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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-05 · 10 (5.3.1926) · p. Seite 131

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
10 (5.3.1926)
Date
1926-03-05
Page
Seite 131 (sequence 23)
Language
German
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131 Bei dieser beispiellosen Blamage der Völkischen im Reichstag konnte die Wirkung nicht ausbleiben. Bei den D e z e m b e r w ahle n erlitt die völkische Bewegung ein in der dcrrtschen Geschichte einzig dastehendes Tebacle. Von 32 Abgeordneten kehrten ganze 34 in den Reichstag zurück, mit der Kunze- Gruppe räumten die Wähler überhaupt aus. Wäre nicht der Führer der Auswertungsverbände, Herr B e st, im neuen Reichstag zu den Völkischen gestoßen, so hätten sie nicht einmal über die erforderliche Fraktionsstärke/ die 15 Mann ist, verfügt. Freilich haben sie auch als Fraktion im jetzigen Reichstag ebenso wenig wie früher zu Leisten vermocht. Die Z e r w ü r f n i s s e im völkischen Lager haben zwar nicht wie int bayerischen Landtag zu einer Fraktionstrennung geführt, aber sie werfen doch deutliche Schatten auch aus die völkische Neichstagsvertretung. Ludendorsf erscheint ü b e r h a u p t u i ch t m c h r. Bei entscheidenden Abstimmungen fehlt oft die halbe Fraktion. Als über das Vertrauensvotum für die >etzige Negierung Luther abgestimmt wurde, blieben voll 15 Völkischen 6 dem Reichstag fern. Es ist möglich, daß sie in der außerparlamentarischen Arbeit, wenn nicht gar in einer a n t i P a r l a m e n t a r i s ch e n A g i - tation, aus eine Regeneration hoffen. Aber gerade ihr katastrophales Versagen im Parlament muß die beste Waffe werden, um solche Absichten zu durchkreuzen. „völkische Kimjl." Von Fritz Engel. Es gibt, unzweifelhaft, eine nationale K lt n st. Eine völkische ,,$imft" gibt es n i ch t. Was sich so nennt, ist nur so dreist, sich diesen tarnen, der ein höchstes Gut nnd darum heilig ist, anzumaßen. Rationale Kunst wächst aus dem geistigen und gefühlsmäßigen Gemeinbesitz eines durch Sprache, Überlieferung und Sitte zusammengehaltenen Voltskörpers. Sie gehört allen Mitgliedern, auch wenn die Ideen, die sie aus der geistigen Werkstatt der einzelnen Schöpfer verkündet, innerhalb der Gemeinschaft dem einen Zusagen, dem andern mißfallen. Gerade, indem sie Debatte erregen, verbinden sie die Angehörigen einer Nation zu gemeinsamem Interesse. Auch wer eine Idee bekämpft, muß mit ihr rechnen und sie in sich aufnehmen. In der Walhalla eines jeden Voltes sitzen seine schöpferischen Geister schließlich einträchtig beieinander. N a t i o n a l e K u n st in ihren Spitzen wird i n t e r n a t i o n a l e Kunst, wird W e l t k u n st. Das ist ihre höchste Berufung nnd ihr höchster Ruhm. Sie ist der Baum, der eine Volksgemeinschaft überdacht, um dann Zweige, Blüten und Früchte über ihre Grenzen hinauszustrecken. Goethe, Shakespeare, Tolstoi, Mokiere, Dante, Cervantes stehen so hoch, daß sie von jedem Erdteil aus gesehen werden. Laotses Weisheit und H o m ers Gesang klingen in alle Winkel des Erdballs, die Erzähler der Heilige n Schrift und der Märchen von Tausendundeiner Nacht sprechen über alle Berge und Meere fort, aus ihrer eigenen Zeit hinaus in alle Zeiten. Das ist die Gipfelfun st, hier nur durch eine beschränkte Zahl erlauchter Namen bekräftigt. Wer seiner Nation Kunst darbietet, träumt davon, in diese Ehrenreihe einzutreten. Ten wenigsten gelingt es, ihr geistiges Teil ist sosterblich wie ihr körperliches. Aber der Wille ist da und das Streben. Der Dienst am Volke, das fühlen sie, ist Dienst an der Menschheit. Auch die Kampsnaturen unter ihnen, indem sie gegen herrschende Zustände streiten, eifern einem Ideal zu, das den Kampf beenden könnte. Sie mögen religiös-ethische Gedanken verkünden, wie die an Talenten nicht arme katholische Literatur unserer Tage, oder soziale oder Politische: letzten Endes und je spitzer ihre Pfeile gegen ihre Widersacher sind, suchen sie glücklichere Zustände herbeizuführen und der Menschheit ein Bett des Friedens zu bereiten. Es gibt keinen großen Dichter, der hm „Haß an sich" gepredigt hatte. Die „völkische Kunst" ist keine Kunst, weil sie nur auf den Haß eingeschworen ist; aus einen Haß, der oft den niedrigsten materiellen Trieben entspringt und schon darum kein ehrliches Motiv für künstlerische Behandlung sein kann. Der Haß ist die tückische Brille, die alles verzerrt. Sie verzerrt die Beobachtungsgabe, die ein erstes Werkzeug des Künstlers ist. Sie verzerrt das Aeußere des Objekts, und niemals dringt sie über dieses Aeußere in sein Inneres, dorthin, wo die Triebkräfte seines Empfindens und Handelns sind. Sie sieht schief, was gerade ist, und sieht grau, was hell und rein. Sie ist die Teufelszauberbrille, die ihrem Träger das Gefühl