Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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113 2)ie ersten Vorsitzenden unseres C.cV. Tatsachen und eine außerordentliche Leidenschaftslosigkeit im Urteil Grundvoraussetzung ist, versteht sich von selbst. An der Seite der Vortragstätigkeit steht das gedruckte Wort. Man kann nicht überall Vorträge halten, weil es an Rednern, an Zeit und an hörwilligen Menschen fehlt, man muh deshalb die Zeitung, die Zeitschrift und die Buch- und Broschürenliteratur als selbständigen und wesentlichen Punkt mit in das Programm ausnehmen. Sowohl bei der Vortragstätigkeit als auch bei der Schaffung und Verbreitung von Literatur ergeben sich eigene Schwierigkeiten. Diese können hier nur kurz angedeutet werden. Wie ist die Technik der Vorträge auszugestalten? Sollen sie vor geladenem Publikum, sollen sie in allgemeinen Versammlungen stattsinden, sollen sie mit allem wissenschaftlichen Rüstzeug versehen oder in volkstümlicher Form ohne das Eindringen in die letzten Dinge gehalten sein? Sollen wissenschaftliche Werke oder nur volkstümliche, kleine Schriften geschaffen werden? Alle diese Fragen sind nach Umständen des einzelnen Ortes und vor allen Dingen nach den vorhandenen Geldmitteln zu lösen. Im allgemeinen mag der Grundsatz gelten: das eine tun und das andere nicht lassen. IV. Der Centralverein hat sich bemüht, schon bisher in den oben erwähnten Richtungen eisrigst zu arbeiten. Es ist eine ansehnliche wissenschaftliche Literatur geschaffen worden. In der „C. V.-Zeitung", sei es in der wöchentlichen oder monatlichen Ausgabe, im .Morgen", in den mannigfachen anderen Werken des P h i l o - V e rl a g es ist der Anfang der Ausführung des obigen Programms gemacht worden. Aber man muß sich darüber klar sein, man steht erst am Anfang der Ausführung. Die Vorträge vor jüdischem und christlichem Publikum oder auch die Vorträge vor gemischter Hörerschaft sind nicht oft genug, nicht systematisch genug und manchmal vom Zufall eingegeben. Die vorhandene Literatur wird nicht genügend verbreitet und kommt namentlich nicht in ausreichender Menge aus das flache Land. Die Schuld liegt im Mangel an Menschen und an Mitteln. An Menschen, weil es zu wenig gibt, die, über das geistige Wissen verfügend, rein wissenschaftliche Vorträge zu halten gesonnen sind, und an Mitteln, weil die Armut des Centralvereins es nicht zuläßt, die näher beschriebene Tätigkeit in wirklich großzügiger und dem Gesamtvolke dienender Weise zur Ausführung zu bringen. V. Alle diese vorhandenen Schwierigkeiten befreien uns aber nicht von der Frage: Was ist notwendig? Und hier muh zunächst von der S y st e m a t i s r e r u n g unserer Tätigkeit gesprochen werden. Diese Shsteihtfet (tentmtvemn matisierung kann nur erfolgen durch Spezialisierung unserer Mitarbeiter, durch den Ausbau unserer Literatur und durch Nutzbarmachung des schon vorhandenen literarischen Bestandes. Wir werden zur Schaffung von besonderen Abteilungen in unserer Wissenschaft kommen müssen und werdennamentlich auch eine große Reihe Freunde jeden Bekenntnisses um uns Zusammenscharen, welche die einzelnen Gebiete, die zum Gegenstand der sogenannten Jndenfrage gehören, zu bearbeiten haben. Neben den: Sachverständigen auf dem Gebiete der Rassenforschung wird der Sachverständige auf dem Gebiete der Volkswirtschaft erscheinen müssen. Er wird die Verflechtung der Volkswirtschaft in die Weltwirtschaft, er wird die Bedeutung des jüdischen -Elementes für diese Verflechtung anszuzeigen haben und damit die Mär von dem Einfluß eines internationalen Judentums in der Weltwirtschaft nicht nur widerlegen, sondern die