Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 129 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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129 also R u ß l n n d, von dem sie ohne weiteres annahmen, daß es in seiner Feindschaft gegen die Westmächte, und zwar wieder aus innerpolitischen Gründen, verharren müßte. Ob diese Rechnung stimmt, ist Zum mindesten zweifelhaft, nachdem sich die Moskauer Regierung bemüht, sowohl mit Frankreich wie mit England ins Einvernehmen zu kommen. Dabei ist das Ueberraschende, daß ursprünglich die Völkischen eine Annäherung an Rußland, wie sie der Rapallo-Vertrag darstellte, befehdet haben. Und wieder aus inner-politischen Gründen, aus A n t i k l e r i k a l i s m u s , der sich gegen Wirkt), und aus Antisemitismus, der sich gegen Räthenau richtete. Es berührt eigenartig, daß sie sich zu dieser Politik jetzt bekennen, wo sie durch die Locarno-Verträge von den Parteien, die damals für sie eintraten, preisgegeben wird. West- oder Ostorientierung scheiden für Deutschland als Alternative aus. Man versucht, beides zu verbinden, während die Völkischen auf der alten These, die sich als gerecht fertigt Zeigte, solange Deutschland von England und Frankreich mißhandelt wurde, stehen geblieben sind. Man kann sagen, daß sich hier ein Widerspruch in sich zeigt. Der Antisemitismus verhindert uicht, auf Männer zu hoffen, die gleichzeitig von ihnen als Juden bekämpft werden. Gelegentliche Aeußerungen im „Völkischen Beobachter" und im „Völkischen Kurier" klären diesen Widerspruch nicht auf. Man betreibt beides nebeneinander, und sucht sich damit zu rechtfertigen, daß Rußland antikapitalistisch und antiwestlich eingestellt ist. Vielfach wird dieses Verhalten als die Anbetung der Gewalt betrachtet. Dem entspricht auch die Begeisterung für Ai u s s o l i n i. Ein Diktator ist an sich für sie, und zwar Wiederaus innerpolitischen Gründen, geradezu das Ideal. Kommt noch sein Kamps gegen die Freimaurer hinzu. Im „Völkischen Beobachter" findet sich noch am 13. Februar d. I. eine Auslassung, die durch ihre Sprünge geradezu belustigend wirkt. Es wird Mussolini vorgeworfen, daß er sich säst nur mit Juden umgebe. Genannt werden seine Sekretärin Frau Sarfatti, die Fascistenführer Olvetti, Bellini, FinZi mW Bankier Töplitz. Also müßte man eigentlich gegen ihn sein. Dann aber heißt es: der Fascismus und Mussolini waren dem Judentum schon recht, aber ein Mann, der Zwar nicht das Judentum direkt bekämpft, aber die Freimaurerei zerschlug, der mußte weg. Logisch ist das nicht. Man stellt eine Einheit dadurch her, daß man die italienische Freimaurerei, Zu der auch Juden gehören, einfach als jüdisch in Anspruch nimmt, und gar nicht sieht, daß auch auf der Gegenseite, wie man selbst eben erwähnt hat. Zahlreiche Juden stehen. Noch schlimmer erging es unseren Völkischen in der S ü d t i r o l e r Frage. An und für sich nmßten sie als leidenschaftliche Verfechter des großdeutschen Gedankens sich unbedingt der deutschen Stammesgenossen annehmen. Ader nicht gegen Mussolini. So kam man auf den Ausweg, die ganze Bewegung für Südtirol als eine j ü d i s ch e Mache Zu bezeichnen, die nur dem verhaßten Mussolini ein Bein stellen sollte. Das wirkt um so grotesker, als ja die schärfsten Angriffe gegen den Fascismus aus diesem Grunde von Kreisen ausgegangen sind, an deren gut antisemitischer Gesinnung gar nicht gezweiselt werden kann. Der Boykott gegen Italien ist am stärksten in München propagiert worden, und die ablehnendste Rede hat der bayerische Ministerpräsident