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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-12 · 11 (12.3.1926) · p. Seite 154

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
11 (12.3.1926)
Date
1926-03-12
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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154 Von herzlichem Beifall begrüßt, nahm der Direktor des Centralvereins, Dr. Ludwig Holländer, dann das Wort, um, wie er sagte, ein Bild dessen zu zeichnen, was endlich geschehen müsse, itnt das Streben nach innerem Frieder: in Deutschland in die Tat umznsetzen. Er forderte zur Gründung einer Liga auf, in der jüdische und nichtindische Mitbürger jeder politischen und religiösen Auffassung den Kampf gegen die Verleumdung mit Ernst durchführen sollten: „damit endlich das Gebot währ werde: ,Jhr sollt nicht falsches Zeugnis oblegen wider euren Nächsten/" Ties ergriffen dankte schließlich Justizrat Dr. Brodnitz den drei Rednern für ihre Ausführungen und erinnerte an Ludwig B a m b e r g e r s Worte, in denen er die vom Vaterlande Verbannten aufsorderte, sich nicht durch die Ereignisse des Tages verbittern 31t lassen, und die deutschen Juden mit den Verbannten verglich. „Auch wir deutschen Juden dürfen uns nicht verbittern lassen. Das große Geheimnis unseres Bestehens liegt darin, daß unser Handeln unter Ewigkeitsgesichtspunkte gestellt sein muß. Wir haben Zeit; der Weg z u m i n n ere u Frie d e n wi rd g es u n den m e r b c n, w eit er g e fn n d en w erde n mu ß." wirtschaftliche r u nd Zeit braucht innere Geinneren Frieden. Wir und kleinen Auffassung, die ehrliche Ueberzengnng Dr. Ludwig Haas, MdR» Während einer Rede für die „C.V .-Zeitung“ gezeichnet von Gustav Epstein (Berlin) Als erster Redner nahm das Wort Dr. Ludwig Saas, Al.d.Ä.: „Vor uns liegen Zeiten schwerster außenpolitischer Rot. Eine solche schlossenheit und braucht den rnüssen heraus aus der engen die bei Politisch Andersdenkenden und den güten Willen nicht anerkennen null. Gerade nur empfinden es als besonders schmerzlich, daß weite Volkskreise das Vaterlandsgefnhl für sich allem in Anspruch nehmen, und es den anderen absprechen. Niemals werden wir den gesunden, verständigen politischen Kau:Pf ablehnen, aber der Politische Kamps darf nicht dazu führen, daß der politische Gegner den andern verachtet. U e b e r alle Gegensätze hinweg m it ß in an stets daran denken, daß wir alle Söhne eines Vater l an des. Genossen einer Not sind und alledem Vaterlande dienen wollen. Mißbrauchen nicht täglich viele Lehrer ihr Amt und predigen politischen Kampf und Haß und mißhandeln damit die Seele der Kinder? Schwer und groß sind die religiösen Gegensätze in Deutschland. Es ist vielleicht die Tragik unserer Geschichte, daß die religiöse Einheit in in Deutschland nicht gefunden wurde. Wir aber meinen, wir mußten endlich die religiösen Leidenschaften überwunden haben. Jeder lebe in Treue seiner religiösen Ueberzeugung! Das, was wir verlangen, ist nicht religiöse „Toleranz". Dies Wort sollte aus dem deutschen Sprachschatz verschwinden. Der stolze Mensch will nicht geduldet, nicht toleriert werden. Die Vesten und die Größten, die mit der reinsten Seele, werden wohl empfinden, daß sie dem Glauben der anderen Ehrfurcht entgegenbringen müssen. Dazu sind nicht alle fähig. Aber wenigstens begreifen, daß nicht alle desselben Glaubens sein können, daß nicht der Verstand das Höchste ist, dieses Begreifen