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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-02-19 · 2 (19.2.1926) · p. Seite 6

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
2 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
Seite 6 (sequence 3)
Language
German
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7 Sen, jetzt Arier und Juden. Hauptsächlich in den Wahlzeiten . isen die Jungen den ganzen Tag tritt Anzeichen und Fähnchen „ihrer" Partei auf den Straßen herum, kommen dann aufgeregt in die Schule, sehen plötzlich den Feind tm bisherigen Klassenkameraden, es entsteht ein Wortwechsel, vielleicht eine Prügelei, wie sie auch sonst in diesen Klassen fast täglich Vorkommen, und der „politische" Kamps ist entbrannt. Es ist sehr wesentlich, sestzuhalten, daß diese Gegensätzl i chk e iL en immer von au ß en an die Schüler herangetragen werden, und zwar immer in den politisch vergifteten Zeiten der Wahlkämpfe mit der Politik der Straße und auf der Straße. In diesen Klassen, etwa Quarta und Untertertia, ist die politische Erregtheit am größten. Von den Ideen der verschiedenen Parteien verstehen die Jungen noch gar nichts, es interessiert sie auch gar nicht, für sie kommt nur der mit der Politik verbundene Radau in Betracht. So kommt es, daß gerade hier bei diesen zwölf- bis dreizehnjährigen Jungen, wo man es doch gar nicht vermuten sollte, die Wogen der Erregung am höchsten schlagen: alte Freundschaften gehen in die Brüche, Juden und Christen sind grimme Feinde geworden. Jetzt ist die stärkste Isolierung des jüdischen Schülers eingetreten, ein starkes Mißtrauen gegen jeden andersgläubigen Lehrer und Schüler hat sich eingestellt. Das starke Gerechtigkeitsgefühl des Kindes ist durch dieses Mißtrauen derart gesteigert, daß alles, was nach einer Ungerechtigkeit aussieht — und es geschehen auch, mit oder ohne Willen, wirkliche Ungerechtigkeiten , als antisemitische Aeußerung ausgefaßt wird. Und wenn ein Lehrer nun noch mit Worten eine antisemitische Aeußerung tut, und das ist wirklich vorgekommen, ist das Vertrauen, das zu unserer heutigen Schulform ja sowieso nur in sehr geringem Umfange vorhanden ist, unwiderbringlich dahin. In den höheren Klassen bessert sich dieses Verhältnis wieder allmählich, die Jungen vertragen sich einigermaßen und leben ganz friedlich nebeneinander hin, ohne von ihren politischen Ansichten zu lassen. Neue Freundschaften werden wohl kaum geschlossen, eine gewisse Kluft bleibt bestehen, die auf den verschiedenen Meinungen beruht, von einer Isolierung kann aber bestimmt keine Rede sein. Selbst wenn die Isolierung aber, wie behauptet wird, doch vorhanden sein sollte, so ist kein Grund vorhanden, sie als ständig und notwendig gegeben anzusehen. In politisch und wirtschaftlich erregten Zeiten wie der unsrrgen ist der beste Boden für derartige Hetzen bereitet, und die Hetze, die in den achtziger Jahren von Stöcker und H e n r i c i entfacht wurde, hatte auch ihre Kreise bis in die Schulen gezogen, und trotzdem trat nachher wieder Frieden und Eintracht im Schulleben ein. Ich fasse noch einmal zusammen: Ein ursprünglicher Unterschied und eine innere Abneigung zwischen jüdischen und ch r i st l i ch e n Schülern b e - steh t nicht, die vorhandenen Differenzen sind immer von außen herangetragen und politischer Natur. Derartige Unterschiede werden mit dem Aushören der politisch und wirtschaftlich anormalen heutigen Zustände aus oer Schule wieder verschwinden. Ich glaube nicht, daß man unter den jetzt gegebenen Zeitumständen durch Ministerialerlasse und Verbote die Politik aus der Schule verdrängen kann, zumal