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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-05 · 6 (5.2.1926) · p. Seite 62

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 Wagnis, ja, es wäre mehr als das, eine Dummheit, die Demagogie gewissermaßen als Wundpulver für unseren kranken Äolkskörper zu gebrauchen. Mag sein, daß in langem, l itierem Leid unser Volk allmählich das Fieber der Zeit überwände. Doch wer hat den Mut, diese Kur zu empfehlen? Nützlicher und gerader erscheint doch der Weg, den Haß zu entlarven als Haß, die Gedankenleere, die im Faschingskostüm einer grotesken Idee erscheint, als das zu zeigen, was sie ist: ein Nichts, nein, eine Gef a h r. Aus diesen zeitlichen und psychologischen Hintergründen hat der Hamburger Prozeß Marburg—Fritsch sich abgespielt. Rätsel hat er nicht aufgegeben, Wunder hat er nicht gebracht. Ein sachlicher Beweis wurde von dem Beklagten versucht. Gelegentliche Aeußerungen, Gerüchte, Zufälle wurden zusammengetragen. Aber es wurde kein Gebäude daraus, sondern eine Karikatur. Und es zeigt sich wieder einmal die schlichte Wahrheit, daß man auch zur Beurteilung der jüdischen Frage eines guten Wissens und einer geistigen Freiheit bedarf. Es ist das größte Elend des politischen Antisemitismus, daß er seinen Kampf mit Radau führt und ohne Bildung. Da dieser sachliche Weg den Beklagten notwendig in eine Sackgasse drängen mußte, so versuchte er es mit seinem Anwalt im Mantel eines tragischen Idealismus. Er stellte sich selbst als das Opfer seines Lebens hin. Alles sei ihm mißlungen und zerbrochen, so stehe er selbst an der Grenze seines Lebens als Gefangener seiner großen und heiligen Idee. Aber auch dieser Appell an das Sentimentale in unserem Volk kann nicht verfangen, denn Fritsch steht weder im Bunde mit echter Tragik noch mit einer lebendigen Idee. Wie sehr von ihm und seinesgleichen krampfhafte Spekulation mit der Freiheit einer Idee verwechselt ist, davon wurde schon oben gesprochen. Aber auch der echten Tragik ist hier kein Hauch zu verspüren. Denn diese leidet in sich selbst, je tiefer, desto größer. Zu schimpfen und zu schmähen gibt sich echte Tragik nicht her, denn sie ist sittlich groß. Das, was hier geschah, war klein, erbärmlich klein. Man brauchte darum diese Seite des Prozesses nicht gar so ernst zu nehmen, wenn nicht das Urteil diesen Argumenten sich angeschlossen und daraus seine letzte Form gewonnen hätte. Der Beklagte sei als alter Mann das Opfer seines Alters, seines Lebens, seines Kampfes und seiner Idee geworden. Das müsse man ihm zugutehalten. So kam der Richter nur in einem einzelnen Falle zu einer Verurteilung. Ein einziger Tausendmarkschein war die ganze Strafe, mit der dieses Trauerspiel geschlossen wurde. Man darf wohl sagen, daß dieses Urteil, zum mindesten mit dieser Begründung, in den weitesten Kreisen der hamburgifchen und deutschen Oeffentlichkeit n i ch t v e r st a n d e n w o r d e n i st. Ist denn das Gift weniger Gift, das die Hand eines alten Mannes reicht? Und geht nicht über den Schutz eines Graukopses, der das natürliche Opfer seiner Spekulationen wurde, der Schutz eines todkranken Volkes gegen das unselige Gift der Verhetzung und Demagogie? An dieser wesentlichen Erkenntnis ist das Urteil vorbeigegangen. Der Unrechte wurde geschützt. Die Revision beim Oberlandesgericht ist die nächste notwendige Etappe dieses nun schon Jahre alten Prozesses. Denn auch das darf in diesem Zusammenhang wohl einmal gesagt werden, daß dieses jahrelange Hinschleppen eines solchen Prozesses ganz und gar nicht der moralischen Heilung unseres Volkes dient, unter der allein man diese Dinge betrachten sollte. Immer wieder werden Tatbestand, Argumente und Gegenargumente durch die Presse geschleift .. . , und dabei soll unser öffentliches Leben gesunden? Ein rasches Urteil war die schärfste Strafe und der sicherste Schutz. Aber ob heute oder gestern gesprochen: Urteil und Prozeß werden hoffentlich doch als Mahnung weiterwirken. Es werden die ehrlichen und besonnenen völkischen Kreise selbst sein, die sich dieser gewaltsamen Entartung ihrer Idee erwehren. Und wenn der völkische Gedanke in der Skala unserer politischen Weltanschauungen weiterleben will, dann muß er zeigen, daß nicht Schmähung, sondern Klugheit, nicht Haß, sondern Liebe der Urgrund seines Wirkens ist. Wir wollen endlich wieder ein sauberes Haus, eine gesunde Lust; wir wollen Ruhe zur Arbeit. Der ganze Maskenspuk der D e m a g o g i e gehört ins Fegefeuer der Vergangenheit.. Das deutsche Mln. Eine wahrhaft nationale Feier. In einer erhebenden Feier, die Hunderttausenden