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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-26 · 9 (26.2.1926) · p. Seite 98

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
9 (26.2.1926)
Date
1926-02-26
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Wohnenden Franzosen oder Engländer undenkbar und wird von ihnen selbst nicht angewandt. Er tritt erst dann in Erscheinung, wenn einmal der Zahl, dann aber auch nach der geographischen Lage und dem Zusammenwohnen in einem bestimmten Gebiet bei diesen Bewohnern der Wille, etwas national Besonderes zu sein und im Staat die nationale Besonderheit geltend zu machen, hervortritt. Alle diese Voraussetzungen liegen bei den deutschen Juden nicht vor. Sie empfinden sich a l s D e u t s ch e d e r N a t i o - nalität nach. Sie lassen dieses ihr Empfinden auch nicht von antisemitischer Propaganda beeinträchtigen; aber auch nicht von z i o n i st i s ch e n Gedankengängen, die ihnen klarmachen wollen, daß sie nicht „in demselben Ausmaß nationale Rechte wie die sprachlichen Minderheiten" fordern können. Und wenn hier und da unter dem Druck antisemitischer Propaganda einzelne, in früheren Zeiten besonders deutschnational empfindende Inden begonnen haben, sich verbittert in sich selbst zurückzuziehen, so braucht nicht gesagt zu werden, welcher Schaden eine solche (psychologisch vielleicht erklärliche) Politik der nationalen Enthaltsamkeit für die gesamte deutsche Judenheit bedeuten muß. Aus -dem Gesagten erhellt auch ohne weiteres, daß wir uns mit aller Entschiedenheit gegen die Darstellung und die Schlüsse verwahren müssen, die die „I ü d i s ch e' R u n d - schau" in ihrer Nummer vom 12. Februar 1026 aus den Ausführungen Stresemanns zieht, und die darin gipfeln, daß die deutschen Juden fordern, „daß man sie als deutsche Staatsbürger »jüdischen Blutes' mit ihren eigenen kulturellen Traditionen und mit ihrem Willen zur Teilnahme an den gesamten jüdischen Aufgaben und Bewegungen respektiert". Den Begriff der „deutschen Staatsbürger jüdisch e n B l u t e s" gibt es nicht. Die Lehre, daß die modernen europäischen Staaten Produkte des Blutes und nach der VolksFusammengehörigkeit oder Abstammung gebildet seien, ist historisch falsch und tausendmal widerlegt. Ich darf vielleicht an dieser Stelle auf die Ausführungen in meiner „Jüdischen Internationale" der Kürze halber Hinweisen. Der Gedanke, daß die enropäifchen Staaten auf Blut gebaut seien, ist im Grunde das Wesen des Bölkischen. Dort wird allerdings die Lehre vertreten, daß in Deutschland nur die Menschen einer bestimmten Blutzusammensetzung — mag man sie als arisch oder wie sonst bezeichnen — zur Teilnahme an den staatsbürgerlichen Rechten befugt seien. Bei der heftigen Agitation, die bei den Wahlen zur Landesversammlung geführt worden ist, ist es uns von der Jüdischen Volkspartei oft genug verdacht worden, daß wir erklärt haben, zionistische und völkische Gedankengänge (die letzteren brauchen durchaus rlicht immer in verwerflichem antisemitisch-reaktionären Sinne gedeutet zu werden) berührten sich in diesem Punkte. Auch jetzt, nachdem längst wieder Ruhe nach dem Sturm eingetreten ist, und bei ruhigster und nüchternster Durchdenknng der Probleme kann ich für meinen Teil mir nicht Helsen: ich sehe in den „drutschen Staats bür g ern jüdischen Blutes" das G egen stück zu den deutschen Staatsbürgern a r i s ch e r A b st a m m n n g , miö ich lehne mich gegen eine solche Lehre, die die modernen Staaten lediglich nach ihrer Blutzusammensetzung auffaßt, mit aller Energie auf, möge sie von zionistischer oder von völkisch-antisemitischer Seite vertreten werden. Nicht so sehr, weil eine solche Theorie allem völkisch-antisemitischen Rassewahn Vorschub zu leisten geeignet ist, sondern im tiefsten Grunde, weil sie mit unserer Auffassung über den Zusammenhang zwischen dem Staat und den Menschen im Widerspruch steht. Wir denken nicht daran, irgend etwas aus der jüdischen Bergan g e n heit streichen zu wollen. Nicht an Leid und nicht an Freuden. Aber wir sind auch nicht bereit, einer nebelh a f t e n R o m a n t i k z u liebe K o rti st r ukt io ne n über D e u t s ch t u m it n d I u d e n t u m zu akzeptieren, die unserem gesamten inneren Wesen widersprechen. Wir für unseren Teil fühlen u n s m i t d e r d e u t s ch e n u n -d d a r ü b e r h i n a n s der e u r o p ü i s ch e n K u I tut* Welt und ihreu Gedanken unlö slich verbünde n. Wir gehören zur deutschen Rechtsgemeinschaft. Wir tragen ihre Pflichten, wir verlangen ihre Rechte. Nicht weniger, nicht mehr. Kein Blut scheidet uns von den nichtjüdischen Staatsgenossen. Wir find eine Minderheit der Zahl nach. Aber wir wollen nicht unter den Schutz „nationaler Minderheiten" gestellt