Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277622-2277632--02761-2283208- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— Zu spät — ruhiger geworden, zurückweichen müssen und uns um den erwünschten Erfolg, bringen: -wir nehmen uns auch die Verankerung in uns selbst! Der E. B. will doch nicht nur Abwehr, er will auch Erziehungsarbeit leisten. Beherrschte — wohl gemerkt nicht unterdrückte — Empfindung zeitigt stärkere Empfindung; aufbrausend-momentane Empfindlichkeit verströmt, starte, dauernde, aufgesparte Empfiu-dumMnergie gibt dem Menschen ausgeglichenen Halt und Beständigkeit. Diese Beständigkeit' und Bereitschaft muh in unserer E. V.-Arbeit das Ideal sein, nicht nur bei unserer Leitung, die dieses Ziel längst als das maßgebende erkannt hat, sondern bei jedem Mitglied und Mitkämpfer. Ter oftmals nie wieder gut zu machende Fehler des empfindlichen einzelnen absorbiert Kräfte, die der Positiven Arbeit entzogen werden. Wer von seinem Rechte so überzeugt ist und sein darf, wie wir es sind, der brancht nicht zu poltern und zu brausen, „wer schimpft, hat unrecht". — Die ruhige Bereitschaft, die beherrschte Beständigkeit des Empfindens sei im Gegensatz zur Empfindlichkeit die Empfindsamkeit genannt. Alle diese Worte mit der Endbildung — sam, wie duldsam, mühsam, langsam, grau sann", bedeuten ein Geruhsames und Dauerzuständiiches, eine Dauereigenschaf L und ein Charakterliches. Eine überzeugte Einstellung kommt durch sie zum Ausdruck. Der empfindsame Jude hat diese feste Einstellung, er wacht für seine Sache, ohne ansznschrecken. Er hat die feste lieberzeugnng, daß er für sein Recht und damit für das Recht schlechthin kämpft; daß er nicht nur sich selbst von Druck, sondern auch sein deutsches Volk von einer niederziehenden Verblcndrmg und Verkennung befreien well. Er soll den Gegner nicht zum Schweigen, sondern ZINN Reden bringen, und soll ihn durch das Wort zur Erkenntnis, zur Selbstklärnng leiten. Gegnerschaft, die verschwiegen ist, ist nicht beseitigt, lind wir haben das selsenfeste Vertrauen 31t unserer Sache und zur sittlichen EinsichtskrasL unseres deutschen Volkes, daß diese Erkenntnis und das Verständnis der Lohn unserer Mühe sein wird. Gewiß ist der Vorwurf oder der Verdacht leicht zur Hand, diese Bedächtigkeit sei- Lauheit, sei Feigheit; denn die beherrschte Empfindung ist ja zunächst eine nach innen und nicht nach außen wirkende Kraft. Sie ist infolgedessen nicht alsbald als wirksam wahrnehmbar. Zweckersotgjäger können in diesem. Verhalten eine Scheu, das Recht zu wahren, den Standpunkt zn verteidigen, erblicken. Aber die in Beherrschung gesammelte und gesicherte Kraft wird doch in die Erscheinung treten. Diese Art von Reaktion ans die Reizung wird und must sich answirkeu durch überlegte, überlegene Sachlichkeit in überzeugender Aufklärung. Aufklärungsarbeit ist somit der Erfolg der Empfindsamkeit. Abwehr ist System und Ziel. Erziehung nach innen, Aufklärung nach außen sind uns Methode und Erfolg. Mssr Erbe» Gabriel Riester rmv Eugen Fuchs sprechen: „Werden hir einig sein, werden wir treu sein, so bangt mir um dre Zukunft nicht. Was die Legionen Roms, die Scheiterhausen des Mittelalters überwunden hat, was der Truck und die Knechtung der Jahrhunderts sticht zertreten konnte, was durch Druck immer nur seine federnde ^pruugkrast wieder erhalten hak, ward auch weiter lebendig und lebensstark bleiben hier