Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 125 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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125 oder entstellen oder sogar bie ihnen am gefährlichsten erscheinenden Inden zu beseitigen suchen. So erklärt sich der Mord an Walther Nathenau. Nach N a P a l l o war voraus- Zusehen, das N a t h e n aus Arbeit für Deutschlands gleichberechtigte Wiederaufnahme in die Volkers amilie nicht nur von baldigem diplomatischen Erfolg gekrönt werden,sondern auch dem deutschen Antisemitismus den Boden abgraben mußte. So war es höchste Zeit, kurz vor dem Ziel diesen Mann, dessen Vaterlandsliebe bald auch dem Auge des Blödesten offenbar werden mußte, aus dem Wege zu räumen. Diese Tat völkischen Hasses wurde dann noch dadurch gekrönt, daß nach dem Morde zur Herabsetzung des Ansehens der Familie R a t h e n a u von einem Hauptmann Müller v. Hansen behauptet wurde, Emil Nathenau habe an seinem Hause einen Fries mit abgeschnittenen Fürstenhäuptern anbringen lassen. Auch die Hetze gegen Hugo P r e u ß, den Schöpfer der Weimarer Reichsverfassung, findet ihren tiefsten Grund in völkischem Haß gegen die positive Mitwirkung deutscher Juden an der Entwicklung des Deutschen Reiches und des deutschen Einheitsgedankens. Ihre Unsachlichkeit kann den Kenner völkischer Kampfmethoden leider nicht überraschen. Wer die beiden unter der Aegide des Herrn Theodor Fritsch segelnden Hauptpamphlete „Die Zionistischen Protokolle, das Programm der internationalen Geheimregierung" und „Die Weisen von Zion" in ihrer grotesken Mischung von Irrsinn und Bosheit kennt, der wundert sich nicht, daß unsere Völkischen zu jedem Mittel der Lüge greifen, um den deutschen Juden jede gute Eigenschaft abzusprechen und anderseits jeden Menschen, dessen Politische oder sonstige Betätigung sie mißbilligen, dem Judentum anzuhängen.. Deshalb scheut auch ein Mann in früher so verantwortlicher leitender Stellung wie der General Ludendorfs nicht davor zurück, in seinem Buche „Kriegführung und Politik" zu schreiben: „Mit Frankreich und England Hand in Hand arbeitete die Oberleitung des jüdischen Volkes. Vielleicht führte sie beide. Sie sah ben kommenden Weltkrieg als das Mittel an, ihre politischen und wirtschaftlichen Ziele durchsetzen. . . . Dazu brauchte das jüdische Volk die Niederlage Deutschlands", (1823-1899 Professor H. Steinthal, der bekannte Philosoph, der mit glänzender Feder in wärmster U eher zeugungsstärke den Judengegnern seiner Tage entgegenirat. -- offenbar lediglich nach dem Prinzip „Haltet den Dieb", um die Aufmerksamkeit von seinen Jrrtümern in der Kriegführungabzulenken. Eine unsinnige, jeder Grundlage entbehrende Behauptung wird „mit dem Brustton der Ueberzeugung" als notorisch aufgestellt, findet, zumal bei der Persönlichkeit ihres Urhebers und der Urteilslosigkeit der völkischen Leser oder Hörer, Glauben und ist, selbst trenn nach vielen Monaten gerichtliche Verurteilung ihre Unwahrheit feststellt, bereits in den eisernen Bestand der völkischen „Wahrheiten" eingegangen, die dann, imnver wieder verwertet werden. Auf dieser völkischen Erkenntnis der Schlagkraft immer wiederholter Unwahrheiten b e rii h t auch die Gewohnheit, deutschfeindliche Politiker des Auslandes zu Juden zu machen, wie etwa den verstorbenen Lord