Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-02-05 · 6 (5.2.1926) · p. Seite 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
Seite 65 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277628--02702-2283141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

65 Nochmals: Facultas in Mischer Religion. Von Dr. Hernemann. Dozent am Jüdisch-Theologischen Seminar in B r e s l a u. In einem sehr beachtenswerten Aufsatz kommt Herr Rabbiner D r. David darauf zu sprechen, daß der jüdische Religionsunterricht im Gegensatz zum christlichen nirgends durch hauptamtliche Lehrkräfte der betreffenden Anstalten erteilt wird. Wenn Herr Dr. David eine Aenderung dieses Zustandes wünscht, so ist ihm grundsätzlich durchaus zuzustimmen. Der weitaus größte Teil unserer Rabbiner ist derart überlastet, daß eine Herabminderung ihrer Stundenzahl dringend zu wünschen wäre. Vielfach ist es infolge dieser Ueberlastung der akademisch gebildeten Theologen überhaupt nicht möglich, den Unterricht auch auf der Mittelstufe höherer Lehranstalten in die Hände von Akademikern zu legen. Ueberdies ist nicht zu verkennen, daß der jüdische Studienrat, der dem Kollegium als ordentliches Mitglied angehört, die Schulzucht viel leichter wird handhaben können, als -eine Hilfskraft. Vielfach wird es ihm möglich sein, Brücken zwischen diesem Unterricht und anderen von ihm verwalteten Fächern zu schlagen. Und auch der Einfluß ist nicht gering anzuschlagen, den ein jüdischer Studienrat durch seine Lehrerpersönlichkeit auf nichtjüdische Lehrer und Schüler der Anstalt übt. Wenn er vollends durch seine Vorbildung zum Religionslehrer in der Lage ist, Vorwürfe gegen das Judentum fachkundig zu entkräften und feine Kollegen und seine Schüler auf geeignete Literatur hinzuweisen, so kann von einer solchen Persönlichkeit eine ganz besonders segensreiche Wirkung ausgehen, weit über die Grenzen des Religionsunterrichts hinaus. Wie aber gelangen wir dazu, jüdische Studienräte heranzubilden, die in der Lage sind, Religionsunterricht zu erteilen? Herr Dr. David macht darauf aufmerksam, daß ein Pfarrer nur eine Prüfung im Hebräischen und in einem weiteren Fache, und zwar nur für die Mittelstufe, abzulegen braucht, um ein Studienratszeugnis zu erwerben. Er tritt dafür ein, daß dies Recht md) auf Rabbiner übertragen werde. Natürlich ist ihm Zuzustimmen. Die Rechtsnngleichheit muß beseitigt werden. Aber von großer Bedeutung wird ein solches Recht nicht werden. Die deutschen Rabbinerbildungsanstalten werden in absehbarer Zeit allerhöchstens zusammen zehn Rabbiner deutscher Staatsangehörigkeit jährlich diplomieren. Daß ein erheblicher Teil dieser jungen Männer zum Berus des Studienrats übergeht, ist nieder anzunehmen, noch wäre es im Hinblick aus den bekannten Rabbinermangel wünschenswert. Dagegen scheint der umgekehrte Weg gangbar. Nicht die Rabbiner sollen Studien rate, sondern die zukünftigen Studienrüte sollen Religionslehrer für Mittelklassen werden — soweit sie Liebe zum I udentum und feste religiöse Ueberzeugung besitzen. Sie sollen also die Befähigung erwerben, außer in sprachlichen oder naturwissenschaftlichen Fachern auch in Religion zu unterrichten und später mit einem Teil ihrer Pslichtstundenzahl in diesem Fache beschäftigt werden. Dieser Weg kann schon heute beschritten werden. Der Staat erkennt bekanntlich die Zeugnisse der drei deutschen Rabbinerbildungsanstalten als Ausweise für Religionslehrer unbedenklich an. An allen drei Anstalten ist sowohl Männern wie Frauen Gelegenheit gegeben, die Prüfung als Religionslehrer