werden. Ohne Chauvinisten und Nationalisten zu sein, behaupten wir uns als gute und zuverlässige Staatsbürger und wir glauben den besten deutschen und jüdischen Traditionen zu entsprechen, wenn wir die wahren Freunde des Landes nicht nach geheimnisvollen P r o z e n t n o r m e n: der Blntmis chung, sond ern nach innerer Gesinnung und ihrem Willen zur Anteilnahme an den Staatsgeschäften des Vaterlandes werten. Von Ernst Lemmer, Mitglied des Reichstages. Reichstag und Preußischer Landtag haben parlamentarische linier* suchungsausschüsse eingesetzt, um den dunklen Hintergrund der zahlreichen Feme m orde aufzuhellen. Man mag über den Wert solcher parlamentarischer Untersuchungsausschüsse an sich verschiedener Meinung sein, für die Klärung der stickigen Femeatmosphäre wurde es jedoch bitter notwendig, über den Weg parlamentarischer Untersuchungsausschüsse zu einem die Oessentlichkeit beruhigenden Ergebnis zu kommen. Denn die delltschen Gerichte, sowohl im Schweriner als int Berliner Mordprozeß, sind leider dazu gekommen, die Mordorganisationen der Feme weiterhin in ein geheimnisvolles Dunkel Zu verhüllen; formal genügten sie ihrer Pflicht: sie sprachen gegen einzelne Mörder Todesurteile aus. D e m V o l k s e m p f i n d e n haben dainit die Gerichte keineswegs genügt! Das deutsche Volk aller Parteirichtungen verlangt restlose Aufklärung darüber, welche Kräfte im Hintergrund der Femebewegung als Anstifter und Geldgeber gestanden haben. Denn ganz Zweifellos hätte jene sogenannte völkische Bewegung in den letzten Jahren niemals einen solch gefährlichen Umfang annehmen können, wenn nicht immer von neuem große Geldmittel zur Besoldung arbeitsscheuer Banditen und Abenteurer aus dunklen Quellen geflossen wären. Will man endlich zur Wiederherstellung der einem Kulturvolk würdigen öffentlichen Sicherheit jeneur Mordsystem der Feme ein Ende bereiten, so müssen vor allen Dingen jene geheimnisvollen Verbindungen aufgedeckt werden, die abenteuerlichen Mordburschen erst die Möglichkeit und den Anreiz zu ihrem Unwesen gegeben haben. Die zur Aufklärung eingesetzten parlamentarischen Untersuchungsausschüsse sollen Licht in dieses Dunkel bringen. Während der Reichs- Lagsausschuß sich mit der Aufklärung des Femesysterns als solchenr befassen wird, hat der Untersuchungsausschuß des P r e u ß i s ch e n Landtages seine Ausgabe dahin begrenzt, lediglich die Beziehungen zwischen der Femeorganis a t i o n , d e u t s ch n a t i o na l e n Abgeordneten und Arbeitgeberverbänden Zu klären. Die Verhandlungen im Femeausschuß des Preußischen Landtages sind zur Stunde noch rlicht abgeschlossen, und doch kann man, ohne dem sachlichen Verhandlungsergebnis vorgreisen zu wollen, auf wuchtige Teilergebnisse heute schon Hinweisen. Das Dunkel beginnt sich bereits Zu lichten. Die sozialpolitische Spitzenorganisation der deutschen Arbeitgeber, die Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, gründete vor Jahresfrist durch eine Sonderbesteueruug ihrer Mitglieder einen sogenannten „A rbeitsz o i t f o n d Mit der Verwaltung und Verwendung dieses Fonds wurde der Geschäftsführer v. Zeugen beauftragt. Wie verwendete er die Mittel? Selbstverständlich zu sozialpolitischen Zwecken. Eine „sozialistische" Berlagsgescllschaft wmrde erworben, um unter der Flagge „Arbeiterliteratur" das Propagandamaterial der Arbeitgeberverbände in die Massen der Arbeiterschaft hineinzutrageu. Dieser in der Geschichte der deutschen Sozialpolitik bisher beispiellose Vorgang soll an dieser Stelle nur deshalb erwähnt werden, um zu zeigen, mit welch geringen Hemmungen der geschäststüchtige Propagandachef der Arbeitgebervereinigung seine Tätigkeit ausfaßte. Im übrigen dürste dieser Vorfall im wesentlichen nur die mit der Sozialpolitik verbundenen Kreise uufere§ Volles interessieren. Alis politischem Gebiet liegt ein anderes Verfahren in der Praxis dieses Herrn v. Z e n g en. Und über diesen Vorgang dürsten die ersten fünf Verhandli'mgstage des Landtagsausschusses heute schon einiges Licht verbreitet haben. Fest steht, daß aus diesem gleichen Fonds des Herrn v. Zeugen die „sogenannte nationale Sache" finanziell gefördert worden ist. Selbstverständlich gibt man keinem Mordbuben Geldmittel aber „ehrenwerten" nationalen Männern stellt man für Zwecke nationaler Aufklärungsarbeit Gelder zur Verfügung, das famose „vaterländische" Aufklärungsbureau des Oberleutnants Kienzl und der vom deutschnationalen Abgeordneten Meyer in eigener Person gebildete „A u s s ch u ß zur nationale n A u f - klärung" find solche bevorzugten Empfänger von Arbeitgebergeldern. Auch die sogenannte „Vaterländische Werksgem e in sch a s t", die politisch in der „völkischen" Bewegung der-

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