Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-02-19 · 8 (19.2.1926) · p. Seite 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
Seite 91 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277630--02730-2283175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

91 sammenhang zu bringen. Oder soll der an den Haaren herbeigezogene Vergleich zwischen den Befugnissen des Berliner Rabbiners 1509 mit den: ostjüdischen Kahal (S. 28—31) die fehlende kultureschichtliche Grundlage ersetzen? Auch der gar nicht judensreundliche iebe laßt keinen Zweifel darüber, daß die „mhstisch-schauervolle Erzählung" von der Hostienschändung, die „mit einförmiger Wiederholung der Einzelheiten" wiederkehrt, und die Beschuldigungen des Kindesmordes „nur ein Mäntelchen" sind, „dessen man zn bedürfen glaubte, um die wirtschaftlichen Hebel der Bewegung zu verdeckelt"-). Es ist vernichtend für M/s Wahrheitsliebe, daß er dieses Zeugnis Liebes unterschlägt, dessen Buch er ausdrücklich neutral und eine „sehr empfehlenswerte Arbeit" nennt (S. 11 Anm. XX). Man wundert sich nicht, daß M/s Darstellung des Prozesses gegen i Joachims II. Münzjuden Lippolt auf gleich niedriger!ehtfc steht. ' Daß an Lippolts Persönlichkeit nichts zu retten ist, gibt auch sein neuester Biograph Ackermann zu. Daran aber, daß die Anklage, er habe den Kurfürsten, seinen Wohltäter und einzigen Schützer, ermordet, hinfällig ist, auch jetzt noch zu zweifeln, blieb An Vorbehalten. Natürlich verwertet er auch die „Geständnisse" Lippolts, als ob sie in einem modernen Strafprozeß gemacht seien, wo dem Nichtgeständigen keine Folter droht. Nach diesen Proben dürfen nur wohl die folgenden Kapitel etwas kürzer behandeln. Auf S. 39 vergleicht M. die durch den Großen Kurfürsten aufgenonunenen Nefugins, die sich der deutschen Bevölkeruug schnell eimzliederten, mit den durch denselben Kurfürsten aufgenonnnenen Wiener Juden, bei denen „die Verhältnisse sich so gänzlich anders gestalteten". Wer könne da an dem „Wahne von der Verschmelzung des Juden mit seinem Wirtsvolk sesthalten?" (S. 40.) Ein törichterer Vergleich ist kaum möglich. Die Franzosen kämm als geistig und sozial hochstehende, mit offenen Armen aufgenommene Glaubensgenossen des Herrschers, als Angehörige einer Nation, deren Kultur eben damals sich die Welt eroberte. Trotzdem verschmolzen sie keineswegs sofort mit der einheimischen Bevölkerung, sondern bewahrten über ein Jahrhundert lang ihren Charakter als abgeschlossene Kolonie im Gewerbewesen, in der kirchlichen, ^chul- und Gerichts- Organisation. Sie taten also alles das, was M. den Juden nicht genug vorwersen kann. Diese aber waren ebensolange nicht freiwillig, sondern zwangsweise von fast allen Geroerben der christlichen Bevölkerung ausgeschlossene, kulturell tiesstehende, nur geduldete oder verachtete Fremdlinge! Das Buch Eisenmengers: „Das entdeckte Judentum" erhält von M. das Prädikat: „in einroandsrei^vissenschaftlicher Darstellung imb auf erwiesen richtig aus dem Salmud übersetzte Stellen gestützt" (S. 43.) Es genügt. Liebes Urteil daneben zu setzen: „vielerlei Verband Grotz-Berlirier Ortsgruppen. Frauengrrrvve Neukölln. Am M i t t xo o dj, 24. Februar, abends 8*4 Uhr, im Vereinszimmer des Restaurant A s ch i n g e r , Hasen- Heide 61/62 (am Kaiser-Friedrich-Platz), Vortrag von Frau Rabbiner Dr. Ernestine E s ch e l b a ch e r über „Jüdische Frnuenpflichten". Gäste willkommen. I. A. Emilie Co h n. WelegierLeuVorversamMlung. Donnerstag, 25. Februar, abends 8 Uhr, findet im Meinen Saal der „Gesellschaft der F r e u n d c", W 9, Potsdamer Straße 9, eine Vorbesprechung der Groß-Verliner Delegierter: und Ersatzdelegierten zur Hauptversammlung statt. Um vollzähliges und pünktliches Erscheinen wird gebeterr. Frauentagrrn6 vor der .DauvtversaMmlurrg. Die Leiterinnen der Groß-Vertiner Frauengrupperr werderr mn S o rr n n b e n d, 6. März, die ans dem Reiche zur Hauptversammlung erscheinenden Damerr zn einem N ach - m i t t a g s t e e bitten. Bei diesem werderr die Führerinrrerr der Frauengruppen über die Erfolge und die Notwendigkeit der Frarienacbeit rnr E. B. berichten. Nähere Mitteilungen erfolgen in der rrächsterr Numnrer der „C. V.- Zeitung". Schriftliche Auskunft erteilt gerrr Frau Margarete Fried, p. A. Landesverband Groß-Berlin, Berlin SW 68, Lindenstraße 13. richtige Bcobachiltugen finden sieh hier mit kritiklos wiedergegebenen Auschilldigungcn in einseitiger Tendeliz verbunden"I. Das Resultat einer Untersuchung der in der Tat trüben Zllstände m der jüdischen Gemeinde zu Anfang des 18. Jahrhunderts wird von Ab charakterisiert als „eine Bettzernwirlschast, die damals noch neu und unbegreiflich schien". (^. 58.) Wer nur einmal sich mit der Geschichte der deutschen Gemeindeverwaltungen dieser imb der vorangehenden Zeit beschäftigt hat, weiß, daß gerade damals, ehe der absolute Staat eingriff, Vetternwirtschaft iu ihnen das Normale war. Daß Friedrich der Große den Inden liicht besonders freundlich gesinnt war, ist bekannt. Ihre starre Religiosität lag ihn: nicht, und ihre wirtschaftliche Tätigkeit war im allgeuwinen nicht geeignet, seine Abneigung zu übenvindeu. Ga uz schief aber ist es, wenn M. getegelliliches Einschreiten des Königs gegen jüdische Unternehmer wegen schlechter Behandlung oder Entlassung vorr Arbeitern so darstellt, als habe es sich dabei um „uralte jüdische Praktiken", um ein Wiederaufleben ihrer „alten Sklaveuhändlernatnr" (S. 60) gehandelt. Das Manchestertum ist keine jüdische Erfindung, wie M. glaubeli rnachen möchte. Die Anssaugung der Arbeiterschaft hat nirgends so furchtbare Formen angenommen wie in dem streng christlichen England, und die Mädchen des Potsdarner Waisenhauses sind zuerst von einer adligen Dame ausgebeutet worden. Je mehr M. sich der neueren Zeit nähert, mn so gehässiger wird sein Ton. Dabei wird mit der Geschichte womöglich noch toller umgesprungeu als vorher. Die Allfklärung ist nach ihm ein 2) „Das Judentum in der deutschen Vergangenheit." Leipzig 1903. S. 20 u. 23. 3), a. a. O. S. 107 f.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.