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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-05 · 10 (5.3.1926) · p. Seite 133

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
10 (5.3.1926)
Date
1926-03-05
Page
Seite 133 (sequence 25)
Language
German
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133 im Reichs-Museum übertreffend. Stadt Rembrandts, was bist du seltsam. Und was bist du für eine traurige Stadt, eine Stadt, in der man weinen und nur noch w-einen kann, weil dich jemand so sehr liebte und weil jeder Schritt, jede Auslage in der Calverstraat Erinnerung ist und Staunen und Umrechnen.... Ich bei Gillettekliugen und Zigarren, d» bei A-Pachentüchern, Schuhen und Rohseiden. Weiter ging's kaum. Aber dich, Calverstraat, möchte ich nicht Wiedersehen jetzt. Ich biege ab, ohne daß ich mir klar bin, wohin mich mein Weg führen soll, hier riecht's nicht gut in diesen engen Gassen. Es -wohnen wohl auch keine feinen Leute hier. Das Mädchen, das da die Prinz-Karl-Zigarren verkauft, trägt einen roten Kamm im Haar wie eine Granatblüte und hat bloße Arme, dick wie — ach, es ist ja gleich: wie — sie angelt mit den Augen nach mir armem Kerl, weil es ihr wohl daran liegt, mehr als nur Zigarren zu verkaufen. Immer armseliger, schmutziger, voll Apfelsinenschalen, Bananenresten, Kohlstrünken werden die nassen Gassen. Krach, Winkel, Häuserwände wie von Lepra zerfressen. Kinder spielen (ohne Zille zu ahnen) auf Mttllkisten und dann das Judenviertel und der Waterlooplatz. Wie oft haben wir deinen Duft und deinen Orient eingefogen, du Markt, aus dem der ganze Abfall des Lebens noch einmal zum Verkauf gelboten wird, vom verrosteten Vogelbauer bis zur verschmutzten Küchenkante, bis zum zerlesenen Detektivroman. Osten und Westen sind hier durcheinandergeengt. Alle Typen von Spanien bis Sibirien, vom Hethiter, Araber bis zum Mougoloiden. Luschan hätte seine Freude gehabt und du auch, der du diesen Winkel, diese Gassen voll dicker, schlampiger, armseliger Weiber -so liebtest, dich hier nicht satt sehen konntest. Andere Leute, weißt du, sind stets für sich, -sind einzeln, stehen, gehen, sitzen, räkeln sich, reden oder sind stumm. Hier aber sind nur Gruppen. Ob einer feilscht um eine verbeulte Brotha-ube aus Emaille, ob jener Stoffe betastet, die vielleicht für Fischfang sich noch eignen würden, sicher nicht mehr für Männeranzüge. Immer bilden sich Gruppen darum, Aufbau, Gestikulieren, Gesamtheit. Zehn sind herum, die teilnehmen, mit jeder Wimper, jedem Nerv daran teilnehmen.... Komm, laß dich noch einmal grüßen in der Jvddebreedstraat drüben, älter Rembrandt, dem aus diesem dir fremdartigen Gewimmel eine neue Beseelung deiner germanischen Kunst aufstieg, noch -einmal, ein letztes-mal vielleicht, will ich an deine Tür. klopfen, denn die Augen, die hier gestrahlt und geglüht hätten vor glückhafter Erregung, werden ja nie mehr aus dir weilen dürfen. Ich nehme zwei Postkarten mit nach der samtigen Radierung des Doktor Bueno, des Ephraim Bonus, des jüdischen Arztes und Kabbalisten, eine für dich -und eine für mich. Erinnerst du Dich des Ephraim Bonus, der für uns ein Symbol des Judentums war, weil er 3000 Jahre alt und sehr sehr klug und sehr, -sehr menschlich war schon damals um 1650? Und dann hat die lange Straße mit dem Gewühl der Diamantarbeiter, die wohl Mittagspause machen, mich wieder. Heyermanns Diamantstadt. Nun hast dn sie doch nicht gelesen, Liebchen. Ich empfahl sie dir immer. Sie hat so -echte Farben für das Judenviertel, wie sie Ouerido (beide sind Juden nebenbei) für das christliche Arbeiterviertel fand. Beinahe wäre ich überfahren worden. Man sollte vielleicht aufpass-en. Es muß doch herrlich sein, irgendwo zu verunglücken, wo einen niemand kennt, in einem fremden Land? Es dauert 24 Stunden mindestens, bis sie herausbringen, wer man ist. Richtig, das ist ja der stille Hof der portugiesischen Synagoge mit seinem Halbkranz niederer Baulichkeiten und seinen hohen Wänden darüber. Wie stolz diese weite, vornehme Bethalle ist, wie wir sie liebten, als einfaches Bauwerk, als Gedanke, der von Mauern umschlossen ist. Nichts Kleines, Gedrücktes, Enges, Maurisch-Verzwicktes, keine Kuppeln und Seitenkapellen, keine gotische Verkrampftheit, nur Raum, nur Licht, eine mächtige Polijsanderwand schließt nach hinten ab. Die Perairas, Spinozas, Pintos, Da Costa haben sie gestiftet. Manche Namen leben noch dort fort in Amsterdam, fahren