Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 7 (12.2.1926)
- Date
- 1926-02-12
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nissen und Böswilligkeiten zu betrachten. Wir wissen^ daß er tief in der Völker und der Menschen Seelen wurzelt. Darum ist er aber keineswegs u n a b w e n d b a r e s Schicksal! Denn Hast bleibt Haß, und die jüdische Religion glaubt mit aller Innigkeit, daß es der Menschheit B e st i m m u n g sein muß, den H a ß z u ü b e r w i n d e n. Sie lehrt, daß es eines jeden Wesens sittliche Aufgabe ist, in solchem Sinne zu wirken. So glaubt die jüdische Religion an ein Ende des Judenhasses und legt dem Menschen die Pflicht auf, an seiner Stelle mit seiner Kraft, sei sie noch so gering, gegen ihn zu kämpfen. Die jüdische Religion ist in allen ihren Voraussetzungen, Wegen und Zielen von einem unbedingten Optimismus geleitet. Gerade beim Antisemitismus eine Ausnahme zu machen, wäre ein unsinniges Streben gegen den Sinn des eigenen Seins. Dem Menschen und der Menschheit Freiheit des Wollens und Kraft des Handelns zugestehen, für das engbegrenzte Gebiet des Judenhasses aber eine durch nichts begründete Ausnahme zu machen und hier düsteren Fatalismus zu predigen, wäre ein Attentat aus die gesunden Triebe der Seele und auf das logische Denken. Die jüdische Religion kennt keine Resignation, und wer auf religiösem Boden steht, wird gewiß die Schwierigkeiten des Kampfes schmerzlich empfinden, wird bedauern, daß die Fortschritte oft unsagbar kleine sind. Aber von einer Danaidenarbeit kann er nie und nimmer reden. Es muß überdies — und das ist von größter Wichtigkeit — beachtet werden, daß der Kamps gegen den Antisemitismus auch eine nach innen sich richtende Wirkung hat. Wer aktiv an ihm teilnimmt, mehrt seine innere Festigkeit und seine Würde. Hierin liegt übrigens auch diewichtigeBed eutung derKleinarbeit, über die sich ja der nationaljüdische Ssiott sonst so hemmungslos ergießt. Wohl ist auch richtig, daß;eder nur nach seinen Krä-ften Taten vollbringen kann, und daß demnach, da große und großzügige Menschen nicht so oft Vorkommen, die Kleinarbeit meist das Gegebene ist! Wohl ist auch ferner richtig, daß Geringes sich zum Geringen fügt und allmählich Großes ausmacht, während die lauten Künder der Großzügigkeit um jeden Preis es meist ans Mangel an Kräften über Redensarten nicht hinausbringen!. Aber wesentlich ist, daß der Kampf gegen den Antisemitismus eine wirkliche Aktivierung des einzelne bedeutet! Jeder wird in die Arbeit hineingezogen, jedem wird Verantwortung aufgebürdet, jeder freut sich seines Erfolges, sei er — am Ganzen gemessen- — auch noch so klein. Und damit wird jedem eine Mehrung seines Selbstbswußtseins, seiner inneren Kraft zuteil. Gewiß bedeutet sie an sich noch keinen Zuwachs an positiver jüdischer Gesinnung, aber sie ist auf dem Boden eines Kampfes um jüdische Stellung erworben, sie wirkt sich darum in jüdischem Sinne aus, und der wirkliche Aufschwung aller auf positives Judentum gerichteten Vereinigungen und Institute in Deutschland datiert erst seit der Zeit, da die Centralverernserziehung größeren Teilen der deutschen Juden das Bewußtsein für Würde und eigene Kraft zurückgegeben und damit den Boden für weitere jüdische Arbeit geebnet hatte. Wer die Erfolge des Kampfes um die Gle i ch - berechtigung geschichtlich erkennen will, muß schon weiters Zeiträume überblicken. Wer sie sofort erfassen möchte, schaue in die jüdische^Seele und in das jüdische Leben! Auf die Gewalt des Antisemitismus haben wir keinen unmittelbaren Einfluß, sie hängt von politischen Ereignissen ab, Wellenberge wechseln mit Wellentälern ab, und die Wirkung unseres Mühens ans seine Wucht kann erst in langen Jahrhunderten kundwerden. Aber es ist nicht gleichgültig, ob man durch den tobenden Strom auf schwachem, leckem Boot oder auf stattlichem Ozeandampfer fahrt. Es ist nicht dasselbe, ob der Jude in Schwäche und bangem Zagen oder mit innerlicher Festigkeit und dem Bewußtsein seiner Kraft und Würde dem Haß entgegentritt. Diese innerliche Stärke verleiht der Kampf, den der Centralverein führt, und sein Verdienst um die Erziehung der deutschen Juden in diesen letztenschweren drei Jahrzehnten ist darum unermeßlich. In einem freilich haben unsere Gegner recht. Halbes Hoffen ist schlimmer als ganzes Zagen! Ganzes Hoffen und ganze Arbeit sind vonnöten! Noch hat die Juden heit Deutschlands den Ernst der Lage nicht erkannt, noch ist die Arbeit spärlich, und nur stockend fließendie Mittel. Wirklich