Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 136 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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136 trägt." Und dann: ...Der Leib ist der Schauplatz der Seele". Es ist zwar nichts mit der Nasse, aber mit der „Idee" und dem „Stil" -ist es was, und die „Nasse" tritt erfreulich zurück. Mir scheint, einer, der den Völkischen ihr Rüstzeug liefert, hat dies Buch geschrieben. -Es ist nicht hoffnungslos. Ich "finde, das Völkische hat mit diesem Büchlein einen Schritt vorwärts gemacht. Das Seelische marschiert. Dies ist bdnahe kaum noch Antisemitismus. Für die Auszeichnung seelischer Stile und Gewohnheitshaltungen wird man noch andere Gesichtspunkte als der „Nasse" wählen. Diese Schnitte lassen sich noch ganz anders anlegen. Drollig, wie diesen Tischlern die Stühle unter den Händen wegwackeln. Persönliches zu Jakob Wassermann. Von Herbert Eulcnberg. Das erste, das ich von Wassermann las, war eine Einzeichnnng von ihm in das Gästebuch bei Otto Brähm. In eines jener Folterbücher, die man dnem bedeutenden Mann womöglich noch kurz vor seinem Aufbrechen 31tr Ablegung irgendeines Gedankenblitzes vorlegt. Dahinein hatte Wassermann folgendes geschrieben: „Nach langem, vergeblichen: Nachsinnen: — Jakob Wassermann." Diese schwerwiegenden Worte veranlaßten mich sogleich, mir etwas von diesem wunderlichen, lustigen Kauz — ach! wie wenige gibt es noch bei uns! — zum Lesen 31t verschaffen. Ich erstand nur, versessen aus alles Dramatische, sein Stück „Hockenjos", einen Einakter, den er um einen reizenden Einfall —- ein Verschollener erlebt in seiner Vaterstadt seine Denkmalsenthüllung — für die Bühne gezeichnet hatte. Noch ein wenig steif und unbeholfen, aber schon um seines satirischen Grundgedankens höchst beachtenswert. Seitdem habe ich stets bedauert, daß Wassermann nicht mehr für das Theater geschaffen hat. Aber danach kamen seine großen Romanerfolge, mit der „Renate Fuchs" beginnend, über fein Bestes, fein „Günsemännlein", bis zun: „Wahnschafse" und „Laudin". Und über diesen Lorbeeren und Einnahmen vergaß Wassermann wohl unser d e u t s ch e s Theater, das immer mehr zu einer Marktschreierbude heruntersank, in der nur noch die lautesten Brüller zu Worte kamen. Nur einmal geriet ich noch in persönliche Berührung mit dem Poeten Wassermann. Das war, nachdem er seine Schrift, die seinen Leidensweg unter den Gojim schildert, veröffentlicht hatte. Seinen Leidensweg, den er als in Franken geborener Jude unter seinen deutschen Landsleuten durchzmnachen gehabt hat. Da warnte ich ihn vor solcher Verallgemeinerung eigener schlimmer Erfahrungen. Warn-te ihn zum Besten des inneren Friedens in Deutschland, weil ich fürchtete, daß solche Acußerungen antitc-ntonischer Art leicht einen Rückstoß aus den: anderen Lager zur Folge Haben würden. Die liebenswürdige Form, in der -er meinen Ratschlag erwiderte, sagte mir, daß er mir nicht ganz unrecht geben könnte. Ich verstehe solche Temperamentsausbrüche sehr wohl. Und der kuror iuäaiens, wie ihn der Jüngling Lassalle bei sich nannte, kann wie sein Bruder, der bekannte furor teutonicus, sogar sein Anziehendes haben. Doch können solche Ausschläge leicht auch ihr Gesährliches Zeitigen, indem sie das Gleichgewicht der gegenseitigen Duldsamkeit stören. Schließlich vermag ja jeder außergewöhnliche Mensch, toenn er nur die Widerstände bei seinem Werdegang berücksichtigt, rückschauend sein Leben als einen Leidensweg Zu bezeichnen und zu schildern. Ich verpflichte mich, als sogenannter Arier und Vollblutgermane geboren, meine Laufbahn als Dichter derart schwarz und finster auszumalen, daß jeder vor Mitleid mit mir aufheulen soll. Unsere Zeitgenossen pflegen uns ja im allgemeinen