auf dem Boden unseres Vaterlandes. Und ich fürchte nicht, daß wir schließlich an dem Mangel an Menschen zugrunde gehen werden. Hat uns die Vorsehung durch Jahrhunderte voller Finsternis, Verfolgung und Not geleitet, durch Aechtung, Unwürdigkeit und Verworfenheit geführt und uns die Güter wahren Menschentums, Heimat, Ehre'und geistige Freiheit, wiedergegeben, so wird uns weder der Antisemitismus, sei es der der Gasse, des Katheders oder des Konzertsaals, noch die Kindertaufe der jüngsten Tage überwinden. Wenn wir das Erbe der Väter bewahren, der Vater gern gedenken, was wir von ihnen ererbt haben, erwerben, um es zu besitzen, und dewKindern weit-ergeben, mcmt wir die Kinder in Stolz und Treue erziehen, sie nicht entwurzeln von dem Boden, auf dem wir gewachsen sind, dann wird weder Haß der Feinde noch Abfall uns schwächen. Seien wir stolz, nicht weil wir uns als auserlesenes Volk betrachten, sondern weil wir die Erben der ältesten Kultur sind, weil wir der Welt die Offenbarung, das Sittengesetz, die alles umfassende Nächstenliebe gegeben, weil das Judentum zuerst den Grundsatz ausgestellt hat, daß man das Menschenleben dem Göttlichen Zustrebend gestalten, rein und heilig werden solle, daß jede Meuschemeele rein und der göttlichen Gnade teilhaftig ist." (Aus: Eugen Fuchs, „klm Deutschtum und Judentum". I. Zur Geschichte des Centralvereins.) Uns vorzuhalten, daß unsere Väter vor Jahrhunderten oder vor Jahrtausenden eingewandert sind, ist so unmenschlich, als es unsinnig ist. Wir sind nicht eingewandert, wir sind eingeboren, und weil wir es sind, haben wir keinen Anspruch anderswo auf eine Heimat; wir sind entweder Deutsche oder rvir sind heimatlos. (Aus: Gabriel Richers Gesammelten Schriften). Die Grenzen Zer innerjüölsthen firöert. Von Rcchtsarrw-a'lt Dr. Kurt Alexander (Krefeld). Während die äußere Arbeit des Centralvereins, die eigentliche Bekämpfung des Judenhasses, kaum Gegnerschaft findet, hat die Erledigung der innerjüdischen Ausgaben durchaus nicht ungeteilten Beifall. Wir trollen uns auch darüber klar sein, daß selbst in den Reihen unserer Freunde diese Arbeit sehr venschieoenartig beurteilt wird. Die Ursache dürste darin zu suchen sein, daß man die Möglichkeiten der Betätigung dos Centralvereins auf diesem Gebiete verkennt. Man verlangt teils mehr, teils weniger, als er Iciftcn kann. Während wir für den einen zu sehr nach der Seite des Zionismus hinüber neigen, sind wir für den anderenzn sehr mit der Gruppe um Naumann verbunden; während wir für den einen uns überhaupt zu viel mit jüdischen Fragen beschäftigen, legen wir für den anderen zu wenig Wert aus sie. Angesichts dieser unersrenlichen Beurteilung, die natürlich die Arbeit nicht fördert, erscheint es angebracht, einmal mit aller Kürze und aller Schärfe festzulegen, in welchen Grenzen sich unsere innerjüdische Arbeit zu bewegen hat. Das A r b e i t § zie l des Ce n t r a l v e r e i n§ i st d ie Err e i ch u n g d e r G l c i ch st e l l u n g d c r I u d e n, und zwar nicht nur auf rechtlichem Gebiete, sondern aus jedem Gebiete, aus dem eine verschiedenartige Behänd lang zutage tritt. Rat in uerj irdischen Fragen kann sich der Ccntralverein nur insoweit beschäftigen., als sie aus diesem Wege berührt werden inüssen. Dabei ist es sofort klar, daß sie nicht nur nebensächlich zn streifen sind, sondern daß sie auch für uns von w e s e n t l i ch e x Bedeutung find', denn