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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-19 · 12 (19.3.1926) · p. Seite 163

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
12 (19.3.1926)
Date
1926-03-19
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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163 füllten die Säle, nur eine Versammlung an der Peripherie war weniger gut besucht. Mehr als dreißig auswärtige und Berliner Redner und Rednerinnen sprachen in diesen Versammlungen und bewiesen, daß der Gedanke des Centralvereins lebt und von der Masse seiner Freunde mit einer Wärme getragen wird, die uns allein zur Erfüllung der schweren Aufgaben befähigt, die uns die Zukunft noch bringen wird. Denn darüber haben uns namentlich die Referate des zweiten Tages, die Ausführungen unserer Freunde G a l - linger, Weil, Alexander und Goldmann (Leipzig) nicht im Zweifel gelassen: ebenso wie es keine politische Einheitlichkeit der Juden in der Welt gibt, wie darum die von anderer Seite vielfach betonte Einheit des Judentums in nichtreligiöser Hinsicht eine Phrase ist, so ist auch das Wesen der Umwelt in ihrer Stellung zu allen Problemen und auch zu uns einem Wechsel unterworfen. Die Gegnerschaft resultiert in den verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Quellen. Es gibt keinen einheitlichen Judenhaß, sondern die vgenannte Judenfrage ist abhängig von dem jeweiligen politi» chen und namentlich von dem wirtschaftlichen Ausbau eine? Landes. Daran: ändert sich ihre Behandlung ständig, und all das, was vor zehn Jahren in der Praktischen Arbeit richtig war, ist heute nur zum Teil zu verwerten. Wir werden die Zeichen der Zeit nicht verkennen. Sorgen wir dafür, daß auch unsere Freunde sie verstehen! lernen! Die Zrieöhofsfthänöung in Erfurt. HS Grabsteine umgestürzt. — Ein Oil- -es Grauens un- Entsetzens. — vanöalenstück -es Wikrng-Gun-es. — Vaffenfun-e beim Sturmtruppführer -es Wiking-Gun-es. — Was -er E.v. tut. — 7*ti -ie -rutschen Zrauen. Wie bereits in den Tageszeitungen kurz berichtet wurde, ist irr Der Nacht von Freitag, Dem 12., zu SorrnabenD, Dem 13. März, Der alte jüDische FrieDhof in Erfurt von MitglieDern Des Wiking-BunDes verwüstet worDen. Gleich am Morgen nach der Tat, die in Erfurt begreifliche Empörung ausgelöst hat, wurde der Syndikus des Landesverbandes Thüringen des Centralvereins vom Polizeipräsidium Erfurt benachrichtigt und zur Besichtigung der entweihten Stätte aufgefordert. Der Vorsitzende unseres Landesverbandes Thüringen, Rechtsanwalt Dr. Ludwig Freudenthal (Erfurt), und der Geschäftsführer des Landesverbandes, Leo Karnnitzer, als Vertreter des Centralvereins, sowie Rabbiner Dr. Schüftan, als Vertreter der Jüdischen Gemeinde Erfurt, sprachen sodann bei dem Polizeipräsidenten vor und wiesen in eindringlicher Unterredung aus das besonders gefährliche Treiben der antisemitischen Hetzer in Erfurt und Thüringen nachdrücklichst hin. Wir geben rm nachstehenden den Bericht unseres Erfurter L. ^.-Berichterstatters. Erfurt, den 16. Mürz 1926. Seit fast vier Jahren bildet Erfurt ein Dorado für völkische Verbrecher. Elemente, denen der Boden Bayerns zu heiß wurde, ließen sich in Erfurt nieder und streuten das Gift des Judenhasses unter die unreife Jugend. Gedüngt wurde der Erfurter Boden durch den völkischen Führerhelden Hauptmann Dr. Artur D i n t e r, der die Leiden des Weltkrieges zehnundeinenhalben Tag an der Front gekostet hat, und der durch seinen Ausspruch in einer öffentlichen Versammlung in Erfurt: „Hut ab vor jedem Juden, der den Heldentod erlitten hat, schade, daß sie nicht alle gefallen sind", zu einer traurigen Berühmtheit geworden Ist. Er verstand es, die Volksleidenschaften aufzupeitschen, und ermunterte durch sein Auftreten Gesinnungsgenossen, sich in seinem Sinne radauantisemitisch zu betätigen. Was in den dunkelsten Tagen Bayerns kaum möglich war, wurde hier zur Wirklichkeit. Es ist in der Geschichte Erfurts ern trauriges Kapitel und verdient festgehalten zu werden, daß jüdische Passanten auf dem Wege zur Synagoge von Horden öffentlich