Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 124 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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124 hem Zeitpunkt, uw Chlodwugs Mannen das Christentum annahmen, beginnt der Verfall imb seit jener Zeit lebt man in einer ständig hvfsnnngslvseren unb immer mehr verbitterten Defensive. Ungläubig der Zukunft (nur Unglauben verschanzt das Gefühl seiner Ohnmacht hinter so tollende Kraftworte), ressentimenterfüLlt gegen die Gegenwart, wird man mit unentrinnbarem Zwang stets voll 'neuern Zn historischen Totenbeschlvörungen getrieben, in denen mall die Kraft vergeudet. Die Namen, den Ritus, das Statut und das Ideal, alles muß man sich, wie das völkische Beispiel lehrt, von verstaubten unb zerstäubten Postamenten herunterholen. So wird Begeisterung Zll Mnmrnenschanz lmd treibt in einem ungeheuren Leerlauf, ans hem hier lind da ein einzelner Zll entrinnen sucht, den dann der Dolch geheimer Feme erledigt. Unabsehbar ist der Menschenverbrauch. Es wächst die Zahl der Morde, es wachsen die ProskriptionAisteu mit den Namen der Geächteten unb Abtrünnigen.- Selbst der Narne des einst atlverehrten Hillderrbnrg findet sich längst unter den Angeprangerten. Kopflosigkeit und Direktio'nslosigkeit nehmen überhand. Vielleicht hat Nietzsche bei feinem furchtbarsten Wehruf: Die Wüste wächst! an diese Bewegung unserer Tage gedacht, die sich in einer grotesken Verkennung ihn zum Herold verschrieb. Treibt die Bewegung aus eigenem Schicksalszwang zum Zusammenbruch? Wird das deutsche Volk, wie es Goethes Eglnont von seinem gestruden Blut verlangt, in der Lage sein, den frenrden Tropfen auszuscheiden? Nicht die H a n d v o 11 völkisch er O r g a n i s a t i o n en ist die eigentliche Gefahr. Tie erledigen sich gegenseitig im Bruderkarnpf mit Mord, Skandalen, Intrigen und Zwists Gefährlicher ist jener Abfall vom d e ll t s ch e n Lebens p r i n z i p u n d Don der denkch cu K u l t ll ridee, der 'sich in der völkischen Bewegung bekundet. Hinter dem reinen Geicht unseres Volkes, in das schwere Notzeit tiefe Gramesfurchen grub, die grns nur Unterpfand neuer Liebe und tätiger Bemühung sind, grinst eine entstellte Fratze hervor, die wir endlich in den Abgrund zurückschleudern wollen, aus dem sie entstiegen ist. Glossen zum völkisch rn Geöanken. Von Lic. theol. Ernst Moeriug (Breslau). 1. „A n s ' V a t e t I a n b, an teure, s chlie sst dich an/ Selbstverständlich — für jeden anständigen Menschen. und nur deswegen, weil es nicht viele anständige^Menschen gibt, muß man bte[e JJoriXTitng hinaus schreien: Beim ^teuernzahleu, beim Beitrag zur Stärkung der Gemeinschaft, bei der Beobachtung der volkstümlichen Litten und Gebräuche. Kurz, bei jeder Forderung, welche die Gemeinschaft stellt, versuchen Angehörige aller Schichten und Stände ihrer Verpflichtung zu entgehen. Empfangen wollen alle, geben wenige. Schillers Nus ist notwendig wegen, der Lauen, Egoistischen, Gedankenlosen, der auf ihren Persönlichen Vorteil Bedachten. Aber als Grundlage des politischen und des allgemein-menschlichen Denkens t‘t dieser Satz zu eng, und der Verfasser der „Briefe über die ästhetlche Erziehung des Menschen" würde dagegen Protestieren, diesen Nus als letzte Formel anzusehen. 