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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-19 · 8 (19.2.1926) · p. Seite 89

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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89 Mölsche Liga für völkerbunö in Veutschlanöl Von Dr. Paul Nathan. Herr Dr. Oscar Karbach tritt in der „Jüdischen Rundschau" nochmals dafür ein, daß eine jüdische Liga für Völkerbund gebildet werde, und zwar auch in Deutschland. Er vertritt seine Idee mit Hartnäckigkeit; daß sie gleichzeitig mit überzeugenden neuen Argumenten aus-gestattet wird, kann man nicht behaupten. Der Kernpunkt dieser seiner Darlegungen lautet folgendermaßen: „Ich stelle nun, da der C.V. auf diesem Gebiete harthörig zu sein scheint, nochmals und klar die Frage: Was würde dem Völkerbundgedanken und dem Judentum im Deutschen Reiche im gegenwärtigen Zeitpunkt mehr schaden und verübelt werden: eine jüdische Völkerbund-- liga für Deutschland oder eine „verjudete" Deutsche Liga für Völkerbund? Ich glaube die Antwort wird nicht schwer fallen. Wäre also die Antwort aus meine letzten Ausführungen sachlich ausgefallen, so hätte die Argumentation des C. V. bei vollster Wahrung seines Standpunktes folgendermaßen lauten müssen: 2. Die deutschen Juden haben sich um den Kampf pro und contra Locarno nicht zu kümmern. 2. Wenn aber ja, ist ihr Platz in der „Deutschen Liga für Völkerbund", wodurch die Popularität des Völkerbundgedankens im Deutschen Reiche und die Beliebtheit des jüdischen Elementes in der deutschen Gesellschaft außerordentlich steigen würde. Ich überlasse es dem C. V., diese beiden Thesen ZU verteidigen, muß es aber ablehnen, daß ein aus meiner Feder stammender Aussatz auch bei einem sachlich denkenden Gegner überhaupt den Gedanken erwecken konnte, daß die Propagierung jüdischer Völkerbundligen ausschließlich und unter gröblicher Nichtachtung ihrer statutarischen Verpflichtungen dazu dienen solle, nur wieder eine „JnteressenvertreLllNg" zu werden." Die Fragestellung ist naiv, ob „eine jüdische Wlkerbundliga für Deutschland oder eine „v e r j u d e t c" deutsche Liga für Völkerbund" dem Völkerbundgedanken in Deutschland und dem Judentum im Deutschen Reiche mehr schaoen würde. Um solchen Schaden abzuwenden, müßten also die deutschen Juden veranlaßt werden, unter allen Umständen der bestehenden Liga für Völkerbund sernzubleibeu. Auf diese glorreiche Idee ist noch niemand gekommen, und diese Idee müßte konsequenterweise dahin vervollständigt werden, daß jedes Zusammenarbeiten von Juden und Christen in Vereinen zu verhindern und zu hintertreiben sei, damit diese Vereine nicht in den Ruf kommen, von Antisemiten als verjudet bezeichnet zu werden. Dies wäre also der geniale Vorschlag von jüdischer Seite, daß die Juden aus taktischen Erwägungen sich freiwillig in ein Ghetto einsperren und sich von der Zusammenarbeit mit christlichen Kreisen absichtsvoll fernhalten. Solchen gloriosen Gedanken braucht man nur in seiner Reinheit herauszustellen, um ihn der verdienten Beurteilung auszuliefern. Es ist auch eine vollkommene Mißdeutung, zu behaupten, in diesen Blättern sei das Programm aufgestellt worden, es sollten die deutschen Juden sich um den Kampf pro und contra Locarno nicht kümmern. Niemals ist etwas ähnliches empfohlen worden. Sie sollen sich um die deutsche Politik und also auch um Locarno natürlich bekümmern; eifrig sollen sie an der deutschen Politik teilnehmen, denn das Schicksal des deutschen Vaterlandes ist ihr Schicksal; das ist gerade der Standpunkt des Centralvereins. Freilich, nicht jede Wendung deutscher Politik ist direkt oder auch nur indirekt verknüpft mit spezifisch jüdischen Interessen. Das große Gebiet deutscher Politik berührt im allgemeinen den Juden natürlich als deutschen Staatsbürger, aber durchaus nicht als Juden; und als deutscher Staatsbürger hat er alsdann seine Entscheidung zu treffen, und nicht als eine religiöse Sondergruppe; und genau so steht es mit den Protestanten und Katholiken; nicht von ihrem religiösen Standpunkt aus werden sie zu Locarno ihre Stellung wählen; das wäre eine Absurdität, und absurd wäre es, wenn deutsche Juden unter jüdischem Gesichtspunkt Locarno ignorieren oder akzeptieren wollten. Und endlich! Es ist nicht ernst zu nehmen, wenn in jenem Artikel die Behauptung indirekt aufgestellt wird, die deutsche Liga für Völkerbund werde darum an Einfluß Einbuße leiden, weil Juden ihr angehören. Es wäre eine merkwürdige Strategie, sich vom Gegner sein Handeln vorschreiben zu lassen. Weil die Gegner von einer verjudeten Liga für Völkerbund sprechen könnten, sollen keine Juden dieser Liga beitreten. Weil die Antisemiten von einem verjudeten Reichstag sprechen, sollen wohl in Konsequenz dieser Anschauung auch keine deutschen Juden ihr Wahlrecht ausüben und keine Juden als Abgeordnete in den Deutschen Reichstag eintreten? Konsens. Vor dem gesunden Menschenverstand bestehen solche Phantastereien