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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-05 · 10 (5.3.1926) · p. Seite 118

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
10 (5.3.1926)
Date
1926-03-05
Page
Seite 118 (sequence 10)
Language
German
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118 Telegramm hinaus. Das Telephon jtmimt: Ferngespräch. Es klappt hier beim ersten Male. Professor H. will feinen Kollegen gern vertreten. — Eilbrief diktiert. Sehen wir nach, wie er geschrieben wird. Im Cchreibmaschinenzimmer klappern die Tasten. Die Stenogramme von gestern abend werden ausgearbeitet, Abschriften fliegen herails. Bis die neue Post diktiert wird, must alles fertig sein. Ta haften die Finger. Nebenall kommen wir gerade zurecht, den: Herrn Erfolg zu wünschen, der zürn Ministerium geht. Aber die Bibliothek können wir uns gleich anschauen. Ja, so viel Bücher, die Wände bis an die Decke mit volleir Regalen, haben Sie hier nicht erwartet. Der Bücherstoß ist für beit Talmudprozeß schon herausgesucht. — Aber nun müssen wir zurück, die Sprechstunde beginnt. " Horen Sie zu, die Zeit wird Ihnen rasch vergehen, jeder Besuch ein anderes Gesicht. Born juristischen und talmudischen Gutachten bis zur Stellungnahme gegen einen judengegllerifchen Beamten wird hier alles bearbeitet. Mittagspause! Schluß der Sprechstunde. Run ntüfsen wir auch die Post erledigen, die nicht Eilsache ist. Sieh da! Eine interessante, wichtige Meldung. Tie must sofort an alle Landesverbünde iinb Beamten. Auch in die große Presse. Fräulein, schreiben Sie. . . Mso, dies vervielfältigen, dies telephonisch an die Redaktionen. Dazwischen das Telephon: Ja, die Sitzung statt 4 Uhr um 6 Uhr. Juristische Auskunft? Bitte schriftlich oder persönlich. Den Direktor oder den Syndikus? Ist es wirklich so wichtig? Sehen Sie, es ging doch! Material über die „Weisen von Zion" und „Rassenrragen" bis morgen mittag? Gern! — Inzwischen wird es Spätnachrnittag. Die Post kommt zur Unterschrift. Gehen wir einmal Allm dritten Stock, zur Expedition, vorbei an der Kartothek der Siebzigtausend! Da liegen, mit der Adreßmaschine geschrieben, die Umschläge mit den Rundschreiben, da die Stöße ausgehender Briefe, Postkarten und Drucksachen. Unseren Geldschrank wollen Sie doch auch sehen? Ja, Sie haben ein gutes Gewissen, alle Beitragsgllittungen in der Tasche. Dienftschlust! Kommen Sie vors Haus, an den Fenstern sehen wir am besten, wie der Betrieb langsam aushört. Ein Fenster nach dem anderen wird dunkel. Ganz still ist es auf der Straße, als das letzte Licht verlöscht ... Zwei Sunden später: Da sitzt Professor Z. im Zuge, zum Vortrag nach E . . . tal zu reisen, beginnt in B . . . fiabt unser Redner, die Rede des Herrn Abgeordneten Müller zu zerpflücken und erhält die ersten schüchternen Zwischenrufe, klappert die Setzmaschine in der Kreisblattdruckerei von A. . . borg für nuferen Gegenartitel, verlassen mit allen Postzügen unsere Sendungen Berlin und eilen ins Land . . . Wenn sie antommen und zu wirken beginnen, fängt gerade ein neuer Tag im C. V. an. Die Glocken von Rö'ln. Von Rabbiner Dr. Gottschalt (Berlin). Was sind Theorien, was sind Diskussionen? Um Mitternacht saßen wir vor kurzem zusammen und hörten .den Klang der Glocken ans Köln! Und etwas von jener MitternachtSstimnnmg drang noch in diese Stunde hinein, in der einst vor Jahrtausenden Väter und Mütter aus dem Lande der Knechtschaft hinausgezogen und jubelnd, jauchzend die Freiheit empfingen! Und noeiter schwang die Glocke aus Köln und erzählte von Vätern und sang von Müttern, die