Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 12 (19.3.1926)
- Date
- 1926-03-19
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine neue pessachhaggaöa. Obwohl schon seit dein Beginn dieses Jahrhunderts die Sreude an dem schön ausgestalteten und geschmackvoll gedruckten uc^ in Deutschland wieder erweckt wurde, dauerte es noch eine gute Weile, bis jüdische Künstler und Verleger diesem Verlangen nach dem schönen Buche aus dem Gebiete der hebräischen und jüdischen Literatur entgegenkamen. Die verschiedenen jüdischen Verlage, wie der „Jüdische Verlag", der Verlag Kaufmann in Frankfurt, der Verlag Löwitt in Wien, Bruno Kassierer in Berlin und auch unser Philo-Verlag, verdienen Dank, daß sie in Außenwie Innenausstattung das jüdische Buch aus seiner Aschenbrödelrolle erlöst und sozusagen salonfähig gemacht haben. Welche Folgen dieser begrüßenswerte Wandel hervorrief, was jüdisches Geistesleben, Erziehung und manches andere anlangt, wäre wohl würdig, einmal ausführlich dargestellt zu werden. Die letzten Jahre bescherten uns sogar verschiedene Neudrucke alter hebräischer Drucke in den Typen, ja mit den Stichen und mit den Umrahmungen des Originals. Und mancher, dem nur das hebräische Buch in der Gestalt des Siddur oder Machsor, recht dürftig und ohne jede Schönheit ausgestattet, geläufig ist, macht nun erstaunte Augen, daß es auch edle hebräische Schriften gibt und daß Bilder, Umrahmungen, Initialen, mit Liebe und Hingabe gezeichnet, getrost mit alten dorischen Holzschnittbüchern den Wettbewerb aufnehmen können. Professor Heinrich Loewe und dem Verleger Josef AltmannJ haben wir herzlich zn danken, daß sie uns in photographischem Neudrucke die älteste bisher bekannte, mit Holzschnittillustrationen gedruckte Pessachhaggada vorlegen. Sie ist um das Jahr 1526/27 in Prag in der Druckerei von Gerschom Ben Schlomo hak-Kohen und seinem Bruder entstanden. Prächtige Umrahmungen, reizende Holzschnitte, die uns vieles aus der jüdischen, aber nicht minder aus der deutschen Kulturgeschichte erzählen und so recht zum Sinnieren und den Kindern zu erklären reizen, kraftvolle, starke und milde hebräiscke Schrift, oft im Zusammenhänge mit dem Sinn des Textes, — erhc. .n Auge und Herz. Die eingehende Erklärung dieses Buches und der Holzschnittes durch Heinrich Loewe ist ein willkommener Führer. Diese Haggada wird der Bücherfreund nicht erst am SVorabend zum Gebrauch hervorholen, sondern sie ab und zu im Jahre mit erquickender Freude durchblättern. A. W. Jüdische Rollen aus Herliner Höhnen. „Gesellschaft" — „Sturmflut" — „Juarez und Maximilian" — „Der entfesselte Wotau" — „Duell am Lido" — Hermann Struck und Else Lasker- Schnler zum fünfzigsten Geburtstage. Gleich zu Beginn dieses Aufsatzes, der sich kritische Bedeutung anmaßt, muß gesagt werden, daß im Grunde genommen das Thema nicht glücklich formuliert wurde; denn im nachfolgenden wird über alle Stückes gesprochen werden, in deren Handlungen Juden Vorkommen, die entweder das Geschehnis bestimmen oder beeinflussen oder, als Episode der Dichtung, für einen Juden charakteristisch sich feben, benehmen oder Zeigen. Man wird mir gestatten, auch auf re/ kulturpolitischen Momente hinzuweisen, die gerade bei Zwei Stücken, von denen das eine einen durchschlagenden Erfolg mit mehr als hundertundzwanzig Aufführungen hatte, und das andere dem Anschein nach sich auch zu einem Serienersolg auswirken wird, von eminenter Wichtigkeit sind. Die beiden Werke, die ich gleich besprechen werde, sind von Dichtern einer anderen Konfession geschrieben worben und zeigen jeder