abzulegen. Allerdings wird der Erwerb der vollen Lehrbefähigung nur solchen Kandidaten des höheren Lehramts möglich sein, die mit sehr guten Vorkenntnissen an das Studium Herangehen. Aber für die M i t t e l fakultas, welche zum Unterricht in allen Klassen der Lyzeen und Realschulen sowie bis zur Untersekunda der Vollanstalten befähigt, werden natürlich geringere Anforderungen gestellt). Die Vorbereitung zu dieser Prüfung ist neben einem philologischen Studium oder während der Referendarzeit ohne Ueberlastung möglich. Aber selbst wenn sich das Studium infolge geringerer Vorkenntnisse um ein Semester verlängern sollte, so würde dieser Nachteil ausgeglichen durch den Vorteil, den die Lehrbefähigung in jüdischer Religionslehre für die Anstellung gewährt. Es ist uns genau bekannt, daß die staatliche Schulverwaltung sehr gern einen Teil des Religionsunterrichts, den sie bisher an Hilfskräfte gibt, vollbeschäftigten Studienräten unter Anrechnung auf die Pflichtstundenzahl übertragen würde. Und erst jüngst hat sich eine Stadtverwaltung an mich gewandt mit der Bitte, ihr einen jüdischen Studienrat mit der Befähigung für Religionsunterricht zu empfehlen. Ueberdies muß es dem religiös interessierten Philologen eine bedeutungsvolle Aussicht sein, die Liebe zum Judentum, die ihn selbst beseelt, in die Herzen der Jugend tragen zu können. Wer, wie ich, zuerst Schülern verschiedenen Bekenntnisses Goethes „Iphigenie" erklären und dann mit den jüdischen Schülern im Religionsunterricht die Beziehungen des Goetheschen Humanitätsideals zur biblischen Lebensanschauung eri) Die Anforderungen, welche das Breslauer Seminar stellt, sind in -er M Studien- und Prüfungsordnung enthalten, die auf Verlangen zugesandt örtern durste, der weiß, welche Befriedigung Lehrenden und Lernenden eine derartige Synthese gewährt. Wir verkennen nicht das Recht und die Notwendigkeit gesetzgeberischer Maßregeln, wie David sie verlangt. Aber in der Hauptsache muß die Besserung aus unserer Jugend kommen, aus ihrem immer deutlicher hervortretendem Willen, den Weg zum Judentum zu suchen und anderen zu weisen. Möge jeder Primaner und jede Primanerin, die Neigung zur Wirkung auf die Jugend in sich spüren, sich die Frage vorlegen, ob sich auf diesem Wege nicht auch für sie die Möglichkeit einer schönen Lebensarbeit eröffnet. „Iüöische Völkerbunö!igü für Von Dr. Paul Nathan. In der vorigen Nunnner dieser Zeitschrift ist bereits die Frage ganz kurz erörtert worden, ob es für uns Juden zweckmäßig sei, an die Gründung einer besonderen „Jüdischen Böllerbundliga für Deutschland" heranzugehen. Das Bedürfnis für die Errichtung einer solchen Liga seitens der deutschen Juden wurde bestritten.' Nach meiner Ansicht mit vollstem Recht; und der Vorschlag, diesen Pfad zu betreten erscheint mir so abwegig, daß ich mit größter Bestimmtheit vor Versuchen dieser Art u n m i t t e l b a r warnen möchte. Warum? In dem Namen „Deutsche Juden" liegt eine zwiefache Verpflichtung. Wir haben unsere Pflicht zu run als Deutsche gegen unser deutsches Vaterland, und wir haben unsere Pflicht zu tun als Juden gegen unser Judentum. Als Juden gegen jede Beeinträchtigung unserer Religion und als Juden gegen jede Beeinträchtigung unserer Gemeinschaft zu kämpfen, ist für denjenigen eine Selbstverständlichkeit, der sich als moderner, gleichberechtigter Staatsbürger eines modernen Staates fühlt. Auf diesen Gebieten den Kampf in vorderster Front zu fuhren, ist unsere Pflicht; gestützt auf das Bewußtsein, daß die erdrückende Masse der ch r i st l i ch e n Deutschen