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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-05 · 10 (5.3.1926) · p. Seite 134

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
10 (5.3.1926)
Date
1926-03-05
Page
Seite 134 (sequence 26)
Language
German
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- 134 Nahrung mangelte, die regnende Flut füllte das Boot und beschwerte es, und sie gingen unter. Sie kletterten nuj Dächer — die Wasser folgten ihnen nach; auf Wipfel — die Wasser folgten; auf Felsen und Klippen — die Wasser folgten nach. Männer, schon bis an die Brust im Wasser, trugen ihre Frauen auf der Schulter, und diese auf der Schulter ein Kind. Sie saßen ans Klippen und blickten vor sich ohne Widerstand und ließen sich von dem langsam Steigenden einhüllen, dann Jan feil sie um, wurden davong-e schwemmt, versanken Die Flut stieg mit gewaltiger Schnelle, und das Sterben begann schon am ersten Tage der Flut. Jedoch, Noah hatte getan, wie ihm geheißen war, das schwimmende Haus war aufgerichtet, abseits in einer felsigen Bucht, und das letzte Getier — ein Paar zierliche Kolibris — ward in der Stunde vor Sonnenaufgang geborgen; denn Noah wollte noch in der Dunkelheit, ungesehen, das Haus versperren und davonfahren. Aber unversehens löste sich die Schicht des Pechs, mit dem sie die Ritzen Zwischen den geranunten Balken verfugt hatten, und so ging über ihrem Arbeiten die Sonne auf. Die Söhne samt ihren Frauen waren eingetreten, und Noah schickte sich an, selbst hineinzngehen und die Tür hinter sich Zil verschließen und zu Verpichen ans die lange Zeit. Da kamen Menschen ans Boten und Brettern in die Bucht getrieben und erblickten die Arche, sie schrien laut ans, und andere vernahmen es und schwömmen herzu oder klommen über Felsen und Wände, die noch nicht unter dem Wasser lagen. Vom Lande und ans den Fluren, von den Banmwipfeln und von den Bergen her riesen die Menschen zu Noah, sie baten und wimmerten, bettelten, flehten, sie in die Arche anfzunehmen und zu retten. Noah war eingetreten, er stand unter der Tür, die Söhne und Sohnesfrauen hinter ihm. Neberall ringsum hörte er nackende Menschen zu ihm schreien; von allenthalben schwoll es gegen ihn an. Die Schreie staken in der Fülle des Flntsteigens und Flntstürzens innerhalb gleich wie eingeschlossen in regnichtes Glas und vermochten es nicht zil sprengen, wie angstvolle Fische, schwanzschlagend, gejagt, zuckten die Schreie in der Last von Wasser drunten und Wasser droben dahin. Noah vernahm sie, und er stand in der Tür der Arche als ein Herr über Leben und Tod. Aber Noah vermaß sich nicht, sondern siel nieder auf die Schwelle, welche er in der Tür der Arche gemacht hatte, und wölbte die Arme empor und schrie auswärts: „Dies ist die größte Oual, die du jemals auf einen Menschen gelegt hast! Wie soll ich leben, da ich dieses erfuhr? Um welchen Preis hast du mir das Leben gewährt! Ich würde sterben, ich gäbe mir den Tod samt Söhnen und allen den Meinigen, aber du hast das Leben der Menschen in unsere Lenden gelegt, und töte ich mich und die Meinigen, so töte ich das ganze künftige Geschlecht der Menschen. Wehe, siebenmal Wehe den Sterbenden in ihrer Not! Siebenzig und aber siebenzigmal Wehe uns, welche sie sterben sehen!" Als nun Noah vom Gebet anfstand, und die Menschen erkannten, daß er sie nicht erhörte, sondern sich daran machte, die Tür zu verschließen und zu verfugen, wateten sie und ruderten und schwömmen zu der Arche. Schon aber hatten die Söhne Stangen hinansgestochen und stießen ab, und leicht wankend trieb das Ungetüme Schiff