gerade in Köln vor tausend Jahren, ja noch vor'mehr als nur tausend Jahren deutsche Erde betreten haben! Und weiter tönte die Glocke von Köln und drang zu uns und gab uns Antwort aus tief innere Fragen: klare, schlichte, aber eindringliche Antwort. In die Glocken von Köln mischten sich hell, ganz eindeutig und ganz unverfälscht die Glocken unseres Heimatgesühls. Die Sprache der Liebe vernehmen wir deutlich, der Liebe zu allem, was wahrhaft deutsch, der Liebe zum Boden, zur Sprache, zum Volk! Was waren uns in diesem Augenblick all unsere Kampfe, all unsere Zweifel und Tagessorgen! Freiheit, Freiheit sangen die Glocken und ein tiefes Ausatmen ging durch die Seele! Ja, w i r sind frei und wir w o I l c u f r e t sein von jener Beengtheit jüdischen Willens, das kein Doppelleben ertragen kann — das Zweifache Leben von Religion liub Nation! Ja, wir sind frei und wir wollen frei sein von jener Angst um unser Sein, von jener Sorge um unsere Kraft! Ja, wir find frei und wir wollen frei bleiben' von jener Vermengung von Völkisch und Deutsch. D e n n n u r völkisch sein heißt: vor Menschen sich fürchten, sich einsperren und ängstlich die Grenzen ziehen! Aber deutsch s e i n h e i st t i übel n d bekennen: „A l l e M e n s che n w e rde n B r ü d e r." Und dieses Deutschsein — ist es nicht jüdisch? Deutsch sein heißt fingen mit den Glucken von Köln: Einigkeit und Recht und Freiheit! Und solch ein Sana, ist er uns fremd? Deutsch sein heißt sprechen wie ein deutscher Jude: „Einen Vater in den Höhen/eine Mutter haben wir! Gott, ihn unser aller Vater, Deutschland, unsere Mutter hier!" Was sind Theorien, was find Diskussionen — Glocken von Köln, ihr tönt auch in mi£! Ms öer Arbeit in öer Reichshauptstaöt. Von Artur Schweriner. Es ist eine alte Wahrheit, daß die Politischen Parteien in Groß- Berlin und zwar bk politischen Parteien aller Richtungen — nur eine kleine Zahl organisierter Anhänger haben, die in gar keinem Verhältnis zu den bei Wahlen abgegebenen Stimmen steht. Das liegt daran, daß die O r g a n i s a i i o u s a x b eit in der Reichshauptstadt naturgemäß die schwierigste ist. Tie lebendige Fühlungnahme gleichgestimmter Seelen ist in einer ganzen Provinzstadt oft leichter als in einem einzigen Berliner Miethans. Die allgemeinen ^chnüerigleiten, die sich der Werbetätigkeit des Landesverbandes Groß-Berlin entgegengestellt haben, timvben dadurch besonders verstärkt, daß das System der ehrenamtlichen Werbung nicht ausrechtzuerhalten war. Die Vorsitzenden und Vertrauensleute der 19 Groß- B c r l: n e t O r t s a x u p Pen, im Landesverband Groß-Berlin znsammengeschlosseu, stehen selber durchweg mitten im wirtschaftlichen Kamps. Man konnte von ihnen nicht verlangen, daß sie soviel Zeit aufbringen, mit e r s o l g r e i ch e Werbearbeit leisten zu können. Deshalb ist in Groß-Berlin das System der W e r b it n g dur ch besoldete K r ä s t e, die dem C. V. - Gedanken ergeben sind, eingesnhrt worden. Wenn nur in diesen Zeiten schwerster wirtschaftlicher 'Rot i n u c x h a i b u> c it i g c r Dt o n a t e in Groß-Berlin ü b e r 1 0 0 0 n e u c 9)1 i t g l i c d e r haben werben können, so zeigt der Erfolg am besten, daß Berbandsausschnß und Verbandsvorstand mit dieser Neuerung ans dem besten Wege sind. A b w e h r t a t i g k e i t wurde in großzügigster Weise getrieben. In Berlin finden g e g e n io ä r t i g k ä g l i ch r u n d 20 d e u t s ch n a t i o n a l e und d e u t s ch v ölti s ch e. B e r s a m m - l u n g £ n ft a 11. Die Piraten der Wirtschaftsnot umwerben besonders die Arbeitslosen, ein Heer