Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 132 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Wissen um di e deutsche Ku nst in ihren edelsten Blüten über tausend Hindernisse hinweg erobert. Wir haben uns an ihnen gebildet, sie sind der Frieden unserer stillen Stunden, wenn wir das dumpfe Getrommel des völkischen Kalbfells vergessen wollen. Sie sind unser Eigentum. Wir wollen es vermehrt und vertieft sehen, zum Stolze Deutschlands, Zum Glück für alle Völker. Un se re K u n ft di e deut sche, darf n i-ch t i n L e m S ch nt utzwege der v ö l k ische n U n k u n st v e r -- s ch l a m m e n. <>ooc><>ooo<x>oc<>oo<><><>o<>o<>oo<><><><x>o<>oc<><><><><x>ooo<x><>^^ Literarisches. Julius Bab. — Dr. Mfted Döblin. - Herbert Eulenberg. - Georg Hermann. — Ernst Litauer. — Jakob Löwenberg. Amsterdam. Bon Georg Hermann. In den letzten Wochen bin ich recht ruhelos gewesen. Ich habe jede Gelegenheit ergriffen, um mir zu entfliehen. Vom äußersten Osten bis zum äußersten Westen habe ich — wie ein Postpaket, daS niemand annehmen will — Deutschland durchjagt. Ich bin meist die Nächte durch gefahren. Nach Süden bin ich vorgestoßen, und ich habe auch die Grenzen Deutschlands zwischen mich und meinen Kummer zu bringen versucht. Das Erempel stimmte nicht recht ... Woher sollte es auch stimmen?! Ich trug ja meinen Kummer mit mir, und ich hatte so wenig die Absicht, mich von ihm zu trennen wie ein wandernder HandwerkAbursche, der todmüde den Weg immer wieder unter die Füße nimmt, die Absicht hegt, sein Felleisen in den nächsten Chansseegraben zn werfen. Denn er weiß genau: in diesem Felleisen ist alles enthalten, was er noch besitzt. So war'?, mit mir. Zerfetzt, zerschuüden und mit dem Felleisen meines Kummers war ich aus dem brennenden und zusammenstürzenden Hause meines bisherigen Daseins geflohen, weil ich nicht einmal das Recht hatte, mich von -den fallenden Balken völlig erschlagen zu lassen. Ich hatte zuletzt Freunden geschrieben, daß ich nach Amsterdam kommen würde; und sie hatten mir gedrahtet, daß „mein" Zimmer bei ihnen bereitstände. Warum ich geschrieben hatte, weiß ich nicht. Was ich dort wollte, hätte ich auch anders erreichen können. Zum Beispiel mit einer Postkarte. Oder ich hätte es unterlassen können. Es lag gar keine Notwendigkeit vor.- die mich zwang, nach Holland zu reisen. Aber ich liebe Holland sehr, und ich kannte jemand, Der Holland fast noch mckhr liebte als ich, und da noch glücklicher und geborgener sich fühlte als ich. Dieses sauber gescheuerte, blitzblanke Land war etwas nach ihrem Sinn. Und Duhamel hat recht in seiner „Holländischen Suite", wenn er den lieben Gott zu dem Engel, den er zur Erde geschickt hatte, isagen läßt: „Ja, mein Sohn, wenn du dieses Mal von der ganzen Welt nur Holland gesehen hast, dann werde ich dich noch einmal herunterschicken müssen; dann hast du ja keine Ahnung, was für ein elendes Drecknest meine alte Erde eigentlich ist." Es ist ein Land, dieses Holland, in dem man als Mensch beim Leben vernünftig zur Miete wohnt, und nicht wie bei uns irgendwo auf dem Hose im vierten Stock als Schlafbursche geduldet ist. Oh, was haben wir immer wieder in all den Jahren mit dem Gedanken gespielt, nach Holland zu ziehen, wenn uns hier das Wasser des Ekels bis zum Hals stieg, und wir wieder mal an den tausend Reibungen des Alltags wund wurden! Wir haben drüben schon Häuser angesehen. Jeden Sonnabend haben wir die Vermietungen im „Handelsblad" studiert, jahraus, jahrein. Kennt ihr Hilversum, Baarn, Overveen, Laren?! Diese riesigen Villenorte im Grün, sauber wie Puippenkolonien. Oder jene bei Utrecht? Oder selbst Amersfoort? Ueberall haben wir schon unser Häuschen geisehen. Ueberall kann man da mieten. Um ein lächerliches Geld bei sich selbst zu Gast sein. Hunderte von Neubauten haben wir schon in Gedanken mit unseren Möbeln eingerichtet, Hunderte von Villen, an denen stand: „To huur". Natürlich ging es. Nun ja, man wüvde