N o r t h c l i s fe, der niernclls Jude war oder Stern hieß, sondern einer rem „arischen" Familie Harmsworth entstammte. Läßt sirch gar nichts dafür beDringen, daß ein politischer Gegner „Judenstämmling" ist, -- wie dies gelegentlich auch gemäßigteren Deutschnationalen (v. Nichthosen, Maretzky, Fürst v. Bismarck) vorgehalten wird, so wird einem solchen Mißliebigen wenigstens „Verseuchung durch Judaismus" entgegengeschleudert. Endlich wird voil völkischer Seite bei peinlichen Kriminalsällen häufig versucht, den Schuldigen zum Juden zu stempeln. Ein besonders erlMerndes Beispiel für diese Taktik bietet uns ans der letzten Zeit eine Meldung des „Pirnaer Anzeiger", die es fertig bekommt, den evangelischen Francssälscher Paul Richard Schulze, einen Schuhmacherssohn aus Muskau (Schlesien), als Ostjuden Chajim Schulze zu reklamieren. Der Zweck dieser Taktik liegt auf der Hand. Läßt sich aber schließlich durch nichts eine erhöhte Kriminalität der Juden betveisen, dann gibt es einen Ausweg: es wird ihnen schließlich zum Vorwurf gemacht, daß sie sich — natürlich aus Minderwertigkeit — für bestimmte Arten von Verbrechen nicht eignen. So führt zum Beispiel Friedrich Wulle in einem Gerichtsbericht vom 18. Dezember 1923 in der „Deutschen Zeitung" aus: „In der deutschen Kriminalgeschichte treten Juden, die blutigen Mord begehen, sehr selten auf. Durch die bekannte Abneigung gegen das Entscheidende, den Hang, es nirgends zum Aeußersten kommen zu lassen, verliert der Jude einen Tel! der seelischen Vorbedingungen, Dre voiftfdje 'Bewegung aus denen heraus die meisten Bluttaten begangen werden.' Töten ist ein Korrelat von Sterben, lind nur das nicht!" Wir armen deutschen Juden, — nicht einmal morden können wir, sondern müssen noch viel von unseren völkischen Freunden lernen, die so angenehme Methoden in ihrem Hermannskampfe gegen Freiheit und Toleranz zur Anwendung bringen. Die Liste ihrer Sünden gegen den Anstand im politischen Kampfe ließe sich beliebig vermehren; aber jeder tiefere Blick in das Arsenal der völkischen Sünden verursacht Bitterkeit in jedem anständigen Menschen aller politischen Lager. Die Hoffnung, solche Gegner durch Ueberzeugen zu bessern, scheint gering. Helfen kann vorläufig nur Polizei und Gericht gegen kriminelle Ver» B, — gegen das völkische Uebe! selbst gibt es nur die Hoffnung auj hr ihrer jugendlichen oder irregeleiteten Anhänger. völkische Religionsgrünöer. Don Dr. Alfons Steiger (B e r l i n). In ihrer Verneinung aller Werte religiöser U e b e r l i e j e r u n g mußten die völkischen Führer einmal dazu kommen, eigene Systeme aufzu stellen, in denen sie dem nun einmal unbestreitbar vorhandenen inneren religiösen Drang ihrer Art- Hunger entsprechen wollten. Dem antisemitischen Wüten dieser Kreise folgt notwendigerweise die Ablehnung der heiligen Bücher des Alten Bundes. Einige „mit Auswahl" willkürlich herausgeholte Teile werden von manchen dieser Reformatoren noch g öligst nach eigenmächt'iger Textänderung und umvissen-schaftlicher privater Exegese anerkannt für die Zwecke einer „Deutschen Bibel". Die Forschesten unter den Erneuerern gehen in selbstverständlicher Konsequenz mit derselben Energie gegen das Neue Testament vor. Eine erschöpfende Darstellung der Gründe kann hier unterbleiben, der Gründe nämlich, die zu dem