Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 7 (12.2.1926)
- Date
- 1926-02-12
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 verweigert. Was man ihr zu dieser Vernunft noch wünschen könnte, wäre das Bekenntnis Zu einer wirklich vorurteilsfreien, auch in gesellschaftlicher Beziehung wirksamen menschlichen Gerechtigkeit. Daß in dieser Hinsicht eine Wandlung dringend erhofft werden muß, darf ich gerade als Nichtjude deutlich aussp rechen. was öu Nicht willst ... Das Hochverratsverfahren gegen Mahraun. Wie durch die TageZpresse bekanntgeworden ist, und wie wir auch in der letzten Nummer unserer „C. V.-Zeitung" erwähnt haben, schwebte gegen den Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, Artur Mahraun, ein Verfahren wegen Hochverrats. Nach einer Meldung des „Jungdeutschen" vom 3. Februar ist dieses Verfahren eingestellt worden. Mit einer verständlichen Schärfe wendet sich der „Jungdeutsche" gegen diejenigen Ordensbrüder, die durch ihre Anzeigen das Hochverratsversahren überhaupt erst ermöglicht haben. Er spricht von Verleumdungen und ähnlichen Dingen, die gegen den Hochmeister und den Bundeskanzler angezettelt worden seien. Wir können diese Gefühle durchaus verstehen, erlauben uns aber —> und das ist der Zweck dieser Zeilen —, den Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, Artur Mahraun, daran zu erinnern, daß er im Frühjahr 1924 unter völlig ungenügender Prüfung des nur für den C. V. sprechenden Sachverhalts ein Schreiben an den damals fungierenden Inhaber der vollziehenden Gewalt, General v. Seeckt, gerichtet hat, in dem er den C. V. der Staatsseindlichkeit zieh und ein Verbot derart deutschfeindlicher Bestrebungen und Organisationen unbedingt verlangte. Als wir dann in einem leitenden Aufsätze vom 6. März 1924 die wahre Lage darstellten und an der Hand der in Frage kommenden Gerichtsurteile einwandfrei nachwiesen, daß an dieser Anschuldigung auch nicht ein Tipfelchen Wahrheit fei, hat der Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, Mahraun, zwar unsere Ausführungen in seiner Zeitung wiedergegeben, sich eine endgültige Stellungnahme jedoch Vorbehalten, bis die „Deutsche Zeitung", von der die haltlosen Angriffe gegen den Centralverein erhoben waren, sich zu den Urteilsbegründungen der deutschen Gerichte geäußert habe. Damals war die „Deutsche Zeitung" der unanfechtbare Kronzeuge für Artur Mahraun. Heute liegt Artur Mahraun in einem erbitterten Kamps mit der „Deutschen Zeitung". Er wirft ihr vor, daß sie Berichte über seinen Vortrag angeblich entstellt veröffentlicht habe und mit niederträchtigen Methoden vorgehe, die vor Lüge, Verleumdungen und Entstellungen nicht zurückweichen. Die „Deutsche Zeitung" hat damals, wie sie das immer in peinlicher Lage zu tun Pflegt, sich ausgeschwiegen. Aber Herr Mahraun hat bis heute noch nicht erklärt, daß die damalige, das gesamte deutsche Judentum aufs schwerste beleidigende und den Centralverein ganz besonders ehrenkränkende Eingabe an General v. Seeckt aus vollkommen falschen Vorallssetzungen beruhte, und daß er diesen Schritt lebhaft bedauere. Nach Abschluß des Hochverratsverfahrens gegen Mahraun scheint uns diese Erinnerung besonders zeitgemäß. $ In der letzten Nummer dieser Zeitung hatten wir über eine vermeintliche Schwenkung des Jungdeutfchen Ordens zur Judenfrage berichtet. Dabei hatten wir keinen Zweifel gelassen, daß wir an diese Schwenkung solange nicht glauben, bis nicht eine völlig klare Aeußerung der Bundesleitung vorliege. Erfreulicherweise ist diese jetzt erfolgt, allerdings im umgekehrten Sinn. Mahraun erklärt im „Jungdeutschen" (Nr. 30 vom 5. Februar 1926), die Behauptung, er habe gesagt, der anständige Jude sei für ihn genau so ein Volksgenosse wie jeder andere Deutsche, als glatte Fälschung. Die Mitteilungen im „Völkischen Beobachter", Mahraun hätte Juden, die ihre Nationalität wie ihr Hemd wechseln, als Autofreunde, erklärt er für eine fahrlässige Unwahrheit. Das letztere würde an und für sich nichts beweisen; denn ob Herr Mahraun Juden zu seinen Freunden zählt oder nicht, ist eine höchst gleichgültige Angelegenheit, die uns ebensowenig wie sein Auto oder seine sonstigen Geürauchsgegenstände des Alltags interessieren. Daß aber der „Jungdeutsche" die Berichterstattung des „Völkischen Beobachters" als Verdrehung anspricht, die man nur als „jüdisch bezeichnen" könne, wird die völkischen Herrschaften jedenfalls besonders ehren und freuen. Uns scheinen derartige Verdrehungen nicht jüdisch, sondern — die „Deutsche Zeitung" beweist es ja nach Mahrauns eigenen Feststellungen — ausgesprochen völkisch zu sein. Die Hauptversammlung des Centralvereins findet amSonntag, den 7., und Montag, den 8. März, in Berlin statt Zum Toöe Paul Försters. Vor kurzer Zeit starb Professor Dr. Paul Förster im 82. Lebensjahre, und mit ihm sank eine der letzten Säulen der antisemitischen Bewegung