Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m seine Aufgabe, deutsche Gesinnung in einem Geschlecht aufrechter Juden zu pflegen, noch lange nicht restlos erfüllt hat. Und der Zionismus dankt diese bedauerliche Tatsache dem in dieser,. Richtung wie sein Bundesgenosse wirkenden Antisemitismus. Sollen wir diesen beiden das Feld räumen? Alt ist die Erkenntnis, das; wir eine eigene Station nicht sind, nicht sein wollen. Sie wird über den zionistischen Wahn siegen. Unsere Nachfahren werden es erleben, das; der Judenhast mehr und mehr schwinden, daß seine Frucht, die zionistische Irrlehre, überwunden werden wird. Dann, aber auch lernen Augenblick früher, wird der Eeutratverein sein irdisches Walten beschießen, aber in der Geschichte sortleben als Zeuge u n s e r er Not i m Doppell a m p s g e g e n H a ß it n d B erir r n n g. Von Ludwig Holländer« I. Der durchschnittliche jüdische Deutsche ahnt nicht, wie wenig ihn seine Umgebung kennt, und der christliche Deutsche weist in der Regel nichts von seinem jüdischen Mitbürger. Eine Reihe abwertender Urteile über den Juden pflegt ihm vom Tage der Geburt an innezuwohnen. Der Begriff des Jüdischen' ist ihm wenig sympathisch. Er kennt irr der Regel nicht viele Juden rrnd findet hier allerdings, daß es sich um gar nicht so üble Leute handelt. Rel i g i ous femdschast als solche ist ihm längst überwundener Standpunkt. Er mcifj von der jüdischen Religion vielfach nur soviel, daß die Grundlehren des Alten Testamentes durch den Talmud und ähnliche „spintisierende und närrische" Schriften verdüstert worden sind, und daß es infolgedessen zweckmäßig ist, mit den Inden möglichst wenig zu tun zu haben. Wenn einmal geäußert worden ist, man schicke doch in entfernteste Erdteile Gelehrte, um das Leben und das Deuten ganz entlegener Stämme kennenzulernen, — warum bemühe mau sich nicht einmal, die in der^Mitte des deutschen Volkes lebenden Inden einem objektiven Studium zu unterwerfen, ihr Sein, ihr Denken, ihr Fühlen, ihre Religion, ihre gesellschaftliche Stellung und ihre wissenschaftliche Bedeutung zu untersuchen, so ist bei aller Uebertreibung der Grundgedanke dieses Satzes durchaus r ichti g. Man kennt uns in der Regel nicht, und weit man uns nicht kennt, wird das Bild unserer Minderwertigkeit als ein Erbgut jedem neugeborenen Menschen immer wieder tief in die Seele geprägt. Dabei ist die Feststellung von Bedeutung, daß die Masse auch der gebildeten Juden, selbst wenn sie über ein gilt Teil religiösen Wissens verfügt, sich über die großen Politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen ihrer jüdischen Umwelt tu wesentlichem Umfange in Unwissenheit befindet. Namentlich die jüdische Oberschicht glaubt an solchen Fragen vorübergehen zu dürfen. Politik ist nicht sein, und die jüdischen politischen Fragen gelten insbesondere nicht als salonfähig. Mit einem überlegenen Lächeln werden sie beiseite' geschoben. Unter Redensarten, wie: „Die Zeit heilt", und „Die demokratische Entwicklung bringt es schon mit sich", werden Dinge mit einer Handbewegung abgetan, die für das zukünftige Schicksal des Gesamtvolres und insbesondere eines jüdischen Teiles von einschneidender Bedeutung sein werden. Diese Kreise geben vielleicht die Notwendigkeit einer „Abwehr" des „Antisemitismus" zu, ohne zu ahnen, wie naiv dem wirklichen Kenner des jüdischen Problems sowohl der Begriff der „Abwehr" als auch das Fremdwort „Antisemitismus" erscheint. Abwehr seht immer Angriff voraus; wo kein Angriff erfolgt, ist eine Abwehr unmöglich. Daß die ganze Gründstimmung, welche einen Angriff erst möglich macht, als Krankheit des Voltskörpers an sich beseitigt werden muß, und daß infolgedessen Abwehr lediglich oberflächliches Kurieren von Symptomen bedeutet, haben sich große jüdische Schichten niemals klargemacht, weil sie immer noch auf dem Boden der längst überwundenen Erkenntnis stehen, daß der Kamps gegen das Judentum aus Regungen augenblicklichen Hasses" entstand err sei. Auch das dafür geprägte Wort A n t i s e m i t i s - m u s, über dessen Entstehungsgeschichte man neuerdings Nachforschungen anstellt, umfaßt das Problem nicht. ' Denn die Antisemiten wenden sich nicht gegen alle Semiten, sondern sie wenden sich allein gegen die Juden, ja sie machen einen großen Unterschied unter den Semiten. Und — wenn die Juden gar keine Semiten sein sollten, wenn die heutigen Juden als Mischrasse erkannt würden? Was dann? Nein! Nicht um Abwehr des