2. Man gehe n a ch H e i d e l b e r g auf das wundersame Schloß, dieses Zeugnis großer Vergangenheit und tiefer Kultur. Wer kann sich losreißen vom Ottheinrichsbau mit seiner schier unendlichen Fülle der Gestalten und Geschichte, welche eine großartige Phantasie reizvoll geschaffen hat? Edel und bedeutend ist auch der Friedrichsbau, doch viel schneller wird hier das Auge mit seiner Aufgabe fertig: An Stelle der kosmischen Gestalten die Figuren früherer Herrscher, kraftvoller Zeugen der Vergangenheit. Auch sie sind gewiß zu würdigen, gewiß auch, daß ihre verschiedenen Züge dem denkenden Betrachter Nahrung geben, verschlungene Wege zu gehen, um ihre Züge zu enträtseln, aber doch nicht jene Tiefe und Weite der früheren Gebilde, jener aus Mythos und Dichtung geschaffene Klang, den der Ottheinrichsbau vermittelt. Kamn irgendwo wird deutlicher als dort die Weite des Allgemein- Menschlichen und die Begrenztheit des Nationalen. 3. Die großen Ideen der Menschheit waren in der kritischen Philosophie des deutschen Idealismus umdacht und in der deutschen Klassik gestaltet. Kein Wunder, daß eine gewisse Erschlaffung eintrat, und daß nicht die ewigen großen Probleme der Menschheit zu neuer Lösung anregten, sondern daß die Aufgaben des Diesseits gebieterisch in den Vordergrund traten. Man kann nicht denken und dichten, wenn man nicht i st. Die Existenz der Völker wurde durch die französische Revolution und ihren Exponenten Bonaparte in Frage gestellt. Die Völker mußten sich auf sich selbst besinnen und den eigenen Gehalt erfassen. Allmählich kam es dann nicht mehr auf die Erfassung des Gehaltes, sondern nur auf die Behauptung und Erweiterung des Daseins an. Die europäische Menschheit verdrängte noch einmal wie Faust das „Im Anfang war das Wort" (also der Geist, die Idee) durch das „Im Anfang war die Tat/" und genau so wie da, wo Faust sich vom Geist wegwendet und die Tat als das Höchste setzt, infolgedessen nunmehr der Versucher erscheint, der ihn von seinem Urquell zu trennen versucht, genau so wurden auch die europäischen Völker in der technischen Epoche abgedrängt von dem geistigen Inhalt. Die Behauptung der Macht war die einzige Losung. (Anmerkung. Man kann nicht oft genug darauf Hinweisen, daß selbst Faust-Kommentatoren dies „Im Anfang war die Tat" als die Meinung Goethes hinstellen, lind der Leipziger Professor Schneider entnnckelt in seinem Buch „Erziehung zürn Deutschsein" sogar den deutschen Eharakter ans dieser Formel, indem er glaubt, in ihr Goethes Meinung zu haben!) 4. V ö l k i s eh e Bewegung und Zionismus sind in gleicher Weise Produkte dieser geistigen oder entgeistigten Entwicklung. Beide haben daher auch große Gemeinsamkeiten in der fanatischen Methode des Kampfes und in dem Drange zur „Aktion" Ter Ulster schied zwischen beiden liegt in dem Gegensatz: vier Adels Hitler — dort Martin Buber, dascheißt, der ZiömsmusRst geistig weit lnehr mit der jüdischen Tradition verbunden, als die'völkische Bewegung. (Hans Günther stellt nicht fest den deutschen Geist, sondern deutsche Raßenmerkmale.) Beide Bevoeguugcu juib auch notig, eben lvegen der Lauen, der Egoisten, der nur in ihreni Pflicht- oder Genußkreise Lebenden. Diese Bewegungen aber bedeuten ein Zurückdrängen des Allgemeinmenschlicherst des Kosmischen, sind also als Ergänzung für die Praxis des Lebens vielleicht' notwendig, sind aber als stStaudPunkt", als „.letzte Ueberzmaung" zu eng. Weht aufs Heidelberger schloß; die Steine reden. LFür den Anständigen versteht sich ebenso wie das Moralische so auch das Nationale von selbst. Aber von dem Boden des Volkstums aus gilt es zu ringen um einen bedeutenden Menschheitsgehalt. vö'ikischr Taktik. Von Ministerialrat Tr. Fritz Cohn. Politische Ueberzeugung ist eine Sache der Weltauschammg. Die Weltanschauung jedes einzelnen ist verschieden; also wird auch