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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-12 · 7 (12.2.1926) · p. Seite 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
7 (12.2.1926)
Date
1926-02-12
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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Die antisemitisch-völkische Bewegung in Kambmg. Bon Senator a.D. Dr. Stubmann (Hamdurg). - Die tzrößte Seeh andelsstadt des Deutschen Reiches ist immer in ihrer Mentalität eine Insel der Besonderheit gewesen. Man nennt sie oft konservativ, ein Urteil, das insoweit durchaus stimmt, als das Hasten an allem, was man Tradition nennt, wohl nirgends innerlich und unbewußt so stark vorhanden ist wie in Hamburg. Man spricht hier nicht so oft von Tradition wie in Preußen und in denjenigen Kreisen des größtendeutschen Staates, die die Tradition zum Geschäft gemacht haben. In Hamburg übt man schweigend Tradition, weil das geschäftliche Denken sich in allen Dingen durch ein starkes Maß von Vernunft 'Ouswirkt. Hamburg hat auch immer eine maßvolle, der Vernunft zugängliche Sozialdemokratie gehabt. Es besaß bis wenige Monate vor dem Kriege nicht einmal eine konservative Partei, obwohl das öffentliche Leben ein starkes Maß konservativer Bestrebungen, ja man kann fast sagen rückschrittlicher Aengstlichkeit aufwies. Diese Absichten waren fast unsichtbar und iwachten weniger Lärm in der Freien und Hansestadt als in anderen deutschen Staaten. Wahlrechtsverschlechterungen, die aus Besorgnis vor der wachsenden Sozialdemokratie entstanden, versuchte man in einer komplizierten Form durchzusetzen, deren Ungerechtigkeit nur bei genauer Kenntnis der Gesetze sichtbar wurde, und deren Inhalt man mit allerhand glaubhaften, sachlich begründbaren Hinweisen aus die hanseatische Eigenart dieses kleinen und doch bedeutsamen Lebewesens zu empfehlen wußte. Dieser gedämpften Art entsprach auch die geringe Resonn n z, die der A n t i s e m i t i s m u s seit Jahrzehnten in Hamburg 'fand. Traditionell war der Antisemitismus in Hamburg immer vorhanden. Die Freie und Hansestadt hat die Emanzipation der Juden nicht früher vorgenommen als andere deutsche Länder. Bis zum Nevolutionsjahr 1848 war denn Juden auch in Hamburg verwehrt, im Grundbuch als Eigentümer eines Grundstücks zu figurieren. Er mußte einen Strohmann stellen, der als Treuhänder nach außen hin, d. h. als Eigentümer auftrat, ohne es zu sein. Eine Funktion, die in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts eine scheinbar nicht schlechtbezahlte Untätigkeit war. Anderseits spielten im h amhurgischen Handel seit Jahrhunderten die Juden eine bedeutsame Rolle, zumal schon frühzeitig portugiesische und niederländische Juden in nicht geringer Anzahl eingewandert waren. Die Namen Mendelssohn und Salomon Heine weisen darauf hin, daß nicht nur vom Standpunkt der Wohlhabenheit, -sondern auch von dem der Kultur aus die jüdischen Einwohner Hamburgs sich eine achtunggebietende Position geschaffen hatten. Dennoch war ihnen der Zutritt zum Staatsdienst, namentlich auch [in die Regierung des Stadtstaates, den Senat, traditionell verwehrt Dis in den Krieg. Als eine hochangesehene jüdische Persönlichkeit 11914, kurz vor dem Kriege, plötzlich auf dem Aufsatz für die Wahl eines neuen Senators erschien, blieb er, obwohl der damalige Senat Ihn im Hinblick auf seine große Begabung wünschte, mit drei Stimmen in der Bürgerschaft in der