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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-05 · 6 (5.2.1926) · p. Seite 66

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 vir Kolonisation im Osten. Ein Vortrag des Herrn Jnstizrat Dr. Brodnitz. Im Nahmen des P r o v i n z i a l ve r b a n d e s brandenb u r gisch e r ZN C. e r sprach am Montag, 25. Januar, Herr Justizrat Dr. B r o d n i tz über die O st j u d e n s r a g e und den „O r t". Die Aktualität des Themas und die .Persönlichkeit des Vortragenden hatten eine große Zahl von Alten Herren und jüngeren Semestern auf dem Berliner K. - C.-Heim vereint. Der Redner ging davon aus, daß das Ostjudenproblem eines jener großen Kulturprobleme darstelle, die uns noch Jahrzehnte beschäftigen und deren Lösung die besten Kräfte erfordern werden. Die deutschen Juden sind diesem Problem meist erst in der Inflationszeit nähergetreten. Auch vor dem Kriege lebten zwar Ostjuden in Deutschland, namentlich in den östlichen Provinzen, wo der Wechselverkehr zwischen Deutschland und Rußland sehr lebhaft war. In der Inflationszeit aber kamen viele Ostjuden zu uns herüber. Es ist außerordentlich schwer, die genaue Zahl der Einwanderer festzustellen. Die von politischen Parteien, Behörden usw. gesammelten Zahlen sind meist ungenaue zweifellos aber oft außerordentlich übertrieben. Besonders erschwert wird die Feststellung durch die inzwischen erfolgte Ab- und Rückwanderung. Wir dürfen nie in den Fehler der Antisemiten verfallen und die bei einem Teil der Ostjuden austretenden unangenehmen Einzelerscheinungen verallgemeinern. Wir dürfen keinesfalls die Ostjuden, denen wir aus der Tauenhienstraße und dem Kurfürstendamm begegnet sind, als die Repräsentanten des Ostjudentums ansehen. Ebenso wie in Rußland setzen und setzten sich die Ostjuden in Deutschland aus sehr verschiedenartigen Elementen zusammen. Unter ihnen befindet sich ein erheblicher Kreis Intellektueller, die and) hier im Exil still ihren Studien nachgehen, wie dah-eim in Wilna oder Odessa. Eine andere Gruppe setzt sich aus geistig und kaufmännisch hochstehenden Persönlichkeiten zusammen. Meist sind sie ganz auf großrussisches Denken und Fühlen eingestellt, sozusagen als „russische Staatsbürger jüdischen Glaubens". Was wir sehen und als „Schieber" unangenehm empfanden, war ein verhältnismäßig kleiner Teil, der aber besonders unangenehm in Erscheinung trat. Wir müssen aber bemüht sein, uns die Vorurteilslosigkeit, mit der wir jedem Menschen gegenüberzutreten haben, auch den Ostjuden gegenüber zu wahren. Für mich war es ein Erlebnis, als ich Dr. .Singalowsky gelegentlich einer Aussprache im Bodenkulturverein über den „Ort" hörte. Von diesem Vorkämpfer der Ostjuden hörte ich, mit welch außerordentlicher Liebe der gequälte russische Jude an seiner Heimat hängt. Eine ganz andere Melodie erklang hier als sonst. Sonst hörte man immer, daß man den armen, gemarterten jüdischen Menschen des Ostens die zündende Zionsparole entgegenhalten müsse, um ihn zu kolonisatorischer Arbeit zu bringen. Hier hörten wir begeistert und begeisternd von der Sehnsucht des russischen Juden nach seiner heimisch-russischen Erde. Weil diese Ausführungen Töne in rnir anschlugen, die auch mein Leiben^ bestimmend beherrschen, fühlte ich mich veranlaßt, mich mit dieser Bewegung intensiver zu beschäftigen, und diese Beschäftigung erössnete mir eine neue Welt. Die großzügige kolonisatorische Arbeit, wie sie methodisch die „Jca" in Südrußland in Jahrzehnten verrichtet hat, war zum größten Teil zerstört worden. Deo Redner schilderte dann die große Bedeutung, die ein kräftiger Bauernstand für das neue Rußland hat. Tie Führer der Sowjetbewegung haben dies auch eingesehen und versuchen, einen gesunden Bauernstand durch Austeilung der riesigen Latifundien der Krone und des Adels zu erreichen. Es war ein großer Erfolg der kolonisatorisch