Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- Seite 7 (sequence 4)
- Language
- German
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8 „Der Fugen-bunü". Eine Besprechung von Knvwig Tietz. Die Jugendbeilage mutz sich leider einstweilen auf diese kurze Besprechung beschränken. Der schon früher angekündigte Plan, eine eingehende Diskussion der „N e u tr a l i tä t s fr a g e" zu bringen, ist bisher daran gescheitert, daß der wiederholt von führenden Männern des neutralen Verbandes erbetene Artikel nicht eingegangen ist.' Di§ Schriftleitung. Der „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands", im allgemeinen der „neutrale Verband" genannt, war vor dem Kriege nicht nur die größte jüdische Jugendorganisation, sondern überhaupt eine der größten jüdischen Organisationen in Deutschland. Dieses stolze Gebäude, das unter dem Protektorat der Bne-Briß- Logen ausgesührt wurde, zerfiel in der Nachkriegszeit erstaunlich schnell, und auf den Trümmern bauten sich nur vereinzelte örtliche neutrale Jugendvereine wieder auf, die sich zum Teil in Bezirksverbänden zusammenschlossen. Praktisch hatte der Verband zu existieren aufgehört. Man versucht jetzt, den neutralen Verband wieder aufzurichten. Zu diesem Zwecke stellt sich das neue Verbandsorgan „Der Jugendbund", bisher ein internes Blatt des westdeutschen Bezirksverbandes, der Oesfentlichkeit vor. Herr Rabbiner Dr. Klein, der Schriftleiter der neuen Berbandszeitschrist, kündigt in seinem Begrüßungsartikel an, daß der Verband auf „neuen Wegen" die „alten Ziele" verfolgen will. Der ehemalige langjährige Führer des Verbandes, Dr. Apfel, schreibt eine kleine, nicht gerade glückliche oder gelungene Verteidigung. E Von einer „Krisis des Verbandes" sei keine Rede, allenfalls von einer „Krise der Führerschaft", daß das Eintreten des Verbandes für den Keren Hajessod ihn von „seiner stolzen Höhe" herabsinken ließ, weist Apfel als „Geschichtsklitterung" Zurück. Im übrigen sei er persönlich trotz seines Itebertrittes zur Zionistischen Partei niemals „verbandsuntreu" geworden, „wie überhaupt in weiten Zionistischen Kreisen ein erhöhtes Verständnis für den Neutralitätsgedanken des Verbandes entstanden" sei. Diese Tatsache erscheint verständlich, wenn man bedenkt, daß der „Jung-Jüdische Wanderbund", ehemals eine Untergruppe der neutralen jüdischen Jugendvereine, heute eine Stütze der Zionistischen Jugendbewegung ist. Was Dr. Gustav Löffler über „jüdische Not und Aufgaben in den Kleingemeinden" sagt, ist nicht nur äußerst bedeutsam, richtig, und darum beachtenswert, sondern berührt Fragen, mit denen sich heute die jüdischen Jugendbünde aller Richtungen lebhaft beschäftigen und in der von Löffler angegebenen Richtung auch weiterhin beschäftigen müssen. Herbert Felsenthal weist in seinem Artikel „Der jüdische Mensch" auf die Wandlung des Verbandes vom Standpunkte der Jugendbewegung aus hin. „Aus der Ausgabe der Zusammenfassung unbewegter Menschen ist der Zusammenschluß bewegter Jugend geworden." Er ruft die Führer aus den Jugen-d>bewegungsgruppen zur Mitarbeit auf. Ueber die „Not der deutschen Judeuheit" schreibt Rabbiner Dr. Lazarus, über „Schülergruppen und ihre praktische Arbeit" Kurt Friedemann. lieber die Ausgaben des Verbandes bzw. über ihre Stellung zum Verbände äußern sich einige führende Persönlichkeiten des deutschen Judentums: Herr Maximilian Stein, Vizepräsident des deutschen Distrikts der Bne-Briß-Logen, Dr. Krombach (Essen), Justizrat Dr. Brodnitz, Vorsitzender des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Leo Löwenstein, Vorsitzender des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Eine Zusammenfassung über die Arbeit des