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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-05 · 10 (5.3.1926) · p. Seite 122

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
10 (5.3.1926)
Date
1926-03-05
Page
Seite 122 (sequence 14)
Language
German
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man fcav| sagen, daß sie gerade diesen als den eigentlichen Vorspann ihrer Agitation benutzt. Es ist charakteristisch für die Mentalität des innerpolitischen „Ethos" der deutschen Oesfentlichkeit, daß diese Bewegung, von allen führenden Köpfen deutscher Kultur abgelchut, 311 einen: Element Politischer und gesellschaftlicher Auffassung werden konnte. Wie eingangs erwähnt:'Kriege und Revolutionen zermürben das sittliche Denken und Fühlen. In den Tiefen auch gefesteter Charaktere sind K ontakt fläche n zur Aufnahme antisernitischer Reizungen itnb es gehört außerordentlich viel Selbstdisziplin des Urteils imb ein von schärfsten: Ethos kontrolliertes Gerechtigkeitsgefühl dazu, um die so leicht sich einschmeichelnden Attacken antisemitischer Agitation abzuweisen. Es ist ein bestimmender Zug in der Menschheitsgeschichte, die Schuld an üblem Erlebnis auf andere abzuwälzen. Unter diesen: Zug hat das vergangene Jahrzehnt schwer zu leiden, und es bedurfte der Widerstandsfnhigkeit aller Gerechten und Sachlichen, um die Pathologische Beschaffenheit dieses Charakterzugs nachznweisen. Die völkische Bewegung aber hat sich ihm hemmungslos hingegeben. Sie vergiftet das ganze öffentliche Leben, indem . sie das Gefühl für Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit abstumpft. Wohl haben sich die großen Parteien der Nation vom antisemitischen Gift sreigehalten, — das ist ein schöner Beweis für das Vorhandensein eines geschulten Verantwortlichkeitsgefrchls. Aber abseits der Disziplinen der Parteien wuchert das Gift weiter. Vor allem ist es in den leitenden Steller: — welch eine Ironie auf die Begriffe Republik und Demokratie als den öffentlichen Gewalten des status quo — und selbst in den sekundären Augliederungen der junistrschen Apparatur enthalten. Mit Beschänulng sehen alle Unabhängigen und gerecht Urteilenden ans diese Zuckungen einer behördlich aufgemachten Organisation! Es ist wahrhast betrübend, daß ein Teil der deutscher: Intelligenz und geistigen Führertums den Schlagworten der völkischen Bewegung verfallen konnte. Es gibt eine Hygiene s i t t l i ch e 11 Denke n s; sie kulminiert in der restlose!: Aktivierung des Gewissens und der Gewiffensersochchlmg. Damit kommen wir auf ein besonders wichtiges Kapitel. Es darf die Tatsache nicht verschwiegen werden, daß in den höheren Schulen — ich sehe jetzt von der Hochschule ganz ab — ein übler Chauvinismus unter der Flagge nationaler Gesinnung gepflegt wird. Von der. Obersekunda an werden die Schüler in Verbindungen gepreßt, die mit Hochschulkorporationen in loser, teilweise in enger Verbindung stehen. Man muß die Mentalität der Schüler in Rechnung stellen. Die Jugend ist begeisterungsfähig: sie empfindet die Niederlage Tentschlands besonders schmerzvoll; ihr Enthusiasmus für ein befreites Deutschland voller Macht und Herrlichkeit lst schön und im Wurzelgefühl richtig. Aber die jugendliche Sinnesart bedarf der Pflege und sinnvoller Kultivierung; gerade ihr muß die Differenzierung zwischen national und Nationalismus :rnd Chauvinismus beigebracht werden; auch sie, gerade sie, bedarf -dahin der Unterweisung, daß Gerechtigkeit über alles geht, und daß Friede und nicht" Krieg das Endziel aller Kultur ist, daß der Krieg zwar eine Ultima ralio i e i n