Minderheit gegen einen Kandidaten, der ihm nicht entfernt in wirtschaftlicher und geistiger Beziehung gleichkam. Ein Teil seiner eigenen Fraktionskollegen ließ ihn im Stich! En Mann von der ungeheuren Bedeutung eines Albert Ballin hat unzweifelhaft, weil er Jude war, im Laufe feines Aufstiegs Hemmnisse auch in Hamburg zu überwinden gehabt, die einem andern Mann seines Formats erspart geblieben wären. Das traditionell antisemitische Empfinden ehrte und anerkannte ihn mit der Reservatio mentalis, daß er eben eine Ausnahmeerscheinung sei. Der zünftige Antisemitismus ist nicht davor zurückgeschreckt, auch chm nationales Wollen und deutsches Empfinden in übelwollender Weise abzusprechen. Unter diesen Umständen ist der akute Antisemitismus in Hamburg immer eine sektenhafte Erscheinung gewesen. Selbst innerlich antisemitisch gestimmte Kaufleute, die mit dem jüdischen Teile der Kaufmannschaft wohl oder übel, oft auch sehr gern, Geschäftsbeziehungen unterhielten, haben sich immer aus Anstandsgründen diesem akuten Antisemitismus ferngehalten. Gesellschaftlich war dieser unbewußte Antisemitismus dennoch bis auf den heutigen Tag vorhanden, mit der Wirkung, daß selbst die große Zahl seingebildeter jüdischer Familien oder derjenigen, die aus Zweckmäßigkeitsgründen zum Christentum übergetreten sind, ihre jüdische Abstammung aber nicht verleugnen können, in ihrem gesonderten gesellschaftlichen Zusammenhang geblieben sind, wenn auch die Absonderung nicht eine absolut starre und kastenmäßige ist. Der akute Antisemitismus, der insbesondere in den letzten dreißig Jahren vor dem Kriege eine nur kleine, aber lebhaft tätige Gruppe trug, stammte aus zwei Quellen: einmal aus einem Kreise Evangelisch-Positiver und zum andernmal aus der kleinbürgerlichen Mittel st andsbewegung, in der sich neben einigen Rechtsanwälten an führender Stelle der Porzellanmaler Raab und der Handlungsgehilse Schack, di« später beide dem Reichstag angehörten, in den Vordergrund schoben. Diese Gruppe hat auch in der Bürgerschaft vor dem Kriege zeitweise einige Mandate gehabt und ist heute durch eines ihrer damaligen Mitglieder noch innerhalb der Deutschnationalen Volkspartei, die auch in Hamburg deutliche antisemitische Züge trägt, vertreten. Die völkische Bewegung der Nachkriegszeit hat nur für eine kurze Frist einen nicht hinreichenden Aufschwung erfahren. In der heutigen Bürgerschaft war bis vor wenigen Monaten der rechts von den Deutschnationalen stehende Antisemitismus durch vier Abgeordnete vertreten. Der Radikalste von ihnen, ein Zigarren- Händler K l >a n t, ist vor einigen Monaten aus der Deutschvölkischen Freiheitspartei, zu der sich ursprünglich alle vier bekannten, ausgetreten und zur Nationalsozialistischen Arbeiterpartei des Herrn Hitler über ge gangen. Ein anderer Abgeordneter, Arthur S ch m i d t, der sich durch eine sehr beachtliche Objektivität in seinen Reden auszeichnete und auffallend wenig antisemitische Schlagworte von Anfang an in seine parlamentarische Tätigkeit hineingenommen hatte, ist vor kurzem der völkischen Organisation untreu geworden und hat sich — ausfallend erweise — nicht etwa den Deutschnationalen, sondern der Deutschen Volkspartei angeschlossen. Er scheint den Irrtum der antisemitischen Bewegung erkannt zu haben, da er als Kaufmann im praktischen Leben steht und offenbar gelernt hat, daß die Dinge sich mit den unklaren Grundsätzen seiner bisherigen Partei nicht bessern lasten. Wo die