Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 130 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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130 besinnuug, zur cniftcu Arbeit an sich selbst, d-ie deutsche Jugend führen? Wer lehrt unsere Jugend die Ehrfurcht vor dem eigenen Volke, vor der Masse der deutschen Arbeiter? Wo w-ird die deutsche Republik dieser Jugend als heilige Aufgabe gestellt? Diese Fragen stellen, heißt zugleich voll Trauer seststellen, wie v e r n -i ch t e n d der, Ei n s l u ß völkischer G -e d a n k e n in u n se r e n h ö h e r e n S ch u l e n h e u t e i st. Hier ist sür echte Republikaner, sür klardenkende Schulmänner und Eltern noch ein großes Arbeitsfeld. Hier tut geschlossener Politischer Wille not, damit der völkischen Krankheit ein Ende bereitet und unsere Jugend wieder zu sittlicher Gesundung und ruhiger Entwicklung geführt werde. Die völkischen im Reichstag. Bon Otto Ruschke, M. d. L. Der Antisemitismus der Vorkriegszeit strebte von Anfang an danach, sich P a r l a m e n t a r i s ch zu betätigen. Während im Jahre 1887 der erste Antisemit in der Person des „hessischen Bauernkönigs" Dr. Otto Böckel als einziger Vertreter der Antisemiten gewählt wurde, fand er bei den Wahlen von 1890 bereits einige Nachfolger. Die antisemitische Flut stieg dann 1893 aus ihren Höhepunkt; der allmähliche Niedergang erfolgte nicht nur in den Reichstagsmandaten, sondern auch in allen anderen Begleiterscheinungen. Es \mx ein Niederbruch kläglichster Art. Man denke an Ahlwardts unrühmliche Rolle. Weder Zimmerm a n n noch Liebermann v. Sonnenberg, weder Stöcker noch sein Spezialkollege von der Kanzel, der Knüppelpastor I s - kraut, vermochten dem politischen Antisemitismus wieder Kredit zu verschaffen, von den beiden gestrauchelten Parlamentariern S ch a ck und Krösell ganz zu schweigen. Noch einige Jahre ruhiger Entwicklung — und der Antisemitismus wäre an seiner eigenen Lächerlichkeit und der Brüchigkeit seiner parlamentarischen Vertreter völlig zugrunde gegangen. Ter Krieg hat uns in der kulturellen Entwicklung und in den sittlichen Auffassungen um Jahrzehnte Zurückgeworfen. In gewissem Sinne ist es darum natürlich, daß neben den verstärkt auftretenden anderen ZeitkrankheiLen nun auch der Antisemitismus wieder in die Erscheinung trat. Aber es spricht viel dafür, daß er sich als politische Bewegung bereits wieder in jeder Bezieh u n g auf der a b s i n t e n d e n Kurve bewegt. Rein parlamentarisch gesehen ist das ohne Zweifel der Fall. Kurz nach dem Kriege versuchte der deutsche Antisemitismus sich in a n t i p a r l a - m e n t a r i s ch e n Veilletäten. Zweifellos trug dazu viel die Tatsache bei, daß sein Führer Hitler die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besaß und darum auch nicht wählbar war. Aber neben diesem Moment war doch auch eine gewisse instinktive Ahnung gerade Hitlers vorhanden, daß die Parlamentarische Arbeit zu einer Art Demaskierung zwingt. Im hellen Licht des Reichstags und der sachlichen Arbeit Zerfließt der Phrasendunst unwahrhastiger Demagogie am schnellsten. Außerdem sind Wahlen ein untrügliches Barometer für die Strömungen im Volke. Eine politische Bewegung, die sich nur auf den Bräukeller und das Hetzflugblatt stützt. ist in gewissem Sinne unkontrollierbar. Sie kann vor allem die eigene Anhängerschaft in einem Dauerzustände der Täuschung und des Selbstbetrugs halten, und unter Umständen vermag sie von außen her stärker die Politik Zu beeinflussen, als wenn ihre Vertreter in den Parlamenten sitzen. Aber wer unsere antisemitischen Geschäftspolitiker kennt, der weiß auch, daß solche Erwägungen bei ihnen von sehr materiellen Beweggründen beiseite gedrängt werden. U n d so wurde auch der U ntisemitis m u s der Na ch - kriegszeit bald P a r l a m e n t a r i s ch. Bereits im ersten Reichstag der deutschen Republik löste sich aus der Deutschnationalen Volkspartei eine völkische Gruppe heraus. Es waren die drei Mannen v. Grase, Henning und W u l l e. Als mm gar L u d e nd o r ff sich offiziell den Deutschvölkischen anschloß, da schwoll den anderen Führern der Kamm. Sie hofften bei den Maiwahlen 1924 mit Ludendorfs als Neichslistensührer eine R i e s e n f r a k t i o n zu werden. Der Kamps wurde „gegen Juda, R o in n n d Her g t" geführt. Der deutschnationale Führer hatte sich Zunächst weidlich über die „antisemitische Well e" gefreut. Nunmehr aber empfand er mit eigenen Leibe die gerufenen Geister doch sehr unbequem. Er versuchte der völkischen Konkurrenz freilich dadurch zu begegnen, daß er bekannte Antisemiten wie Werner (G i e ß e u), Alfred Not h, Graf, Br u h n, Behrens und Nt u m m auf sichere Plätze seiner Listen nahm. Gleichwohl erlangte die völkische Bewegung am 4. Mai 1924 32 Reichstagsulandate, und selbst Knüppel-Kunze vermochte 4 Abgeordnete durchzubringen. 36 Völkische, das war zwar sür die Hofftmngeu der Völkischen viel zu wenig, für den deutschen Ruf jedoch peinlich viel! Nun sollten die Herrschaften, die so etwas wie eine W e l t e n w e n d e angekündigt halten, zeigen, was sie können. Das Auftreten der Völkischen im Reichstag war ein beispielloser Versager. Sie führten zwar den Heilruf in die parlamentarischen Umgangsformen ein, in der sachlichen Arbeit vermochten sie jedoch nicht das geringste zu leisten. Wenn ihr Anßenpolitiker Graf R e v e n t l o w das Wort nahm, um die deutschfeindlichste Auslegung unserer außenpolitischen Aktionen als seine Ansicht vorzutragen, entstanden peinliche Momente. Redete der Finanzwunderdoktor Feder, so herrschte ungetrübte Heiterkeit bis zilr äußersten Rechten. L u d e u d o r f f schwieg s i ch völlig a u s. Die größte Sorge und einzige positive Arbeit der Völkischen war gewöhnlich, die Enthaftung ihrer Gesinnungsgenossen vom bayerischen Putsch her durchzusetzen. Das brachte sie in engste Kampfgenosseuschast mit den K o m nt u niste n. Schon vor den Maiwahlen hatte ihr nordbayrischer Führer, der Hauptlehrer Julius Streicher, in Erlangen erklärt, „daß zwischen den Zielen der völkischen und denjenigen der kommunistischen Bewegung nur einige U n k l a r h e i t e n — die nationale Einstellung und die Rassenfrage — sonst aber wenig Trennung" wäre. „In der Auffassung, daß nur die Tat unser Volk retten könne, sind sich beiden Parteien einig". So hatte der „Schwabenstreicher" offen verkündet. Nunmehr stimmten Völkische und Kommunisten getreulich zusammen, wenn ein Kommunist oder ein Völkischer enthaftet werden sollte. Einige radauantisemitische Anträge kamen gar nicht zur Verhandlung.