Wichtigkeit des jüdischen Elementes zum Gegenstand der allgemeinen Betrachtung machen müssen. Der Theologe wird das ungeheure Gebiet der Bedeutung des Judentums für den sittlichen Ausbau des Men'schengeschlechtes immer wieder zu zeigen haben. Er wird nicht nur Angriffe gegen den Talmud widerlegen und hier wirkliche Abwehrarbeit leisten, sondern er wird die Wertigkeit großer Teile unserer Talmudliteratur für alle Zeiten denen zeigen müssen, die an der Ermittlung der Wahrheit interessiert sind. Dem Kulturhistoriker und dem Kulturpolitiker bleibt es überlassen, die Einbettung des jüdischen Elementes in die deutsche Kultur zu erweisen und sie in jüdischen Kreisen in gesundem Sinn weiter zu fördern. Gerade die Frage: Müssen wir Kulturpolitik treiben oder nicht, ist die 'bedeutsamste Frage, die in bejahendem Sinne gelöst merben muß. Neben allen diesen Arbeiten steht die Arbeit des Soziologen, der die Schichtung unserer bürgerlichen Gemeinschaft zu untersuchen, die Grundsätze der Reibung des jüdischen Elementes an den verschieden gelagerten Volkselementen zn prüfen und die Beseitigung dieser Reibungen in die Wege zu leiten hat. Vorarbeiten sind geleistet und schon die vorhandene Literatur kanneinen Teil der gestellten Aufgabel! erfüllen. Aber wo ist sie? Ist sie in den Schränken des Landpfarrers, des Volksschrlllehrers, hat die gebildete Jugend beiderlei Geschlechtes und aller Konfessionen, hat die jüdische Jugend von ihr Kenntnis? Ist es nicht so, daß die jüdische Jugend die Wichtigkeit dieser Dinge unterschätzt, weil sie zum großen Teil die Dinge nicht oder nur oberflächlich kennt? Wer ist heute überhaupt in die Tiefe dieser Fragen eingedrungen? Wir werden hier mit starker Betrübnis sagen müssen, bei Juden und bei Nichtjuden ruht das meiste auf der Oberfläche. Die Fülle der Probleme ist nicht erkannt und daher die Flüchtigkeit in der Beurteilung und das Unrecht in der Wertung von Dingen und Menschen. Was wir brauchen und -worauf wir hinstreben müßten, ist die Schaffung eines Unterrichtsfaches über die Lehre vom jüdischen Deutschen, in dem unter Zugrundelegung von Quellenschriften das ganze große Gebiet, das hier angedeutet worden ist, kritisch besprochen, zum Gegenstand eigenen Nachdenkens und eigener Kenntnis gemacht wird. Dann hätte die Zukunft die jüdischen Deutschen, die sie braucht: die Gesamtheit des deutschen Volkes würde dann aus dem Schlafe befreit werden, der es zu seinem eigenen Schaden umfängt, und durch Enthüllung des Bildes vom jüdischen Deutschen würden sehr wertvolle Kräfte frei werden für den Wiederaufbau des Vaterlandes. Der Weg des Centralvereins. Der Verein muß unablässig gegen jene Verbitterten ankämpfen, die erklären, das; der Weg des Centralvereins nicht der rechte ist, daß die Inden die Hoffnung auf Erlangung ihrer Gleichberechtigung aufgeben, daß sie sich aus dem Verbände des Deutschtums lösen und in der Verwirklichung jüdischnationaler Träume die Lösung der Judenfrage erkennen sollen. Er muß den Politischen Desperados gegenüber die Wahrheit vertreten, daß diese Lösung allein aus dem Boden der Verfassung im Ehrenkampf um das Recht, in tatkräftiger Arbeit und zutunfts sicherem Wollen erreicht wird, erreicht werden muß. Der Centralverein, der die Synthese Zwischen Deutschtum und Judentum darstellt, der dafür eintritt, daß die Liebe zur Bekennergemeinschaft die Liebe zum Vaterlande nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern heiligt und hebt, hat die Pflicht, gegen alle Strömungen und Strebungen anzukämpfen, welche diese Synthese leugnen. (Aus: Paul Nieger, „Ein Viertelsahrhurrdert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden".)