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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-05 · 6 (5.2.1926) · p. Seite 64

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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M ist »er" "' .. MtNeben? Me SkeuerslaWk der Verliner WdWeu Gemeinde. Zu den Grunddognren des richtigen Antisemiten gehört die Lehre, daß die Juden die Inflation hervorgerufen hätten, um die Aussaugung ihrer Mitbürger in beschleunigtem Tempo vornehmen zu können. — In Wirklichkeit tritt immer deutlicher zutage, daß die Verfehlungen in unserer Finanzpolitik im Kriege die direkte Ursache unseres Währungsverfalls waren. Es wurde in der Finanzpolitik ebenso va banque gespielt wie in der Außenpolitik; wurde der Krieg gewonnen, mußte der Feind alles zahlen, ging der Krieg verloren, war alles verloren. Daß das „alles verloren" letzten Endes nichts weiter ist als eine Phrase, daß ein 60-Millionen-Volk auch nach einem verlorenen Krieg weiterleben muß und darf, merkte man erst, als man die Folgen dieser Politik zu spüren begann. Diese wahren Ursachen der Inflation treten durch die Untersuchung der Verhältnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit immer deutlicher zutage, und die Verdächtigung der deutschen Juden als Urheber der Inflation kann heute wirklich nur noch von denen aufrechterhalten werden, die sich nicht eines Besseren belehren lassen wollen. Wie ist es nun mit den Vorteilen, die die Juden angeblich durch die Inflation gehabt haben sollen, in Wahrheit bestellt? An und für sich hätte es im deutschen nationalen Interesse gelegen, wenn möglichst weite Schichten der Bevölkerung verstanden hätten, ihre Vermögenswerte trotz des Währungszusanunenbruchs zu erhalten und die Verschleuderung bedeutender Werte ins Ausland zu verhindern. Ehrlos gehandelt haben nur die Kreise, die sich mit Hilfe der Inflation auf Kosten der Volksgenossen bereicherten. Aber wir Juden gehören nicht zu denjenigen, die von der Inflation profitiert haben, noch nicht einmal zu denen, die ihre Vermögenswerte bewahrt haben. Im Gegenteil, die finanzielle Lage, in der sich die Mehrzahl der deutschen Juden befindet, ist überaus traurig, und die Verhältnisse verschlechtern sich von Tag zu Tag. — Außerordentlich lehrreiche Aufschlüsse über die Einkommensverhältnifse der Berliner Juden bringt die Zusammenstellung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin über die Gruppierung ihrer Zensiten nach dem Einkonunen. Zahlen, die wir, in Ermangelung anderer Unterlagen, ohne Bedenken als symptomatisch für ganz Deutschland annehmen können, da Berlin mit einer jüdischen Bevölkerung von rund 250 000 Seelen etwa 40 v. H. der deutschen Juden in seinen Mauern beherbergt. Die Einkommens- Ziffer der Berliner Juden war vor dem Krieg im Durchschnitt immer höher als die ihrer Glaubensgenossen im übrigen Deutschland, so daß, sollten durch die Zusammenfassung der Einkommensverhältnisse aller deutschen Juden die Berliner Ziffern eine Korrektur erfahren, diese nur eine Verschlechterung aufweisen würden. Zunächst eine Zusammenstellung über die Gruppierung der Zensiten nach dem Einkommen in absoluten Zahlen: Zur Steuer heran gezogene Einkommen inr Steuerjahr 1913/14 N. Einkommen von 1912 1915/16 «. Einkommen, von 1914 1925 nach dem steuerpflichtigen Sink., das der Reichseinkommensteuer Januar bisJuni 1924 entsprechen müßte. unter 1200 M. 782 1195 25 578 über 1200— 2 400 M. 11272 10 309 12 886 „ 2 400— 3 600 M. 7 534 7 300 8 469 8 600— 5 000 M. 4 797 3 826 4 410 „ 5 000— 8 000 M. 5 507 4415 6 475 „ 8 000— 12 000 M. 3 686 3 304 4 278 „ 12 000— 18 000 M. 2 391 2 243 1387 .. 18 000— 25 000 M. 1422 1385 2 069 „ 25 000— 50 000 M. 1967 1808 1007 „ 50 000— 75 000 M. 672 530 265 „ 75 000—100 000 M. 308 252 99 „ 100 000 M. 579 510 104 Zur Bewertung dieser Zahlen ist zunächst zu beachten, daß, zum Unterschied von heute, vor dem Krieg die Einkommen unter 1200 Goldmark inr allgemeinen von der Besteuerung durch die Jüdische Gemeinde Berlin befreit blieben. Zieht man aber die Zahl derer, die heute ein Einkommen unter 1200 Goldmark versteuern, von der Gesamtzahl der Steuerzahler ab, so sieht man, daß trotz wesentlich verschärfter Veranlagung gegen die Vorkriegszeit, trotz der bedeutend weiteren Fassung des Einkommensbegrifses durch die Reichs einkonnnensteuer gegenüber der früheren preußischen Einkommensteuer, sich die Zahl der Steuerzahler nicht wesentlich geändert hat. Ein Einkommen von 1200 Mark auswärts versteuerten in Berlin im Jahre 1925 41 3 7 9 jüdische Steuerzahler, gegen 4 0 13 5 in den Jahren 1913/14. In diese? Zeitspanne ist aber die