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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-05 · 10 (5.3.1926) · p. Seite 140

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
10 (5.3.1926)
Date
1926-03-05
Page
Seite 140 (sequence 32)
Language
German
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sohr menschlich gegen den Hauptmann benehmen (doch ein sehr humanisierter Shylock!), und hat also insoweit sympathische Eigenschaften. Beides hangt mit der innersten Konstruktion des Stücks zusammen und nicht mit der Meinung des Galsworthy über die Juden im allgemeinen. Es ist durchaus nicht die Schuld des De Levis, wenn der Hauptmann sich zum Stückschluß schließlich doch das Leben nimmt. Es ist vielmehr eine s e n t i m e n t a l e B e q u e m l i ch k e i t des Autors, eine Platt theatralische Wirkung und die i n n e r e S ch w ä ch e d e s S t ü ck s. Es folgt nicht mit Notwendigkeit aus den Voraussetzungen; ein so ungewöhnlich abenteuerlicher unb energischer Kerl wie der Hauptmann Dancy sollte eigentlich die Möglichkeit haben, außerhalb der Gesellschaft, in der er nun freilich unmöglich geworden ist, eine neue, eigene Existenz anzusangen. Aber ein Pistolenschuß am Schluß ist freilich sicherer. Von diesem willkürlichen Theaterschluh abgesehen aber, entwickelt sich das Stück mit zwingender, Anteil erzwingender, also spannender, innerlich packender Wirkung aus seinen Voraussetzungen. Diese Voraussetzungen sind, wie gezeigt, eine Gesellschaft mit festgenagelten Begriffen von Ritterlichkeit, und einer, der als Fremdling in dieser Gesellschaft steht, der weder ihre feinen, ritterlichen Sitten noch ihr verkümmertes menschliches Grundgefühl teilt, und der deshalb einen Konflikt entfesseln kann. Diese zur Entfesselung des geplanten Kräftespiels nötige Eigenschaft bot für Galsworthy ausgezeichnet ein neureicher Eindringling, dessen Fremdheit verstärkt und verdeutlicht werden konnte durch die Tatsache, daß er ein Jude ist. Der Mann hat von der inneren Voraussetzung des Stückes heraus gleich viel sympathische und unsympathische Eigenschaften. Er würde also für die philosemitische oder antisemitische Frage nicht einmal dann einen Anhalt geben, wenn diese Frage gegenüber diesem Stück irgendeinen Sinn hätte, wenn es Galsworthy aus die Stellung dieser Frage in diesem Stück überhaupt irgendwie angekommen wäre. Daß dies nicht im mindesten der Fall ist, daß die jüdischen Bestandteile nur u nt der inneren rhythmischen Absicht des Stückes willen ergriffen und verwendet worden sind, das hoffe ich ja nun gezeigt zu haben. Ganz erschöpft ist damit freilich dies Thema noch nicht. Denn ganz und gar ist ja auch die Kunst keine s e l b st g e n ü g s a m e, von dem übrigen Leben getrennte Welt. Was hier im Anfang begründet wurde, ist nicht im mindesten die ästhetische Lehre des „I/art poiu* Tart". Die einzelnen Teile des Kunstwerks darf man nicht auf praktische Fragen beziehen und wie Realitäten abschätzen. Das ganze Kunstwerk und die ganze Kunst aber stehen in einer sehr wesentlichen Beziehung zum Leben, von dem sie nur ein Teil sind. Sie erstarren zu trauriger, unfruchtbarer, ästhetischer Spielerei, wenn sie nicht immerfort mitschaffen wollen an dem größeren, allgemeinen Heiligtum des menschlichen Lebens. Das gilt denn auch für unseren Fall: Die Frage, ob De Levis ein sympathischer oder ein unsympathischer Jude sei, ob sein Verhalten eine Aufforderung zur Toleranz oder Zur Judenfeindschaft darstelle, diese Frage ist abzulehnen, sie ist durchaus falsch gestellt. Aber daß dies ganze Stück, von einem echten Menschen, mit jedenfalls beachtlichen dichterischen Kräften geschrieben, wie jedes wirkliche Kunstwerk, einen Mahnruf darstellt, einen Weckruf des menschlich Reinen und Wahrhaften in uns, das ist gewiß. Gerade weil sein Gut und Böse nicht geschieden ist zwischen Militärs und Juden, weil sie beide am Hellen und Dunklen teilhaben, triumphiert über solche Unterscheidungen die große.menschliche Idee der Gerechtigkeit, die wesentlicher ist als alle partiellen Ehrbegriffe. Und wenn diese Idee zum Siege geführt wird, wo auch immer und wie auch immer, so sollte uns als Juden das wirklich sehr lieb fein. Ich meine, wir sollten uns keineswegs Stücke wünschen, in denen dargestellt wird, daß die Juden hervorragend prächtige Menschen sind — wir sollten uns nur Werke aus der Bühne wünschen, an denen sich die Flamme der Menschlichkeit, der Wille zu Gerechtigkeit und Wahrheit in Welche Dame, ganz gleich welchen Gesellschaftskreisen angehörend hatte nicht schon oft den Wunsch, ihrem Gesicht, Lippen sowie alle^ Körperteilen, vollkommen natürlich und der Umgebung ein heimnis, die zartmatteTöunng zu geben, die das Auge entzückt, grauen Teint, Gesichts- und Hals falten, Nasenröte, Sommersprossen, fettig^ glänzende Harrt, alle Schönheitsfehler so wunderbar diskret wegzuretuschieren, daß das Gesicht wohl vollendet gepflegt, aber nie* mals künstlich zurechtgemacht erscheint, und welchem Mittel gelingt die restlose Erfüllung dieser sehnsüchtigen Wünsche? 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