Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 121 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die völkische Bewegung. Beiträge von Ministerialrat Fritz Cohn. — Fritz Cngel. - Professor Dr. leidig, M. d. L — Richard May. - Lic. theol. Crnsi Moering. - Prof. Dr. Crik Nölting. - Otto Ruschke, M. d. £. Adam Röder, M. d. R. - Dr. Alfons Steiger. - Oberschulrätin Dr. Hildegard Wegscheider, M.d.£. - Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil. Die Gefahren öer völkischen Dewegung. Von Adam Röder, M. d. R. Die „völkische Bewegung" geht heute durch die ganze Welt. Krieg und Revolution geben ihr das Stimulans; sie war wohl schon vor dem Krieg da, hat aber erst nach ihm die turbulenten und fanatischen Formen angenommen, die sich heute zu einer Gefahr für die ganze Kullurwelt herausgebildet haben. Bewegungen destruktiven Charakters sind nichts Neues; sie sind immer da, wenn Reformen nicht zur rechten Zeit einsehen; so bekommt die Revolution ihre Logik aus den Dispositionen einer der Reform widerstrebenden Zeit. Was wir fetzt als vökifche Bewegung erleben, ist nicht revolutionär im geschichtlichen Sinne; sie ist ihrem innersten Wesen nach reaktionär und will die gerade Linie der Entwicklung in Rückläufigkeit umwandeln. Aber auch diese rückläufige Bewegung ist Psychologisch zu verstehen, wenn mau weiß und einschätzt, daß das Negative ein automatisch wirkendes Schwergewicht hat, das dem Alogischen des menschlichen Intellekts und dem Amoralischen einer mißleiteten Gemütsverfassung entstammt. Zeiten des wirtschaftlichen und Politischen Niedergangs befruchten alles Negative. So darf man sich nicht wundern, wenn heute die völkische Bewegung wie eine Seuche durch die Welt geht, die „geistig Enterbten" in ihren Baun zieht und alles Wurmstichige, alle Abfallsprodukte eines irregeleiteten Räsonnements aufsammelt und so die ganze Welt des Jntelligibeln mit einem stinkenden Brodem durchsetzt. Der Geschichtsschreiber der Zukunft wird es nur mit Staunen feststellen können, daß — um nur eins herauszugreifen — eine Korruption wie die ungarische Frankensälschung eine Ausgeburt des völkischen Geistes, möglich war. Eine völkische Bewegung an sich könnte eine Auffrischung der wahrhaft nationalen Gesinnung bedeuten, wenn sie darauf hinausginge, die moralischen Kräfte zu ertüchtigen, das Gefühl für nationale Würde zu pflegen, den! Sinn für Gerechtigkeit und Sachlichkeit zu bilden, und sie sich vor allem zum Zielpunkt fetzte: Erkenntnis zu zeugen und alles Geschehene mit bußfertiger Gesinnung zu betrachten. Statt dessen sehen wir diese völkische Bewegung der Moderne einen nationalistischen Egoismus Pflegen, der, Einsicht und Erkenntnis hinter sich lassend, mit einer wilden Predigt des Hasses Führung in allen Dingen übertragen zu wollen, müßte er ablehueu, da dies nicht sein Ziel ist. Der Verdienste des Centralvereins bei der Gründung des Preußischen L a n d e s v e r b a n des jüdischer Gemeinden, seiner Verdienste um die Schaffung einer guten jüdischen Literatur und Zweier hochstehender Zeit s ch r i s t e n sei nur kurz gedacht. Denjenigen, deren Beruf es ist, in j ü d i s ch e n Interessen tätig zu sein, haben wir unsere Unterstützung git geben. Sie sind die wesentlichen Träger des jüdischen Gedankens, und sie zu stärken, ist die Frage der Erhaltung des Judentums überhaupt. Deshalb sind die Fragen der jüdischen Geistlichkeit und der j ü d i f ch c n Beamtenschaft für uns wesentliche Fragen. Seit langen Jahren beteiligen wir uns an der jüdischen Jugendarbeit. Man kann von uns nicht verlangen, daß wir Bewegungen unter der Jugend unterstützen, die nicht im Sinne unseres Arbeits- Zieles liegen. Auch kann man es uns nicht verübeln, wenn wir uns von Bewegungen zurückgezogen haben, die der nötigen Klarheit entbehren und die Jugend mit verschwommenen und der Wirklichkeit fremden Gedanken angesüllt haben. Aber die ihres Judentums bewußte Jugendbewegung, die von ihren Mitgliedern verlangt, daß sie wie