ans der Bucht gegen die Weite der Wasser. Biele klammerten sich an die vor ragenden Stangen. Sie sprangen von den Wipfeln und den Felsen. Sie hingen sich mit Leibern und Gliedern mt die Ränder der Arche und beschw er l en sie mit ihrer Last, so daß sie nur langs-anr glitt. Arme, Hände, Fäuste, Finger langten nach Noah hinauf, sie griffen nach seinen Füßen, das Geschrei spritzte und rauschte an ihm empor. Da ließ Noah sich einen Speer reichen und befahl den Söhnen und Frauen, Speere zur Hand zu nehmen, und befahl, die Stangen einznziehen; wer aber an den Stangen klammere und mit emporgesischt würde, sollte getötet werden. Erstochen klatschten etliche hernieder; dann wurden die Stangen eingezogen, zugleich stachen Speere nieder nach den Händen und Armerl., die sich an die Arche klammerten, daß sie abließen. Und während dies geschah, und während Fluch und Verzweiflung 31t Noah emporbrodelte, und während sich die grauschwarzen Wasser um die Arche hin mit Röte färbten, schrie Noah aus der Tür heraus — aber noch konnte er sie nicht schließen, so viel Hände krampsten an der Schwelle —: „Menschen, meine Brüder, mich erbarmt euer, ich darf euch nicht retten, berge ich einen, zerbirst die Arche, und das Geschlecht der Menschen entstirbt für immer. Das Leben ist in meine Hand befohlen, töten muß ich, Wehe über mich!" Nun waren die letzten Hände von der Schwelle abgeglitten, Noah schloß die Tür. Er hämmerte und klebte und Pflockte, dann aber legte er sich lang auf den Boden der Arche und weinte, und sein Leib trieb immer neue Tränen hervor, wi-e die Erde draußen Wasser über Wasser. Rasse un- Seele. Bon Alfred Döblin. Unsere Epoche geht im Geistigen einen bestimmten Weg: sie lehnt das Milieu ab, den Impressionismus, den Naturalismus der Kleinigkeiten, die Wirkungen der Materie, und sie will die Gewalt von innen heraus, die einheitliche Gestalt und was noch. Seelenleben wird ganz anders begreiflich als früher. Wundt machte früher ein Gesetz oder F e ch n e r : man blickte irgendwo hin unb dann maß man, wie lange es dauerte, bis man wirklich bemerkte, was man sehen sollte. Öder man stellte „Reizschwellen" fest. Und damit Punkt. Existieren heute noch ganze „Wissenschaften", davon: „Psychophysischer Parallelisrmrs": das war solch Wort von damals. Ist uns heute ganz freund. Bin, wenn ich die Wahrheit sagen sollte, platt, wenn ich daran denke und daß ich mich einnml damit besaßt habe. Bin nur diebisch vergnügt, wenn ich mich zugleich erinnere, daß ich schon damals nichts davon verstand: die lieben Götter hatten rnich mit Blindheit geschlagen. Was gibt es für liebe Götter. — Da wurde eines' Tages das Unvermeidliche Ereignis. Und nicht nur der einzelne Mensch hatte eine Seele, die ihn aus die Beine stellte und lächeln und weinen machte und alles andere, und darum war er — er, sondern ganze Zeitläufte hatten eine. Das hatte schon Hegel gesagt: es gibt einen „Zeitgeist"; ich habe wieder vergessen, wie er sich den dachte. Aber dies war doch inniger, gewaltiger: wahrhaftig stellte diese Zeitseele die ganze Zeit, alle Kriege, Politik, Knust, Wissenschaft dieser Zeit, jedes Gefühl des Menschen, alles, alles auf die Beine, solche Seele war wirklich produktiv, wie ein Saure, den inan in den Boden wirft: Stamm, Wurzeln, Blätter, alles ist von ihm; die Erde nährt nur. Aber nährt ihn, diesen Baum, eben und gerade ihn. Das ist die Lehre bou den Kultnrorganismen. Sie ist Blut vorn Blut dieser Zeit; man kann dazu sagen, was man will. Sie ist, ins Kollektive, Volks- und Massenmäßige getragen, was man vorher vom beseelten Einzelrnenschen