Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 8 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277622-2277630--02726-2283167- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
87 anderem dienen soll, als: Maßnahmen der Diktatur, der Unterdrückung und ins-besondeve der Unterdrückung der Juden zu schassen. Wir sehen, wie das Leben hart auf uns lastet. Aber wir sehen in unserer Geschichte, wie es der jüdische Idealismus von jeher gewesen ist, der derartige Perioden h ä u f i g d u rchl e b t, aber st e t s überwunden hat, weil er uns irnmer wieder darauf hinweist, daß wir Kinder eines Vaters sind, und daß ein Gott uns geschaffen hat. Der gleiche Idealismus lehrt uns, daß wir an diesem Tage, wie stets, eine Mission haben: für das Wohl nicht nur von uns Juden, sondern aller Menschen zu leben; er zeigt uns, daß wir die edelsten Deutschen sein können, indem wir dem Prophetengebot folgen, sür das Wohl der Stadt und der deutschen Gemeinschaft Zu leben und zu opfern. Und wenn wir heute einen kritischen Blick in uns selbst tun, so geschieht dies, weil nach unserer Auffassung alles Leiden nicht zu mystischen Betrachtungen, sondern zur Besserung dienen soll. Gerade weil weiten Kreisen innerhalb unserer Mitbürger die Selbstkritik verloren gegangen ist, wollen wir sie betreiben und wollen an unserer Selbstvoükommenheit arbeiten. Damit erfüllen wir ein jüdisches Gebot, erfüllen die Forderung der Propheten, die rn solcher Lage stets in schärfster Form Selbsteinte h r verlangt haben. Und wenn Irene Triesch aus dem 90. Psalm uns nachher Worte vortragen wird: „Erfreue uns, soviel Tage Du uns gebeugt, soviel Jahre wir Unglück sahen", so wissen wir, daß uns der Wunsch nach Frieden erfüllen wird, wenn wir eines in uns täglich und stündlich Zu erfüllen suchen: Das Bündnis des Geistes m i t d em L e b e n Z u schließen. Und das tut der Centrälverein. Mus -er Werkstatt -er völkischer». Spnagogenfthän-ung. Auch die Ehrentafel für die Gefallenen beschmutzt. Den schimpflichen Beschmutzungen der Synagogen in München, Kiel und anderswo reiht sich nunmehr eine gleiche Handlung in Karlsruhe an. Dort wurden in einer der letzten Nächte die Vorhalle zum Eingang der Synagoge, alle Wände und der Boden mit etwa einhalbmetergroßen Hakenkreuzen aus Teerfarbe beschmiert. Sogar die dort angebrachte Ehrentafel sür die im Felde Gefallenen ist beschmutzt worden. Bezeichnenderweise bemerkt das rechtsstehende „Karlsruher Tagblatt" (Nr. 67 vom 10. Februar), „daß derartige verletzende und verhetzende Vorkommnisse nicht zur Ausgleichung der Gegensätze beitragen, und daß man sie nur als Bubenstreiche bezeichnen kann, sür die der vernünftige Mensch kein Verständnis habe". Leider müssen wir nach unseren Erfahrungen auf diesem Gebiete befürchten, daß in gewissen völkischen Kreisen für solche Heldentaten wohlwollendes Verständnis besteht, ohne daß man die Träger solcher Anschauung als „u n v e r - nünftige Menschen" bezeichnen könnte. Die neunmal RlugZn. Alfred Rosenbergs große Entdeckung. Der Hauptschriftleiter des Münchener „Völkischen Beobachter", Alfred Rosenberg, mit gut jüdischem Namen, aber — sonst grollt er uns gewaltig — „echt arischen Geblüts", hat nunmehr das größte Rätsel unserer Tage gelöst. Der Unwille des deutschen Volkes gegen Italien und über Mussolinis Rede ist weiter nichts als „der jüdischst reim aurerische Wettkampf gegen Deutschland und Italien". Der Zweck dieser Uebung ist offensichtlich, so schreibt Alfred Rosenberg, der folgende: „1. In Italien sott ein jüdisch-freimaurerisches Regiment ans Ruder gebracht werden, dessen Zusammensetzung die restlose Eingliederung Italiens in den Ring der westlichen Vörsenmächte garantiert. 2. Durch den Sturz Mussolinis soll der erste gelungene Versuch, die verfaulende Demokratie nicht im Zeichen des bolschewistischen, sondern inf Zeichen des nationalen Gedankens gestürzt zu haben, aus immer liquidiert werden. 3. Durch diese Liquidierung hofft man den Gedanken einer völkischen Diktatur in allen Staaten zu stürzen. 4. Durch diese Schwächung hofft man dann die politische und physische Vernichtung der nationalsozialistischen, börsenfeindlichen Bewegung durchzusetzen . . Rosenberg hat auch genau den „jüdisch^freimaurerischen" Drahtziehern in die Kockstöpse gesehen. Auf zweierlei Weise ging es m der Küche -der Giftmischer zu: „1. Unterstützte man als Freund in Italien den Faseismus, trieb ihn sogar zu Exzessen, um sich als ganz zuverlässig zu erweisen. Man „half" ihm auch mit Krediten, um nach und nach die italienische Industrie in vollste Abhängigkeit zu bringen. 2. Man liest seine Finanzmacht in New Bork und London spüren. 