wir die Bindung m i t der deutschen Kulturgemeinschaft bejahen, ist Fleisch von unserem Fleische, für das wir uns verantwortlich fühlen. die Völker überzieht und neuen, wahllosen Chauvinismus propagiert, der alles Gesunde und Sittliche aus den Herzen jäket und die entleerten Stätten des natürlichen Gefühls mit Neid und Haß und Rohheit füllt, den Intellekt mit den wilden Metaphern der Überspanntheit und eines nationalistischen Hochmuts verklebt. Heute ist die völkische Bewegung für alle Länder, besonders aber für unser Vaterland, zu einer fundamen-talen Spannung unserer a u sw artigen Politik geworden. Sie ist es, die die Bemühungen der Staatsmänner — nicht nur der deutschen — nach Frieden, Eintracht und Ausgleich sabotiert. Auf dem Wege ihrer Agitation liegen Ermordete, Männer, die für ihr Vaterland das Höchste einsetzten: Erzberger, Rathenau, Jauräs, von der großen Zahl der Ermordeten, die nicht an erster Stelle, aber deshalb nicht weniger verantwortungsvoll arbeiteten, ganz zu schweigen?. Was erleben wir von den Fememorden, die sich jetzt allmählich erst in ihrer ganzen Gräßlichkeit darstellen und als eine, wenn auch sekundär, so doch organisch angegliederte Begleiterscheinung der völkischen Bewegung austreten? Welch ein Abgrund von Korruption tut sich auf. Männer und Schichten, die geistig und sittlich führend sein sollten, zeigen sich von diestr Korruption berührt. Wenn in? der Welt im besonderen gegen Deutschland die Stimmung einer friedfertigen Gestmrnng, die Zubereitung einer Atmosphäre des Ausgleichs und Anpassung an die neuen Verhältnisse nicht auskommen kann, so hat man dies in der Hauptsache der agitatorischen Wirksamkeit der völkischen Bewegung zu danken, die immer wieder von den uns feindlichen Staatsmänner!! und Politikern benutzt wird, um deutsche Ansprüche und eine deutsche Politik der Verständigung niederzuhalten und die deutschen! leitenden Kreise anzuschwärzen als Friedensstörer und Vertreter politischer Unbilligkeit. Es ist ganz gewiß, daß wir heute in der Befriedung Europas, und vor allem in der Befriedung Deutschlands, weiter wären, wenn diese völkische Bewegung nicht durch Haß, Chauvinismus und pathologischen Unverstand inuner hemmend dazwischen träte. Verhindert die völkische Bewegung die auswärtige Politik an der Entfaltung einer ungebrochenen Linie unb an der regelmäßigen Arbeit zur Erreichung nationaler Vorteile, so wirkt sie in der inneren Politik nicht nur hemmend-, sondern zerstörend und auflösend. Hier hat sich die völkische Bewegung mit dem billigen Requisit des Antisemitismus verbunden; B e s ch r ä n k t s i ch u n s e r e Arbeit auf die Belange der d e u t s ch e n Jude n? Diese Frage ist zu verneinen. Tie Begründung dieser Antwort ist einfach und banal: Der Centralverein leitet seine Existenz her ans der zum Teil unwürdigen Stellung, die die Juden in Deutschland genießen. Werden Juden anderwärts in ähnlicher oder schlimmerer Weise behandelt, so würden wir schlechte Menschen sein, wenn wir ihnen nicht beispringen würden. Damit beschränkt sich aber auch zugleich unsere Hilfe auf die Linderung dieser Notlage. Darüber hinaus sind wir nur als teilnehmende Zuschauer und Beobachter, als Lernende oder Lehrer interessiert. Soll Palästina ein wirklicher Zufluchtsort für ihrer Heimat beraubte oder in ihrer Heimat bedrängte Inden sein, so werden wir gern Mitarbeiten. Der körperlichen und kulturellen Not der £ ft j u d c n haben wir uns aus dein gleichen Grunde anzunehmen, u.nd es erscheint uns Pflicht, ihnen Wege zu zeigen, die wirklich eine Lösung oder Erleichterung versprechen, insbesondere in ihren eigenen Ländern. Die innerjüdischen Ausgaben des Centralvereins sind zahlreich. Rur die großen Probleme sind angedeutet worden. Die Mitarbeit in diesen Fragen ist für den Centralverein lebenswichtig. Aber eine Lebensfrage ist es auch, daß er nicht über die Grenzen seiner ureigenen Aufg abe in A nspruch genommen wird, sonst läuft er Gefahr, innerlich zerrissen zu werden.