Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 7 (12.2.1926)
- Date
- 1926-02-12
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 einzelnen Siedler in Palästina und der geistigen Institutionen dort, verwandt worden sind, und daß die Posten „für nationale Organisationen" in der letzthin veröffentlichten Abrechnung des Loren Hajessod in der Zeit vor der Neutralisierung des Loren Hajessod im ersten Jahre seines Bestehens ausgegeben worden sind, ehe Nicht- Zionisten für den Loren Hajessod gespendet haben. Ich glaube das, weil der Keren Hajessod ein Interesse daran hat, die Nicht- Zionisten Zu gewinnen, und leicht diesen geringen Posten hätte verschleiern können, aber' auch deshalb, weil der Loren Hajessod nicht einmal genug Mittel hat, feine Ausgaben zu erfüllen, geschweige denn andere „nationale" Aufgaben mit Zu lösen. Ich fordere aber den Keren Hajessod hierdu r ch auf, eine amtlich beglaubigte Darstellung darüber schleunigst zu veröffentlichen. 2. Palästina-Aufbau im allgemeinen halte ich nicht für eine Zionistische Angelegenheit mehr: a) Theoretische Grundlegung: Der Staat Palästina ist da, der Nationalitätenunterschied von Juden und Arabern in ihm gleichfalls, desgleichen Hebräisch als anerkannte Umgangssprache dort. Wir Westjuden Nüssen heute, daß wir nicht nur als Stanun und Religion, sondern auch durch gewisse geistige tiefinnerliche Gegebenheiten, die nicht bloß religiöser Art sind, eine Familie sind. Wir unterscheiden uns demnach vom Zionismus nur noch in folgendem: Die jüdischen ElemenLe in nuferer Seele halten wir nicht für so zahlreich und wichtig, daß das Wort „jüdische Nationalität" auf uns paßt. Die deutschen Elemente in uns stempeln uns zu Deutschen. Das kann nicht anders.werden, solange wir in Deutschland leben. Auch Palästina kann daran nichts ändern. Der Zionismus schafft wohl einen Willen zur Nation, ein jüdisches Volkstum in Deutschland kann er nie schaffen,- er ist nationalistisch, nicht national.^ Dasselbe gilt für alle Länder, wo Juden nicht massiert leben. ^;o gehören also auch in alle Zukunft nicht ZU einer jüdischen Nation, und damit füllt dieser Begriff Nation für die Judenheit überhaupt. In Staaten jüdischer Massensiedlung mögen sich trotzdem die Juden innerpolitisch als Nationalität auftun. Was im Namen und für eine jüdische Weltnation geschieht, machen wir daher nicht mit, was für eine innerstaatliche jüdische Nationalität geschieht, wohl. Deshalb können wir den Loren Kajemeth nicht unterstützen, denn er will ein Land kaufen für eine jüdische Weltnation. b) Der Keren Hajessod: Brüder mit verschiedenen Weltanschauungen können in Familienangelegenheiten Zusammengehen. Wo diese mit jenen kollidieren, muß ein Ausgleich gesucht werden. Ein solcher ist der Keren Hajessod. Die jüdische Judolenz der Westjuden bewirkt ihre zahlenmäßige Dezimierung und geistige Assimilation Zwangsmäßig. Alle bisherigen Mittel dagegen haben versagt. Ein gerstiges Zentrum hilft voraussichtlich. Der Palästina- Gedanke hat schon jetzt viel geholfen, um wieviel mehr später! Es ist also eine Familienangelegenheit der Gesamtjudeuheit. Die Zionisten schaffen ein jüdisches Palästina mit starkem Erfolg. Die Nichtzionisteu, da sie einen ideellen Vorteil davon haben werden, müssen es als Ehrenpflicht ansehen, sie Zu unterstützen. Damit es ihnen nicht Zu schwer wird, hat Weizmann — sehr geschickt — den neutralen Keren Hajessod geschaffen. Ihn boykottieren, heißt die Familieneinheit Zerreißen und die Hand des sozusagen feindlichen Bruders Zurückstoßen; das muß verbittern! Es ist unser unwürdig! — Eine zweite Familienangelegenheit ist die Rettung der Ostjudenheit. Sie ist uns Nichtnationalisten eine Wohlfahrtsangelegenheit. Sie wird in Palästina nicht gelöst werden, aber stark gefördert. 