natürlich nicht. Generell ist festzustellen: Was die Antisemiten sagen oder nicht sagen, darf nicht Richtschnur für die Handlungen der deutschen Juden sein. Wir haben alS Juden das zu tun, wa8 vor dem Urteil unvoreingenommener Menschen bestehen kann, und die Deutsche Liga für Völkerbund, in der man nicht danach fragt, ob ein Mitglied Jude oder Nichtjude ist, hat stch bei diesem Zustand bisher wohlbefunden; diese Liga zu zerreißen und alsdann eine besondere jüdische Liga in Deutschland zu bilden, wäre so weise, wie wenn man im letzten Kriege besondere jüdische Regimenter gebildet hätte zum Schutze des gemeinsamen Vaterlandes. Große deutsche gemeinsame Aufgaben in getrennten Körperschaften als Juden und als Christen lösen zu wollen, bedeutet für die Juden die Anweisung, sich wegen ihrer zahlenmäßigen Schwäche bei ernsten Entscheidungen einfach auszuschalten. Ich danke für solches Programm. Wie ergeht es öen bulgarischen Möen. Von Siegfried Jaeoby (Berlin). Eine gewisse Presse bringt seit einiger Zeit sehr schlechte Nachrichten über die L a g e be r Juden in Bnlgarie n. Die Meldungen, die fast alle über Athen kommen, haben immer einen besonderen Anstrich. Einmal kommt nach Mitteleuropa die Nachricht, in Bulgarien seien Judenpogrome ausgebrochen, ein anderes Mal kommt die Meldung, daß in der kleinen Bauernftadt Tartar-Pasardjik ein Dr. Levi meuchlings ermordet wurde. Es herrscht nun wirklich in den letzten Wochen in jüdischen Kreisen eine gewisse Unklarheit über die Lage der Juden in Bulgarien. Woran liegt das? Einmal muß man die ungenügenden Kenntnisse der bulgarischen Verhältnisse in Europa berücksichtigen, und des weiteren sind fast alle Nachrichten, die diese S ch a u e"r m e ldunge n bringen, nicht immer wahrheitsgetreu in der mitteleuropäischen Presse wiedergegeben worden. Den I u den in B u l g a r t c n ist es in den letzten Jahren ui ch t s ch l e ch t e r ga ng en, sie gehen ihrem Handel nach, leben ihren rituellen Gebräuchen und leben mit dem bulgarischen Volke im besten Einvernehmen. .Trotzdem sind schwarze Elemente am Werke, die das harmonische Leben zwischen Inden und Bulgaren trüben wollen. Schon lange vor der Kriegszeit und auch noch im Weltkriege, hat der Großrabbiner Ehrenpreis in der bulgarischen Politik eine nicht zu unterschätzende Rolle innegehabt. König Ferdinand hatte Ehrenpreis des öfteren politische Missionen im Auslände zur Erledigung übergeben, und diese Missionen sind immer zur Zufriedenheit des bulgarischen Volkes ausgefallen;. Heute sind es russische Weißgardisten, die in Bulgarien einen systematischen Judenhaß einsührcn wollen. Die bulgarische Regierung in Sofia wird keinen Pogrom zulassen, auch wird es in Bulgarien nicht geschehen, daß man einen Inden meuchlings ermorden wird, wie es angeblich in Tarlar-Pasardjik geschehen sein soll. Das bulgarische Volk hatte in den letzten Jahren sehr zu leiden, erstens waren es die Agrarkommunisten. die unbedingt einen Terror herausbeschwören wollten, und zweitens die Mazedonier, bei uns unter dem Namen „Komitatschi" bekannt, die der Negierung sehr große Schwierigkeiten bereiteten. Beide Organisationen verkörpern noch nicht das bulgarische Volk, und beide werden auch in der Sobranje niemals die Mehrheit des Parlaments bilden. Es steht mit aller Sicherheit fest, daß die bulgarische Regierung den Juden im Lande allen Schutz zukommen läßt, wie jedem anderen Bürger. Ganz in diesem Geiste der leitenden Staatsmänner ist ein Befehl des Kriegsministers Walkow gehalten, den dieser kürzlich im ausdrücklichen Hinblick ans etwaige Propaganda gegen die Juden erlassen hat. In dieser Kundgebung heißt es: „Derjenige ist ein Verbrecher gegen den bulgarischen Staat und das Volk, der den Haß gegen die bulgarischen Bürger jüdischer Abstammung predigen will, auch wird der intellektuelle Urheber und Anstifter dieser Propaganda vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Ich glaube, sagen zu dürfen, daß dieser Befehl alles sagt, waZ auch wir unterschreiben können. Das bulgarische Volk ist sehr friedliebend und wird sich niemals zu irgendeiner Untat gegen die jüdischen Bewohner des Landes hergeben. Allen Elementen, die zwischen Juden und Bulgaren Zwistigkeiten hervorbringen wollen, sei gesagt: das bulgarische Volk wird stch von euch nicht mißbrauchen lassen, im Gegenteil, es wird sich mit aller Macht von euch abwenden und wird sich mit den Juden der friedliebenden Arbeit zuwenden. Der bulgarischen Regierung in Sofia wird es sicher ein leichtes sein, mit allen Banden im Lande fertig zu werden. Das Volk und die Regierung werden dann sehen, daß Europa diesem schönen Bauernland wieder die vollen Sympathien entgegenbringen wird. Die demokratische Entwicklung wird auch für die Zukunft in Bulgarien fruchtbaren Boden finden. Die Hauptversammlung des Centralvereins findet am Sonntag, den 7., und Montag, den 8, März, in Berlin statt.

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