3. Man organisierte einen wütenden Pvessekampf mit Hilfe aller demokratisch-marxistischen Presseorgane und setzte alle sreimaurerischen Parlamentarier in allen Staaten gegen Mussolini in Bewegung, ohne daß die Fafcisten ahnten, vast ihre „Freunde" und ihre Feinde derselben Leitung unterstehen." Ja. der tüchtige Alfred Rosenberg hat nach der Methode des großen Sherlock-Holmes noch weiter geforscht. Er hat sogar das „g e g e b e n -e Stichwo r t" entdeckt, das die jüdische Presse herausforderte, ihr Streitroß gegen den großen Diktator jenseits der Alpen heftig zu tummeln. Leider verrät er nicht, wie das Wort wohl geheißen habe. Wir dachten schon an — „Rosenberg". Diese Erfolge des großen Alfred (mit dem eckst jüdischen Namen aber — eckst arischen Geblüts) ließen uns nicht schlafen. Da diese ungeheuerlichen „jüdisch-sreimau.rerischen" Geheimkräfte boshaft und gemern alle Völker durcheinanderhetzen, so vermuten wir beinahe, daß Alfred Rosenberg auch ein Handlan ger dieser rücksichtslosen Feinde des deutschen und italienischen Volkes ist. Denn, wie könnte man größere Zwietracht im deutschen Volke säen als durch solche und sattsam bekannte ähnliche Aufsätze unseres großen Alfred Nosenberg? Und welche bessere Entschuldigung könnte man Mussolini wohl in den Mund legen, als daß man von deutscher Seite aus den Kampf gegen ihn als „sreimalrerischstüdische Machenschaft" hinstellt? Sind noch weitere Entdeckungen gefällig, Herr Rosenberg? Das giftige Salvarsan. Reinhold W u l l e 8 „D eutscheTa g e b l a t t", das in völkischehrlicher Art in der Lage ist, zu beweisen, daß es kein Uebel aus der Welt gibt, an dem nicht die Juden und der Teufel schuld haben, läßt durch einen „Heilkundigen" Eduard M. in einem h o ch! w i f s enschaft l i ch e n G e f ch r e i b se I unwiderleglich beweisen, daß das n e iv e G e s e tz z it v Bekämpf u n g der Geschle ch tskrankheite n n-nr em Teufels w e vt jüdif ch e r Fabrikanten und A e r z t e sei, um mit dem Salvarsan Geschäftchen zn machen. Zwar ist dies Mittel in der gangen medizinischen Welt als Sogenfür die Menschheit anerkannt. Aber der Erfinder ist ja der Jude Professor Ehrlich. „Und sind doch etwa 75 Prozent aller A-ergte in Deutschland Juden." Das ist zwar zu etwa 70 Prozent gelogen. Aber wie sagt doch der heilkundige Gewährsmann des „Deutschen Tageblatts"? „Man kann auch hier wieder sagen, der Zweck heiligt die Mittel; Geldverdienen geht über alles." Das ist natürlich auf die Juden zu beziehen., lieber Leser! Denn „es ist ja altbekannt, daß der Jude an und für sich ein ausgezeichneter Geschäftsmann ist, und diese Eigenschaft verleugnet er auch nickst als Arzt. Er wird alles tun-, um lästige Konkurrenz niederzukämpfen." So etwas kennt selbstverständlich der brave „Heilkundige" G. s. D. nicht. Er will feinen von dem Uebel Befallenen wirtlich helsem ohne ihren Geldbeutel zu vergiften. Und darum bricht dieser Menschenfreund eine Lanze für die ungeheuren Erfolge der Naturheilkundigen gegen die Volksseuche, der Naturheilkundigen in der Biochemie, Homöopathie nsw., die brotlos gemacht würden durch das Gesetz gegen die Geschlechtskrankheiten, durch die Juden und durch das jüdische Teufelsgift, das Salvarsan. Heil! W—1. Der Walzerkönig als völkiftherSchutzpatron. „Rassereinheit" — aber nicht im Tanzsaal. Es ist Karnevalszeit, und weshalb soll man es den Völkischen verargen, wenn sie auch das Bedürfnis empfinden, die schweren Sorgen, die sie um die Existenz ihrer Organisation bedrücken, an einem Abend im Faschinastrubel zu begraben. Beim „urdeutschen" Walzer — dem Kinde der französischen Revolution — vergißt man die Eifersüchteleien zwischen Kunze und Wulle und denkt nicht an den Hader im eigenen Lager. Der weise Herr Mulle lud deshalb seine Getreuen vor wenigen Tagen zu einem Vergnügen ein, das im Zeichen eines Johann- Strauß-Festes stehen sollte. Wir fragen uns verwundert, weshalb der Watzerkönig Wiens der Ehre teilhaftig wurde, zum Heros der Völkischen Berlins zu werden. Werß Herr Wulle, daß Johann Strauß-Vater im Jahre 1848 einen Walzer „Schwarz- Rot - G o l d" komponiert hat, und daß Johann Strauß-Sohn es war, der im selben Jahre begeistert die -Revolution begrüßte und in Wien unaufhörlich die Marseillaise dirigierte? Die dritte Frau des Walzerkönigs trug den verdächtigen Namen Adele Deutsch, der auf jüdische Abstammung schließen läßt. Von der Mutter her floß spanisches Blut durch die Adern des großen Komponisten, was sicherlich sein „nwhren- Haftes Aeußere und die federnde romanische Eleganz seines menschlichen und künstlerischen Gehabens nickst zum wenigsten verständlich macht". Wußte der weise Herr Wulle, daß es gerade die jüdischen Kreise Wiens waren, die Strauß am meisten gefördert haben, und daß jüdische Musiker von Rang, z. B. der Pianist Alfred Grünfeld, zeitlebens seine besten Freunde waren? Fürwahr, der Schutzpatron unserer Völkischen ist hinreichend verdächtigt, selbst kein rassereiner Arier gewesen zu sein. K. Z.