unseren Weg nicht nur mit Rosen, sondern weit mehr mit Dornen zu spicken. Und aus ein Lob kommen in der Regel drei Verreißnngen, pflegt der alte Bettelheim in Wien zu zählen. Indessen heute kann Wassermann als einer sogar in dieser sparsamen Zeit vom deutschen Volk meist gelesener Romanschreiber nicht mehr klagen. Selbst feine harte Jugend wird dem glücklich am Strande des Erfolgs Gelandeten in der Erinnerung gern zu Gold, llnb wer so viele Freunde wie er in Germanien hat, warum sollte der dies kimmerische Land nicht lieben, von dem Hebbel gesagt hat, daß seit jeher seine Genies Ersatz für das Licht und die Wärme geschaffen hätten, die uns von einer kalten, nordischen Schöpfung vorenthalten wären. So grüßen seine Mitgeister in Deutschland heute Jakob Wassermann, aus daß es ihm nach dem Emu6scheu Allheilmittel hier täglich besser und besser gehe. Ein Tropfen Liebe tilgt ein Meer von Haß. 7*119 öer Jugendzeit. Von Jakob Löwenberg. Dcn 70. Geburtstag Jakob Löwenbcrgs am 9. Marz au dieser Stelle durch einen Beitrag aus seiner eigenen Feder feiern zu können, ist uns eine herzliche Freude. Sein Schaffen ist in unserem Blatte schon mehrfach dankbar gewürdigt worden. Von seinen zahlreichen Werken seien genannt: „A us jüdischer Seel c , „Vo m goldenen 11 c b e t f l u % ", „Kämpfen u n d Bauen, „Der gelbe F l e ck", „A us zwei Quelle n". Mögen unserem Meister' Jakob Löwenberg, diesem wundervollen Vorbilde eines wahren C. V.ers noch Jahrzehnte g e s c g n e t e n S ch a f f e n s beschieden sein. Die Schriftlertrmg. Die kleine jüdische Volksschule meines Heimatdorfes war einer egangen. Der reichste Mann der Gemeinde hatte erklärt, er tue nicht mchr mit.. Seine Kinder müßten mehr lernert, auch fremde Sprachen, und er wolle sich eine Gouvernante halten. Aus besonderer Vergünstigung wolle er gestatten, daß das Fräulein llns Proleten Religionsunterricht gebe. Das Fräulein! Wir hatten noch nie von einer Lehrerin Unterricht gehabt. Die sollte uns kennen lernen. Wenn die glaubt-Und wir schmiedeten allerhand böse Pläne und bereiteten uns auf den schönsten Un-fug vor. So kam die erste Stllnde. Still, erwartungsvoll faßen wir da. Knaben und Mädchen. Und plötzlich ftant sie vor uns, die^wir bisher nur mit frechem Uebermut und doch mit einer gewissen Scheu aus der Ferne betrachtet hatten. Eine kleine, zarte Gestalt, fein und zierlich, mit hellen Augen und mit einer Stimrne! Woher kam die nur? So machtvoll und so warm. Sie drang uns ins Herz und erstickte -gleich jede Auflehnung. Nach kurzer Zeit waren uns die Religionsstunden die liebsten von alleil, obgleich sie uns den freien Mittwochnachmittag nahmen. Und da schmiedeten wir wieder Plane, schlossen einen geheimen Bund, wie er vielleicht noch nie all einer Schule geschlossen wurde. Die Lehrerin hatte sich wiederholt über einige unaufmerksame, faule Schüler aufgeregt. Wie schrill da ihre Stimme klang. Es tat einem ordentlich weh. Und da vereinbarten wir bessere Schüler, daß jeder mit einem der pflichtvergesseneil Bösewichter heimlich lernen und üben solle, damit „unser Fräulein" sich nicht mehr ärgere. Und wir hatten Erfolg. Wo Erwachsene versagen, sind oft Kinder die besten Lehrmeister. Als bald darauf ihr Geburtstag war, wurden wir alle von ihr zum Kaffee geladen. Beim Pfänderspielen mußte der Sohn des Hauses der mit mir -gleichen Alters war, zur Auslösung seines Pfandes ein Gedicht vortragen. Ich erschrak in tieffter Seele. Wenn nun dir die gleiche Aufgabe gestellt wird! Ich hätte nicht eins sagen können/ Gedichtlernen hatte nie Zu unserm Pensum gehört. «-r-TTVj-.rr rpj-u, DIE MÜHE RlilT (Ü0C01M UNVERGLEICHLICH IN HEB MT AqmkL I- H. Leipzig- Kmchsth Ä Ahes-AmpovtseiL 1745 KLeü.S'U.Zhocolaösfa.ör'ill errichtet 1SA0