wenn die Parteien mit einer derartigen Zähigkeit an der Politisierung und Organisierung der Jugend sesthalten. Selbst wenn man die Meinung als richtig anerkennt, die sagt, die Jugend müsse für alle Zukunft politisch organisiert und beeinflußt werden, kann man nicht zu einer Anerkennung der Notwendigkeit der jüdischen Konfessionsschule konunen, denn nach allem Gesagten wäre diese Schule die Schule einer politischen Minderheit, die vor der Feindschaft ihres Gegners geflohen ist. Da aber keine anderen Unterschiede vorhanden sind, hoffe ich, daß mit der wirtschaftlichen Befriedung unseres deutschen Vaterlandes auch aus der Schule bald die Politik, und damit der Antisemitismus, verschwinden wird und Friede und Einigkeit wieder in die Schule einkehren werden. Heüanken zur Schulsrage. Von Werner van der Zyl (Frankfurt a.M.). Die deutschen Juden, besonders die Anhänger der deutschjüdischen Jugendbewegung, bedienen sich gern zweier theoretischer Perspektiven, unter denen sie ihr „problematisches" Deutsch-Jude-Sein bestimmen. Die einen sehen, das Primat des Deutschtums betonend, ihr Judentum dahinter als ein traditionelles Anhängsel, das ihnen zwar lieb und wert ist, aber an Pflege hinter dem größeren, dem deutschen, zurückstehen muß. Die anderen, das Primat, zum mindesten die Gleichwertung des Jude ft ins betonend, halten dieses Primat für vernachlässigt und der unbedingten Pflege bedürftig. I. Durch die Einbeziehung der jüdischen Schule in die erhaltenden Faktoren des Judentums ist sie denen ein Stein des Anstoßes geworden, die durch den besonderen Charakter der jüdischen Schule die Ein gliedern ngihr er Schüler in den deutschen Kultur- und Gedankenkreis bedroht sehen. Daß die unterschiedlichen Meinungen ihre Bedeutung und Gefahr für das Erziehungswerk der jüdischen Jugend haben, ist offenbar. Die Schulsrage im Streite dieser Meinungen und Richtungen innerhalb des Judentums ist somit nicht eine Schulfrage schlechthin, die bedingt wäre durch die Verschiedenheit pädagogischer Anschauungen oder Wünsche. Auch konträre Meinungen stehen weniger gegenüber, als graduell verschiedene. Me „C. V.- Zeitung" begann diesen Meinungsaustausch mit zwei Aussätzen. N e u tr a l erw ei s e mit einem „Fü r" und ei nem „Wi d er" die jüdische Schule. II. Ernst Löwenthal sagt in seinem Aussatz: „Um die jüdische Schule" in Nr. 1 d. Zeitfchr.: „Aber die Not und die Aufgabe Kennen wir, und einige Anfänge zu ihrer Lösung sind geschaffen, das jüdische Lehrhaus und die jüdische Jugendbewegung. Beide leiden unter der grenzenlosen Teilnahnllosigkeit derer, denen sie zu dienen bestimmt und bereit sind." Die Jnteressenlostgkeit an jüdischen Dingen in unseren eigenen Reihen ist kaum zu überbieten. Indifferenz und Unwissenheit 'sind Blüten auf einem Ast. Sachliches Wissen vom Judentum sichert in erster Linie seinen Bestand. Mangelnde Kenntnisse führen zu falscher Kritik über das Wesen des Judentums, und damit zu seinem Untergang. Wenn E. L. fragt: „Was . Philo, Maimonides, Cohen ustv. miteinander verbindet", so möchte ich ihm antworten: Ihr Wissen vom Judentum. Die von E. L. angegebene Lösung für die Erhaltung und die Erneuerung des Judentums, Jugendbewegung und Lehrhaus, ist deshalb unbefriedigend, weil sie nur einen kleinen Teil der Gesamtheit zu erfassen vermag. Jugendbewegung und Lehrhaus setzen größtenteils Meinungen voraus, die ohne Wissen unmöglich sind. Dem Aufgabenbereich eines Lehrhauses dürste es aber nicht entsprechen, Anfangsunterricht im Hebräischen zu erteilen. Die erste jüdische Aufgabe an der jungen^ Generation heißt Belehrung in jüdischen Dingen, das aber soll die erste