sagte. Ich will mich zu dieser Lehre nicht äußern; es freut mich, daß sie ausgesprochen wurde, aber denke lieber au das einzelne Wesen, an das greifbare produzierende Geschöpf, das zugleich Schöpfer ist, das mit Armerl, Beinen, Angen. Soll ich genau sagen, was schwach an dieser Lehre von den Kulturorganismen ist, — ungediehen, nicht tief genug ans dem Gefühl der Epoche herausgekommen —? Daß sie die Seele und ihre Kraft bejaht und — zugleich dem Einzelwesen nichts gibt, im Gegenteil nlich dem Kollektiven unterwirft, mir selbst die Freiheit nimmt. Sie bejaht die Seele damit und verneint sie. Man kann die lebende, wirkende Seele nur bejahen im Ganzen, in Allem und dazu in jedem Einzelnen. Das Einzel-Jch ist real, in jedem physischen und metaphysischen Sinne; es wird keinem gelingen, mich in diesem allersichersten Gefühl zu erschüttern. # Von den Kulturorganismen ist der Weg nicht weit zu den Volksorganismen und Rasseorganismen. Das Buch, das hier liegt, heißt „Rasse und Seele". Es ist von Ludwig Ferdinand C l a u h geschrieben und int L e h m a n n s ch e u Verlag in M ü n ch e n erschienen. Ich weiß nach einem Blick, was der Autor will, und nach dem zweiten Blick weiß ich, daß er der nordischen Rasse ein Loblied singen will, und d i e I u d e n sollen ihm vom Leibe gehe n. Clautz also setzt da, wo vorher „Kultur" gesagt war, „Rasse" ein, und dieser Rasse schreibt er dieselben seelisch-eigentümlichen produzierenden Funktionen zu, wie die früheren ihrer „Kultur". Also einen Stil des Ausdrucks, der Lebensführung. Ich bin viel zu verliebt in diese Gedankengänge, Gefühlsgänge, — nein, sie erscheinen mir viel zu wahr, über das Logische hinaus wahr, als daß ich irgend was da heftig angreifen könnte. Ich kann rum von Jrrtümern, Abweichungen 'sprechen. Ich spreche, wie es sich unter Kameraden gehört. Ich bin „rassemäßig" ein Jude und Clanß ein ganz massiver „Norde", wie er sagt, aber ich kann nichts dafür, und die Liebe ist blind. Also es gibt reichlich schöne „Beobachtungen" in diesem kleinen Buch. Beobachtungen, die nur von Menschen unserer Art (ach Gott, ich muß es sagen und es wird mich freuen) gemacht werden können. (Es ist furchtbar, daß dieses „gemacht werden können" nachhinkt, aber ich konnte doch das „ach Gott" nicht verkneifen.) Es sind auch Bilder da, 155 Stück, Photographien von Menschen und Landschaften, und acht Tafeln. Mein Kamerad meint also: Die „Kulturorganismen" schweben zu sehr in der Lust, vom „Zeitgeist", den sich Hegel ansgedacht hat, gar nicht zu reden. Aber geben tut es Rassen und geben tut es Landschaften, zu denen die „Rassen" gehören. O liebe Kinder, eben fall ich vom Baum. Helft nur auf. Was ist passiert? Was hat mein Kamerad gesagt? Zum Denken gehören offenbar die Fehler. Er sagt wirklich: Die Nassen in ihrer mütterlichen Landschaft. Er photographiert sogar dicht hintereinander die Landschaft mit Wollen und Bergen und den betreffenden, z u - gehörigen Menschen, die hier gewachsene Seele. Ja, muß ich nicht vom Bann: fallen? Lieber Kamerad, das ist ja ein Fehler, —- wenn ich ihn auch begreife! Das ist ja schreckliche, schrecklichste, allererschreckendste Milieutheorie! Milieu. Wir find 1850—1880. Bitte jetzt nicht strampeln; geben Sie mir Ihre Hände her, sitzen Sie ruhig neben mir, vor mir, Knie an Knie, sehen Sie mich an und sagen Sie-D bei dem Gehorsam, den wir beide unserem Gefühl schulden —: Ist es nicht Milien,-wenn die Landschaft die „Mutter" der Seele ist? Sehen Sie mich an: Sie schämten sich, „Wirkung" der Landschaft zu sagen —

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