die Gl ei ch - st e l l u n g i ft bedingt b in; d) die innere Kraft des I u denk u m s, und sie verbietet innerjüdische Bestrebungen, die diesem Ziel zuwiderlaufen. Aber man verlange von uns auch nicht, daß die innerjüdischcn Fragen als Primat unserer Tätigkeit angesehen werden. Wir haben bei ihrer Behandlung immer unser Ziel im Auge. Andere Organisationen tonnen sich — darüber sind wir uns vollkommen klar — ganz anders mit diesen Dingen befaßen. Wir verlangen die Gleichstellung als deutsche Juden; das bedeutet, daß wir all die Gedanken mißbilligen, die in d e m in Deut s ch l a n d ro 0 h n e n d e n I u d c n feine n A n - gehörigen de r beut sch c n V 0 lf s g cm 0 i 111 ch a\t c t - blicke n. Ten Zionisunis lehnen wir ab. Darüber kann gar kein Zvocisel sein. Tie nativnäljüdifche Idee ist uns so wesensfremd, daß jedwede geistige Bindung zu ihr ausgeschlossen ist. Das schließt nickt aus, daß mau in gewissen Dingen, in denen die Verschiedenariigkeit der Stellung zum Judentum nicht von Bedeutung ist, und die im allgemein-jüdischen Interesse zn beachten sind, mit dem Nationaljuden tum Zusammengehen kann. Nie Zusammengehen kann man aber mit ihm, um nur ei ne 11 Punkt herauszuheven, in der geistigem Bekämpfung des Antisemitismus: der Boden, von dem aus bei uns und den Zionisten der Kamps geführt wird, ist ganz verschieden. Abgelehnt wird von uns die Idee, Palästina zu einem Zentrum des nationaljüdischen Gedankens zn machen. Ta wir die Idee des Nationaljndennnns überhaupt ablehnen, würde es eine Versündigung gegen unseren eigenen Geist sein, \mm\ wir etwa aus irgendvoelchen phantastischen Erwägungen heraus, uns für diesen Plan erwärmen wollten. Praktische Erwägungen spielen daneben eine Rolle. Wir halten es für durchaus falsch, eine Sache finanziell zu unterstützen, die kraft der Mängel des Objektes gar nicht in der Lage ist, das zn werden-, was man ans ihr gerne machen möchte. Ter Ireran IW.i(w8o<I und alle ähnlichen Institutionen sind nicht Sache des Centralvereins, denn sie sind, vom Geist des Nationaljndentnms erfüllt, Träger der nanonaljüdischen Idee und müssen es nach der gegenwärtigen Lage der politischen Verhältnisse und trotz besten. Willens sein. Lehnen wir auch das Nationaljudentum ab, so halten wir das wahre, echte Judentum, das in unserer Geschichte und in unserem heiligen Schrifttum seine Vereinigung hat, hoch. Eine bestimmte religiöse Richtung vertreten wir nicht. Wir umfassen alle die Juden, die in der Religion die Bindung zueinander erkennen. In dieser Tatsache liegt auch eine außerordentliche Schwierigkeit unserer Arbeit; denn es gibt eine Menge-von Aufgaben, bei denen sich gerade die Interessen der verschiedenen religiösen Richtungen aufs schärfste berühren, und die doch von uns gelöst werden müssen. Man mute uns daher Dinge nicht zu, die einfach aus diesem Grunde von uns nicht bewältigt werden können. Weil wir das-Judentum als die Basis all unserer Arbeit anjehen müssen, lehnen wir auch die Bestrebungen ab, die vielleicht das gleiche Ziel wie wir verfolgen, die aber die innere Bindung mit dem Judentum nicht so bejahen wie wir. Uns erscheint cs sinnlos, für die Gleichstellung des Judentums einen erbitterten Kampf zu führen, wenn das Judentum nichts weiter fein soll als ein Wort. Man wird den Centralverein daher immer an führender Stelle erblicken, wo es gilt, für unser deutsches Judentum einzutreten. Ihm dis