H e l d gehalten, der freilich Mitglied der Bayerischen Volkspartei ist, mit der die Völkischen seit dem November- Putsch gründlich zerfallen sind. Aber nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß hier wieder ihre außenpolitische Linie brüchig geworden ist. Wer nationalistisch denkt, darf sich an solchen Äußerlichkeiten, wie es das gleichzeitige Eintreten der Demokraten für die Südtiroler ist, nicht stoßen. Konsequent ist diese Politik sicherlich nicht, denn sie muß klar erkennen, daß das großdeutsche Ideal nicht ohne eine Auseinandersetzung mit dem fascistischen Italien erfüllbar ist. Die Außenpolitik der Völkischen fußt heute noch auf geschichtlichen Erfahrungen aus einer mehr als 100 Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Der Befreiungskampf gegen Napoleon wurde mit russischer Hilfe geführt. Folglich muß es diesmal wieder genau so werden. Da Italien augenblicklich gegen Frankreich eine nicht übermäßig freundliche Politik treibt, wird es gleichfalls als Bundesgenosse in Anspruch genommen, ohne Rücksicht daraus, daß das Wort von den lateinischen Schwestern im Unterbewußtsein jedes Römers genau so lebendig ist wie früher. Wäre die Einstellung logisch, so müßte man auch Sympathien für England und Amerika zur Schau tragen. Die ständigen Gegensätze zwischen London und Paris sind stir jeden Einsichtigen aus die Dauer unüberbrückbar, auch wenn sie zeitweilig geschickt verborgen werden. Die Haltung Washingtons richtet sich gegen das waffenklirrende Frankreich, das man mit finanziellem Druck zur Abrüstung zwingen will, also ein Programm, das den vollen Beifall der Völkischen finden müßte. Hier spielt ihnen aber wieder ihre innere Einstellung und der Antikapitalismus einen Streich. Dabei muß man noch unberücksichtigt lassen, daß die Gruppenbildung innerhalb der Völkischen neue Widersprüche gegeneinander zutage fördert. Ein höhnischer Artikel des „Miesbacher Anzeigers" vom 18. September 1925 empfiehlt den Nationalsozialisten, sich mit den Ges i n n un gs g envssen aller Länder zu vereinigen, eine These, die geradezu grotesk anmutet. Es ist kein Zufall, daß die Außenpolitik im Programm überhaupt schlecht wegkommt. In den Leitsätzen des Nationalsozialen Volksbundes vom 24. Mai 1925 heißt es nur: „Wir wollen unter Wahrung der Stammeseigenarten alle Deutschen zu einem großdeutschen Nationalstaat Zusammenschließen. Mit dem Auslands- und Grenzlanddeutschtum fühlen wir uns unlösbar verbunden." (Liehe Südtirol.) Punkt 2 Die völttfdje Bewegung fordert ein freies, selbständiges Volk und Kampf gegen Friedensvertrage und Dawes-Plan. Punkt 3 Heeresdienst und Arbeitsdienstpflicht. Mit Recht ist über die Ausführung nichts gesagt. Da die Bewegung ja auch iunerpolitisch ihren Höhepunkt überschritten hat, braucht 'man sich mit der Außenpolitik, die sie führen wollen, nicht auseinanderjetzen. Sie sind durch glückliches Geschick davor b e w a h r t, jemals die Beziehungen zu anderen Mächten bestimmend zu beeinflussen. Aber ein Beitrag zur Charakterisierung der Bewegung ist mtri) dieses verworrene Verhalten. 