einflößr, er könne sprechen, ohne zu denken, und urteilen, zu prüfen, Die voififdje Bewegung Der Haß an sich ist ungeistig und sein Ausdruck ist darum roh. Sein Wort ist Gebrüll, sonst würde das dumme Ohr, auf das allein er rechnet, ihn auch nicht verstehen. Sein Witz ist niedrigster Sorte und immer der gleiche abgestandene; man muß die Bilder der Witzblätter oder die Plakate der Festlichkeiten betrachten, in denen sich Völkisches in „bildender Kunst" versucht. Es ist die Mühle, die sich immer und immer um dieselbe Achse dreht, um die Grimasse mit der krummen Nase. Man muß die „Gedichte" lesen, diese Demaskierungen niedrigster Reimerei. Ihre Urheber ahnen nicht, daß es metrische Gesetze gibt. Sie haben kein Wissen von dem Reiz der Form und von der Melodie, die einem Verse innewohnen muß. Sie sind nicht nur witzlos, sie sind ohne Humor, weil H u m o r i m m er a u ch e i n e p o s i t i v e u n d schließlich versöhnliche, auf die Gesamtmenschheit gerichtete Einstellung zur Welt bedingt. Deshalb ist der Jude Heinrich Heine für die Völkischen ein so besonders lauter Haß, weil er ihr heimlicher Neid ist. Ihre Wut ist die Maske der eigenen Talentlosigkeit. Die Haßeinstellung zersetzt das Talent, falls es vorhanden nun, und den Stil. Aus ihrem innersten Wesen heraus verbietet sie die freie und individuelle Betätigung der künstlerischen Absicht. Wenn man einen der völkischen Autoren gelesen hat, hat man alle gelesen. Ernst v. Wolzogen, der ein Stilist von ebenso festem wie anmutigem Ausdruck gewesen, schreibt jetzt wie Dinker, die Feder im nämlichen Schmutzsaß der Pöbelei. Artur Dinier hat in seinen mwernebelteu Jugend tagen e i n wenigstens diskutables Bühnenstück versaßt, und er hätte weiterhin ans einer gewissen Mittellinie der Anerkennung leidlich bestehen können. Jetzt reitet er zum heidnischen Blocksberg und schreibt dann mit dem Besenstiel. Und Adolf Bartelsder Literaturheilige, ist ein dreister Usurpator dieser Rolle. Er hat Dramen geschrieben, die man kennen muß, wenn man das Niveau ahnen will, von dem er die Leistungen anderer beurteilt. I m ganzen U mkreis der völki s ch e n Literat u r i st k ei n e B e g abu n g zu s in b e tv di e, a b se i t § d e r Tendenz, an sich zu schätzen w ä r e. Kein Lyriker, kein Epiker, vor denn auch der Andersdenkende den Hut ziehen möchte, weil er einen r e i n e n W i l l e n und ein reines K ö n n e n heraussühlt. Vollends im Drama, das ja dann auch die wirksamste Waffe der „Volksaufklä-rung" wäre, herrscht vollkommene Unfruchtbarkeit. An der deutschen Bühne in ihrem jetzigen Zustand wehen die Völkischen mit besonderem Eifer ihren. Zorn. Manches liegt da im argen, das ist wahr. Die geschäftliche Ausbeutung der dramatischen Kunst, die Vorliebe für grob sexuelle Auslandsspäße, der Mangel an Pflege unserer großen Ueberlieferungen ist vielen ein Dorn im Auge, die dem deutschen Lande eine nationale Kunst gönnen, groß genug, um international zu sein und wie früher zu werden. Aber mit dem Heppheppgeschrei ist es nicht getan. Die Sonderung zwischen Jude und N i ch t j ube bebautet auch hier eine Ausfassung abseits des Künstlerischen. Und auch hier muß es an die Adresse der Völkischen lauten: erzeugt doch Bühnenleiter, erzeugt Regisseure, gebt vor allem Dramatiker! Gebt 'Künstler und Kunst! Der Ruf verhallt. Die v ö l k i s ch e K u n st ist unproduktives Oedland. Ein künstlerisch Fühlender und Gestaltender, mag er sonst auch Antisemit sein, weicht dieser leeren Stätte aus, wo nur die Distel des Hasses gedeiht — für Esel nicht unschmackhaft — und alle anderen Keime erstickt. Je dümmer eine Literatur, desto größer ihre Verbreitung. Das gilt zumindest für unsere kranke Zeit, in der die wirren Köpfe das 'besondere Bedürfnis haben, sich noch mehr zu verwirren. Da ganz allein liegt die Gefahr, deretwegeu es lohnt, sich mit der sogenannten Kunst der Völkischen überhaupt zu befassen. Die Schriften dieser Leute werden viel gelesen, Herr Dinier hat, wenn auch iu absteigender Linie, mit seinen Gistmischerromamm große Auflagen. Es ist ein Feldzug der Verblödung und der Aufstachelung ordinärster Begierden, der geführt wird. Das Publikum, das diese Literatur verschlingt, wird auch ästhetisch von Grund aus verdorben. Es wird unfähig gemacht, gute Bücher mit Genuß an ihren künstlerischen Schönheiten zu lesen, es versinkt in der Tiefe einer Barbarei, in der es den Sinn für den Wert unseres geistigen Nationalbesitzes verliert. Es tieft sich an Tluter und Genossen ins Analphabetentum hinein. Das ist i n W a h r heit eine „d e u t s ch e Gesa h r", u n d die d e u t s ch e n I u d e n s i n d f o f ü h n, ans sie h i n z u - zeigen, und werden nie aufhören, es zu tun. Wir h a b e n d a s R e ch t d a z u, d e n n w i r haben u n § das

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