sich uns aus Gewissens- Pflicht als Christen und aus Erkenntnis von den unveräußerlichen Notwendigkeiten heutigen Staatsbedürfnisses anschließen m u ß. Ueber diese Grenzen hinaus ist jede jüdische S o n d e r a t t i o n von Hebel Wir sind Deutsche, und wir wollen Deutsche sein; für die Mitglieder des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist diese Feststellung eine Selbstverständlichkeit, eine ganz fundamentale Anschauung, die wir unter keinen Umständen preiszugeben bereit sind. Wenn man von diesen grundlegenden Anschauungen ausgeht, so ergibt sich die Beantwortung der Frage, ob wir Juden eine „I ü d i s ch e V ö l k e x b u ndliga f ü r Deut s chland" bilden sollen von selbst, ohne jegliche Schwierigkeit. Es ist die Frage zu stellen: Hat das deutsche Judentum als solches irgendeine besondere Einstellung gegenüber dem Problem des Völkerbundes zu wühlen? Man kann darauf Hinweisen, daß die Idee des Wlkerfriedens uralt ist, und daß das Alte Testament in wundervollen Worten den Frieden aus Erden preist; den Frieden zwischen allen Völkern hienieden! Jesaia, der große politische Dichter-Denker des Alten Testamentes, der Vorkämpfer des heutigen Völkerbundes im alten Palästina, sagte: ... und sieJverden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden, und ihre Spieße zu Winzermessern. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen . . . Und auch das Neue Testament ist voll von Worten des Friedens. Das, was wir zivilisierte Menschheit nennen, hat das Problem des Friedens seit Jahrtausenden also in seiner Größe und Tiefe gleichmäßig erfaßt. Es ist für die einen wie für die anderen ein letztes Ideal, und um diesem Ideal naher zu kommen, erscheint es doch einigermaßen zweckmäßiger, die Kräfte zu vereinen, statt sie zu zersplittern — nach dem wohl zutreffenden Grundsatz, daß Einigkeit stark macht, und nach dem nicht weniger zutreffenden Grundsatz, daß das deutsche Judentum keine Veranlassung hat, den Gegensatz oder doch den Separatismus gegenüber den Nichtjüden in Deutschland auf immer neue Gebiete auszudehnen-, statt den Gegensatz zu uberbrücken, wo sachliche Gründe für ein selbständiges Vorgehen absolut nicht vorhanden sind. Tendenzen, die nach dieser Richtung sich entwickeln wollten, . wären politische Narrheit in Reinkultur? Und endlich! Wenn die Juden in Deutschland wollen,, daß ihr Streben nach Völkerversöhnung inte r n a t i o n a l zur Bedeutungslosigkeit verurteilt bleibt, dann müssen sie sich auf diesem Arbeitsgebiet isolieren. In der deutschen Bevölkerung gibt es weniger als ein Prozent Juden; also eine verschwindende Minderheit. Wenn diese verschwindende Minderheit eine besondere „Jüdische Bölkerbundtiga .für Deutschland" bildet, so ist diese Liga ohne jedes Gelvicht; — sie wäre schattenhaft; es wäre eine Karikatur einer modernen Volksbewegung, die sich auf viele Millionen in einem Staat wie Deutschland 31t stützen hat, soll sie irgendwelche ernste Beachtung finden. Isolierung ist also politische Narrheit; Mitarbeit innerhalb der bestehenden Organisationen für jene, die an dem uralten Problem des Jesaias sesthalten, ist das Gebotene. Es besteht in Deutschland die Liga für Völkerbund unter dem demokratischen angesehenen Parlamentarier Graf Bernstorss und mit noch weiter gesteckten Zielen die Deutsche Liga für Menschenrechte unter Herrn v. Gerlach, dem bekannten Politiker und Publizisten. Solche Vereinigungen! aller Kräfte können die Menschheit helleren Zeiten vielleicht langsam entgegenführen-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.