hoffen darf aber nur, wer strebt und wirkt. Und ein inneres Recht, den Pessimismus und die Resignation zu brandmarken, hat nur der Jude, dessen Hoffen getragen wird von freudiger Tat. Daß der Centralverein den-rechtenWegdesOptimismus geht. Unserem Eugen Juchs. Am 6. Februar war dev 70. Geburtstag unseres großen Führers. Das Gefühl der Wehmut über seinen viel zu frühen Heimgang müssen wir unterdrücken. Geflihle des Stolzes kommen über uns deutsche Juden, wenn wir an solchen Tagen des Gedenkens Eugen Fuchs als einender Besten zu den Unsrigen rechnen dürfen. Wenige Jahre sind vergangen, seit er lebensvoll in seiner Prophetengestalt vor uns gestanden hat. Wir dürfen uns auch nicht vermessen-, die Geschichte von Eugen- Fuchs zu schreiben. Wir müssen erst Abstand gewinnen, um das Bild dieses deutschen Juden zeichnen zu können. Wir bleiben hängen am einzelnen Wort, an der einzelnen Geste. Ein so Großer muß in seiner Ganzheit erfaßt werden-; und wer von uns, die sein geistiges Erbe verwalten, möchte sich heute schon berufen fühlen, dein Manne, der noch ganz unter uns lebt, ganz gerecht zu werden! Wir sehen das Ringen dieses Mannes, wobei wir in diesem Augenblick nicht denken an den Kampf gegen Irrglauben und Verleumdung, sondern an das dauernde Ringen mit sich selbst in der Erfassung des großen Problems des deutschen Juden. Dieses Ringen hat ihn und uns zur Klarheit gebracht, bei einem Manne wie Eugen Fuchs selbstverständlich ohne daß sein Ringen, solange er atmete, aufhörte. Eugen Fuchs Hai uns zum Bewußtsein gebracht, daß „der deutsche Jude" nicht etwas Erkünsteltes und Erdachtes ist, daß Deutschtum und Judentum die Wurzeln find, aus denen seit mehr als tausend Jahren unsere Kräfte erwachsen, daß es dieser unbeirrlichen und unabänderlichen Erkenntnis gegenüber kein Fragen nach dem Primat der einen oder der anderen Lebenskraft gibt, daß, wenn eine dieser Wurzeln verdorrt, unser Leben dahinfiecht. Das ist das große Erbe von Eugen Fuchs! Er lebt nicht nur unter uns, er wird in gesegnetem Andenken unser und unser Kinder und Kindeskindev Leben überdauern! Iustizrat Dr. Julius Brodnitz. inUebereinstimmungmitderjüdischen Lehre und d er jüdi sch en G e sch i ch te, ist g ew i ß. Daß aber noch nicht alle deutschen Juden ihm Gefolgschaft leisten, daß auch unter seinen Anhängern Lauheit und Zaghaftigkeit zuweilen herrschen, ist eine bittere Wahrheit, die für zukunstsfrohe Arbeit die Wege weist, die alle überzeugten und tatwilligen Glieder zu immer größerer Leistung ansporneu muß. Mussolinis Seschützer. Die hohe Politik »es „BSNisch-n Beobachters». Die Haltmng der nakiQnalfvzial'isti scheu Kreise in der Südii voller Frage ist wert, gerade in diesen Tagen einmal unter die Lupe genmnmen zu werden. Wie man auch politisch eingestellt sein mag, man wird die jüngste Rede des italienischen Ministerpräsidenten cM eine bedauerliche Entgleisung und bittere Verletzung der deutschen Gefühle und unseres Staatswesens ansehen, in dem eine vollkommene Entwaffnung durchgeführt worden ist. Die Nationalsozialisten aber bekommen es 'tatsächlich fertig, schon bevor Mussolinis Wortie gefallen waren, die Schuld an allem — dem Judentum in die Schuhe zu schieben. Der Münchener „Völkische Beobachter" vom 2. Februar 1926 schreibt tatsächlich wörtlich das Folgende: „Und nun beginnt der Deutschfüdtiroler Erisapfel seine Schuldigkeit zu tun: Die Stimmung zwischen Deutschland und Italien verschlimmert sich zusehends. Lassen wir uns bei der Beurteilung der Lage durch keinerlei SentiMentalitäten beirren, mit welchem jetzt so reichlich die Judenpresse wieder einmal die politische Denkfähigkeit des deutschen Volkes zu umnebeln sucht. Zu einem sehr klaren und durchsichtigen Zwecke: dem als Nationalisten und Fr e im aur erbekämpf er bestgehaßten Mussolini Schoierigkeiten zu bereiten. Daß wir am Ende dabei leicht die Leidtragenden sein könnten, was kümmert dies weiter das Judentum!" Es würde den nationalsozialistischen Politikern wohl besser anstehen, in dieser Frage fein stillzuschweigen. Hitler, der einst oft gefeierte Deutsche Mussolini, verlangte am 24. November 1922 den Verzicht Deutschlands auf Südtirol und bezeichnete die Klagen der Deutschen über die Leiden unserer Südtiroler Brüder als Geschwätz. Es kam so weit, daß die sozialdemokratische „Münchener Post" Angriffe gegen bk undeutsche Haltung, Hitlers in der Südtiroler Frage richten mußte. So sehen die Nationalsiozi allsten aus, die bei zeder Gelegenheit als Deutschlands Retter sich groß tun.