kein verständiger Mensch seinem Nächsten darüber zürnen, daß er sich je nach seiner Ueberzeugung auch seine Parteizugehörigkeit verschieden anssucht. Der wirklich freie und vorurteilslose Mensch wird aus Lesstugs schönem Wort: „Es eisre jeder seiner unbestecheuen, von Vorurteilen freien Liebe nach" für sich die Lehre ziehen, daß er auch für konträre politische Meinungen Verständnis und Duldung ansbringen muß, und ebenso wird ein kluger und einsichtiger Mensch ans dem Ideengehalt anderer Parteien, Religionen oder Philosophien das entnehmen, was entweder zur Fortentwicklung seines eigenen Weltbildes oder zur gedanklichen Widerlegung des gegnerischen notwendig ist. Deshalb ist es auch die Aufgabe jedes deutschen Ju-den, die völkische Bewegung genau zu verfolgen und daraufhin zu überprüfen, was etwa an Ahrem Kern berechtigt und begründet sein könnte. Denn warum sollte es nicht eine Partei geben, die sich die Zurückdämmung jüdischen Einflusses zum Ziel setzte? Jeder anständige Jude hat ein Interesse daran, Nebel, die etwa auf jüdischem Einfluß beruhen sollten, zu beseitigen, wäre gewiß mit ihrer Ausrottung einverstanden und wird deshalb die völkischen Ziele' zwar nicht billigen, aber doch voller Ernst verfolgen. Denn so gewiß es dem gebildeten Menschen unserer Zeit — sei er Christ oder Jude — lächerlich erscheinen muß, daß das Hauptziel einer Partei des republikanisch-demvkratische\t Deutschen Reiches darin besteht, den Uhrzeiger' der modernen Geschichte zurückzustelleu, alle Errungenschaften der Aufklärnngszeit und der Revolutionen von 1789, 1848 und 1918 zu beseitigen und einen immerhin wesentlichen Bestandteil des deutschen Volkes wieder hinter die Tore des Ghettos zu verbannen, die sich erst vor gar nicht langer Zeit vor ihm geöffnet haben, — so gewiß müßte man vor den Streitern für dieses uns falsch erscheinende Ideal vor dem Beginn des Turniers die Lanze senken, — unter der Voraussetzung, daß diese Streiter reines Herzeus luarai und sich anständiger Kamvfmethöden bedienten. Deshalb wird mau auch gegen die sachliche n Ziele der Völkischen, darauf hinausgehend, den Juden alle öffentlichen Rechte, aktives und passives Wahlrecht, Zutritt zu den Aemteru und akademischen Bernsen zu nehmen oder doch — wie den Zugang zum Studium — durch Schaffung eines mimerus clausus — zu verkürzen, mit ruhiger Sachlichkeit zur Wehr setzen, ohne den Gegner deshalb verachten zu müssen. Leider aber handelt es sich bei den Völkischen nicht um Idealisten, " die ihre politischen Gedanken nur auf dem gegebenen parlamentarischen Wege mit Anstand und Wahrheitsliebe verfolgen, und denen deshalb auch der Gegner Achtung zollen könnte. Ihre W a f s e n sind vielmehr vergifte t, und sie wenden im politischen Kampfe gegen mnsdeutscheJuden verbotene Schläge a n, g e g e n d i e n i ch t nur diesittlicheE m p örungdes unmittelbar Getroffenen, sondern auch die gestörte S t a a t s g e w a l t s i ch zur Wehr setzen muß. Die völkische Bewegung gipfelt in dem Gedanken, daß der Jude unsachlich, undeutsch und schädlich ist und seine Tätigkeit sich in jedem Falle gegen das Wohl des deutschen Volkes und Reiches kehrt. Um sich bei den Massen zu verankern und zu halten, muß sie diese unsinnige These beweisen. Weil dies nicht möglich ist, versuchen die Völkischen diesen Nachweis zu führen, indem sie einerseits das erfinden, was zur Stützung ihrer Behauptung von der Minderwertigkeit der Juden erforderlich ist, und anderseits alles Nützliche, was Inden für die Sache des Deutschtums leisten, entweder verschweigen