7000 Chaluzim arbeiten schon unter größten Entbehrungen für sich und nachkommende Siedler. In Palästina sind in fünf Jahren mehr Juden angesiedelt worden als von der Jca in Argentinien in Zwanzig Jahren! Wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Sie sind Zionisten, aber jüdische Wohltat fragt nicht nach der Anschauung der Bedürftigen. Der Nationalismus hat davon Vorteil; aber wir haben den Schaden einer Mizwa gegen ihren Nutzen aufzurechnen. Die nichtzionistische Siedlung ist teils ausgegeben, teils kleinlich. Wer sie unterstützt, ist nicht zu bekämpfen; aber ebensowenig darf dies der zionistischen angetan werden! Nie darf irgendeine Z^dokoh bekämpft werden, ausgenommen gegen Betrüger. c) Die Palästina-Besiedlung ist seit fast 2000 Jahren die erste Aktivität, welche die GesamLjudenheit ansübt, nachdem sie so lange passiv hat sein müssen oder zerspalten war in ihren Taten. Ich bekenne, ich würde mich schämen, wenn ich da beiseite stünde. Ich bekenne allerdings auch, daß ich mich trotzdem besonnen Hütte, wenn es eine andere starke Bewegung zur Rettung der Westjudenheit gäbe. Den Keren Hajessod zu bekämpfen, hat nur der ein moralisches Recht, der selbst für ein innerlich starkes Judentum arbeitet und bei seiner Familie damit beginnt. Das tun viele C. V.-Mitglieder nicht. Diese sind schuld, daß wir für den Keren Hajessod eiutreten müssen! 3. Zur Frage der Geldmittel: Ohne Zweifel: „Erst sind die Verwandten, dann die Armen der Stadt, dann die des Landes zu berücksichtigen" (Talmud). Keine Frage auch: Nicht jeder kann heute geben. Aber wer kann, den darf man nicht hindern, sondern ermuntern, auch einmal etwas für das (geistige und Gesamt-) Judentum zu tun! Es schädigt das Interesse fürs Judentum und jeden Idealismus, wenn man irgendeinen Idealismus bekämpft! Es gibt noch genug disponibles-Geld, auch unter Juden. Für viel schlechtere Zwecke wird genug verschleudert! Nur dies Geld, aber dies auch reichlich, wird für den Keren Hajessod verlangt. Wer, wie ich für mich dargelegt, den Palästina-Aufbau durch den Keren Hajessod für eine moralische Aufgabe hält, darf diese neben andere gleichwertige stellen und sie für absolut wertvoll halten, das heißt auch dann, wenn sie irgendwie Schaden stiftet (was ich nicht erwarte). Wichtiger als Geldgeben aber ist — dem, der es jetzt nicht kann, sesis - gesagt — die Gesinnung, die Zustimmung. Der Mut, einzutreten für den Keren Hajessod, wenn man diese Darlegungen billigt, nützt dem Judentum und der Religiosität. Zagen und Schweigen schwächt. Wer aber nicht znstimmt, der überlege, ob eine Anschauung materiellen Nutzen stiften will oder die innere Kraft der Judenheit und des Judentums stärken. Letzteres ist heute die wichtigste Aufgabe der jüdischen Gesamtheit. Rabbiner Dr. Jacob lDortmunö) schreibt: Der Keren Hajessod und seine Behauptung, neutral Zu sein, stammt ans dem Jahre 1921, der angefochtene Bericht vom Jahre 1926. Unter dem Titel „Theoretische Grundlegung" durste ich eine Widerlegung meiner Argumente, daß von einer religiösen Verpflichtung, den Wiederaufbau Palästinas zu fördern, keine Rede sein könne, erwarten. Da darauf mit keinem Worte eingegangen wird, nehme ich an, daß man nichts dagegen zu sagen weiß. Anstatt dessen enthält dieser Absatz eine Absage an den Zionismus, mit der ich einverstanden sein kann, wenn sie auch anders formuliert sein müßte. Denn sie enthält nicht wenig Lchiesheiten. Schon der erste Satz ist mir unverständlich: „-der Staat Palästina ist da". Eine große Neuigkeit! Ich weiß nichts von einem solchen Staat, dessen erstes Erfordernis doch Souveränität wäre. Palästina ist eine englische Kolonie, nichts mehr, und zwar viel abhängiger als irgendeines semer Dominions. Der Herr des Landes ist ein englischer Gouverneur, und es sollte nur ein Mensch in Palästina wagen, gegen England zu mucksen. Es wäre mir ferner äußerst wertvoll, zu erfahren, welches die gewissen „geistigen, tiefinnerlichen Gegebenheiten nicht bloß religiöser Art" sind, durch die wir auch noch außer als stanun und Religion eine Familie sind. Mir ist nämlich durchaus nichts davon bewußt, vielnn v lebe ich