einen anderen Typ des heutigen Juden, wie er aber besser und treffender nicht gezeichnet und vor allem auch nicht ersaßt werden kann. Das Schauspiel „Gesellschaft" (dessen Urtitel viel richtiger „Loyalties" heißt) von John Galsworthy beginnt als Problewstück, um leider dann, ins Kriminalistische geführt, als Unterhaltungsdrama zu enden. Ein junger neuer Reicher, der Jude Ferdmand de Levis, setzte bank seinen Beziehungen durch, in den Vornehmsten Londoner Klub ausgenommen zu werden, als dessen gleichberechtigtes Mitglied er, beliebt, sich Freunde erwirbt. Als ihn aber der Hauptmann Renald Dancy bestiehlt und er nichts weiter als sem Recht (und erst in Zweiter Linie sein gestohlenes Gelb) haben will, wenden sich die Sympathien gegen ihn. Und obgleich über den wahren Täter kein Zweifel besteht, und obwohl bis zur Tat de Levis alS angenehmer Kamerad galt, ist er nun mit einemmal ein Deklassterter, gegen den. „die Gesellschaft" als ein einziger geschlossen steht und dem der Dieb, als er gar keine Entgegnung mehr weiß, <2^ ^chunpslvort, wie eine Ohrfeige, entgegnen darf: ,,^zud. Wie Ernst Deutsch unter diesem einen Wort zusammenzuckte, das ernem Gertenhieb gleich ihn traf, ist unvergessen und hob das Unterhaltungsstück für Sekunden weit hinaus ließ es ^ur ^ragödw werden und zeigte den so langen Kampf, der zäh und durch alle Widerstände unbeirrbar geführt wird um die Gleichberechtigung und Anerkennung dessen, daß man sich eins fühlt mit .Zerschom hak - Kohen , 5287/1527. Heraus. Ircis 15 älat? C £cumc^ Loewe, Berlin (Verlag Zofef Altmann) 1925. beiden Randfiguren Jakob und Efau und nicht Davrd und Goliath -fern sollen, ist rncht recht einzusehen.!u der Komödie, „Der entfesselte Wotan" in der wird UN Deutschen Theater, „Sturmflut c,nrtr^oÖW?*<l^$u'€lr E„Lido" im Staatlichen Schauspielhaus gegeden. Die „Else-LaLker-SchMer-Feier" fand m Kleinen Theater statt. den andern, mit denen man zusammensteht in der Stunde det Gefahr, denen man die Treue hält, für die man leidet, was man''als selbstverständlich ausfaßt, da Denken und Empfinden, Streben und Wissen, Schaffen und Gefühl mit denen fest verwebt sind, aus deren Reihen Angriffe und Anfeindungen oft widerwärtigster Art uns ins Innerste treffen wollen. Und daß der Jude seine Heimat liebt, daß sie ihm wirklich Heimat ist, und daß er um seines Vaterlandes willen, um sein Vaterland Opfer aus sich nimmt und dulden muh und gerne duldet, zeigt Alfons Paquet in seinem aktuellen Schauspiel, das aber zur Dichtung wuchs, „S t u r m f l u t". Die Literaturbeamten und gewesenen Oberlehrer konnten nichts weiter als registrieren,, daß daS Theater sich den Film zu Hilfe genommen habe, um mit dem Feinde (dem Film) vereint diesen zu schlagen. Nur wenige fühlten das Herz der Dichtung pochen, dessen zage Töne erschütterten und Paquet als wirklichen Dichter bewiesen. Der Jude Gad verkauft dem Matrosen Granka Ulitsch (Heinrich George spielte ihn unbekümmert als großes, jauchzendes Kind mit bezwingenden Herzenstönen inneren Erlebens), dem siegreichen Revolutionär, die Stadt, um ihr den Frieden zu sichern, damit sie, der öde, trostlose Steinhaufen, wieder blühen mib auch wachsen kann, damit sie wieder leben werde. Und ein Gespräch ist zwischen Gad, dem Juden, und dem Finanzier, dem Engländer Owill, der für sein Reich das Geld gibt, um die Revolution abzuwürgcn und seinem Lande die Stadt in die Hand zu spielen, also ein Gespräch führen die beiden, das in seiner Liese elementar ist. Der Brite will dem Juden beweisen, daß Gottes Weissagung für das auserwählte Volk schon lange