Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 137 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277622-2277632--02778-2283225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
137 Die Beschämung wurde mir erspart. Aber als ich nach Hause kam, griff ich sofort nach dem einzigen Gedichtbuch, das wir besaßen, nach Schillers Gedichten. Und ich lernte und lernte, wochenlang, Gedicht aus Gedicht. Hei, wenn ich jetzt ansgefordert werde, ich bin gewappnet. Aber wie das gewöhnlich int Leben geht, wenn man genug zu trinken geben kann, hat keiner Durst. Niemand fragte nach meinen Gedichten. Damals, ich urochte zehn oder elf Jahre alt sein, Jakob Löwcnber* schichte AU nud.' NZ die jiihi Hew. ge von. den An-non anderen schrieb ich auch meine ersten Neiine. Natürlich galten sie einer schönen Frau, einer sehr schönen; aber nicht unserem Fräulein, sondern der Königin Esther. Es war ein sehr langes Gedicht, eine richtige „Mepille", und gewiß, da Schiller ja mein Vorbild, war es sehr schwungvoll. Das Fräulein erfuhr davon, wahrscheinlich durch meinen Vater, und am nächsten Sabbat wurde ich zu ihr in das vornehme Haus gerufen. Tie ganze Stube war voller Leute. „Nun sag er uns einmal auf, was du gedichtet hast." Ich konnte es selb st verstä:id lich -a\ t §inendi g; aber kein Wort kam über meine Lippen. So verstockt war ich. Durch den Religionsunterricht angeregt, las ich nun auch mit größter Teilnahme alles, was v.rm Inden und jüdischer Gern Haesters Lesebuch, „bearbeitet für jüdische Schulen", n war. Alles, Poesie und Prosa. jüdische Elternhaus, die Begeisterung weckende Lehrerin und ifche Geschichte haben mir die Liebe zum Judentum tief ins senkt. Den stärksten Eindruck machten mir die Erzählungen Märtyrern, besonders die von Rabbi Akkiba und von Rabbi zu Mainz. Sie waren dem jungen jüdischen Knaben, was die Jndianergeschichlen sind. „Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem er die Wege zmn Olymp hinauf sich nacharbeitet." Wenn ich später meinen weiten, einsamen Schickweg zur jüdischen Volksschule des nächsten Städtchens ging, durch Feld und Busch und Wald, immer allein, dann malte ich mir ans, wie herrlich es doch wäre, auch einmal vor die Eutscheidung gestellt zu werden: treu oder untren? Und wie ich dann mit Begeisterung mein Leben für meinen Glauben hingeben würde. — Die Frage ist nie an mich herangekommen, ich bin kein Märtyrer geworden. Oder doch? Tragen wir Inden heilte nicht alle ein Märtyrertum? Selbst dis Lsgsnöe kündet . . » Wenn man alten Legenden Glauben schenken dürfte, so wären die Anden schon in biblischen Tagen in Deutschland ansässig gewesen. Wissen doch Sagenbücher davon 31t berichten, daß nach der Eroberung Kanaans durch Josna eintausend Männer ans Dem Stamme Benjamins nach Deutschland geflohen, wo sie sich in Worms niedergelassen. Eine scheinbare Bestätigung dieser Sage erbringt ein legendarischer Briefwechsel zwischen Esra und der Worinstr Judcngcmerude. Als nämlich Esra das neue Skaatswesen auf dem Boden Kanaans gegründet, schrieb er Briefe an die Inden im Ausland, daß sie wie einst zu den Festtagen nach Jerusalem pilgern sollten. Die Wormser aber sollen ihm geantwortet haben, daß sie ihre Heimat am Rhein gefunden 'und keinerlei Lust hätten, nach Jerusalem zu wallfahrten. In denselben Gedankenkreis gehören die Dokumente der Wormser, Regensburger und Nlmer Juden, auf Grund deren sie bei den Verfolgungen vor dein ersten Kreuzzuge ihren Angreifern erklärten, daß sie schon vor Jesu Tod nach Deutschland gekommen, daß sie also von jeder Mitschuld an der Kreuzigung sreigesprochen werden müßten. Vielleicht mehr als eine Sage ist die Angabe eines Chronisten, daß die Inden des Rhein- und Maingebietes Nachkommen der Vangionen gewesen, die unter Titus bei der Eroberung Jerusalems mitgekämpst und denen der römische Feldherr jüdische Mädchen als Kriegsbeute geschenkt. Rach der Heimkehr der Vangionen in ihre deutsche Heimat hätten dann die jüdischen Mädchen ihre Kinder in ihrem. Vaterglonben erzogen, die so die Stammväter der jüdischen Gemeinden in Westdenkschland geworden. HAns: Rieger, „Vom Heimatsrecht der deutschen Inden.'y mm 1 ETxxXMW X xx - X. X xxx^ X mm üaBaamwwn!