Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 9 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- Seite 97 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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vrrttn, 2ö. Zevruar 192» V. Jahrgang ■> Nr. - Einzelnummer 1- Go1--ferrniz iÄrtva) wmhi Plätter fürDsittfchtem mrvluöenwm iionctsabonncment 40 Goldpfennis ^WHBbiV ' ädHtWa> ÄllßierneinB ZrCirunö des Judeniums zuzüglich Bestellgeld Verlag u. SchrifLleUung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 8594, 3593. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmestee Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. CenrraKereins 0,45 JUi, die 90 mm breite ReklamezeiLe 4,80 JUk* 0rtzon des dailrüMtems üerttscl EtaMsdürser WKiMW StoattgasTa Sübfirol./ Zur Frage der nationalen Minderheiten. Von Dr. Bruno Weil (Berlin). Die deutsch-italienischen Auseinandersetzungen um Südtirol haben ganz Plötzlich zu der öffentlichen Erörterung einer Reihe von Fragen geführt, die, den deutschen Juden längst geläufig, in dieser Deutlichkeit zum erstenmal in den Gesichtskreis des gesamten deutschen Volkes getreten sind. Die Stellung der großen Mehrheit aller Deutschen in der Südtiroler Frage ist klar und einfach: Politische Aspirationen auf dieses, durch den Vertrag von Saint-Germain-en- Laihe Italien zugewiesene Gebiet werden nicht geltend gemacht. Aber unter Berufung auf den kulturellen Zusammenhang aller Deutschen in der Welt, gleichgültig, welchem Staat sie eingegliedert sind, wird jede Unterdrückungspolitik bekämpft. Ja, sie wird bekämpft über den Kreis der daran unmittelbar interessierten deutschen Kulturgemeinschast von allen wahrhaft demokratisch gesinnten Elementen der Welt, die in dem Recht auf Kirche und Schule, auf Sprache und Meinungsfreiheit eines der unveräußerlichen Grundelemente jeder modernen Staatspolitik erblicken. In der Tat wird es Angehörige fremder Nationalitäten auf dem enggedrängten Boden Europas in den einzelnen Staaten in geringerem oder größerem Umfang immer geben. Denn es läßt sich, wie die Dinge liegen, eine mit den Grenzen des Volksstammes genau übereinstimmende politische Grenze nirgends ziehen, und immer werden die Angehörigen der einen Nation, die in das Gebiet einer anderen eingezogen sind, sehnsüchtig und wehmütig nach dem Lande schauen, dem sie kulturell angehören; niemand wird den Angehörigen des Mutterlandes das Recht streitig machen dürfen, dort mitzufühlen und mitzusprechen, wo der Gleichklang der Geschichte, der Sprache und der Kultur stärkere Bindungen geschaffen hat, als es die vergängliche Kunst der Erenzenzieher von Versailles, Saint-Germain und Trianon tun konnte. In diesem Sinne sind auch die Worte zu verstehen, die der deutsche Außenminister Stresemann im Reichstag am 9. Februar gesprochen hat, wo er erklärt, daß gerade eine starke nationale Würde sich am besten mit dem Ertragen kultureller Eigenart von Minderheiten vertrage, und daß man auf die Dauer Völker fremden Blutes nur durch eine große und gerechte Politik an sich fesseln könne. Auch in Deutschland müsse es gegenüber den Minderheiten unser Ziel sein, sie bei voller Bewahrung ihrer kulturellen Eigenarten zu deutschen Staatsbürgern, wenn auch fremden Blutes, zu machen. Jedermann, und ganz besonders jeder deutsche Jude, wird dem Grundgedanken der Stresemannschen Ausführungen gern zustimmen. Sie sind, wie das der Zweck der gegen Mussolini gerichteten Rede erforderte, scharf zugespitzt. Sicher ist nichts weniger mit ihnen beabsichtigt, als etwa in theoretische Auseinandersetzungen über die schwierigen Begriffe der Staatenbi'ldung, über die große Frage, ob die modernen Staaten denn überhaupt eine Volksgemeinschaft bilden, einzutreten. Die Rede Stresemanns rührt aber auch an die Frage, wer denn eigentlich als „Minderheit" im modernen Staat zu betrachten sei. Daß dies, um zunächst für Deutschland zu sprechen, bei Polen und Dünen der Fall ist, versteht sich ohne weiteres. Aber mit aller Entschiedenheit müssen wir uns dagegen wenden, daß man im Anschluß an die Rede Stresemanns den Versuch macht, die in Deutschland wohnenden und ansässigen Juden als Minderheit im nationalen Sinne zu bezeichnen. Diese Juden betrachten sich selbst, wenn man von der kleinen zionistischen Gruppe absieht, die auch ihrerseits in dieser Frage durchaus nicht einheilig denkt, als ein national integrierender Bestandteil des deutschen Volkes, unterschieden von den christlichen Deutschen durch das Glaubensbekenntnis, eine, soweit sie sich nicht auf dem deutschen Boden seit etwa zwei Jahrtausenden abgespielt hat, gesonderte Geschichte, und eine andersartige Abstammung. Zum Begriff der nationalen Minderheit gehört aber vor allem der Wille des in Frage kommenden Volksteiles, sich als national gesondert zu empfinden. Dies haben z. B. in Böhmen Tschechen und Deutsche immer getan. Demgegenüber ist z. B. im Elsaß die Unterscheidung zwischen Deutschen und Elsässern sranzösischer Abstammung gerade wegen der Kulturgemeinschast schon schwankender gewesen, und ohne den unglücklichen Krieg wäre sie nach einigen Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit vollständig verwischt worden. Daß aber im Elsaß der gleiche (elsässische) Menschenkreis, der kulturell mit dem Deutschtum verbunden ist, heute unablässig seine nationale und politische Zugehörigkeit zum Franzosentum betont, und daß ein Teil der gleichen Menschen auch Franzosen geworden sind, beruht letzten Endes auf der aus persönlichen Erfahrungen und bestimmten Jnteressenkreisen entspringenden Willensrichtung der einzelnen Personen. Dieses Willenselement ist das Entscheidende in der Nationalitätenfrage. Der Begriff „nationale Minderheit" ist für die paar in Berlin zerstreut Näheres Seite 101.