von Hunderttanseuden in der Reichshauptstadt. Da wir uns fortlaufend in den völkischen Versammlungen über die Art der Hetze unterrichten, sind unsere Gegenmaßnahmen nicht Arbeit vom grünen Tisch. Es sei nur soviel gesagt, daß wir hier sichtbare n E r f o l g seststellen können. A u f t l ä r n it g s a b ende f ü r iS h r i ft e n u n d Juden brachten uns schönen, moralischen Gewinn. Sv war u. a. ein Vortrag deS Kaplan Fahfel über „Das Gesetz Moses" ein literarisches Ereignis. Au Ehriften und Juden wandten wir uns auch in ges ch! v s s e n c it Z t r t ein, in denen über Schule und Antisemitismus gesprochen wurde. Nebenher fanden A u f t t ä r u n g s a b ende vor christlichen Lehrern, Rektoren und Gymnasialdireltoreu statt, die durchschnittlich von 20 Herren und Damen besucht waren und als erfolgreich bezeichnet werden können. Um aber auch u n s e x e DJi i r g I i c der und solche, die es loerden wollen, mit g e i st i g e ut R ü st z e u g zu versehen, veranstalteten wir das ganze Jahr hindurch in allen Ortsgruppen Groß-Berlins A n f k l ü r u n g s k n r f e. Den Teilnehmern wurde nach einleitenden Referaten erster Sachverständiger Gelegenheit gegeben, ihre Erfahrungen nuszutauschen und sich zugleich auch rednerisch zu schulen. Diese Aufklärungtzkurse waren im Durchschnitt selbst im Sommer von ü b et 1 00 D a ui c n u n d H etren besucht. Nach Bedarf erscheint in neuerer Zeit die „G r o ß - B e x l i it e r C. V. - P o st", die eine engere Fühlungnahme der Groß-Berliner Mitglieder herbeisühren sott. Anch die B e r e i n s - und V e r s a m m l u n g s t ä t i g k e i t berücksichtigte in erster Linie das Moment der Werbung. Um Neuland gewinnen, dem Verein neues Blut znsnhren zu können, luden wir wiederholt Freunde und Bekannte der Mitglieder zu künstle r i s ch e n V e x a n st a U u n g e n ein. Zwischen Vorträgen erster Künstler wurden von Eeritralvereins-Führeru Reden gehalten, die durchaus nicht, wie man anzunehmen geneigt ist, als eine Störung des Programms empfunden wurden. Noch letztens war eine Veranstaltung, Vortrag des Herrn Direktor Dr. Holländer und Bibelvorlesung von Irene Driesch, ein unvergeßlicher Abend für die in Scharen erschienenen Zuschauer. Bei geselligen Voran st a l t u n g e n , in denen der Tanz im Vordergrund stand, haben wir sorgfältig vermieden, den Tanz Selbstzweck'werden zu lassen. Auch an solchen Abenden wmrde nachdrücklichst ans die Bedeutung des Eeutralvereins und die Notwendigkeit, ihm Gefolgschaft zu leisten, hingewiesen. Die in Berlin in höchst erfreulichem Umfange einsetzende F x a it e n a t b e 11 — die Groß-Berliner C. B. - Frauenoraainsation ist heute schon zahlenmäßig eine der größten Frauenorganisationen Berlins — nahm sich besonders der Bekämpfung des Judenhasses in den Schulen au. Wir haben seststellen können, daß die Frauen z. B. für Boschwerden in Schulen sich besser eignen als Männer. Unsere Aufklärungsarbeit in der P resse kann als gut bezeichnet werden. Immer wenn im Eentralverein Begebenheiten von allgemeinem Interesse geeignet waren, unserer Abwehrarbeit zu dienen, haben wir auf verständnisvolle Mitarbeit rechnen können. Mit rein jüdischen Angelegenheiten haben wir die Presse allerdings nie belästigt. Sehr viel Zeit kostete uns im Landesverband Grosz-Berlin die E r le d i g u n g der A n f r a g en aus de m Land c. Wir muhten einen regelrechten Erk und igu n gsdienst organisieren, der allmählich so großen Umfang annahm, daß er jetzt einen Herrn des Groß-Berliner Bureaus ständig beschäftigt.

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