in Autos auf ihre Bureaus. Wie stolz wir auf diese Synagoge waren, weil sie so ganz still und vornehm ist mit ihren riesigen Messing-kronen und Leuchtern, Kandelabern, mit den paar Abgrenzungen für den Vorstand, den Rabbiner. Nur Raum, nur Licht, nur Feierlichkeit. Ich habe dich in meinem Innern stets „Königin Esther" genannt, sagte deine adlige Freundin vor deinem offenen Grab. Der Führer fragt: „Wat is ü?!" Aber als ich ihm nicht antworte, läßt er mich lveiter weinen. Und dann gehe ich ganz langsam an den herrlichen Grachten-Hä-usern, die mit ihren Barockgiebeln in dem trägen Schwarz sich spiegeln, entlang, gehe den Dammrack hinunter, wo noch die Schiffer vor der Börse stehen, gehe lvieder zur Station. Amsterdam ist wirklich eine köstliche Stadt, eine der malerischsten Städte, die ich kenne, -und wir haben sie sehr geliebt. Aber es ist eine unsagbar traurige Stadt für einen Einsamen, cs ist eine Stadt, in der ich viele und gute Freunde habe, bessere vielleicht als irgendwo in der Welt. Aber zu. ihnen wollte ich eigentlich nicht. Wie mir jetzt scheinen will. Was aber soll ich meinen Freunden nur schreiben, warum ich nicht zu ihnen ging. Noah unö die Menfthen. Legende von Ernst Lrssauer. In der Zeit, ehe jene große Ueberjchlvenunnng, die Sintflut, hereinbrach, ward Noah durch ein Traumgesicht gewarnt. Die Ränder und Wände des Schlafes, in dessen Schwärze er schlief, lockerten sich und lvichcn, Flut drang ein, Flut über Flut; ihre Schwärze vermischte sich der Schwärze des Schlafes, der Traum ward überschüttet und überschwemmt mit finstern Wassern. Noah ward gelvogt und getragen unb ging nicht unter, seine Lagerstatt schlvamm und trieb auf der Sintflut in seinem Traume. Die Wasser schaukelten und schleuderten seinen Leib und warfen ihn zuletzt derb auf festes Land, so daß er von dem Prall erwachte. Alsbald in der ersten Frühe ging er hinunter an den Strand des Meeres. Er schmeckte in die Luft und roch über das Wasser und lvitterte weithin; er spürte, daß gewaltige Güsse nahten Schon war der salzene Geruch mit einer fremden Feuchte durchsickert, und Noah erkannte, daß er einer Warnung gewürdigt worden lvar. In der nächsten Nacht, sobald er einschlies, lvar der Boden seines Schlafes mit der Flut der vorigen Nacht überdeckt, sie stieg nicht, sie sank nicht, sondern es war Wüste und Leere Wassers. Eilt Sprudel, weiß sich emporwühlend, stieg aus der Mitte der Wasserseite, und in den Strudel stieg eine Stimme empor; sie befahl ihm, ein schwimmendes Halls zu erbauen, darin Wohnräume abzuteilen für sich, seine Söhne und deren Frauen und Getier hineinzubergen, von jeder Gattung ein Paar, zwiefachen Geschlechtes. In der Frühe ging Noah hinab Zum Strand, brachte dem Ewigen ein Opfer von Fischen und sprach Zlnn Hirnmel auf: „Was aber wird mit ben anderen Menschen, meinen Brüdern und Schwestern?" In der nächsten Nacht war der Raum des Schlafes, den Noah schlief, mit derselben Wüste und Leere Wassers angesüllt, nun aber nicht lautlos, sondern voll inlvendigen Geschreis. Das Geschrei stak in der Schlvärze der Flut innerhalb gleich wie eiugeschlossen in finsteres Glas und vermochte nicht die Oberfläche zu sprengen. Es war das Geschrei vieler Menschen; wie angstvolle Fische, schwanzschlagend, gejagt zuckten die Schreie in der Last des Wassers dahin, erstickt lautlos, aber Noah, wissend im Schlafe, vernahm sie dennoch In der Frühe brachte Noah abermals ein Opfer von Fischen und bat zum Ewigen empor, die übrigen Menschen zu schonen und zu retten. Schon war die Luft voll einer fremden Nässe, und als Noah das Ohr an derr Boden mtlegte, vernahm er ein Murren in ferner Tiefe. Fortan träumte er nicht mehr, und er Hub an, die Arche z:r zimmern. Die Brunnen der Tiefe taten sich ans, die Erde gebar Sprudel und Springquellen, der Boden bedeckte sich mit Flüssen und Seen, und die Seen fraßen die Flüsse. Tie Brunnen der Höhe taten sich auf, Güsse und Ströme schütteten nieder, der Himmel lvar geborsten und flutete. Wasser in Breite stieg von unten empor, Wasser in Breite stieg von oben hernieder; Wasser vermischte sich mit Wasser und zeugte unb gebar wiederum Wasser. In der Llift entsprangen Brunnen der Mitte und ergossen. Die Menschen retteten sich auf Nachen und Flöße, wie sie ihnen zur Hand waren, und sie trieben dahin; denn es lvar kein trockener Ort Erde, wo sie anlanden konnte!!, schlaflos hockten sie, und

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