immer der Ueberzengnng, daß gerade diese Gegebenheiten tue Juden verschiedener Länder unterscheiden und sie zu Deutschen, Franzosen, Engländern, Amerikanern usw. machen. Die Ausführungen unter 2 b) erscheinen etwa wie eine Bestreitung: Palästina wird ein geistiges Zentrum sein und die Aufsaugung und geistige Assimilierung aufhalten. Aber es ist eine ganz irrige Anschauung, daß ein geistiges Zentrum sich schassen ließe wie ein Regiernngs- oder Verwaltungszentrum. Das geistige Zentrum ist da, wo ' der größte und einslnßreichste Geist ist. Zur Zeit der Gemara war es in Babylonien, als Raschi und seine Nachfolger in Worms lehrten, in Frankreich zu Maimonides Zeit in Kairo, Jahrhunderte lang in Spanien, dann in Polen, dann in Deutschland. Der Bau eines Uuiversitätsgebäudes wird es nicht nach Jerusalem verlegen, wenn es auch mit noch so großem Theater eingeweiht worden ist. Jan Gegenteil, ist es eine Gründung, oie mit dem „Judentum" bewußtermaßen nicht das geringste zu tun hat. Es ist, wie der ganze Zionismus, der politisch, kulturell, geistig immer so „modern" wie möglich sein will, selber die stärkste Assimilation. Der Aufbau Palästinas ist dem Verfasser ferner eine Wohlsahrtsangelegenheit. Es handele sich um die Rettung der Ostjudenheit. Ein erstaunlicher Ausspruch! ' selbst der Zionismus wagt dergleichen nicht mehr zu behaupten. Es gibt sechs Millionen Ostjuden. Selbst wenn jährlich Hunderttausend nach Palästina gehen, macht das sechzig Jahre, wenn nicht inzwischen die Geburten die alte Zahl immer wieder aussüllen würden, so daß alles Leim alten bleibt, abgesehen von der begrenzten Aufnahmefähigkeit des kleinen Landes. Was will also vollends das Häuflein von 7000 Chaluzim sagen! Der Gedanke, daß die Besiedelung Palästinas der Judennot ein Ende mache — und nur ans diesem Gedanken war der Zionismus Herzls entstanden — ist auf allen Seiten endgültig aufgegeben. Die Unterstützung der jetzigen Ansiedlung wäre nicht zu beanstanden, wenn sie nicht von den Zionisten in politisch unheilvoller Weise ausgenützt würde. Dies ist der springende Punkt, der allen bewußten und unbewußten Unklarheiten gegenüber immer wieder betont werden muß. Dasselbe gilt, wie ich schon in meinem Artikel ansgeführt habe, auch von der erfreulichen Einheitlichkeit des jüdischen Handelns, das den Keren Hajessod bedeuten soll. Uebrigens ist es nicht wahr, daß nur er sie darstelle. Weit mehr liegt sie in der gerneinsamen Abwehr gegen den Antisemitismus, in der es keine Parteien gibt. Eine positive A k t i o n könnte nur eine sozial-humanitäre nach Art der Alliance des Hilfsvereins it. ä. sein. Der Keren Hajessod aber ist so lange nicht dafür anzusehen, wie er mit nationaljndischen Zielen verquickt und in zionistischen Händen ist. Man lege ihn in völlig neutrale Hände, und wir werden anders darüber reden können. Wahr aber ist es, wenn der Verfasser sagt, daß nur der (sagen wir der vor allem) ein Recht hat, den Keren Hajessod zu bekämpfen, der selbst für ein innerlich starkes Judentum arbeitet und bei seiner Familie damit /beginnt, was viele C. V.-Mitglieder nicht tun. Das mögen sich diese gesagt sein lassen, und ich freue mich über diesen Anlaß, mit allem Nachdruck einmal anssprechen zu können,, daß meine Bekämpfung des Antisemitismus wie des jüdischen Nationalismus nicht als ein Helserdienst für die lauen, halben und schlechten Juden ausgesaßt werden möge, die sie sich für ihre egoistische, faule und feige Bequemlichkeit und in ihrer materialistischen Neligionsarmut gefallen lassen. Eine gute Sache kann nichts dafür, wenn sie unwerte Anhänger hat. Aber darf ich mich dafür an ihnen rächen, daß ich die gute Sache verlasse? Das. tut der Verfasser, wenn er zur Strafe der lauen Juden für den Keren Hajessod eintritt. Auch darin kann ich keine Ueberzeugnngskraft finden, daß man für den Keren Hajessod geben müsse, weil man für so viel schlechtere Zwecke Geld ausgebe. Damit kann man für jeden Zweck Geld der-