Verbandes zeigt, daß es sich nicht nur um eine Rekonstruktion des einstigen großen Verbandes, sondern um einen Neubau in fast allen Teilen des Reiches handelt. Gerade diese Tatsache drängt aber zur Beantwortung der Frage, die Herr Justizrat Brodnitz in seinem Artikel streift, ob der Neutralitätsgedanke nicht eine „ideale Forderung" sei, der „an der Macht der Tatsachen scheitert", d. h. also, ob ein neutraler Jugendverband in der heutigen Zeit noch eine Existenzberechtigung hat. Weder ist diese Frage aus der historischen Entwicklung und dem Ende des Verbandes heraus allein zu verneinen, noch ist sie etwa durch das Vorhandensein rudimentärer Ueberreste oder durch die Feststellung von Herrn Rabbiner Dr. Klein zu bejahen: dadurch, daß „so viele Höherstehende sich zeigen, hat der Verband seine Daseinsberechtigung voll erwiesen". Es soll und kann nicht bestritten werden, daß der neutrale Verband außerordentliche Verdienste um die Erweckung der jüdischen Jugend, um die Festigung des Willens zum Judentums und um die Vertiefung des jüdischen Wissens in der Jugend hat. Für die Entscheidung der Frage aber, ob es heute noch in einem neutralen Verbände möglich und wünschenswert ist, die jüdische Jugend zusammenzuschliehen, muß berücksichtigt werden, zwischen welchen Strömungen und Richtungen bzw. Parteien innerhalb des Judentums diese Neutralität heute bestehen soll. Es ist hier nicht die Gelegenheit, um diese Frage in extouss zu erörtern. Betrachtet man aber die Entwicklung in den letzten Jahren innerhalb der zionistischen Jugendbewegung, so wird man deutlich erkennen, daß die gesamte Erziehung in diesen Verbänden bewußt auf eine Entwurzelung aus der deutschen .Kulturgemeinschaft hinarbeitet. Daß dies kein Schlagwort ist, daß vielmehr der Zionismus heute notwendigerweise seine Jugend auf dieses extreme Ziel hin erziehen muß, zeigt uns deutlich das Gesetz des „Blau-Weiß" wie auch ganz besonders der kürzlich erschienene Leitfaden „Hamischmar" für die Erziehung der Jüngeren im Blau-Weiß. Die Stellung der deutschen Juden zu Deutschland, ihre staatsbürgerliche und kulturelle Bindung an Deutschland, sind Fragen von so elementarer Bedeutung, daß deren Erörterung gerade in einem Jugendverbande heute gefordert werden muß. Es ist unmöglich, daß sich diesen Dingen gegenüber der Verband „als solcher" neutral verhält. Die wirklich bewegte Jugend will und muß sich mit allen sie berührenden Fragen beschäftigen, sie will nicht in der Erörterung der brennendsten Probleme durch Neutralität des Verbandes gehindert werden. Hinzu kommt, daß die Beeinflussung der Jugend durch die anderen Verbände, zionistische und nichtzionistische, tatsächlich geschieht, nicht nur zur Parteipropaganda, sondern, wie oben bereits angedeutet, aus tieferen Gründen. Mag man dies bedauern oder begrüßen, in jedem Falle ergibt sich aus dieser Tatsache, daß in einem jüdischen Jugendverbande die Erziehung zum Judentum heute ohne Stellungnahme zu dem Problem und Entscheidung der Frage der staatsbürgerlichen, voltlichen und kulturellen Zugehörigkeit nicht möglich ist. Deutsch-jüöffche Stuöenterrdervegung. Von Wolfgang Matzdorff (Freikrieg i. Br.). In den Ausführungen des Herrn Kurt Cohn in Nr. 1 der „Deutsch-jüdischen Jugend" ist eine Stelle hervorzuheben, die allen interessierten Kreisen wohl nicht so ohne weiteres akzeptabel erscheinen dürfte. Es ist dies die Behauptung, daß die überwiegende Mehrheit der jüdischen F r eist u d e n t e n deutsch; ü dische Studenten seien. M. E. spricht aus diesen Worten ein Optimismus, der durch keine Tatsache aus der kurzen Geschichte der deutschjüdischen Studentenbewegung erhärtet wird. Die akademischen Ortsgruppen des