beiden anderen Llbgeordneteu, von denen der eine ein etwas romantischer Schriftsteller, der andere staatlicher Gewerbeschullehrer ist. schließlich bleiben werden, ist schwer zu sagen. Tatsache ist jedenfalls, daß die v ö l k i s ch - a n t i s e m i t i s ch e Bewegung in Hamburg, die zeitweise, namentlich unter der Wirkung der Reichstagswahlen, bei denen an erster Stelle Graf Neventlow kandidierte, Fortschritte zu machen schien, heute offenbar auch organisatorisch völlig erledigt ist. Allerdings bemühen sich die Nationalsozialisten zurzeit mit Versammlungen, die nach kommunistischen Methoden einberufen und ausgezogen werden, für die radikalste Form wieder Anhänger zu gewinnen. Dabei sind sie offenbar bemüht, es den Kommunisten an Radikalismus gleichzutun, so daß kaum ein Zweifel daran sein kann., daß die Anhänger, die ihnen damit zusließen, den in Hamburg wirksamen Kräften nicht angehören. Bei der Reichstagswahl am 7. Dezember 1924 hat die nationalsozialistische Freiheitsbewegung im gesamten Hamburger Staatsgebiet 14 479 Stimmen erhalten, gegen 37 757 Stimmen in der Reichstagswahl am 4. Mai desselben JahreS. Der Rückgang ist so offensichtlich, daß es keines besonderen Hinweises bedarf. Die offenen Antisemiten haben somit ihre Stimmenzahl vom Mai bis Dezember von 6.03 auf 2.53 % Heruntergleiten sehen und werden nach den von mir geschilderten Ereignissen wohl damit zu rechnen haben, daß ihre künftigen Wahlerfolge völlig zur Bedeutungslosigkeit h-erabsinken. Dieses rasche abermalige Zusammensinken der antisemitischen Bewegung ist nichts anderes als eine Wiederholung früherer Vorgänge. Wenn das völkische Element in der Politik eine sachliche Berechtigung hätte, würde in Hamburg in erster Linie die Möglichkeit gewesen sein, mit dem völkischen Programm Erfolge zu erzielen. Denn die Freie und Hansestadt hat in den Jahren nach dem Kriege sehr bedeutsame Posten vorurteilsfrei mit jüdischen Staatsbürgern besetzt. Seit der Revolution gehört dem Senat der Sozialdemokrat L. Gruenwaldt an; dem neuen Senat, der seit März 1925 durch Sozialdemokratie, Deutsche demokratische Partei -und Deutsche Volkspartei gemeinsam besetzt ist, gehören weiter folgende Juden an: Senator Carl Cohn (Deutsche demokratische Partei, bereits seit 1921 Senator), Senator Mendel (Sozialdemokrat) und Staatsrat Dr. L i p p m a n n. Senator Cohn verwaltet seit dem Tode des Bürgermeisters Dr. Diestel als Präses der Finanzdeputation mit anerkennenswertem Geschick und größter Vorsicht, die Hamburg vor traurigen Erfahrungen anderer deutscher Staaten geschützt hat, die Staatsfinanzen, wobei ihm Staatsrat Dr. Lippmann mit überaus erfolgreicher Klugheit zur Seite steht. Senator Mendel ist neben seiner senatorischen Tätigkeit Vorstandsmitglied der Handelsgesellschaft „Produktion", die aus der gleichnamigen Konsumgenossenschaft hervorgegangen ist. Es ist bezeichnend, daß die Völkischen ebenso wie die antisemitisch deutschnationalen Bürgerschastsabgeordneten bislang nicht in der Lage gewesen sind, g e g en diese einflußreichen jüdischen Mitbürger ihre a n t i s e m 11 i f dj c n Indi - anertänze loszulassen. Wenn es eine Bankerotterklärung des Antisemitismus gibt, dann liegt sie in dieser Tatsache. Ich wiederhole also: die Freie und Hansestadt Hamburg ist im Grunde genommen der Vernunft so stark ergeben, daß sie dem politischen Antisemitismus den E i nsluß mit Rech t

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