in der ersten Zeit etwas fremd sein. Aber eigentlich hatten wir in Holland fast mehr Freunde als in Deutschland, Freunde, die uns immer wieder ihre Gastlichkeit anboten, auf Wochen, auf Monate, so lange wir wollten. Welche wollten uns sogar ein richtiges Haus mal schenken. Und kaum, daß wir daheim waren, kam Kaffee und Tee — der doch in Deutschland so schlecht sei! — uns nachgeflogen. Ich glaube, nur haben bis heute nie versuchen können, wie schlecht der Kaffee in Deutschland eigentlich ist. Und nun war wieder eine Depesche angelangt: „Kommen Sie her, Ihr Zimmer steht bereit." Ganz, ganz früh also fuhr ich von -Köln fort, kaum, daß es heller wurde, breiteten sich wieder die flachen Fächer des holländischen Landes neben der Bahn aus. Wasser und Gräben. Breite trüge Flüsse. Ueberschweinmte Gebiete, Heiden und Weiden. Tie riesigen Bahnhöfe. Fünfhundert Meter sind diese Bahnsteige. Weiße Hühner werden in Farmen gehalten; sprenkeln das Land wie Tennisbälle. Die Weiden sind schon seltsam grün. Und jene anderen Weiden — Büsche und Bäume — an den Slvtjets und Graben am Rand der licTjtcn Wälder sind mit Kätzchen besetzt. Ja, irgendwo leuchtet schon, wie eine gelbe chinesische Fahne wehend, das Flattergezweig der Trauerweiden über einen: eisernen Gartentor. Dicke gescheckte «chweinchen purzeln ängstlich vor dem Zug fort ins Land hinein. Kühe und Pferde. Einige sind schon draußen, kauen Gras, stampfen neben dem Zug her. Starenschwärme ziehen und Fischreiher. Möwen wagen sich weit ins Land. Windmühlen! O Holland, schon der Tan über deinen Wichen, in dem sich die Sonne brach wie in einem Straßschmnck, bedeutete eins Glück. Und ihr tausend niederen, weiß gefugten Ziegelhäuschen in langen Straßen mit Beiküchen, mit Gärtchen vor und Gärten dahinter, ihr Straßen, in die man hineinblickt, mit Kindern in Holzschuhen, mit messingblanken Milchkarren, mit buntgesprenkelten Blumenwagen und silbernen Frschwagen ans dem roten Ziegelpflaster . . . fliegt, noch einmal fliegt wieder an mir vorüber. Oh, wie ich das Holland liebe, wie gern ich diese säubern Dinge alle habe, diese Fenster in lackblitzenden Rahmen, durch die man in die Reinheit der Veranden steht . . . liebe, weil du sie liebtest. Erinnerst du dich noch, wie wir aus dem verschmutzten, verarmten und verhungerten Deutschland der Inflation und des Rührkrieges damals kamen und das erstemal wie durch ein Zaubermärchen durch Utrecht gingen mit himmelhohen Bäumen, die sich in Grachten still spiegelten? Wie wir auf Schritt und Tritt Entdeckungen »rächten? Alles war da, alter Reichtum des Herrn Kannitverstahn von Hebbel, selbst der Leichenwagen, schnurrig altmodisch und versilbert, fehlte nicht, j’y pense. Oder wie wir an langen Nachmittagen durch die unübersehbar langen Buchenaüeen führen, die jetzt kahl stehen und im Sommer nur ein einziger Laubtunnel sind, mit den Autos unserer Freunde. Wer hatte keins?! Oder nachmittag in die Häfen bis zu den Chinesenkneipen. Oh, da liegt ja Amsterdam schon still in der Morgensonne des Februars, ein Borsrühlingstag. Kräne, Schiffe, Docks blitzten in einem bewegten Graublau, das von Dämpserchen durchfurcht ist. Die Schuten halten Versammlung auf der Amstel. An der Börse stehen die Binnenschiffer still wie Schilderhäuser, warten auf ihre Aufträge, reden nichts, stehen mit ihren Gesichtern von einst, wie vor fünf Jahren, wie vor hundert Jahren. Was bist du für eine herrliche Stadt, Amsterdam. Wie ein schöner Ebenholzschrein schmiegst du dich um die Rätsel deiner Nachtwache, deines Staalmesters, deiner Judenbraut. Du Stadt der alten Lagerhäuser, rauchgeschwärzt mit vergrünten Türen, Stadt der Kuppeln, Kirchen und der Möwenschwärme, mit deinen Grachten, an deren Rändern im Halbkreis Schmalhaus an Schmalhans seine Giebel hebt und über bas rostrote Gewirr der Ulmcnbäume hinüberblickt. Wie bunt sie sich spiegeln in dem stillen, ziehenden Schwarz seiner Wasserspiegel, alle Bilder von Heiden da