kann, aber im Prinzip unterm Gesichtspunkt des Rechts und der Sittlichkeit falsch ist. Wird solche Lehre gelehrt? Gewiß, da und dort, aber im allgemeinen nicht. Und auch hier auf den Schulen schon wird der völkischen Bewegung der Antisemitismus inokuliert, ans denselben Gründe::, mit denen die Oesfentlichkeit stimuliert wird. Gewissenlosigkeit sucht nach dem Sünden bock und findet ihn. Viele Lehrer sind sich der Gefahren solcher völkischen Bewegung wohl bewußt. Aber sie fürchten sich vor einer Geltendmachung ihres Standpunktes. Es könnte ja auch der Wind m a l a n d e r s w e h e n. Diese Furcht kann nur entstehen, roeil alles, was in Deutschland aufrichtig republikanisch, demokratisch und pazifistisch eingestellt ist, von erklecklichen Teilen der Regierungsstellen nicht nur nicht gefördert, sondern g ehe mrn t wird. Das weiß die völkische B e w e g n 11 g. Daraus stützt sie sich, daher ihre besondere Gefahr für die Tätigkeit einer wahrhaft nationalen Politik. Wer es mit seinern Volke gut meint, muß mit allen Kräften danach streben, die treibenden Elemente der völkischen Bewegung in ihrer wesentlichen Beschaffenheit zu zeigen und ihre nationale Gefährlichkeit allen Denkenden offenbar, zu mache::. völkisch oöer national. Von Professor Dr. Leidig (Berlin), M. d. L. Die Drohworte, die Mussolini gegen das Deutschtum in Südtirol ausgesprochen hat, zeigen als Ziel die Entdeutschung der Südtiroler Deutschen, ihre Hiuübersührung in italienische Art und Gesinnung. Nicht um einen Kampf der Rassen geht es Mussolini, sondern um die geistige und politische Umstellung der Menschen, die er zu bewußten Angehörigen der italienischen Nation umzugestalten' sich vermißt. Und damit sind wir mitten in den: Problem, das uns hier beschäftigt. Jedes Volk hat in der Masse fetner Angehörigen einen völkischen Grundcharakter, selbst ein Volk, wie das amerikanische, in dem Angelsachsentum, das de:: beherrschenden Einfluß aus die politische und soziale Art des Gehabens Nordamerikas ansübt und sich bemüht, all die übrigen Teile des amerikanischen Volkes sich anzugleichen. Aber gerade hier, wo die Bildung einer völkischen Einheit erst im Werden ist, erscheint die Einfügung der verschiedenen Volkheiten in die höhere Einheit der Nation als das Notwendige und für der: Aruerikaner auch als das Selbstverständliche. Wenden wir uns 31t Deutschland Zurück. Wir können in höherem Maße als die anderen großen Völker des europäischen Kontinents eine völkische Einheit die nnfrige nennen, und doch, aus wie zahlreichen Quellen ist der Strom gespeist, als der jetzt dos Dm t sch tum eucherfließt. Selbst ei:: dem Germanentum so Angetaner Schriftsteller wie Hans F. K. Gue n ther , läßt in seiner Nassenkunde mindestens fünf verschiedene Nassen an der Bildung des heutigen deutschen Volkes nuswirken, wozu dann noch kommt, daß auch Zuwanderungen neuerer Zeift ich brauche nur an die französischen Resugies zu 'erinnern, einen starken Einfluß auf deutsche Geistes- und Sinnesart ansgeübt haben. Eine völkische Scheidung derart, daß der G e r m a n e v 0::: N i ch t g e r m auen g e s ch reden wird, i si nach der Z u s >a m nt c stf ü g u u g des deutschen Volkes heute nicht mehr möglich; nun sucht eine politische und geistige Emslellnng nicht unbedeutsaurer Teile des deutsehen Volkes eine' andere Grenzlinie zu ziehen, die sie in der arischen oder mchtavischen Abstammung des einzelnen findet. Eigentlich erstaunlich, daß diese Sinnesart nach den: Kriegserleben in den Vordergrund tritt, wo wir doch, über diese Scheidelinie hinweg, draußen gemeinsam gekämpft, daheim