müssen wir verlangen. Zu d den tiefen religiösen Gegensätzen kommen die großen sozialen Gegensätze: Standesdünkel und Klasse nhaß. Diese sind die Feinde des inneren Friedens. Ueberwinden wir den Standesdünkel, versuchen wir, die ^eele des Menschen zu erfüllen mit! jener Demokratie des täglichen Lebens — ich spreche kein politisches Wort —, die in dem Menschen nur den Menschen sieht. Wir müssen unser Wirtschaftsleben mit starkem sozialen Geiste erfüllen. An Stelle des Materialismus muß der w a h r e ch r i st l i ch e G e i st und der wahre jüdische Geist treten, die sich auf dem Gebiete des sozialen Lebens nicht unterscheiden, sondern beide zurückgehen _ auf die Bibel, jenes Buch höchster sozialer Ethik. Wenn __ unsere Gegner vom jüdischen Geiste reden, meinen sie, daß wir vom materialistischen Geiste besonders erfüllt sind. Wir wollen ^uns in keine Diskussion darüber einlaffen, sondern ihnen nur sagen, sie sollen mit offenen Augen durch die Welt gehen; dann werden sie sehen, daß es unter den Christen genug Materialisten und unter den Juden genügend Menschen gibt, die mit höchstem sozialen Geiste erfüllt sind. Führen wir den Kamps gegen den Materialismus, verbuchen wir, ihn zu überwinden. Und ein anderes, was das Volk immer mehr zerreißt, ist die Rassenlehre, die immer mehr in unser Volt hmeinget'ragen wird. Diese Rassenlehre müßte uns auch dann interessieren, wenn keii: einziger Jude in Deutschland lebte, denn diese Frage ist wichtig, will inan sich ein Bild von der deutschen Geschloffercheit machen. Nach Günther leben fünf Raffen in Deutschland. Die Deutfchvölkifchen bezeichnen die nordische Raffe als die erwünschte, andere Raffen find ihnen weniger erwünscht, und die in Baden und in Württemberg park verbreitete ostifche Raffe gilt ihnen als ganz unerwünscht. Diese Lehre stellt man auf nach den: Erleben des Krieges, in dem die badischen und württembergischen Regimenter, die sogar Ludendorff als die allertüchtigsten bezeichnet hat, sich genau so verblutet habw wie die Regimenter mit nordischem Einschlag. Der Redner zeigte, wie diese Raffentheorie in der Konsequenz dazu führt!, daß ihre Anhänger glücklich fein müßten über die durch den Krieg erfolgte Verkleinerung Deutschlands, da diese Gebiete gerade von „weniger erwünschten" Nassen bewohnt seien. Wir erklären demgegenüber, daß wir von tiefem Schmerz erfüllt sind über die Abtretung deutscher Bolksteile, und wir sehen das höchste Ziel darin, ein Deutschland Zn haben, das alle deutschen Stämme, auch die Oesterreicher mitumfaßt, wenn arkch die Oesterreicher als dinarische Raffe den Völkischen unerwünscht scheinen. Unser Ziel mutz ein Grotzdentschlaud sein. (Brausender Beifall.) Das deutsche Volkstum bericht nicht auf Rasse; es bericht auf der ge nie infamen Sprache, gemeinsamer Geschichte, aus unserer Literatur und Kunst. Aus unserer Arbeit, aus jener gemeinsamem bentfcTjicn Tradition, die über alle Unterschiede hinweg einen g ein einsa men deu t!schen Geist geschaffen hat. "Vielerlei Eigenart lebt in Deutschland. Darin liegt ein Quell deutscher Kraft. Jeder deutsche Stamm unterscheidet sich von dem anderen, und so unterscheidet sich auch das deutsche Judentum von den anderen Deutschen, wenn sich auch die deutschen Judm untereinander wieder nach ihrer Zugehörigkeit zu den verschiedenen deutschen Stämmen unterscheiden. Als Jude habe ich mir Über den Antisemitismus noch niemals Sorge gemacht, wohl aber als Deutscher. Als