der Vorkriegszeit ins Grab. Politisch war Förster län gst tot, und es erscheint fast als eine Ironie des Schicksals, daß er hier in Berlin, von niemandem beachtet, eine Zeitschrift „Tier- und Menschenfreund" herausgab. Nachdem es der antisemitischen Bewegung der achtziger Jahre endlich gelungen war, bei den Reichstagswahlen 1890 durch die Eroberung einiger Mandate ihre Bestrebungen auch im deutschen Parlament mit eigenen Abgeordneten zur Geltung zu bringen, erzielte sie bei den Wahlen von 1893 ihren größten Erfolg: 16 antisemitische Reichstagsabgeordnete wurden gewählt, die fast 300 000 Stimmen auf sich vereinigten. Unter den neuen Abgeordneten befand sich der Gy mnasi alprofessor Paul Förster. Als Abgeordneter für den Wahlkreis Neustettin hat Förster nicht viel von sich reden gemacht, wohl aber, als er 1897 aus seiner Partei austrat, der er dabei die bezeichnenden Worte ins Stammbuch schrieb, daß seine Zugehörigkeit zu einer Fraktion wertlos sei, die sich „m it oberflächlichem Radau und verbrauchten Schlagworten begnüge", die den Mittelstand stets apostrophiere, „ohne daß recht ersichtlich wird, was wir wollen, und was wir nicht wollen". Förster wurde bei den Wahlen von 1898 nicht mehr als Abgeordneter ausgestellt. Er hatte inzwischen den „Deutschen Volksbund" gegründet, der der antisemitischen Bewegung den Charakter einer Geheimorganisation geben wollte. Wie heute unseren Völkischen, schwebte damals den Volksbündlern die Wiedererrichtung eines reinen Germanentums vor. So schrieb Förster im „Freideutschland" vom 2. Juni 1896: „Geschichtlich ist unbestreitbar, daß die altgermaursche Kraft des Heldenvolkes der Weltgeschichte völlig echt nur vor der Berührung mit dem Christentum da war, seitdem im Lause der Jahrhunderte stets mehr gebrochen wurde, bis wir endlich zu dem Jammer- Volke von heute wurden, immer unter dem Einfluß des — Christentums!" Der Rütlischwur der drei Großmeister des Deutschen Dolksbundes konnte diese Organisation nicht vor merkwürdigen Manipulationen des Herrn Hans v. Mosch bewahren. 1907 wurde der Volksbund mit der Resormpartei, die Förster zehn Jahre vorher verlassen hatte, verschmolzen. Bei den Reichstags wählen des Jahres 1908 versuchten örster und der Deutsche Volksbund durch einen heftigen amps den eigenen Parteigenossen Wilhelm Bruhn aus dem Sattel zu heben und desien Sitz in Arnswalde-Friedeberg zu erobern, fand aber bei der Wahl ein trauriges Fiasko und erhielt nur ganze 158 Stimmen. Von da ab zog er sich mehr und mehr von der antisemitischen Bewegung zurück. K. Z. Eine Stamm eskunöe öer Juden. Von Dr. Sigmund Feist ist soeben eine „SL a mmes ku n d e der Juden" erschienen*). Wer über das Schicksal Judas unter den Völkern Aufschluß haben möchte, er sei Jude oder Nichtjnde, wird aus diesem Buch mannigfache Belehrung und Anregung schöpfen können. Mit wissenschaftlicher Objektivität, aber nicht in trockenem, wissenschaftlichem Ton, sondern in frischer und interessanter Weise wird ein Ueberblick über Leben und Geschichte der Juden in den verschiedensten Ländern und Erdteilen gegeben. Eingehende Berücksichtigung erfahren auch die körperlichere Eigenheiten der verschiedenen jüdischen Gruppen, und zahlreiche Abbildungen erhöhen die Anschaulichkeit der Schilderung. Besonders hervorzuheben sind die teilweise hier zum ersten Male veröffentlichten photographischen Ausnahmen des im Jahre 1909 im Jemen ermordeten Forschungsreisenden Hermann Burchardt. Am nächsten berühren uns naturgemäß die Kapitel über die aschkenasischen und die sephardischen Juden, aber auch die anderen Abschnitte, die unter anderem die Juden in Palästina, im übrigen Vorderasien, in Nordafrika, in Abessinien, in Indien, in China behandeln, enthalten eine Fülle des Interessanten. Oftmals handelt es sich um Menschen, die uns nach Lebensweise und Denkart, nach Körperbau und Sprache ganz fremd sind, etwa die höhlenbewohnenden Juden in Tripolis, die schwarzen Juden Abessiniens, die gelben Juden von Kaifengfu in China. Selbst die religiösen Vorstellungen haben mit den unserigen kaum noch Aehnlichkeit. In immer neuen Abwandlungen sehen wir das Geschick des Juden in der Diaspora, bisweilen mit frappanten Parallelen zu uns wohlvertrauten Verhältnissen. So erfährt man, daß die persischen Juden in ihrem „Jargon" ein altertümliches Persisch bewahren, ähnlich wie die osteuropäischen Juden im Jiddisch die Reste mittelalterlicher deutscher Sprache. — In den Schlußkapiteln wird die Sprache der Juden und das Rasseproblem behandelt. Bei der Krisis, in der sich heute die Anthropologie befindet, läßt sich etwas Abschließendes oder auch nur einigermaßen Befriedigendes auf diesem Gebiete kaum *) Sigmund Feist, „Stammeskunde der Juden". Die jüdischen Stämme der Erde in alter und neuer Zeit. Historisch-nnchropolagische Skizzen mit 89 Ab« Ladungen im Text und auf Tafeln. I. C. Hinrichs. Leipzirg 1925.