eingestellten Juden, daß auch der jüdischen Bevölkerung eine Beteiligung an der Aufteilung des Landes bewilligt wurde. Es besteht eine eigene Negierüngsabteilung für die Durchführung der jüdischen Siedlungen. Die Durchführung dieser Siedlungsarbeit nahm der „Ort" (Gesellschaft zur Förderung von Landwirtschaft und Handwerk unter den Inden) in die Hand. Es handelte sich nicht um eine neue Organisation, denn der „Ort" besteht bereits seit 50 Jahren und hatte bereits im alten Rußland in großem Umfange Schulen für Handwerker und Bauern errichtet. Ter Krieg hatte auch diese Arbeiten fast gänzlich zerstört. Ein großer Teil der Juden wurde evakuiert, und auf ihren Wanderungen verloren die überaus zahlreichen jüdischen Handwerksleute und Bauern den mühsam aufgebauten Wirkungskreis. So waren sie in ganz besonderem Maße gezwungen, entgegen ihrer inneren Neigung, sich nmzuschichten und von der produktiven Arbeit zu inflatorischen Tagesberufen überzugehen. Viele wurden dadurch Handelsleute, während bei Beginn des Krieges die überwiegende Mehrzahl der Juden als Arbeiter, Handwerker und Bauern sich ernährte. Rach den: Kriege nahm von den in Betracht kommenden Organisationen zuerst der „Ort" mit bewunderungswürdiger Begeisterung, Energie und Sachkenntnis die Arbeit wieder auf. Es muß besonders hervorgehoben werden, daß Träger des „Ort" die beteiligten Juden selbst sind. Sie unterscheidet sich hierin grundsätzlich von den im Geiste des Barons Hirsch und der Familie Rothschild geleiteten Arbeiten, die mehr charitativen Charakter hatten. Der „Ort" arbeitet mit Hilfe von Genossenschaften, die den Beteiligten nichts schenken, sondern Darlehen in Sachwerten (Maschinen, Handwerkzeug, Sämereien usw.) gewähren. Sie fördert die Arbeit durch zahlreiche Handwerker- und Bauernschuten. Die Kolonisation der Juden in Rußland geht jetzt etwa folgendermaßen vor sich: Das Land Mommcn die Ansiedler u m s o n st, was ihnen ja durch die russische Verfassung verbriest ist. Zur Ansiedlung einer Familie sind heute etwa 1 600 G o l d r u b e l, also 3 2 0 0 Reichsmark, erforderlich. 400 Goldrubel stellt der Staat jeder Familie zur Verfügung, 200 Rubel muß die Familie selbst aufbringen, und der Rest wird von großen jüdischen Organisationen aufgebracht. Alle Beihilfen werden nur in Sachwerten gewährt. Dank der Wirksamkeit von Männern wie Tr. Singalowskh und Tr. B r a m s o n und zahlreicher hervorragender Freunde setzt sich die Bewegung immer mehr und mehr durch. Die nlterr jüdischen Kolonien in der Ukraine werden wieder aufgebaut. Ungeheure Mengen neuen Landes werden in Süd? rutzland für zusammenhängende jüdische Siedlungen zur Verfügung gestellt. Ter Redner ging dann auch auf die Schwierigkeiten ein, und er stellte fest, daß die Arbeit zwar langsam, aber doch mit sichtbarem Erfolg vorwärtsgeht. In der Arbeit für den „Ort" in Deutschland können alle beteiligten jüdischen Kreise gemeinsam Vorgehen. Er habe zwar immer betont, daß er kein Freund der Parole von der „Einheitsfront" sei. Weltanschauungsgegensätze dürfen nicht verkleistert werden: nur dürfe man nicht vergessen, daß man mit G l a u b e n s g e n o s s e n um seine Weltanschauung ringe. Aber in der Arbeit für unsere Glaubensbrüder im Osten dürfe sts bei uns keine Gegensätze geben. Wir deutschen Juden haben überdies ein ungeheures Interesse an dieser Arbeit. Die Zusammenballung von Inden im Osten enthält ständig eine latente Pogromgesahr, und wenn dort einmal die Katastrophe einlritt, dann müssen diese jüdischen Massen mit absoluter Notwendigkeit über die deutsche Grenze herüberkommen. Wen also selbst nicht das Herz zu dieser Arbeit treibt, müsse schon der kühle Verstand veranlassen, sich an dieser Arbeit zu beteiligen. Unsere Freunde dürfen sich von dieser Arbeit auch nicht durch Hinweise zionistischer Organe dahin beeinslussen lassen, daß, wie auch in der Unterredung des Redners