Antisemitismus hat es sich zu handeln, sondern um Schaffung einer Grundlage, die in der wahren Erkenntnis der Seele des jüdischen Deutschen die vorhandenen Gegensätze unmöglich macht und überwindet. Daraus folgt, daß die Kenntnis sowohl des soziologischen Objektes als auch des Subjektes, d. h. sowohl der jüdischen als auch der christlichen Deutschen als einer gesellschaftlich zusammenhängenden Gemeinschaft, in allen Kreisen, auch in jüdischen, verbreitet werden muß. II. Es drängt sich die Frage auf: bei welchen Teelenz u st ä n den ist Aufklärung möglich? Denn gibt es nicht eine große Reihe von Menschen, welche nicht aufklärbar sind? Die sich im Zustand eines geistigen Rausches befinden, die so haßerfüllt sind, daß jeder Versuch der Aufklärung ohne weiteres scheitern würde? Selbstverständlich gibt es solche Menschen; aber es gibt sie nicht in so großer Zahl, wie oberflächlich Urteilende annehmen. Die Mehrzahl unserer Gesamtbevölkerung steht den Juden keineswegs mit dem Fanatismus einiger völkischen Sadisten gegenüber. Sie ist beherrscht von einer gewissen Voreingenommenheit, ohne daß ihr Grundcharakter jedoch ausgesprochen judenfeindlich wäre. Für die »reiften Menschen ist auch schließlich die Frage gar nicht so wichtig, als daß sie sich bei ihrer Erörterung und Nachprüfung über Gebühr aufhalten würden. Man schimpft gelegentlich und damit ist es gut. Gelingt es, diesen geistigen und seelischen Halbschlummer zu lösen, so ist die erste Allsgabe völlig erfüllt. Zeigt man den Menschen, daß es sich hier um ernste Probleme handelt, bei deren Nichtachtung nicht nur sittliche Werte in höchstem Umfange zerstört werden, sondern allch böse Beispiele ein Uebermaß gefährlicher Folgerungen nach sich ziehen können, stellt man somit das Problem in seiner Gesamtbedeutung dem prüfenden Geist der Allgemeinheit vor, so ist schon dadurch, durch die Lösung unbewllßter, aber gefährlicher .Bindungen in der Seele des einzelnen, viel erreicht. III. Auf welche Art i st die A u f f [ ä r u n g z u erzielen? Würde in den Schulen die Naturgeschichte des deutschen Volkes gelehrt, so würde unserer Jugend in diesen: Schulfach etwas wirklich Notwendiges neben der bloß formalen Staatsbürgerkunde gegeben. Wer noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts zu Füßen des großen Kulturhistorikers und Statistikers Wilhelm Heinrich v. Riehl in München gesessen hat und von ihm in der Naturgeschichte des deutschen Voltes die Lehren von der bürgerlichen Gesellschaft und das System der Staatswissenschaft und Politik vortragen hörte, der weiß, welche'unnützen Reibungen in unserem öffentlichen Leben entstehen, weil die Stände, die Stämme, die Berufe sich nicht kennen. Er weiß ferner, wie die Darstellung und die Auflösung der jedem Stamme, Staude und Berufe eigentümlichen Schwierigkeiten und Gegebenheiten Klarheit und damit Beseitigung von Bitternis schasst. Darum muß zunächst zu einer leidenschaftslose:: Darstellung des jüdischen Menschen im Gesamtrahmen der deutschen bürgerlichen Gesellschaft geschritten werden. Die Darstellung kann für jüdische und für nichtjüdische Hörer getrennt sein. Sie wird von jemandem ansgehen müssen, der die seelischen Zustände in beiden Lagern geprüft imb durchdacht hat. Dem nichtjüdischen Hörer wird manches über seine eigene Denkweise nicht gesagt zu werden brauche::, was der jüdische Hörer kennen must, und umgekehrt. Ter zu bearbeitende 1 o f f ist befiel b c; nur die G r u n d - läge, der Urboden, in den das Samenkorn zu legen ist, ist verschieden. Wir werden in Vorträgen über moderne Nassentheorie, über den jüdischen Geist, über die Leistungen jüdischer Deutscher für die deutsche Kultur, über die Stellung des Judentums zum Staate und zur Wirtschaft nicht nur auf Grund der religiöse:: Lehren, sondern auf Grund der Entwicklung unserer sozialen'Gemeinschaft und insbesondere der jüdischen Gemeinschaft zu sprechen haben. Wir werden den Ideengehalt der früheren Geistesepochen und der heutigen Zeit an Kulturforderungen, an politischer Weltanschauung und die Einstellung der jüdischen Masse zu diesen Zeiterlebnissen zu prüfen haben. Wir werden uns mit den: sogenannten Ostjudenproblem auseinandersetzen, und nur werden kritisch die Stellung des jüdischen und christlichen Deutschen 31t den großen Strömungen des Judentums :n:d der ganzen Welt innerhalb der jüdischen und der ganzen Umwelt betrachten müssen. Daß dabei strengste Sachlichkeit, Genauigkeit in allen