Wahrheit wurde, da die Auserwählten die Bewohner des Jnsellandes seien, die die Nachkommen der zehn Stämme wären. Die Dialektik dieses Dialoges ist, bei aller Absurdität, bezwingend. Gad aber, der ruhelos und gepeinigt umherirrt, um seine Stadt von dem Unterganz zu bewahren, gleicht Ahasver. Alexander G r a n a ch gab diesem Juden Blut und eine jüdische Seele. Innigkeit leuchtete aus seinen Augen und der Tonfall liebkoste die Sprache. Ein Zug von Ewigkeit wehte von die. u wnatisch glühenden, schmerzlich wissenden, von öicKiit symbolischen, h.;t Energie geladenen Uralten her. Daß der Jude konservativ ist und seine Treue hält, beweist auch Dr. Samuel Basch aus Prag, der dem unglücklichen Maximilian nach Mexiko als Leibarzt folgte und der, vom Kaiser seines Eides entbunden, den Monarchen nicht verläßt und ihn zu retten versucht und bis zum traurigen Ende bei ihm ausharrt. Werfels dramatische Historie „Juarez und Maximilian" ist ein wirksames Theaterstück, das Reinhardt farbenprächtig inszenierte und dem ausgezeichnete Schauspieler allabendlich den Erfolg erspielen. Einen glücklichen Zufall nenne ich, daß zu gleicher Zeit zwei andere Juden in Berliner Theatern zu sehen sind, die ihren Glauben von sich schüttelten, um weiter zu kommen, um „es im Leben leichter zu haben". Da ist, schmierig wie sein Name, ein stellenloser Kaufmann Schleim, der sich als Organisator eines völkischen Schwindel* Unternehmens betätigt, dessen ahnungslosen Dummkopf von einem — wider Willen in die Stellung gebrachten — Direktor er noch rasch prellt und verläßt, als die Stunde geschlagen hat. Es ist Tollers Verdienst, diesen Burschen, mit einigen wenigen Zügen fest Umrissen zum Leben erweckt zu 'haben. Und die Komödie „D e r entfesselte Wotan", die das Glück und Ende eines Friseurs vorführt, der eine Gesellschaft für Auswanderung nach Brasilien gründete, ist — bei mancher Entlehnung von Karl Sternheim — in ihrer Bizarrerie wahr und leider auch als Symptom unserer Zeit zu werten. Ernst Toller bestätigt sich in diesem Spiel als einer unserer begabtesten Dramatiker, der auch den Blick und das Empfinden für das Komödienhafte besitzt und dem das Gefühl für das Satirische gegeben ist. Der Versuch, ein galantes Spiel zu schreiben, mißlang, und zeitigte nur einige gefällige Reime. Toller aber lebt in dieser verwirrenden und verworrenen Zeit, für die er den Blick hat und die er versteht. Hier ist dieses Dichters schöpferische Kraft, die noch manches erwarten läßt. Roberts als Wotan war köstlich lebendig gewordene Beschränktheit und Ueberhebung und Feigheit. Taufen ließ sich auch ein gewisser Jsaacsohn, der die Stanislaus-« bahr: einschlug und als Geheimrat Saxoni Zwischen Pflichterfüllung und Gewinn, zwischen Amt und Bereicherung hin und 'her schwankt. Ein unvorhergesehener Zwischenfall erläßt ihm die, Entscheidung. Diesen unsympathischen, von Korrektheit triefenden Beamten, dem es peinlich ist, an seine Herkunft erinnert zu werden, stellte Eugen Burg in treffender Widerwärtigkeit dar. Eine Szene nimmt diese Episode in Reh fischs „Duell am Lido" ein, einer Komödie, die eine gute Idee zu breit vortrügt, die I e ß n e r ein wenig zu schwer nimmt, die K o r t n e r durchleuchtet und Rudolf Förster in vibrierendem Spiel schillernd und blitzend umdichtet. Obgleich Else Lasker-Schüler — Gott sei Dank! — keine Rolle ist, und Hermann Struck von keinem Autor gedichtet wurde, sollen und müssen diese beiden Namen hier stehen. Struck, der Dichter mit dem Griffel und den Pinseln, wurzeln zu tiefst im Kronenquelle GICHT-ZUCKER-N l EREN LEI DEN