noch nicht fern, wo man von links radikaler Seite das Wort von der „freien Republik Franken" hörte. Wer Deutschland liebt, wird einem solchen Spiel mit dem Lokalpartikularis m n s nicht ohne Sorge Zusehen können. Vielleicht beuten die Jünger Streichers bei dem Wort „Frankenführer" auch an die fränkischen Stammeskömge oder an Gestalten wie Florian G-cyer, die den Bauernkrieg in Franken führten. Aber was hat mit solchen Vorstellungen der kleine, dunkeläugige Streicher mit seiner „Nationaltracht", Lodenjacke, Reststiefeln und Hundepeitsche, zu tun? Diese Agitation hat bereits ihre Auswirkung gefunden. In vielen Orten werden' in den Wirtschaften wüste Reden geführt, die Fahrräder Zieren sich mit Hakenkreuzfähnchen und wer nicht mit tut, steht vor der Gefahr des Boykotts. In dem kleinen fränkischen Städtchen Neustadt, wo seit alters her Christen und Juden in friedlichem, bürgerlichem Einvernehmen miteinander lebten, zu kulturellen und geselligen' Zwecken immer zusammenkamen, wurden b'ereits zweimal die Fenster der Synagoge eingeschlagen . . . Wie läßt sich das nun bei der Beruhigung, die allgemein und auch in Bayern seit dem Jahre 1923 eingetreten ist, erklären? Die völkische Bewegung dieser Zeit hat sich nicht nur gegen die Juden, sondern ebenso gegen die K a t h o l i l c n gerichtet. Der Katholizismus konnte ihrer Herr werden auf Grund der Disziplinierung seiner Massen, des höheren zwingenden Einflusses der Kirche aus jeden einzelnen. Dem Protestantismus mit seiner individualistischen Gestalt fehlt die breite Organisation außerhalb der kirchlichen Gemeinde, der starke Einfluß ^au.f die Masse seiner Anhänger, und er hat bei seinem Grundsatz der lLelbstverantwortlichkeit des Menschen nicht die Möglichkeit des Zwanges auf den einzelnen. Dazu kommt, daß die Not der Landwirtschaft, die den mittleren imb kleinbäuerlichen' Besitz in Franken besonders hart trifft, e i n g ü n st i g e r Boden für jede Art von Aufhetzung ist. Der fränkische Bauer war vor dem Krieg stark verschuldet, und es ist ihm dann während der Inflation gelungen, seine Hypotheken abzutragen. Nun sollen diese Hypotheken, wenn auch nur zu einem niederen Prozentsatz, ansgewertet werden, und selbst diese kleinen Betrüge fürchtet er bei den schlechten Zukunftsaussichten der Landwirtschaft später nicht aufbrinaen zu können. Ter Bauer iu Not sucht das Idol irgendeines Feindes, der an seinem Elend schuld ist. Die Vötkischen üben einen weiteren Reiz aus: t Obwohl auch sie längst in den Hasen des Parteiwesens eingetausen sind, arbeiten sie immer noch mit den Schlagworten „Bewegung", „Gefolgschaft" usw. Hier kommen sie gerade mit ihrer Lust am Hauen und Stechen der vom Geistigen imBer rührten Romantik vom Landsknechtswesen entgegen, die in jeder notleidenden Bevölkerung leicht Wurzel schlügt und für die besonders die Jungbauern, die der Krieg zum erstenmal aus der Enge der Heimat und weg von ihrer Arbeitslast führte, empfänglich sind. Was ton geschehen? In erster Linie wird es Aufgabe des C.V. sein, auf Grund seines besseren Rechtes Aufklärung zu schassen. Auch der Staat und seine Behörden werden ihre Autorität gegen die Unruhestifter wahren müssen. Stärker cwer als Agitation und Staatsgewalt ist der gesunde Geist des Volkes, der sich immer wieder durchringt und aus den Zeiten des Chaos wieder zu einem friedlichen Bürger- und Bauerntum führt. Krieg und Revolution haben es erschüttert; die Zeit liegt noch kurz hinter uns und die Entwicklung zu festen, sicheren Verhältnissen geht in den verschiedenen Schichten und Stämmen des deutschen Volkes nicht im gleichen Schritt vor sich. Das ländliche Franken braucht besonders lange; aber wir dürfen mit Sicherheit hoffen, das; wieder einmal die Stimmung der Natur unseres Landes, sein friedliche und deutsche Art, in Einklang kommt mit den Menschen, die es bebauen. .? .m.