gemeinsam gelitten haben. Die Tatsache 'ist vorhanden, und wir müssen z:: ihr Stellung nehmen. Da nach den politischen Parteiverhültuissen, wie sie in Deutschland bestehen, irgendwelche gesetzliche!: Maßnahmen, welche die völkische Ueberweisung von Teile!: unserer Bevölkerung zum Zweck haben, nicht im geringsten wahrscheinlich sind, so kam: es sich nur mn die grundsätzliche Frage handeln, ob nur jeden:, der sich bewußt in den deutschen Nationalstaat einfügt, dev Deutscher sein null und traft seiner jahrhundertelangen Verbundenheit mit dun Schicksal des deutschen Volkes ihm zngehört, der gar nicht anders denken und empfinden kann, als daß er Teil dieser politischen, sozialen, kulturellen. Schicksalsgemeinschast Deutschland ist, ob wir mit ihm zu gemeinsamer Ar* beit am Volke uns znsannnenfinden, oder ob wir aus Grund zweifelhafter Blutproben Grenzzäune errichten, die nicht überschritten werden sollen. Für mid> kann die Antwort nicht zweifelhaft sein; wir können das Völkische nur als das engere, als den Unterbegrisf betrachten, über den sich als Oberbegriff der des Nationalen wölbt, national so anfgesaßt, daß alle, die siel) zu Deutschland zählen, auch von ihn: erfaßt werden. Wir können auch gar nicht anders, mn des Deutschtums außerhalb der Neiehsgrenzen willen; hier hat die geschichtliche Entwicklung, über jede Abstammungslinie hinweg, den einen in dies, den andern irr jenes Lager gestellt. Der Begriff einer Nation bildet sich sonnt aus einer Zusammenfassung des Völkischen und des Nationalen; Völkisch ist die Grundlage, aber darüber hinaus wurden alle erfaßt, die im Lause der Jahrhunderte und Jahrtausende in den Bereich dieses Volkstums gekommen und nun die geschichtlichen Schicksale wie die Entwicklung der geistigen und sittlichen Eigenart dieses Volkstums mitgeruacht, von ihm erfaßt, in dies Volkstum eingetaucht, von ihm durchflutet sind, so daß sie mit ihm und in ihm leben und nicht anders können, als sich als Teile -dieses Volkes geben und ausleben. Nur in ihn: und mit ihm und durch die Zugehörigkeit zu diesen: Volke sind sie überhaupt, außerhalb dieser Zugehörigkeit sind sie nicht denkbar, nicht denkbar für die anderen, nicht denkbar für sich. So bleibt denn nur -als das einzige, für die Praxis des Lebens mögliche Begrisssmerkmal der Zugehörigkeit zur Nation die geschichtliche und willensuräßige Verbundenheit"mit dem Volkstum, in das ich hineingeboveu bin oder mich hineingestellt habe. Und schließlich ist die willensmäßige Einfügung doch das Entscheidende. Der Staat kann mich mit seinen Machtmitteln zu äußerlichen: Gehorsam zwingen, in den Stunden der Not bricht der Wille wie der St-aatsbejährmg oder -Verneinung so auch der Hineinstellung zu der Nation, zu der ich mich zähle,' durch, und dieser Wille bringt die Entscheidung. Können wir heute, können nur überhaupt in Deutschland jemand entbehren, der an dem Wiederaufbau des deutschen Staates, an den: Wiedererstarken des deutschen Volkes Mitwirken will? Ist nationale Gemeinschaft letzten Endes Gesinmmgsgemeinschaft, die uns Zusammenhalt, weil wir uns als Kinder eines Volkes. fühlen und begreifen, dann können wir nicht Schranken ziehen, die diejenigen, die wir absperren, durchbrechen wollen, weil sie sich zu uns zählen, dann müssen wir über das Völkische hinweg den Begriff des deutschen Volkes aus der geschichtlichen Entwicklung als die Zusammenfassung aller derer begreifen, die mit uns in unserem Lande siedeln, denen deutsche Geschichte ihre Geschichte, deutsche Kultur ihre Kultur ist, die mit uns

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