Centralv -e r e i n s haben sich in jenen Jahren einer großen „Beliebtheit" erfreut, als die Zeiten stärkster offensichtlicher antisemitischer Einstellung der Studentenschaft von selbst die großen Scharen der jüdischen Studenten, die nichtzionistisch eingestellt waren, zur Organisation, zur Zusanmunfassung zwangen. Aber allein der Umstand, daß doch eigentlich recht wenig von jenen^ akademischen Ortsgruppen des Centralvereins übriggeblieben Jft _— die Zionisten sehen darin einen Beweis für die „Grundlosigkeit" einer deutsch-jüdischen Einstellung als Idee — jener Umstand allein, sage ich, mag doch schon derart zu denken geben, daß wir uns heute mit den Ausführungen des Herrn K. Cohn höchstens soweit einverstanden erklären können, als sie für uns theoretischen Wert haben. Oder bedarf es noch eines weiteren konkreten Beweises, wenn ich auf die Schwierigkeiten Hinweise, unter denen im Sommersemester 1925 die akademische Ortsgruppe des Centralvereins an der Universität Freiburg wieder ins Leben gerufen wurde und sich jetzt durchzusetzen versucht? Ich glaube, daß unter diesen Umständen das Herausarbeiten eines Gegensatzes — Korporation-Organisation — das taktisch denkbar Unklugste ist, noch dazu, wo eine Organisation doch überhaupt nicht besteht. Rechnet Herr Cohn etwa die vielen indifferenten jüdischen Kommilitonen und Kommilitoninnen unter die „überwiegende Mehrheit der jüdischen Freistud-enten", die deutsch-jüdisch sein sollen?! Nein! Sie sind es höchstens in demselben Sinne, in dem man etwa den Durchschnitt des deutschen Judentums, die „große Masse", als „liberal" bezeichnet. Diese Elemente kommen doch aber für die Fundierung einer Organisation niemals in Betracht; sie könnten höchstens durch eine bereits bestehende mit in die Bewegung hineingezogen werden. Wir müssen uns darüber klar sein, daß die Studenten, die sich für eine Organisation der deutsch-jüdischen Studentenschaft einsetzen wollen, ganz positiv deu^ch-jüdisch eingestellt sein müssen, da3 heißt nichts anderes, als daß |ne für die Verinnerlichung der beiden Elemente, Deutschtu m u n b Iudent u m , aus denen wir unsere W e l t a n s ch a u u n g schöpfen, arbeiten und kämpfen müssen, um den Idealen unserer Vorkämpfer nachzustreben. Genau wie bei diesen die Wege sehr verschiedenartig waren, so sind auch unter unseren deutsch-jüdischen Kommilitonenmannigfache Variationen vorhanden. Diese Gegensätze können aber von Wert sein, um den gemeinsamen Willen immer wieder zu betonen und zu kräftigen. Deshalb halte ich es für das Unangebrachteste, im gegenwärtigen Zeitpunkt eine Kluft zwischen Organisation und Korporation noch herauszuarbeiten, wo doch im Falle des Bestehens einer großen deutsch-jüdischen Studentenorganisation meines Erachtens die jüdischen Korporationen selbstverständlich Mitglieder dieser Organisation sein werden. ' Es darf auch nicht verkannt werden, wie hoch der Umstand zu bewerten sein wird, daß die Korporation ihre Mitglieder f e ft an der Hand hat, wozu doch einer Organisation vorläufig jede Möglichkeit fehlt. Wir wissen sehr wohl, daß es im deutsch-jüdischen Lager starke Gegensätze gibt, und so mancher inhaltsvolle Plan wurde durch den Mangel an Kraft, sich der gemeinsamen Idee unterzuordnen, zerstört. Wenn wir uns tatsächlich für die Organisierung des deutsch-jüdischen Studententums einsetzen wollen, müssen wir alle Korporationen, Gruppen, Bünde und Gemeinschaften benutzen, die ihre Anhänger zu selbstbewußten deutschen Juden, zu Deutschen und Juden, erziehen wollen, und jeglichen P a r t i k u l i s m u s auf ein Minimum herabdrücken. Dann wird das deutsche Judentum an einer geeinten akademischen Jugend eine Hilfe finden.