Gründergeschüst führen. Wertvoller ist zur Stunde eine Uebersicht über die Systeme, zu denen die Neligivn-Mster kommen. a) Bewußte A thersten : Hierzu sind zu rechnen die Anhänger der De nt sch g laubige n Gemeinschaft, die Gefolgschafter der Deutschen Ern e u e r u n g s - G e m e i n d c, die Mitglieder des All-Arier-B u n des, die Ritter des Ger. manen-Ordens und die Teilnehmer an den Veranstaltungen des Treubundes für aus steigendes Leben. Folgende Sätze aus der Literatur der genannten fünf Orgamsätwnen mögen als Beweise dienen: „Wenn wir zu einer wirklichen deutschen, zu einer germanischen Religion gelangen wollen, so ist allererste Voraussetzung, daß wir die römisch-jüdische Vergiftung des Christentums wahrhaben und um umwunden anerkennen . . . Die Judenfrage äst zugleich die Religionsfrage. Rur in dem Maße, in dem wir un? freimachen und reinigen von allen Auswirkungen der römisch-jüdischen Geistesvergiftung, waS noch eine gewaltige Arbeit ist, gelangen wir zu neuer Kultur, zu neuer Religion." („Neues Leben", 15. Jahrg., Heft 1/2.) „Religion sei uns das ebenso unermüdliche als bescheidene Suchen nach neuer Erkenntnis, das andächtige Lauschen auf die Sprache der Lebenswunder, und die tiefe Ehrfurcht vor der Unergründlichkeit der ewigen Lebensgesetze ... Da die alte Religion die Macht über die Gemüter verloren hat, so muß eine neue, eine zweite Religion gesucht werden, denn Frömmigkeit hat es gegeben, ehe die Bibel war." („Der neue Glaube", 1921.) „Wir aber sollen an die stellvertretende Sühne Jesu glauben! Nein, liebe Volksgenossen, Luthers Lehre ist undeutsch — undeutsch durch und durch! Kein blutbedingter Arier wird sich jemals zu ihr bekennen, sobald er sich recht besinnt, sondern austreten aus dem Pharisäertempel, in welchem I ... e der Nationalgott der Hebräer, regiert." („Arier- Glaube", 1923.) „Die Edda ist ohne Zweifel . . . wohl das einzige noch gut erhaltene „Alte Testament" unserer herrlichen lichtblonden Ahnen, welches der Zerstörungswut der judenchristlichen Pfafsenwelt Roms entgangen ist . . . Mit dem Erwachen Walvater Wotans, des alten, alten deutschen Gottes, mit dem Erwachen Siegvaters und Heervaters, des starken Michaelis von oben, erwachen auch wieder seine lichten Kinder aus tiefem, tiefem Bannschlase, in den sie einst der böse Dämon I ... e zu versetzen gewußt hatte . . . Zurück zu unseren alten Göttern: lehret unsere Kinder an Walvater Wotan und an den Opfertod des Lichtgottes Baldur glauben! Die Germanen sotten die Hebräer und Blutsfeinde entfernen, damit ewiger Friede und Wohlstand emkehre!" („Runen", 1923.) „Der Zimmermann Kristus ein Jude, ein Hebräer?!" — Unmöglich, undenkbar, gegen alle Gesetze der Natur und Vernunft!" („Germanen- Kaländer", 1922), und: „Jesus Christus kann uns Deutschen nur mit starker Einschränkung Vorbild, jedenfalls nicht unbedingter Herr sein. Bei seiner Alliebe fehlte ihm wahrer Sinn für Familie, Volk und Vaterland." („Neues Leben", Jahrg. 1920, Heft 9.) d) Bt b e ld e u te r: Da sind zu erwähnen die Germanische Glaubensgemeinschaft, der Deutschbund, die Hei-matr-eligion, die Deutschkirche, Häußer imö Wilhelm XI., von denen allen recht seltsame Aeußernngerr vorliegen. „Ich künde Euch den Gott der Gegenwart! Ich künde Euch den Gott des Lebens — den Geist des Alls — der aller Dinge Grund und