mit Herrn Tschitscherin znm Ausdruck gekommen sei, in Rußland die kolonisatorische'Arbeit sich als nationaljüdisch darstelle. Tie Lowjetsöderation sei kein einheitliches Gebilde, sondern der Zusammenschluß einer Anzahl von Republiken, und jeder zusammenhängende Kreis könne sich zu einer Republik vereinigen, für dessen Behandlung die bisherigen Lebens- und Lprachgewohnheiten ^maßgebend bleiben. So könnten sich die Inden, wenn sie sich in geschlossenen Siedlungen zusammensiuden, zu einer Republik vereinigen. Eine solche Republik würde aber mit dein Ratioualjudentmn im Linne des Zionismus absolut nichts zu tun haben. Eine solche Republik würde nimmermehr den Anspruch erheben, ein Zentrum aller Juden zu sein. Sie würde gleichsteheu der innerhalb der Lowjetsörderativn bereits vorhandenen Deutschen Republik an der Wolga. Er schloß mit dem Bekenntnis, daß er früher den ostjüdischen Problemen resigniert gegenübergestanden hntke^ Die Erfolge des „Ork" hätten ihn aber eines Besseren belehrt, '^ie haben die Nichtigkeit der Auffassung Paul Nathans bewiesen, der immer ans dem Standpunkt gestanden hat, daß die Ostjudensrage nur im Osten selbst gelöst werden kann. Es werde von weiten Kreisen außerhalb Deutschlands als bedeutsam empfunden, daß der deutsche Jude sein immerhin noch großes moralisches Ansehen in die Wagschale wirst für die arme, entrechtete Jndenheit des Ostens, und wir tun dies um so freudiger, da wir die feste Ileberzeugnng haben, daß die „Ort"-Bewegnng von Erfolg begleitet sein wird. W e r n e r R o s e tt b e r g. Soeben hat sich der Aktionsausfchufz -es „Ort" (Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden) für Deutschland, nachdem im Oktober unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiners Tr. Baeck und unter Beteiligung Zahlreicher Freunde der Bewegung aus allen Kreisen die Gründungskonserenz stattgesunden hatte, konstituiert. Dem Präsidium des Aktionsausschusses für Deutschland gehören nunmehr die Herren Wilhelm Kleemann, Direktor der Dresdner Bant, Chefredakteur Georg Bernhard, Rechtsanwalt Tr. Bruno Weil und Professor M-I. Bonn an. Ter engere Arbeitsausschuß, bau die praktische Ausführung des Arbeitsplanes im wesentlichen obliegt, setzt sich aus den Herren Kurt Blu-menfeld, Dr. Bramson, Justizrat Tr. Brodnitz, Bankier Wilhelm Gractz, Oskar Hehmann, Tr. Paul Nathan und Dr. Singalowskh zusammen. * Hilfe für die polnischen Juden. Tie I. T. A. meldet aus New Bork: In Anbetracht der hier eingetrosfenen Nachrichten über das zunehmende Elend der Juden in den osteuropäischen Ländern, insbesondere in Polen und Beßarabien, hat das Joint; Distribution Committee beschlossen, sofort eine Million Dollar bei einer New Porter Bank als Anleihe auszunehmen und nach Europa zwecks schneller Hilfeleistung zu senden. Führende New Porter Mitglieder des Joint Distribution Committee haben bereits eine halbe Million Dollar gezeichnet. Man erwartet, daß die restliche Summe innerhalb weniger Tage aufgebracht wird. Nach den Berichten des Jvint-Direktors für Europa, Tr. Bernhard Kah n, und des Direktors des Agro-Joint, Dr. Joseph Rose n, ist die Lage der polnischen und der beßarabischen Jndenheit ganz besonders verzweifelt. Bei dieser Komiteesitzung in New Port wurden die Bedingungen für die Kolonisation im Osten als sehr g ü n st i g nach einem Moskauer Telegramm bezeichnet. Auch für das Handwerk bestehen gute Möglichkeiten. Trostlos aber ist die Lage der Handeltreibenden. * Stellung des- C. B. zum Keren Hajessod. Ein Rundschreiben des Hauptvorstandes über die Stellung des Central- Vereins zum Keren Hajessod ist auf vielseitigen Wunsch aus dem Reiche sämtlichen Ortsgruppen zugegangen. Jedes Mitglied kann auf seine Ansorderung (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin SW; 68, Lindenstraße 13) ein Exemplar kostenlos erhalten.

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