jüdische Bevölkerung Grotz-Berlins in erster Linie durch den Zuzug aus den ab getrennten Provinzen im Osten, besonders ans Posen, Westprentzen und Oberschlesten, mm etwa zwei Drittel ihres Vorkriegsbestandes gewachsen. In Prozentzahlen, berechnet auf die jeweilige Bevölkerungszisser, ergibt sich also folgendes Bild: Nach Einkommen Nach Einkommen von 1912: von 1924: Nicht zur Staatssteuer herangezogen, bzw. unter 1200 M. Einkommen 73,3 %d.Bev. 83,6 % über 1200— 2 400 M. Einkommen 7,5 % „ „ 5,1 % n 2 400— 3 600 M. 5 % „ „ 3,4 % Jt, 3 600— 5 000 M. 3,2 % „ „ 1,7 % ,, 5 000— 8 000 M. 3,65% „ „ 2,56 % 8 000— 12 000 M. 2,45% „ „ 1,7 % „ 12 000— 18 000 M. 1,6 % „ „ 0,56 % „ 18 000— 25 000 M. ft 1 % „ 0,8 % „ 25 000— 50 000 M. „ 1,3 % 0,4 % „ 50 000— 75 000 M. ff 0,4 % „ „ 0,1 % „ 75 000—100 000 M. „ 0,2 % „ „ 0,04% „ 100 000 M. Einkommen 0,4 % „ „ 0,04% Leider ist es nicht möglich, diese Ziffern mit den entsprechenden Zahlen für die Gesamtbevölkerung zu vergleichen, da aus dem Ausweis der Reichseinkommensteuer die Verteilung auf die verschiedenen Einkommenschichten nicht ersichtlich ist. Ebenfalls wurde in der Aufstellung der Tatsache nicht Rechnung getragen, daß die Kaufkraft des Geldes gegen die Vorkriegszeit bedeutend gesunken ist. Wir sehen auch so, daß es leider nicht übertrieben ist, von einer wachsenden Proletarisierung der jüdischen Bevölkerung zu sprechen. Wir sehen, daß die Zahl derer, die die großen Einkonunen beziehen, und aus die hingewiesen wird, wenn von dem jüdischen Großkapital die Rede ist, außerordentlich gesunken ist. Die dünne Oberschicht ist so zart geworden, daß man kaum mehr von einer Schicht sprechen kann. Die Männer mit den großen Einkommen sind fast Einzelerscheinungen geworden. Kaum mehr als ein Drittel des Prozentsatzes der Bezieher von Einkommen über 12 000 Mark ist im Verhältnis zur Vorkriegszeit geblieben; nur der weitaus kleinere Teil der Steuerlast wird von starken Schultern getragen. Zur Deckung ihrer Ausgaben ist die Gemeinde in erster Linie aus die Besteuerung der kleineren und kleinsten Einkommen angewiesen. Außer durch den Rückgang der Steuereinnahmen tritt aber auch die Abnahme der großen Einkommen durch das fast völlige Ausbleiben von neuen Stiftungen naturgemäß stark in Erscheinung. Vor dem Krieg besaßen die wohltätigen Anstalten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein Stistungsvermögen von etwa 25 Millionen Goldmark, aus dessen Zinsen die Waisenhäuser, Altersheime usw. zum großen Teil erhalten werden konnten. Dieses Kapital war selbstverständlich mündelficher angelegt, und im Krieg betrachtete es die Gemeindeverwaltung als Ehrenpflicht, für einen großen Teil dieses Betrages Kriegsanleihen zu zeichnen, so daß dieses einst so stolze Vermögen heute fast zu nichts geworden ist; und ebenso wie der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist es den Gemeinden im Reich mit ihren Vermögen ergangen. Alles in allem sieht man, daß von Vorteilen, die die Juden durch die Inflation gehabt haben, keine Rede sein k a n n; im Gegenteil: wir leiden unter den Folgen des Währungszusammenbruchs mindestens ebenso stark wie die nichtjüdische Bevölkerung, und leiden jeden Tag starker. Noch eine kurze Bemerkung zu der Zuverlässigkeit der Zahlen. Steuer zahlen ist die Leidenschaft der wenigsten Menschen, und daß jemand der Steuer gegenüber sein Einkommen höher angibt als es in Wirklichkeit ist, soll selten Vorkommen. Eher ist das Gegenteil der Fall, unter uns Juden ebenso wie bei unseren andersgläubigen Mitbürgern. Aus dieser Erwägung heraus möchte man vielleicht meinen, daß das gezeichnete Bild zu düster sei; aber dem ist entgegenzuhalten, daß ja unserer Betrachtung die Zahlen der Reichseinkommensteuer von 1924 zugrunde gelegt sind. Inzwischen ist erst die furchtbare Not in ihrer ganzen Schwere über uns gekommen. Zahlenmäßig können wir jetzt noch nicht die Größe unseres wirtschaftlichen Zusammenbruchs erfassen; aber wir wissen alle, daß sich die Verhältnisse seit 1924 bedeutend verschlechtert haben, so daß selbst die vorsichtigsten Angaben der Steuerzahler über ihr damaliges Einkommen immer viel zu hoch find im Vergleich zu den Ziffern, die ihr Einkommen in der jetzigen Krise erreichen kann. Die Not der Abgebauten, die Verelendung des Mittelstandes, die erschreckend ansteigende Zahl der Selbstmorde auch bei Juden, sie Zeigen uns bei jedem Schritt, daß wir noch von der Ueberwindung der Folgen der Inflation weit entfernt sind, und daß wir alle Kräfte anspannen müssen, um das große, durch sie hervorgerusene Unglück zu lindern, Dr. L. A. Loeh. 49 88

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