Jude nicht, denn unsere Vorfahren haben inehr gelitten als wir; aber als De u t s ch e r erfüllt es mich mi t S0rge, wenn ich sehe, daß in dieser Zeit der wildeste politische Gegensatz in Deutschland lebt, während wir einheitliche Geschlossenheit b r a u ch e n. Meuchelmord und Hetze ist unvereinbar mit lvährem deutschen Geist. Aber der Kampf gegen engstirnigen Fanatismus ist ein deutscher Kampf. Wir müssen diese n Kampf gegen die Fa-natiker, gegen die I n t0 l erante n führe n , gegen die, die die Ehre der anderen nicht achten und mit vergifteten Waffen kämpfen. Auch vom Staat muffen wir diese „Intoleranz gegen Intolerante" verlangen! Kampf den Kräften der Zerstörung und der Auslösung! Dieser Kampf für den inneren Frieden ist ein gute r Kamps. Deutschland ist groß, wenn die Deutschen sich gegenseitig achten. Wer großen Volksschichten ihr Deutschtum und ihr Nationalgefühl bestreitet, versündigt sich an Deutschlands Zukunft. Es wird so viel unser Deutschlandlied gesungen: „Einigkeit und Recht und Freiheit", und gerade von denen vielleicht zu viel, die nicht nach seinem Sinne handeln. Einigkeit heißt: kein Haß. Wir wollen wirklich nach diesen Worten leben: „Einigkeit und Recht und Freiheit", damn werden wir den Weg zum inneren Frieden finden." Br. mal. Friedrich Rüdnitz stellte an den Beginn seiner Ausführungen die Frage: „Sind es besondere Probleme, in die die deutschjüdische Jugend hineingestellt ist?" und bejahte sie in seinen anschließenden Ausführungen: „Wenn wir alle Kräfte sammeln wollen, um unserem deutschen Vaterlande den inneren Frieden wiederzugeben, dürfen wir auch an der deutschen Jugend nicht vorübergchen. Geist und Gestalt des öffentlichen Lebens der nächsten Jahrzehnte werden davon bestimmt werden, in welchen Anschauungen die heutige junge Generation heranwächst. Wenn wir es erreichen wollen, daß der Geist der Verständigung beherrschend wird, muffen wir damit anfangen, ihn der Jugend nahezubringen. Die heutige junge Generation ist in eine chaotische Zeit hmeingestellt. Da ist es nur zu verständlich, daß sie Volksverftchrern aller Art leicht gefolgt ist, daß sie sich in Scharen einem Radikalismus aller Art verschrieben hat, der ihr eine glücklichere Zukunft versprach. Die jüdische Jugend ist von frühester Jugend an in einen Kamps um die Selbstbehauptung gestellt. Die Saat der politischen Verhetzung ist aufgegangen: Man muß hier im schwersten ^irme des Wortes von einer jüdischen Not sprechen. Inder Schule, auf den NnivevstLäten, irr den Lehrstuben, überall findet der junge deutsche Jude eine Atmosphäre des Mißtrauens, der Abneigung, oft genug des Haffes. Ganze Berufe find ihm verschlossen. Nationaler Stolz, deutsches Empfinden — die Grundlage seines Wesens — werden ihm abgesprochen. Mit dem Pariagefi'chl des Menschen zweiter Klaffe geht er unter seinen Attersgeuoffeu umher. Nur zu verständlich wäre es, wenn sich viele unter dieser jüdischen Jugend ihren Pflichten a>m Vaterlande entzögen, wo ihnen nur mit Undank und Ziveifel vergolten wird. Trotz alledem — und das ist der Stolz der deutfchjüdischm Jugend — ist sie in ihrer überwregenden Ntehrheit nie an ihrem Zugehörigkeitsgesühl am deut s ch e n Vaterlande irre g e w 0 r d e n. And sie stand und steht in einer Reihe mit dm Bewegungen der Jugend, die, fernab von der politischen Verhetzung, alle wahrhaft deutsch empfindenden jungen Menschen zu gemeinsamer

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