in Köln und Deutschland ans Herz gegriffen hat, wurde die Freiheit Kölns dem deutschen Volke wiedergeschenkt. Mit Millionen christlicher Volksgenossen feiern Hundert tausende jüdischer Deutscher diesen Tag. Jedermann, der nicht verblendet ist, keimt die uralte Verbundenheit der deutschen Inden am schönen Rhein mit der geliebten Heimaterde. Wir sind bei ihnen imto bei allen wahrhaften deutschen Volksgenossen in diesen Tagen und freuen uns, daß nach langen, schweren Jahren über Köln wieder die deutsche Flagge weht. Gemeinsame Sorge schmiedet alle Volksgenossen jedweden Bekenntnisses zusammen. Möge dieses innige Zusammenhalten im Leide die beste Wehr gegen alle Umtriebe sein, die schon jetzt am Rheine gegen deutsche Volksgenossen einsctzcn. Haß ist ein schlechter Baumeister für das Hans, das sich das Deutschland unserer Tage in schwerster Not errichten muß. Alle wahren Vatcrlandsfreunde mögen am Rhein und anderswo sich vereinigen und gegen Zwietracht und Demagogie einmütig ihre Stimme erheben. Iungöo. Die Berliner Kundgebung des Jnngdentschen Ordens. Wie durch die große Presse bekannt geworden ist, schwebt gegen den Hochmeister des Jnngdentschen Ordens, Arthur M ah-r a u n., wie gegen den Ordenskanzler Otto B o r n e nt a n n ein Verfahren wegen Hochverrats. Es ist nicht Aufgabe dieser Zeitung, dazu Stellung zu nehmen, bevor die Gerichte gesprochen haben. Diesem Verfahren gingen scharfe Auseinandersetzungen im Jnngdeutschen Orden voraus, bei denen es zu Austritten einzelner Gruppen gekommen ist. Wie die Dinge sich weiter entwickeln, und ob insbesondere eine wirkliche Spaltung im Jnngdentschen Orden eingereten ist — so schreiben nationnIfoAialistische Blätter —, ist bis jetzt noch nicht klar zu ersehen. Diese Vorgänge nahmen der Ordensmeister und der Ordenskanzler zum Anlaß, eine programmatische Kundgebung des Ordens in Berlin zu veranstalten. Manche Zeitungsberichte darüber sprechen sich dahingehend aus, als sei durch diese Kundgebung eine Schwenkung des Jnngdentschen Ordens in der Judenfrage eingetreten. Zur Prüfung für unsere Leser geben wir die in Frage kommenden Stellen aus der offiziellen ausführlichen Mitteilung über die Kundgebung in der Tageszeitung „Der I u n g d e u t s ch e" (Mittwoch, den 27. Januar 1926, Nr. 22) wieder: „ . . . So haben auch wir das Fronterlebnis als das Leben für uns gerettet. Wir tragen den Beweis in uns, daß es eine Kameradschaft gibt Zwischen Menschen jeden Glaubensbekenntnisses, Zwischen Menschen jeden Alllrs und jeden Ranges. Das nannten wir im Felde Kameradschaft. Und heute, da wir diesen einzigen Kriegsgewinn, den wir nach Hause brachten, zum Untergrund unseres Empfindens machen wollen, da nennen es wir: Gemeinschaft . . . . . . Mögen die, welche das Wort „national" heute als gegnerisch aufsassen, mit uns über Ideen diskutieren. Wir wollen uns der Phrasen wegen nicht die Zähne einschlagen. Es gibt nur ein Volt, das ist das deutsche. Und Zu diesem Volk gehören die, die heute national sind, und die, von denen man behauptet, sie wären international. Zu ihm gehören die, welche sich unter den schwarzweißroten Fahnen sammeln, aber auch die, welche dem schwarzrotgoldenen Banner folgen. Es gibt nur eine gemeinsame Front, nämlich die der Idealisten aller Lager, die bereit sind, für ihr Vaterland ihr Leben in die Schanzen zu schlagen. Ich sehe nicht in jedem Demokraten einen, der nicht deutsch ist." „ . . . Wenn Bruder Vornemann sagte, daß ihm ein anständiger Reichsbannermann lieber ist als ein unanständiger Nationaler, dann kann ich das nur unterstreichen. Ich behandele auch einen Juden anständig, solange er anständig ist. Die Juden frage läßt sich nicht so lösen, wie es viele Fanatiker wollen. Wenn man eine Wunde am Körper hat, so nützt es nichts, das Geschmeiß der Fliegen sortjagen zu wollen. Man muß dafür sorgen, daß die eiternde Wunde heilt, daß der Körper gesundet, dann fliegen die Fliegen allein fort. Wir Jungdeutschen setzen an Stelle des Fanatismus auch in dieser Frage den Heroismus, der allein zur Gesundung führen kann ..." Die Presseberichte, insbesondere über die Stelle, an der M a h r a u n über die Judenfrage spricht, weichen von der offiziellen Darstellung des Jungdeutschen Ordens erheblich ab, so daß gerade bei dieser wichtigen Stelle entscheidende Unklarheit vorhanden ist. Wir werden daher die weitere Entwicklung des Jungdeutschen Ordens und seine Stellung zu den Juden abwarten müssen, che wir zu entscheiden vermögen, ob in der bisher judengegnerischen Einstellung des Ordens eine Aenderung erfolgt ist.

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