am hellen lichten Tage angesallen wurden, daß ein Schuljunge während des Gottesdienstes die Außentür der Synagoge ausriß und ein kräftiges „Hep, hep" hineinries, daß bei jüdischen Mitbürgern die Fensterscheiben eingeworfen wurden, daß man alte friedliche Glaubensgenossen durch anonyme Telephongespräche und Briefe erschreckte, daß man bei einem hiesigen jüdischen Fabrikanten nachts einen fest betonierten Zaun umwarf und daß man einem jüdischen Rechtsanwalt in der Dunkelheit einen Dolch in den Rücken stieß. Es war ein Zeichen trauriger Zeit, daß man die Synagogenbesucher auf der belebtesten Straße Erfurts durch Kriminalbeamte schützen und die Synagoge während des Gottesdienstes an den hohen Festtagen bewachen lassen mußte. Alle diese Delikte wurden durch ein Bubenstück, das sich in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend abspielte, übertrumpft. Am Sonnabend früh benachrichtigte mich die Kriminalpolizei, daß in der vergangenen Nacht auf dem alten israelitischen Friedhof in der Cyriaxstraße der größte Teil der Grabdenkmäler von drei Leuten umgeworfen sei, daß es dem wachhabenden Polizeibeamten gelungen sei, einen der Verbrecher auf frischer Tat zu fassen, die anderen beiden aber entkommen seien. Ich wurde aufgefvrdert, an der polizeilichen Besichtigung des Tatortes teilzunehmen. Ich begab mich zu dem idyllisch gelegenen Gottesacker, dort zeigte sich ein Bild des Grauens und Entsetzens. Der ganze Friedhof war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Von den zirka 130 Grab st einen sind 95 umgestürzt; von ihnen ist eine große Anzahl vollständig zertrümmert. Die alte Ruhestätte bietet ein Bild traurigster Verwüstung, das tatsächlich kaum hinter den Bildern zurücksteht, die wir von den zerstörten Friedhöfen aus dem Weltkrieg her kennen. Der Friedhof zieht sich von der Cyriaxstraße in Formt eines Dreiecks bis zur Gera hin. In dem nach der Gera zu gelegenen Teil, in dem die Verbrecher ruhiger arbeiten konnten, sind fast alle Grabsteine umgestürzt. Die s y st e m a t i s ch e D e v a st i e r u n g l ä ß t z w e i f e l sohne auf eine Vorbereitung dieses Planes schließe n. Aus diesem Friedhof, der im Jahre 1878 geschlossen wurde, liegen die irdischen Reste einer Reihe von Bürgern, die sich um die Entwicklung Erfurts hoch verdient gemacht haben. Die Polizeiphotographen machten eine Reihe von Aufnahmen, um dem Gericht ein treues Bild von der völkischen Arbeit zu geben. Ein Beamter des Erkennungsdienstes untersuchte die Steine aus Fingerabdrücke, aber ohne Ergebnis. Das Verbrechen wäre nicht so schnell aufgeklärt worden, wenn nicht der zuständige Wachtmeister die Gesellen bei der Arbeit überrascht hätte. Als die feigen Buben in ihrem Tun gestört wurden, nahmen sie Reißaus. Einer, der hier in Erfurt bekannte Rowdie Walter Land in, den wir schon öfters bei dem Polizeipräsidium zur Anzeige gebracht haben, und der erst vor kurzer Zeit wegen eines Aktendi eb stah! s im Polizeipräsidium mit drei Monaten Gefängnis — einer Strafe, die er trotz des schweren Vergehens nicht anzutreten brauchte — belohnt worden war, konnte festgenommen werden. Sein Freund, der berüchtigte Kassenbote Robert Bartholom a e, der ebenfalls wegen einer Reihe von Roheitsdelikten dem Polizeipräsidium nicht unbekannt ist, wurde Sonnabend vormittag in der Wohnung des W i k i n g b u n d f ü h r e r s W u st nt a n n verhaftet. Der dritte Täter, der Sohn des Erfurter Stadtinspektors Seidenstücker, gleichfalls ein Mitglied des Wiking-Bundes, konnte am Sonntag nachmittag festgenommen werden. Daß dieZugehörigkeit der Täter zum Wiking-Bunde kein Zufall ist, sondern daß diese Tat als unmittelbare Frucht der Erziehung dieses und anderer nationalistischer Verbände zu bezeichnen ist, unterliegt keinem Zweifel. Es ist anzunehmen, daß hinter diesen drei Tätern noch mehr organisierte Völkische stehen und daß noch weitere Festnahmen erfolgen werden. Der Führer des Sturmtrupps des Wiking-Bundes, Erich Zech, Ersurt-Daberstadt, wurde gleichfalls verhaftet, bei ihm wurde eine : V

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