5 iV Von Oherschulrätin Hildegard Wegschcrder, M. d. L. Man könnte dreist behaupten, daß es eine völkische Schulpolitik in Deutschland überhaupt nicht gibt: uu'nn man nämlich unter Politik die schassende Gestaltung öffentlicher Angelegenheiten versteht. Denn von Schaffen und Gestalten merkt man trotz des g e - w a l t i g e n Einflusses völkischer Gedanken a u f u n s e r e S ch u l e n nichts — gar nichts! Dieser Einfluß besteht vielmehr wesentlich darin, daß die Psychose des Kriegsendes, die in den rein militaristischen Kreisen um so stärker ansbrach, je ahnungsloser diese Menschen den politischen Entwicklungen Europas gegenüberstehen, aus die Schuljugend übertragen wird. Es ist mehr als eilt Bild, wenn mau hier von einer Seuche, von einer Infektion spricht. Sie geht ans von den Bazillenträgern, von Menschen, die bis zum November 1918 daran geglaubt hatten, daß der „deutsche Gott" uns durch ein Wunder den Sieg verleihen loürde, deren persönliches Geltungsbewußtsein mit dem Siege Deutschlands stand — oder vielmehr versank —, und die mm krampfhaft sich wieder zu irgendeiner Art Selbstbewußtsein helfen mußten. Das erste Symptom ist das Sn ch e n n a ch d e m S ch u l - bi gen: der Jude muß es sein - - und da das nicht ganz genügt, die Sozialdemokratie dazu: das Dolchstoßmärchen wird erfunden und wirkt sich in einem wahren Fieber völtischen Hasses aus. Zugleich aber braucht man e i n e -v o s s n n n g : die Rache! Wer kann sie herbeiführen? Nur die Jugend. Und so treibt man die .Jungens und Mädchen der höheren Schulen in „vaterländische" Bünde. Man redet von „Deutschtum", gewinnt den romantischen Sinn der Jugend durch ritterliche Formen, kommt dem Kampftrieb durch „Geländeübungen", „Kleinkaliberschießen" und ähnlichem Unsinn entgegen, gibt dem Spieltrieb Nahrung in unermüdlicher Organisation von Festen, Jugendfeiern nsw. Das kenntnislose Verachten des Auslandes wird dabei noch übertrumpft durch die wahnsinnige Vorstellung, als sei der republikanische, also der bei weitem stärkste Vvlksteil in Denlschlnnd selbst gar nicht „echt" deutsch, als wirke sich im Sozialismus, im Parlamentarismus, in der Demokratie ein Asiatentnm (Judentum — Bolschewismus) aus. So entsteht in dem größten Teil der Jugend unserer höheren Schulen, besonders derer östlich der Elbe, der Glaube an eine Mission: diese Kinder werden mit dem Wahne erfüllt, sie seien die eigentlichen Deutschen und zum Kampf gegen alles „Undeutsche" berufen. Wir erleben es, daß die Klassen vielfach zum Kampfplatz werden: von den Rnderbündcn oder ähnlichen Schülervereinen werden „Judenstämmlinge" ausgeschlossen —- beileibe nicht öffentlich — nur deshalb, weil sie etwa einen: Vorstandsmitgliede „unsympathisch" sind, oder weil man sie, die durch vielfache Wunden überempfindlich geworden sind, nicht zur Teilnahme aufsordert. Gedanklich kommt man dabei freilich in die sonderbarsten Konflikte: ist „Gott" nicht vielleicht „jüdisch"? Sollte man nicht zu- Wotan zurücklehren? In vielen Schülerköpfen spukt dieser Gedanke; Nietzsche und Spengler werden dabei Zu Helfern und geistigen Führern, ohne daß man sich die Mühe machte, mehr als ein paarärmliche Zitate von ihnen zu kennen. Und das Aergste ist, d a ßdieLehrer s ch aftder h ö h e r e n Schulen sich in diese Bahnen mit h i n e i n tr cib en läßt. Ich glaube, daß die Zahl der ernstlich völkisch eingestellten Studien rate und Stndienräkinnen gar nicht allzu groß i]t. Aber erschütternd Nein ist doch die Zahl derer, die sich dazu ausrafsen, ( -dieser kr ankg-em achten Jugend zu Helsen. ' Wer s ü h r t seine Klasse zur Einsicht in die , Roheit des Rassenhasses, in die Unsicherheit unserer Erkenntnis v o m Wesen der Nass e? Wer lehrt mit dem ganzen Feuer dessen, das für Gerechtigkeit glüht, die jungen Menschen, einander mit Achtung, mit Ehrfurcht zu begegnen? Wo ist die Schar echt deutscher Lehrer, die das Schicksal unseres Volkes als tief -in seinen: Wesen begründet erkennen, und die deshalb zur Umkehr vom Prahlerischen Hochmut zu Selbst-