Aufgabe der jüdischen Schule sein.. Diese sprachliche und geschichtliche Belehrung stellt die eine Seite der wichtigen Pflichten der jüdischen Schule dar. Zu diesem Wissen vom Judentum muß als notwendige Ergänzung zu seiner Erhaltung hinzukommem die Liebe zum Judentum. III. Wie war es seither? Tradition und Glaube hatten eine Heimstätte in den Mischen Familien. Jüdischer Geist, der Atem der Jahrtausende, betreut von unseren Vätern, wurde durch sie zum spendenden Quell den künftigen Geschlechtern. Im Mittelalter, in den Judengassen und bis in die Neuzeit in Osteuropa war in jedem jüdischen Hause jüdische Atmosphäre, jüdisches Milieu.. Das Judesein wurde mit der Muttermilch eingesogen, wurde unverlierbarer Besitz. Sitten und Gebräuche, von der Mitwelt abgeschlossenes Geistesleben, dessen Quellen die Thora, das jüdische Schrifttum bedeuteten, schufen ein jüdisches Milieu. Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts begann für den Westjuden der große geistige Umschwung. Das Sich-hineinleben-Wollen in den christlich-westeuropäischen Kulturkreis, Assimilation, die damit entstandene Unkenntnis jüdischer Dinge hat vieles geändert. Die Familien sind entjüdischt, das Jüdische muß an den Menschen von a u ße n he ran gebracht, erlernt werden. Das jüdische Elternhaus hat die ihm seit Jahrtausenden bedachte Aufgabe der jüdischen Erziehung abgegeben an die Außenwelt. Was kann da näher liegen, als daß die Schule, die dem Elternhaus in ihren Aufgaben am nächsten steht, die jüdische Patenschaft übernimmt. Diese jüdische Patenschaft der Schule macht sie zum unentbehrlichen Kultursaktor des Judentums so lange, bis ein Geschlecht erzogen wird, das aus innerem Drange die Vaterschaft wieder übernimmt. Der Begriff des btlp ist bald nur noch symbolisch anzuwenden, und es lag doch gerade in der fifjnp Gemeinschaft Israels das Leben und Bestehen des Judentums verankert. Dieses Prinzip der Gemeinschaft in der jüdischen Jugend zu wecken und zu pflegen, scheint mir in richtigem Maße nur an der jüdischen Schule möglich. IV. Man könnte glauben, daß die Simultan schule, an der jüdischer Religionsunterricht erteilt wird, den religiösen Anforderungen genügen müßte. Für den Protestantismus allenfalls. Die Simultanschule gibt den christlichen Kindern christliches Milieu. Christlich, wenn auch nicht religiös im Sinne der bestehenden Religionen, ist das Denkgebäude, das in der Simultanschule errichtet wird. Somit schafft die Simultanschule, wenn auch ohne Zielsetzung, die Grundlage für den christlichen Religionsunterricht. Die Wichtigkeit des neutralen Bodens, der jeder Denkweise Berechtigung gibt, sei darum durchaus anerkannt. Das jüdische Kind der Simultanschule hat für sich ebenfalls die Religionsstunde, die es oft nur in geringem Maße hebräisch, jüdische Geschichte und Religionslehre lehrt, die es aber selten durchdringt. Auch in der jüdischen Schule kommt es in Zukunft weniger aus das große Pensum, als auf das innere Erfassen an. Nicht eine Neligionsschule allein, im Sinne des Katholizismus, soll die jüdische Schule werden, sondern eine Erziehungsstätte, die in allen Zeiten die Liebe zum Judentum weckt, den Stolz zum Judentum betont und weiterpflanzt. Wenn in den jüdischen Schulen das Judentum seinen befruchtenden Einfluß ausüben wird, die jüdische Jugend jüdischen Dingen wieder nähergebracht wird, so mag mit der Zeit eine Generation herangebildet werden, die den nach Jüdischem hungrigen Acker, begehrenden Boden darstellt, der Ausnahme und Entwicklung sähiK, .Eine Zeit der Blüte und Frucht könnte die Folge sein.

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